Urban Fantasy Review: The Southern Vampire Mysteries

Hatte ich nicht gesagt, ich wolle in diesem Blog auch Urban Fantasy Bücher reviewen? Hatte ich wohl, allerdings ist das zwischen vielen Kommentaren etwas untergegangen. Anfangen muss man dennoch irgendwann. Daher nun ein erstes Review. Zu meiner liebsten und wohl auch irgendwo nostalgischsten Urban Fantasy Reihe: Die „Southern Vampire Mysteries“, aka „Vampires in Louisiana“, aka die „Sookie Stackhouse Chronicles“ von Charlaine Harris. 

Diese Reihe ist die erste moderne Urban Fantasy Reihe, die ich gelesen habe. Mir ist damals mit 15, als ich ein Praktikum im Buchhandel machte, der vierte Band in die Hände gefallen. Denn während Bände 1 bis 3 damals auf Deutsch bei Feder und Schwert erschienen, erschien der vierte Band bei DTV. Da ich damals mitten in meiner Vampir-Phase war, hat mich die Reihe schnell gepackt. Doch erst einmal vom Anfang. 

Worum geht es? 

Die Sookie Stackhouse Reihe ist eine Urban Fantasy Reihe bestehend aus 13 Bänden (und diversen Kurzgeschichten), die in den USA zwischen 2001 und 2013 erschienen. Bekannter sind sie allerdings noch, durch die HBO Serienumsetzung True Blood, um die es in diesem Eintrag allerdings nicht gehen soll. 

Die Bücher beginnen irgendwann in den frühen 2000ern in einer alternativen Version unserer Welt. Wissenschaftlern ist es dort gelungen, Blut künstlich für Transfusionen herzustellen. Was sie dabei nicht geahnt haben, sind die Folgen. Denn dieses künstliche Blut kann auch Vampire ernähren, so dass diese nicht länger auf Menschenblut angewiesen sind. Und so kam es, dass knapp ein Jahr vor Beginn der Handlung die Vampire ihre Existenz der Menschheit offenbarten. 

Die 25jährige Sookie Stackhouse hat davon nur bedingt viel mitbekommen. Sie lebt in einer Kleinstadt namens Bon Temps in Louisiana und darf sich mit ganz anderen Problemen herumschlagen. Immerhin kann sie Gedanken und Gefühle anderer Menschen wahrnehmen und wird von vielen für verrückt gehalten. Als sie dank dieser Kräfte allerdings dem Vampir Bill Campton das Leben rettet, wird sie mehr und mehr in die Welt der Vampire gezogen, die nicht so zivilisiert ist, wie sie sich nach außen gibt. 

Weltenbau 

Was mich beim Lesen der Reihe wohl am meisten fasziniert hat, war immer der Weltenbau, da die Geschichte sich parallel zu unserer Welt entwickelt und auch von medialen Ereignissen in der realen Welt beeinflusst war. Dies zeigt sich vor allem mit New Orleans, das immer wieder eine Rolle spielt. Denn dank Anne Rice lieben die Vampire New Orleans und viele Vampire wollen dort leben. Deswegen werden durch Hurrican Kathrina speziell die Vampire arg getroffen. 

Es sind solche Details, die mir beim Lesen besonders gefallen haben und mich gerade, als ich die Geschichte als Teenager verfolgt habe, arg fasziniert haben. Gleichzeitig war die Geschichte damals auch die erste, die mich an das Konzept „Urban Fantasy und alles, was du dir vorstellen kannst, rennt dort irgendwie herum“, herangeführt hat. Man kann sich teilweise dabei über die Darstellungen streiten, denn praktisch alle Magier sind praktizierende Wicca, ohne dass der Eindruck entsteht, dass viel über Wiccan recherchiert wurde. 

Die Vampire und Werwölfe, die wir kennenlernen, erinnern in vielerlei Hinsicht an die Darstellungen aus World of Darkness. Gerade die Vampire sind ähnlich konzipiert. Zwar heißen die Oberhäupter nicht Prinzen, sondern Könige und Königinnen, doch konzeptionell erinnert es sehr daran – was jedoch nicht schlecht sein muss. Interessant war auch die Konstruktion der Vampirkräfte. 

Sookie als Hauptcharakter 

Auch wenn ich aus heutiger Sicht diverse Kritik an der Reihe, vor allem den ersten paar Bänden habe, so muss ich nach wie vor Sookie und ihre Entwicklung loben. Unter den Urban Fantasy Heldinnen ist Sookie mit die menschlichste. Sie wird nie eine coole Kämpferin, die irgendwann lernt, mit jedem Monster fertig zu werden. Stattdessen benutzt sie Köpfchen, um aus Situationen heraus zu kommen. Nun, und eine abgesägte Schrotflinte hilft auch. 

