Weltenbau 101: Urban Fantasy Welten und die magische Parallelgesellschaft

Heute geht es beim Urban Fantasy Weltenbau um das Thema der magischen Parallelgesellschaften – und darum, wie abgeschottet sie von der „normalen“ Welt sind. Dies gilt speziell, aber nicht immer, für Urban Fantasy, in der es eine Maskerade gibt, sprich: In der normale Menschen nichts von der Magie wissen sollen. Doch manchmal gibt es sie auch in anderen Welten.

Was sind magische Parallelgesellschaften?

Ich fange diesen Beitrag an, indem ich einmal erkläre, wovon ich rede. Wieder ist hier Harry Potter das einfachste Beispiel. Denn wenn wir uns die magische Welt in Harry Potter ansehen, so sehen wir eine magische Gesellschaft, die zwar in Großbritannien existiert, jedoch komplett getrennt von der normalen Gesellschaft ist. Die Gesellschaft hat andere Moral, andere Regeln, ein komplett eigenes Rechtssystem, ein eigenes Bildungssystem, eigene Orte zum Einkaufen und eine gänzlich eigene Währung. Wer sich als magisch herausstellt geht auf Hogwarts und wird so in die magische Gesellschaft integriert. Alles in allem leben die magischen Menschen komplett getrennt von den nicht-magischen, womit diese Welt das extremste Beispiel ist. Wie schon gesagt: Es ist teilweise so extrem, dass ich es eher als Portal Fantasy bezeichnen würde, da die magische Welt so komplett getrennt ist, dass sie auch in einer anderen Dimension sein könnte.

Doch viele Urban Fantasy Serien haben dies auf die ein oder andere Art – mal stärker, mal weniger stark ausgeprägt. Denn ja: Ist Magie geheim, so muss es Orte geben, an denen über Magie gesprochen werden kann. Da für viele magische Wesen diese Eigenheit wichtig ist, suchen sie natürlich auch eher die Nähe anderer magischen Welten. So ein wenig, wie mit marginalisierten Gruppen, selbst wenn ich weiterhin von der Metapher abraten würde. Das Problem dabei ist, dass diese oftmals komplett von ihren Regeln, Bräuchen und dergleichen von der normalen Welt getrennt sind – ohne, dass dies so richtig erklärt wird.

Die Jugend

Ein wenig habe ich das Thema schon letzte Woche angesprochen, da das Thema „Technologie“ nur ein Aspekt davon ist. Denn die Nicht-Existenz von moderner Technologie unterscheidet in den Fällen die magische Welt ebenso von der normalen Gesellschaft. Es ist ein schönes Beispiel, da es eine typische Sache ist, bei der man erklären muss, warum Leute sie in der magischen Gesellschaft aufgeben, obwohl sie ihnen so viele Möglichkeiten gibt.

Genau deswegen finde ich vor allem Jugendliche in der magischen Gesellschaft als enorm wichtig bezüglich der Parallelgesellschaften. Denn in den meisten Urban Fantasy Werken sind magische Wesen in der Unterzahl, so dass die Chance für einen magischen Jugendlichen, dass andere magische Jungendliche in der direkten Nähe leben, eventuell nicht so groß ist. Da aber Kontakt zu anderen Gleichaltrigen wichtig ist, macht es nur Sinn, dass der Jugendliche diesen sucht. Scheiß drauf, ob sie magisch sind oder nicht. Doch damit wird er auch kultureller Osmosis ausgesetzt sein. Er wird ganz automatisch durch die Interaktion angefangen, bestimmte kulturelle Aspekte zu übernehmen – gänzlich unabhängig davon, ob diese mit der eigenen Realität übereinstimmen. Und siehe da: So vermischen sich die Gesellschaften.

Betrachtet man die Orte in unserer realen Welt, an denen sich Parallelgesellschaften bilden, kann man einen Grund vor allem dabei suchen: Die Schulen sind getrennt. Sei es, weil ein ganzes System aufgesetzt wurde, um dafür zu sorgen (explizit durch Apartheit oder implizit, da bestimmte Gruppen sich an einem Ort aufhalten und die nächste Schule besuchen „müssen“), sei es, dass einfach eine Gruppe vermeiden möchte, dass ihre Kinder auf dieselbe Schule wie eine andere Gruppe gehen.

