Das Gay-Romance-Problem

Heute muss ich noch über ein Thema sprechen, dass ich mehrfach angeschnitten und bereits im Startbeitrag zum Monat angekündigt habe. Ja, ich habe es vor mir hergeschoben, da es ein etwas kontroverses Thema in einigen Gruppen ist. Nichts desto trotz halte ich es wichtig darüber zu sprechen. Es geht, wie der Titel schon sagt, um Gay Romance und warum das Genre oftmals problematisch ist.

CN: Sex. Tropes, die mit Vergewaltigung und Missbrauch zu tun haben, werden erwähnt.

Ein Subgenre für sich

Gay Romance beschreibt, wie der Name schon sagt, schwule Romanzen. Ja, manchmal werden lesbische Romanzen mit darunter eingeordnet, doch die meiste Zeit spricht man wirklich von der Romanze zwischen zwei Männern. Dabei ist das Setting und alles andere drum herum sehr variabel. Prinzipiell wird in dem Genre alles abgedeckt: Von der unschuldigen ersten Liebe, hin zum schwulen Playboy, der sie alle flachlegen kann. Ebenso reichen die Zusatzgenre weit. Manches ist ein Kleinstadt-Drama, anderes ein Thriller in der kriminellen Unterwelt und anderes eine epische Fantasy Geschichte.

Gemeinsam haben sie nur eins: Es geht um zwei Männer, die sich lieben. Na ja, und manchmal auch einfach um zwei Männer, die viel Sex haben kann. Denn manches ist auch einfach fest im Erotika-Genre angesiedelt und dabei relativ graphisch, wird dennoch aber dem Romance Genre zugeordnet. Wie gesagt: Manches. Nicht alles. Denn noch einmal: Das Genre per se ist weitreichend. Was allerdings an einigen grundlegenden Problemen nichts ändert.

Ein nebulöser Genreanfang

Es ist verflucht schwer, etwas über den Ursprung von Gay Romance zu finden. Immerhin war es lange Zeit eben nicht erlaubt oder zumindest gesellschaftlich geächtet, über Homosexualität zu schreiben – auch nicht über die eigene. Ein wenig habe ich darüber schon im Rahmen des Queerbaiting-Eintrags geschrieben. Natürlich nicht, war Homosexualität doch in vielen Ländern bis vor nicht allzu langer Zeit verboten (und ist es in vielen anderen Ändern bis heute). Es lässt sich allerdings nicht anzweifeln: Es gab immer schon so etwas wie eine queere Community, auch als es noch keine Worte dafür gab. Und innerhalb dieser Communities gab es ebenfalls geschriebene Geschichten. Immer. Große Verbreitung gab es das erste Mal wohl über Pulp-Magazine, die sich allgemein weniger daran störten, dass man über sie die Nase rümpften.

Wie das ganze begann? Dahingehend habe ich wenig gefunden. Allerdings: Wir alle wissen, dass lesbische Erotik schon immer eine gewisse Anziehung auf heterosexuelle Männer hatte und diese entsprechend lesbische Erotik produziert haben. Als Pornos, sicher, aber auch als geschriebene Geschichten. Nun, und umgekehrt ist es nicht anders. Relativ früh in dieser Zeit fingen auch schon Frauen an, schwule Romazen zu schreiben. Darunter auch heterosexuelle Frauen.

Es ist schwer zu sagen, wie prevälent dies war, da es schwer ist generell eine Übersicht über sämtliche Veröffentlichungen in Pulp-Magazinen zu bekommen. Dabei gab es natürlich durchaus außerhalb von Pulp schwule Romanzen. Doch diese endeten oft tragisch oder stellten die Homosexualität negativ dar, eben aus den Gründen, die ich im Queerbaiting-Eintrag beschrieben habe.

Irgendwann wurde es jedoch prävalenter. Ich denke, dass hierbei nicht zuletzt ein anderes Prosa-Subgenre beigetragen hat … Die Fanfiction.

Slash Fanfiction

Slash, also das verkuppeln zweier männlicher Charaktere, war etwas, das bereits recht früh die Fanfiction Landschaft beherrscht hat. Und das nicht nur aus den Gründen, an die man vielleicht denken mag. Denn auch wenn es sicher einige gab, die geschrieben wurden, weil es der*m Autor*in sexy erschien, so waren frühe Fanfictions oft von einem Problem geprägt: Viele der Shows, Bücher und Filme, zu denen damals Fanfictions geschrieben wurden, hatten keine oder kaum weibliche Figuren. Wenn es welche gab, waren diese oft hübsche Abziehbildchen ohne viel Charakter. Gleichzeitig kam Romantik oft zu kurz oder wurde nur oberflächlich behandelt.