Was mir bei ihr allerdings am besten gefällt, ist, dass sie tatsächlich mit PTBS zu kämpfen hat. Nachdem sie mehr und mehr mit der Gewalt der Vampire und der magischen Unterwelt konfrontiert wird, gleitet sie immer weiter darin ab, weiß oft auch nicht mehr, wie sie auf Dinge „normal“ reagieren sollte. Auch lässt sie die Gewalt, die sie erfährt nach und nach an ihrer Religion zweifeln, während sie gleichzeitig daran festhält, um zumindest etwas „Normalität“ zu erleben. 

Auch in anderer Hinsicht entwickelt sie sich weiter, wird im Verlauf der Reihe etwas von ihren Vorurteilen gegenüber diversen Gruppen befreit. Dazu etwas weiter unten mehr. 

Die Beziehungen 

Ich gebe offen zu, als ich den vierten Band damals kaufte, war ein nicht unerheblicher Grund dafür, dass mir beim Durchblättern in der Buchhandlung eine Sexszene aufgefallen war. Ich war ein Teenager und als Teenager war so etwas natürlich interessant. Tatsächlich haben mehr als die Hälfte der Bücher ein bis zwei relativ keusche Sexszenen, also Sexszenen, in denen nichts zu detailliert beschrieben wird. 

Sookie hat im Verlauf der Reihe mehrere romantische Partner. Die nennenswertesten sind Bill und Erik, beides Vampire. Aus dieser Tatsache geht bereits das inhärente Problem der Vampirliebe hervor: Das Machtgefälle zwischen Sookie und den beiden Herren ist nicht unerheblich. Und ja, sehr oft macht Sookie vor sich selbst Entschuldigungen für das Verhalten der Herren. Immerhin sind sie aus einer anderen Zeit, oder? Daher wird sich gerade am Anfang der Reihe weniger über das sehr besitzergreifende Verhalten speziell von Bill reflektiert.

Womit die Serie bei mir allerdings aus heutiger Sicht punkten kann, ist, dass sie sich irgendwann der Problematik bewusst wird. Bill ist letzten Endes das Arschloch und wird auch als das Arschloch dargestellt, als das er sich verhält. Und auch Eriks Besitzansprüche und Kompromislosigkeit in einigen Aspekten, werden mehr und mehr im Verlauf der Beziehung zur Problematik. Ich habe dahingehend viele Leser über die letzten paar Bände klagen hören, kann selbst jedoch den späteren Verlauf der Beziehung nur loben. Es ist eine der wenigen Reihen, die die Problematik im Buch ansprechen. 

Frauendarstellung 

Kommen wir zu etwas, das ein wenig kritischer ist und das sind politische Themen und Repräsentation. Denn hier ist die Reihe ein wenig gemischt, was nicht zuletzt daran liegt, wann die ersten Bücher erschienen sind. Dabei möchte ich Charlaine Harris gar nicht zu sehr kritisieren, denn es ist auch einer der Fälle, wo man zumindest eine deutliche Bemühung im Verlauf der Reihe sieht, sich zu bessern. 

Dennoch. Sookie selbst betreibt am Anfang der Reihe munteres Slutshaming und selbst später kommt das Thema immer mal wieder auf, jedenfalls in Bezug auf Charaktere, die Sookie nicht mag. Was dahingehend auch auffällt, ist, dass die Bücher eine sehr enge Definition von akzeptabler Weiblichkeit haben. Das gilt teilweise auch für Frauen, die sich generell sehr weiblich oder zu männlich präsentieren. Jedenfalls für sterbliche. Allerdings ist es zumindest weniger schlimm als in den meisten langen Reihen der Art, hat Sookie doch einige weibliche Freundinnen, denen sie vertraut, und betont auch nicht ständig, dass sie „anders, als die anderen Frauen“ ist. 

Auch wenn Sookie selbstbewusster und proaktiver wird, so zeichnet die Reihe für sterbliche Frauen doch zumindest ein Bild. Denn in der Buchreihe enden die meisten Charaktere in heterosexuellen Beziehungen und bekommen Kinder. Teilweise während der Reihe, teilweise nach dem Ende. Allerdings genug um auffällig zu sein. 

Repräsentation 

Was ebenso auffällt: Ja, es gibt diverse farbige Charaktere in der Reihe, doch die Hauptcharaktere sind durchweg weiß, viele von den aktiveren Charakteren außerdem männlich. Dahingehend werden weiterhin Stereotypen reproduziert. Aus der Reihe der Protagonisten, die an der magischen Handlung teilhaben, ist Quinn der einzige, der ein nicht näher definierter PoC ist. Und Quinn ist nur in einem Band wirklich ein Hauptcharakter. 

Ein anderes Problem in der Hinsicht ist auch, wie die PoC-Nebencharaktere dargestellt werden. Das hat an ein paar Stellen leider schon fast Rowling-Level. Frei nach dem Motto: Wie mache ich klar, dass dieser Charakter indisch ist? Sie trägt einen Sari! Genial! Und ja, so läuft eine indische Vampira im Sari rum – auch während einer Schlacht. 

