Weltenbau 101: Urban Fantasy Weltenbau, Maskerade & Geheimhaltung

Kommen wir zu dem Thema in Urban Fantasy, das der Dreh- und Angelpunkt von vielen Aspekten des Urban Fantasy Worldbuildings ist: Die Geheimhaltung. Wie geheim ist die Existenz von Magie und magischen Wesen gegenüber dem Rest der Welt? Denn dies wird enorm beeinflussen, wie man mit instabilen Magiern, aber auch allgemein mit der normalen Welt interagiert.

Modelle der Geheimhaltung

Ich teile persönlich Urban Fantasy Welten in fünf unterschiedliche Modelle ein, wenn es um die Geheimniswahrung geht.

  1. Es gibt keine Geheimhaltung. Entweder haben magische Wesen schon immer offen gelebt oder die Geheimhaltung wurde vor mindestens mehreren Jahrzehnten aufgegeben worden, so dass Magie für alle hat zum Alltag werden können. (Beispiele: Bright, Anita Blake Reihe)
  2. Es gab Geheimhaltung, jedoch wurde diese aus irgendwelchen Gründen vor kurzem (innerhalb der letzten ca. 15 Jahre) aufgehoben. Die Gesellschaften sind beide Unsicher, wie man damit umgehen soll. Konflikte entstehen daraus. (Beispiele: The Hollows)
  3. Es gibt für Teile der magischen Welt Geheimhaltung. Andere Teile haben sich jedoch irgendwann „geoutet“ und sind nun entweder in die Gesellschaft integriert oder in Konflikt mit ihr. (Beispiele: Southern Vampire Mysteries)
  4. Es gibt Geheimhaltung für alle. Allerdings kümmert man sich nicht sonderlich streng darum, dass diese auch eingehalten wird. Dies wird eventuell damit begründet, dass normale Menschen Magie nicht wirklich wahrnehmen können/wollen. (Beispiele: Dresden Files, Rick Riordan)
  5. Es gibt Geheimhaltung und diese wird enorm kontrolliert. Für jene, die die Geheimhaltung brechen, bestehen enorme Strafen. Wie diese Ausfallen ist jedoch unterschiedlich. (Beispiele: Harry Potter, The Arcadia Project)

Außerdem gibt es noch eine gewisse Sonderkategorie: Welten, in denen Magie plötzlich aufgetaucht ist. Meist auf eine Art, dass es schwer zu ignorieren wäre. Beispiele dafür wären Zoo City und die Kate Daniels Reihe. Außerhalb von Urban Fantasy würde auch die Welt aus Shadowrun dazu passen.

Warum Geheimhaltung?

Um die Welten der Kategorie 1 kümmern wir uns nächste Woche, da das Thema dort am meisten zutrifft. Auf Kategorie 2 werde ich ebenfalls nicht eingehen, da dieses Setting von der Geheimhaltung wenig betroffen ist – dennoch macht es gegebenenfalls Sinn über diese Dinge in der Vergangenheit der Welt nachzudenken. Hier gehe ich allerdings allgemein erst einmal davon aus, dass Magie in deiner Welt geheim ist.

Aus Meta-Ebene hat das oft den Vorteil, dass die „normale Welt“, die der Leser kennt, wie gewohnt existiert, das Buch allerdings die Möglichkeit mit sich bringt, in eine andere, geheime Welt, die direkt neben unserer existiert, einzutauchen. Dies macht für viele den Reiz der Urban Fantasy aus.

Inhaltlich kann es unterschiedliche Gründe geben. Die häufigste Narrative, die verwendet wird, ist, dass sich die magische Gesellschaft vor den nicht-magischen fürchtet, da diese einfach weit mehr sind. Zwar werden selten Zahlen genannt, aber meist kann man davon ausgehen, dass auf jedes magische Wesen 1000 normale Menschen oder mehr kommen. Würden die aus Angst rebellieren, bringt alle Magie der Welt ja nichts mehr!

