*istische Charaktere

Wenn es um Rücksichtsnahme beim Schreiben geht – oder um die Kritiken an bestimmten Büchern – werde ich immer wieder mit zwei Dingen konfrontiert. Zum einen die Frage: „Darf mein Charakter Vorurteile/Hass gegenüber einer Minderheit haben?“ Und der Aussage: „Ja, aber das ist eine Charakterschwäche.“ Und deswegen dachte ich mir, ich bin so frei und rede heute darüber. Denn es scheint vielen Leuten am Herzen zu liegen – selbst wenn mir diese Tatsache allein manchmal Sorgen macht.

Ein Beispiel zu Beginn

Fangen wir mit einem Beispiel zum Anfang an – und sei es nur, weil ich damit über eine der wenigen Buchreihen, die ich wirklich hasse, sprechen kann: Die Harry Dresden Bücher. Doch tatsächlich ist mir da die Darstellung „Charakterschwäche“ mehr als einmal untergekommen. Jedenfalls, wenn es um den Sexismus des Protagonisten und seine Art Frauen mit den Augen auszuziehen, geht.

An sich ist die Erklärung ja sogar nachvollziehbar: Der Charakter hatte eine doofe Jugend. Ihm fehlte jemand, der ihm beigebracht hat, wie man mit Frauen/Sexualität allgemein umgeht. Deswegen hat er dahingehend vieles nicht gelernt und dank dessen, dass er von moderner Technologie abgeschnitten ist, sind seine Vorstellungen bei Büchern aus dem 18. Jahrhundert hängen geblieben. Entsprechend meint er, Frauen kriegen nichts auf die Reihe, Frauen müssten mit ihm zusammenkommen wollen und natürlich auch, dass es absolut geil ist, Frauen Minutenlang auf die Oberweite zu schauen. Weil halt keine vernünftige Erziehung und weil alte Bücher.

Gut, ich sage mal nichts dazu, dass es auch moderne Bücher gibt, aber … Das Problem ist eben nicht, dass der Charakter ein Sexist ist, sondern, wie die Umfeld reagiert. Und, zu einem anderen Maße, dass die Welt ihm Recht gibt – denn er muss die Frauen ständig retten.

Muss es *ismus sein?

Bevor ich weiter auf das Thema genauer eingehe, möchte ich noch einmal wieder etwas fragen: Warum ist der Charakter *istisch? Nicht im Rahmen der Geschichte, sondern auf der Meta-Ebene. Ist es für die Geschichte wichtig, dass der Charakter *istisch ist? Denn das ist letzten Endes der Grund, warum so etwas häufig kritisiert wird. Denn wenn nicht klar wird, warum ein Charakter sich auf eine Art verhält, die für Endkonsument*innen als unsympathisch wahrgenommen wird, dann kann dies schnell den Spaß an einer Geschichte nehmen.

So ging es mir schon mit diversen Büchern und Filmen – eben bspw. auch den vorher angebrachten Büchern, die ich per auch so als schlecht empfunden hätte, aber die normalerweise von mir nur ein mattes Schulterzucken bekommen hätten, wären sie nicht so *istisch gewesen. An der Stelle ist nämlich die Frage: Warum wurde es getan? Will di*er Autor*in etwas damit sagen? Ist das, wie di*er Autor*in die Welt sieht? Hielt di*er Autor*in es einfach für realistisch? Oder wollte di*er Autor*in einfach nur „edgy“ sein?

Sind *istische Charaktere realistisch?

Während ich es persönlich unschön finde, ist es dennoch erst einmal okay, wenn Charaktere *istisch sind. Denn in vielen Szenarien ist es eben nicht unrealistisch. Gehen wir oben auf das Beispiel ein: Ja, es ist absolut realistisch aufgrund der Umstände, wie ein Harry Dresden aufgewachsen ist, dass er ein Sexist ist und auch sonst Ansichten hat, die einer anderen Zeit entsprechen und nicht der moderne. Ja, wegen meiner kann er auch glauben, dass Homosexualität ein „Lebensstil“ sei – denn erneut passt es durchaus. Das ist erst einmal nicht das Problem.

Allgemein bieten Charaktere durchaus die Möglichkeit darüber zu reflektieren, wie *istisch eine Gesellschaft ist. Sei es unsere Gesellschaft, sei es die Gesellschaft einer fantastischen Welt. Denn natürlich kann die auch solche Probleme haben. Natürlich kann es da *ismus geben. Und in diesen Fällen wäre es sehr seltsam, hätte di*er Protagonist*in seltsam aufgeklärte Ansichten, wenn dies nicht im Hintergrund erklärt ist.

Ich muss dahingehend selbst oft mit mir kämpfen, gerade wenn es um Joanne geht, die mit viel internalisierten Dingen zusammenhängen, die sich einfach daraus ergeben, in einer konservativen amerikanischen Familie aufgewachsen zu sein. Und die Dinge, die sie nicht bewusst erkennt, kann sie auch nicht abschütteln. Natürlich nicht. Anders gesagt: Solange meine Charaktere nicht aus linken Kreisen innerhalb ihrer Geschichte stammen, werden sie hier und da internalisierte *ismen haben – selbst wenn ich keine offen *istischen Held*innen schreibe, da ich das einfach nicht mag.