Zudem: Auch bei den PoC, die es gibt, fehlt es an Diversität. Die PoC, die wir haben, sind beinahe durchgehend BPoC oder Latina. Außerdem gibt es zwei arabische Werwölfe (genauere Herkunft nicht definiert). Aus dem Kopf fällt mir abseits der Dame mit dem Sari kein einziger Charakter ein, der Asian American ist. Und auch Native American Charaktere gibt es nicht (selbst wenn das dankbarerweise auch heißt, dass es wenig nennenswerte kulturelle Aneignung gibt, wie sie viele andere amerikanische Urban Fantasy Reihen haben). 

LGBTQ* 

Wenn es um LGBTQ* Repräsentation geht, ist es schwerer, darüber zu reden. Denn ja, es gibt hier einiges. Nicht zuletzt sind viele der Vampire wenigstens bisexuell, weil sie Sexualität anders wahrnehmen. Pam, eine der wichtigsten Vampira im Buch, ist offiziell bisexuell, selbst wenn wir sie nur in lesbischen Beziehungen sehen. Auch andere homo- und bisexuelle Charaktere tauchen auf, werden durchaus auch positiv dargestellt. 

Allerdings reproduzieren die Bücher dabei gerade in den ersten drei Bänden auch negative Stereotype. Hängen geblieben ist der HIV-positive Schwule, der versuchte, die Vampire aus Rache für den Tod seines Partners zu töten, wie auch der schwul gecodete Vampir, der außerdem ein pädophiler Kindermörder ist. Dahingehend wird die Serie später deutlich besser, doch gerade beim Einstieg in die Reihe hinterlässt es einen üblen Nachgeschmack. 

Was allerdings ebenfalls auffällig ist: Es sterben sehr viele homosexuelle Charaktere. Nun ist es eine Reihe, in der generell viele, viele, sehr viele Charaktere sterben. Allerdings ist auffällig, dass es einen deutlich größeren Prozentsatz der queeren Charaktere betrifft, als Heterosexuelle. Das heißt nicht, dass nicht auch diverse queere Charaktere ein queeres Happy End haben (im Epilogbuch haben wir ca. 15 queere Charaktere mit Happy End, von denen 7 auch in queeren Beziehungen sind), doch auffällig ist es. 

Ach ja. Und was uns nicht wirklich überraschen sollte, da es leider im Genre weiterhin die Norm ist: Transgender kommt überhaupt nicht vor. 

Ein kurzer Einwurf zu True Blood 

Auch wenn dies definitiv kein Review zu True Blood ist, möchte ich dennoch an dieser Stelle etwas dazu schreiben. Es sei dazu gesagt: Ich bin selbst kein Fan von True Blood, weil es eben eine HBO-Show ist und viele der Dinge enthält, die ich bei HBO nicht mag. Sprich: Unnötige, explizite Sexszenen, teilweise auch sexuelle Gewalt, die unnötig ist, aber explizit dargestellt wird. 

Allerdings ist die Serie sehr interessant, wenn es um LGBTQ* Themen geht. Denn die Regisseure hinter der Serie sind ihrerseits homosexuell und bringen daher die LGBTQ* Themen in den Vordergrund, machen auch die Bisexualität der Hauptvampire sichtbarer. Auch werden hier Metaphern, zwischen dem Übernatürlichen und Queerness geschaffen. So wird beispielsweise auch das „ins Offene treten“ als „Coming-out of the Coffin“ beschrieben. 

Auch werden Charaktere, die im Buch cishetero sind, hier queer gemacht und einige negative Darstellungen von queeren Charakteren, deutlich aufgebessert. Fraglos darauf zurückgehend, dass die Showrunner selbst queer sind und dafür ein besseres Händchen haben. 

Es ist sehr interessant, speziell im Kontext zur Buchreihe betrachtet. 

Schlusswort 

Die „Southern Vampire Mysteries“ sind eine Buchreihe, die mir nachwievor sehr am Herzen liegt. Allerdings mache ich mir nichts vor: Die Reihe hat ihre Fehler, vor allem wenn es um Repräsentation und die Darstellung von weiblichen Figuren geht. Diverse Teile meiner positiven Wahrnehmung sind nicht zuletzt dadurch geprägt, dass es für mich die erste Urban Fantasy Reihe war. 

Wer die Reihe dennoch einmal lesen will, dem empfehle ich, es so zu machen, wir ich zu seiner Zeit und tatsächlich mit Band 4 anzufangen, da die problematischsten Dinge in den ersten drei Bänden zu finden sind. Band 4 ist in den USA unter dem Titel „Dead to the World“ erschienen, in Deutschland unter dem furchtbar kitschigen Titel: „Der Vampir, der mich liebte“. Es ist bei der Reihe kein wirkliches Problem in die späteren Bände hereinzukommen, da jeder Band in den ersten paar Kapiteln eine gute Übersicht der Charaktere bringt.