Andere Gründe können aber auch sein, dass normale Menschen Magie nicht „verstehen können“. Das kann so weit gehen, dass es ihnen Schaden zufügt, von Magie zu erfahren. Soweit, dass sie das Wissen krank macht oder ihren Verstand zerstört. Allgemein gibt es auch öfter die Einstellung, dass die Menschen vor bestimmten magischen Elementen geschützt werden müssen und die Geheimhaltung ihnen daher hilft.

„Hexenverbrennung“ und Metaphern

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf ein Thema, das ich im letzten Beitrag angesprochen habe, eingehen. Denn ich gebe offen zu, dass ich ein großes Problem damit habe, wenn „irgendwas, irgendwas, Hexenverbrennung“ als Begründung für Geheimhaltung genannt wird. Sprich: Wenn die Angst, dass so etwas wieder passiert, die treibende Kraft dafür ist, dass die magische Gesellschaft sich geheim hält. In diesem Zusammenhang werden eben auch die Aufteilungen von Menschen zu magischen Wesen gern genannt. So viele Menschen auf ein magisches Wesen.

Das Problem daran: Die Hexenjagden in der Geschichte hatten sehr konkrete soziologische Auslöser. Diese waren zum Teil politisch, zum großen Teil jedoch auch einfach durch soziale Einflüsse motiviert. Die Voraussetzungen heute sind gänzlich andere – weshalb es ein wenig seltsam ist, dass alle Personen immer Schlucken, dass „Oh ja, Hexenverbrennung gab es, deswegen nie wieder!“

Ein anderes Problem

Ein zentrales Problem in der ganzen Geschichte ist, dass beinahe immer bei Urban Fantasy es ein Teil der Geschichten ist, dass normale Menschen irgendwie in Kontakt mit der magischen Welt sind. Klar: Sie bieten oft ein gutes „Audience Surrogate“ (also einen Charakter, der unsere Fragen stellen kann und auf den wir uns projektieren können). Aber wenn man eine Geheimhaltung will: Wie will man verhindern, dass diese nicht was ausplaudern?

Denn sehen wir es mal so: Da ist eine junge Frau. Die findet heraus Magie ist real. Sie erlebt einige Abenteuer. Erste Frage: „Okay, aber warum bist du mit Bisswunden im Krankenhaus?“ Aber dann verliebt sie sich in einen Wertiger. Und dessen ganzes Werrudel kommt zur Hochzeit. Und niemand von ihrer normalen Menschenfamilie merkt was? Und ihr rutscht das nie heraus?

Das gilt eben umso mehr, wenn es um Kinder geht. Reden wir noch mal über Harry Potter, weil das dahingehend wirklich undurchdacht ist. Also: Muggelkind ist magisch. Muggelkind kommt nach Hogwarts. Eltern und Geschwister werden informiert. Und keiner plaudert das aus? Selbst keine Petunia, die furchtbar neidisch darauf ist? Warum? Die Sache ist: Selbst wenn man sagt, dass einzelnen niemand glaubt … sollten es gesamt nicht genug Leute sein? Besonders, wenn die magische Welt, wie ein Kult versucht, die Kinder von ihren Familien zu entfremden …

Eine Welt voller Kameras

Und dann ist da natürlich das Problem mit den Kameras. In unserer heutigen Welt sind sie überall. An vielen Orten hängen Überwachungskameras. Beinahe jeder hat in seiner Hosentasche ein Handy mit hochauflösender Kamera. Wie verhindert man – ohne auf die „Magie und Technik funktionieren zusammen nicht“ Ausrede zurückzufallen – das Videos von Magie in Social Media landen? Ich meine, mal abgesehen von zufälligen Zeugen: Da sind die Magieschüler*innen. Und echte Magie bringt sicher einige Follower auf YouTube oder Instagram. Wie geht man damit um?

Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass die sozialen Medien von Magiern durchsetzt sind, die es entsprechend flaggen. Oder das es einfach ist, wie es ist: Die Leute glauben es nicht, bis sie es selbst sehen. Denn so ein Video kann manipuliert sein, wie man bspw. an Fällen wie dem „Texas Nightcrawler“ oder diesem Video beobachten kann. Und damit meine ich: Natürlich, vielleicht sind es Manipulationen, ist durchaus wahrscheinlich – aber es ist das erste, womit sofort reagiert wird, wenn solche Videos online enden. Also … ja. Wer sagt, dass es in der Urban Fantasy Welt nicht anders ist?

Fauler Weltenbau

Ich gebe offen zu: Ich habe mich dennoch mit den Konzepten angefeindet, dass Menschen Magie nicht wahrnehmen können oder wollen. Ich meine, ich liebe Riordan, aber das Konzept des Nebels finde ich einfach nur grausig. Na ja, und vom faulsten aller Weltenbaus, bei dem Menschen einfach nicht wissen wollen, dass es Magie gibt, fangen wir besser gar nicht an, ne?

Die Sache ist halt nun einmal auch: Wenn Geheimhaltung besteht, kann diese auch ein spannender Faktor sein – ein Ursprung für mehr Spannung. Was macht man, mit Menschen, die es gesehen haben? Muss man Menschen retten, die was gesehen haben, weil andere sie aus Prinzip töten wollen? Und halten es wirklich alle Mitglieder der magischen Gesellschaft für sinnvoll, dass Magie geheimgehalten wird? Das sind Fragen, die leider selten beantwortet werden.

Doch es ist halt eben auch eine Frage wert. Besonders wenn man sich die wandelnden Zeiten vor Augen führt. Denn es könnte einige Punkte geben, wo es dahingehend Konflikten zwischen alten und neuen Generationen unterschiedliche Einstellungen gibt.

Die Reizfragen

Damit kommen wir dann auch wieder zu den obligatorischen Reizfragen, die sich aus diesen Themenblöcken ergeben.

  • Gibt es in eurer Urban Fantasy Welt eine Geheimhaltung mancher oder aller Magie/Wesen?
  • Wie streng wird diese Geheimhaltung gesehen? Was sind Strafen, wenn man darin (absichtlich oder unabsichtlich) bricht?
  • Wie wird damit umgegangen, wenn jemand aus einer nicht-magischen Familie Teil der magischen Community wird? (Wie ist das speziell bei Kindern?)
  • Wie wird damit umgegangen, wenn jemand aus einer magischen Familie wenig oder keine magische Begabung hat?
  • Womit ist die Geheimhaltung begründet?
  • Gibt es unterschiedliche Meinungen zum Thema „Geheimhaltung“? Gibt es darüber einen politischen Konflikt?
  • Was macht man mit nicht-magischen Menschen, die etwas herausfinden?
  • Was macht man, wenn Videos oder Bilder von magischen Ereignissen aufgenommen werden und im Internet landen?
  • Gibt es Ausnahmen, für Personen, die davon wissen dürfen? (Bspw. wichtige Politiker, Geheimdienste, Polizei o.ä.)
  • Gab es die Geheimhaltung schon immer oder erst ab einem bestimmten Zeitpunkt?

Fazit

Geheimhaltung gehört für viele zur Urban Fantasy dazu, wie halt Vampire, Werwölfe und Magie. Allerdings ist es definitiv auch ein Thema, bei dem der Weltenbau weit auseinander gehen kann – und vor allem auch am ehesten die meiste „Suspension of Disbelief“ erfordert. Ich hoffe, dass ich euch hier ein paar Anreize hab geben können, wie man bestimmte Dinge in Sachen Weltenbau dabei aufbaut.

Während der heutige Beitrag vielleicht nicht so interessant für diejenigen ist, die Urban Fantasy mit bekannter Magie bevorzugen, geht es nächste Woche im letzten Eintrag der Reihe mit einem Thema weiter, das sie etwas mehr betrifft: Alternative Geschichtsschreibung, wie Magie die Welt verändert und warum LA nicht LA wäre, wenn Orks seit ein paar Jahrtausenden unter Menschen leben würden.

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Das Beitragsbild ist von Pixabay