Das ist der erste Punkt, über den man bei magischen Parallelgesellschaften nachdenken muss. Übrigens ein Punkt, wo Hogwarts direkt das Problem hat, dass auch Kinder aufgenommen werden, die in einer nicht-magischen Gesellschaft sozialisiert wurden. Auch das kann zu einer solchen Vermischung führen.

Religion

Ein weiterer Faktor, den ich oft nicht ausreichend bedacht empfinde, ist Religion. Denn eine der großen Eigenschaften der magischen Gesellschaft ist oftmals, dass diese keine Religion haben – Ausnahmen bilden „exotische“ Religionen, wie schamanistische oder rein spirituelle Religionen. Die großen Religionsgruppen sind verband, sei es, weil di*er Autor*in selbst atheistisch/agnostisch ist oder weil es Kopfschmerzen macht, darüber nachzudenken, wie magische Wesen über Religion denken.

Aber auch das ist oftmals nicht unkompliziert. Gleich aus mehreren Gründen. Der erste ist einfach, dass Missionierung oftmals sehr gut darin war, sich anzupassen. Denn wer denkt: „Magie schließt die meisten Religionen aus“ hat sich nicht mit Missionierung beschäftigt. Irgendwo wäre ein religiöser Mensch, der seine eigenen Fähigkeiten herausfindet und fortan rumgehen würde: „Ja, sicher, du hast Magie, aber Gott hat die dir gegeben! Und deine Magie wäre noch viel toller, wenn du zu Gott betest. Schau dir nur [beliebige heilige Figur der Religion] an! Die/der war auch Magier!“

Der andere Aspekt ist auch, dass Religion einen großen Einfluss auf viele Dinge hat. So sind einige moralische Ansichten in Religion begründet. Sprichwörter („Um Himmels Willen!“, „Oh mein Gott!“) haben ihren Ursprung in Religion. Und natürlich auch Feiertage. Halt wieder so ein seltsames Ding mit dem Weltenbau in Harry Potter: Angeblich gibt es keine Religion, aber christliche Bräuche sind links und rechts (Weihnachten, Ostern, Sprichworte, Taufe etc.).

Infrastruktur und Versorgung

Dann gibt es noch einen Aspekt, den diverse magische Parallelgesellschaften gemeinsam haben und der nicht immer gut erklärt wird. Dies gilt besonders für die Gesellschaften, die so viel wie möglich von der normalen Gesellschaft machen und sich gänzlich im Verborgenen halten. Und dass ist die Frage nach der grundlegenden Versorgung. Sprich: Woher kommen Lebensmittel? Wer verlegt Wasserleitungen und anderes in etwaigen von der Gesellschaft genutzten Gebäude? Wer baut die Gebäude? All diese Dinge. Ja, oftmals ist die Antwort ein Schulterzucken und „Magie“ – doch macht das wirklich Sinn?

Das gilt besonders für die Nahrungsmittelversorgung, die mir sehr oft bei geheimen magischen Gesellschaften ein Dorn im Auge ist. Egal ob es eine Schule mit 300 bis 1000 Schülern ist oder eine magische Geheimgesellschaft, wo sich regelmäßig ebenfalls mehrere hundert Leute aufhalten, die dort Essen, Duschen, Schlafen. Es sollte eine irrsinnige logistische Herausforderung sein, so viel Essen herbeizuschaffen – zumal viele Welten die „Du kannst kein Essen Zaubern“-Regel in irgendeiner Form verwenden. Dennoch taucht es nie auf.

Wozu überhaupt Parallelgesellschaften?