Charakterschwächen müssen „Schwächen“ sein

Kommen wir also zum Thema „Aber es ist eine Charakterschwäche“, wie sie bspw. bei den Dresden Files – aber auch anderswo – oft genutzt gebraucht wird. Der Sexismus und die Queermisia sind Charakterschwächen, wird gesagt. Doch da muss ich fragen: Sind sie das? Denn üblicherweise sind Charakterschwächen etwas, das einen Charakter behindern. Deswegen ist „ist schlecht in Mathe“ eben auch keine Schwäche für einen Protagonisten in einer Zombieapokalypse. Deswegen gleicht Son Gokus eingeschränkte akademische Leistungsfähigkeit auch nicht seine Macht im Kampf aus. Denn es kommt in den Geschichten nicht wirklich vor – es ist den Charakteren kein Hindernis ihr Ziel zu erreichen. Und idealerweise ist es etwas, das als Schwäche erkannt wird, vom Charakter und seiner Umfeld.

Und genau hier ist das Problem: Bei Harry Dresden ist sein Sexismus nie ein Problem – seine Queermisia aufgrund dem Mangel an Repräsentation in den Büchern wird nicht mal als solche benannt. Es wird als „altmodisch“ bezeichnet, aber eigentlich finden alle ganz charmant. Sogar die Gegnerinnen, die ihm halt Zeit lassen, schön ihre Oberweite zu begutachten. Es ist kein Hindernis für ihn, seine Ziele zu erreichen. Und deswegen ist sie problematisch …

Denn ja, um bei dem Beispiel zu bleiben: Natürlich hätte man daraus einiges machen können. Der Junge hatte keine normale Kindheit/Jugend, ist dahingehend auf der Strecke. Er will sich ändern, eckt aber überall an. Seine dahingehend entwickelten Arten mit Frauen (und ihrer Ablehnung) umzugehen, grenzen an Selbstzerstörung und irgendwie muss er sich zusammenreißen. Wow, das wäre mal eine interessante Geschichte zu lesen! Leider wird die nicht in den Büchern erzählt. Stattdessen wird es abgetan und als süß und altmodisch, einfach nur so eine Marotte bezeichnet. Es ist keine Schwäche.

Wenn die Welt Recht gibt

Es gibt allerdings noch einen Faktor, den man dabei beachten sollte: Die Welt darf der Figur nicht Recht geben – denn sonst wird es ohne Frage so gelesen werden, als sei es eure Meinung. Soll heißen, dass wenn ein*e Protagonist*in sexistisch ist, es einfach nicht sein kann, wenn alle (anderen) Frauen Damsels in Distress sind, die nichts, aber auch gar nichts hinbekommen. Und wenn si*er rassistisch ist, dann kann es nicht sein, dass alle schwarzen Charaktere Schlägertypen mit kurzer Lunte und geringer Bildung sind. Denn in dem Fall sagt ihr, dass es kein Vorurteil ist, sondern wahr wäre – oder zumindest werden diverse Leser es so interpretieren.

Und ich weiß, dass manche Dinge unterbewusst passieren – oder weil Charaktere eine eigene Meinung haben. Allerdings muss man sich als Autor*in notfalls dahingehend durchsetzen. Denn letzten Endes sprechen die Charaktere auch nur aus dem eigenen Unterbewusstsein, in dem sich auch das ein oder andere, das man aus anderen Medien wahrgenommen hat, verankert hat.

Das Gesamtbild ist wichtig

Was den Punkt mit der Welt angeht, muss ich natürlich wieder dasselbe sagen, was ich auch in anderen Beiträgen schon häufiger geschrieben habe: Es kommt immer auf den Kontext an. Wenn es viele weibliche Figuren in der Geschichte gibt und von denen ein, zwei eher schüchtern sind, gerettet werden müssen oder halt nichts auf die Reihe bekommen, dann stört sich kaum wer daran. Wenn es aber nur eine oder zwei weibliche Figuren gibt – oder sich die weiblichen Charaktere allesamt die Hand reichen, vom Helden gerettet zu werden … dann wird es zum Problem.

Und erneut: Es gilt für alle möglichen Gruppen. Ein stereotyper Schwuler ist nicht das Problem, wenn es andere schwule Figuren gibt. Eine nymphomanische Bisexuelle ist nicht das Problem, solange es andere Bisexuelle gibt. Und damit ist natürlich gemeint: Charaktere, die auch eine Rolle spielen und nicht nur am Rand erwähnt werden.

Zusammengefasst

Alles in allem lässt sich also sagen: Ja, natürlich kann euer Charakter Vorurteile haben gegenüber von diversen Personengruppen haben. Doch idealerweise ist dies eine Charakterschwäche – und das heißt, dass es dem Charakter Steine in den Weg legt. Es heißt, dass der Charakter im besten Fall sich verbessert, an sich arbeitet und eben diese Schwäche überkommt. Dies ist immerhin ein zentraler Punkt, warum Charaktere Schwächen haben: Um diese zu überwinden.

Davon abgesehen ist es halt wichtig, wie es in der Geschichte behandelt wird. Es kann halt nicht sein, dass die Welt die Vorurteile bestätigt. Denn dann wirkt es, als wäre das eure Einstellung – und wenn dann die betroffenen Leute angepisst sind, dann ist es halt nicht verwunderlich.


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