Eine Frage, die man sich auch stellen sollte: Braucht es überhaupt eine Parallelgesellschaft? Sprich: Macht es Sinn, dass es eine richtige Parallelgesellschaft gibt? Immerhin ist es letzten Endes nur ein besonderes Talent – wenngleich vielleicht nicht unbedingt eins, über das man offen spricht. Aber sagen wir es einmal so: Mathematiker oder Schachspieler haben genausowenig eine Parallelgesellschaft, wie Sportler. Jedenfalls nicht per se. Sie haben eventuell ihre Dinge, die sie vornehmlich mit anderen Mathematikern, Schachspielern oder Sportlern machen – aber an sich leben sie normal als fester Bestandteil einer normalen Gesellschaft.

Anders gesagt: Es sollte einen konkreten Grund geben, warum die magischen Personen wirklich so getrennt von den nicht-magischen Personen leben. Was hat sie dazu veranlasst, sich so von der normalen Gesellschaft zu trennen? Was für Nachteile hat es für sie größtenteils normal als Teil der Gesellschaft zu leben? Bedenkt dabei, dass „Hexenverbrennung!“ vielleicht nicht der beste Grund ist, wenn man bedenkt, dass dies weder ein internationales Problem war, noch in den meisten magischen Welten eine wirkliche Gefahr für eine*n Magier*in dargestellt hätte.

Was zu beachten wäre …

Aber gut, sagen wir, es muss irgendwie eine Parallelgesellschaft sein. Es ist einfach für den Plot nötig und es gibt auch einen guten Grund, warum Magier*innen und andere magische Wesen nicht als Teil der normalen Gesellschaft leben. Dann sollten einige Dinge bedacht werden, die heute die Reizfragen ausmachen werden:

  • Wie groß ist diese Parallelgesellschaft? Wie zentriert ist sie geographisch? Welche Verbindungen gibt es zwischen verschiedenen Niederlassungen?
  • Auf welche Möglichkeiten der Hauptgesellschaft wird zugegriffen und inwieweit? (Sprich: Wird die normale Infrastruktur genutzt? Werden Lebensmittel aus einem Supermarkt besorgt? Hat man normalen Zugriff auf Bank- und Staatsservices? Inwieweit wird normales Geld genutzt?)
  • Haben alle Mitglieder der magischen Gesellschaft dennoch eine „offizielle“ Existenz? (Sprich: Sind sie im Einwohnermeldeamt irgendwo gemeldet? Haben sie einen normalen Ausweis?)
  • Welche Verwaltungsaufgaben können in der magischen Gesellschaft selbst erfüllt werden und wie?
  • Gibt es eine grundlegende Möglichkeit der Selbstversorgung? Sprich: Gibt es eigene Versorgung mit Nahrungsmittel?
  • Wie wird mit Personen – sofern es diese gibt – verfahren, die in der nicht-magischen Gesellschaft aufgewachsen sind, aber magische Kräfte entwickeln?
  • Welche Gesetze gelten in der magischen Gesellschaft? Welche moralischen Vorstellungen gibt es? Wie unterscheiden diese sich von der normalen Gesellschaft?
  • Gibt es verschiedene Fraktionen innerhalb der magischen Gesellschaft?

Und ja, technisch gesehen lassen sich diese Fragen durchaus auch auf eine eigene Welt anwenden, in der die magischen Wesen von normalen Menschen getrennt leben.

Fazit

Kurzum bleibt mein Tipp: Man sollte wirklich darüber Nachdenken, wie stark die magische Welt von der „normalen Welt“ segregiert ist. Sicher ist es spannend eine gewisse Segration zu haben – und sei es nur, um den Leser so in eine fremde Welt eintauchen zu lassen – und gerade wenn Geheimhaltung besteht, macht dies durchaus auch Sinn. Dennoch werden extreme Segrationen wie in Harry Potter schnell unglaubwürdig.

Als besonders zentral seien der Bedarf zur Versorgung angemerkt, der mir einer sehr schmalen Gesellschaft oft schwer zu bewältigen ist. Aber auch Dinge, die etwaige Personen, die außerhalb aufgewachsen sind, nicht aufgeben würden (technologische Vorzüge, Freunde, Träume, Religion) sollten beachtet werden.

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Das Beitragsbild ist von Pixabay