Diverse Fans (männlich, weiblich, enby …) wünschten sich jedoch Romantik. Immerhin spielte diese für Menschen schon immer eine große Rolle. Also war es Aufgabe der Fanfictions, diese zu decken. Doch aus genannten Frauenmangel war es oftmals schwer, dies kanonisch zu tun. Als Fanfiction-Autor hatte man drei Möglichkeiten: 1) Man baut einen bestehenden weiblichen Charakter aus/schreibt den Charakter gänzlich um. 2) Man erfindet einen eigenen Charakter. 3) Man nimmt was da ist und baut Beziehungen zwischen männlichen Figuren weiter aus.

Letzteres bot sich dabei für viele allein schon an, da einige dieser Beziehungen zwischen den männlichen Charakteren facettenreich waren und viele Möglichkeiten boten. Man denke da nur an Kirk/Spock, DEM Old-School Slash-Paar.

Dies wurde natürlich noch weiter verbreitet, als das Internet zugänglicher wurde und durch verschiedene Plattformen mehr Leute auf Fanfictions aufmerksam wurden. Und innerhalb der Fanfictions war Slash schnell normalisiert. Dann wurden um die Jahrtausendwende auch noch Anime in Europa und Amerika bekannter – und brachten das Boys Love Genre mit sich. Etwas, das diesen Trend sicher noch einmal befeuerte.

Ein Frauengenre?

Wie gesagt, all das hat fraglos zur Entwicklung des Genres zu einer relativen Prominenz innerhalb der „queeren Nische“, geführt, die gerade weil sie Nische ist sowieso schon eng ist, durchaus problematisch ist. Und ja, es hat fraglos seinen Anteil an mit dem zentralen Kritikpunkt zu tragen: Aktuell ist das Genre von meist weißen, fast immer cisheterosexuellen Frauen dominiert. Schaut man sich Gay Romance Listen an, so findet man, je nach Liste, sofern man nicht explizit nach Own Voice Gay Romance sucht, 50 bis 95% Frauennamen unter den Autor*innen. Und wenn man in die Autorinnenbio schaut, stellen sie sich oft als weiß, hetero-verheiratet mit Kindern und Haustier heraus – so klischeehaft es auch klingt. Und ja, dass sie in einer heterosexuellen Ehe lebt, muss nicht zwangsläufig heißen, dass die etwaige Frau hetero ist. Sie kann auch bi sein. Aber was sie definitiv nicht ist: Ein schwuler/bisexueller Mann.

Und das ist das erste Problem. Ein Problem, das viele der anderen Genre-Probleme beeinflusst. Denn ja, letzten Endes passiert hier oft dasselbe, was passiert, wenn Männer lesbische Romanzen schreiben: Es wird eigenes Wunschdenken auf die Charaktere projektiert. Egal ob bewusst oder unbewusst. Dies ist nicht böse von den Autorinnen gemeint, in manchen Fällen mag es sogar überaus wohlwollend gemeint sein, aber das macht es nicht besser, wenn man sich als Betroffener vom Ergebnis fetischisiert fühlt.

Dabei sei natürlich gesagt: Ja, ich bin auch kein schwuler Mann. Nun, jedenfalls identifiziere ich mich nicht so – auch wenn ich genderfluid bin und in einer Beziehung mit einem Mann. Das ändert allerdings nichts daran, dass das Genre ein Microcosmos ist, mit Problemen, die bei Repräsentation öfter aufkommen und in einigen Fällen sich negativ auf die ganze LGBTQ* Community auswirken können. Nicht zuletzt, weil „schwul“ das erste ist, woran einige Menschen denken, wenn es um Queerness geht.

Problemtropes

Und damit gehen wir zu den inhaltlichen Problemen über. Als kleiner Disclaimer erneut: Nein. Nicht jeder Roman des Genres hat diese Probleme. Auch nicht jeder Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, unabhängig von deren Sexualität, hat sie. Entsprechend will ich damit nicht generalisieren. Allerdings bin ich, als ich im Genre viel gelesen habe, sehr häufig über einige dieser Tropes gestolpert und habe sie auch bei der Recherche für diesen Artikel immer wieder gefunden. Ja, unabhängig vom Geschlecht der*s Autor*in. Dennoch tauchen einige von ihnen deutlich häufiger in Romanen von Autorinnen auf. Speziell in solchen, die sehr deutlich von Frauen für Frauen geschrieben wurden – dabei aber über schwule Männer handeln.

„Gay for you“

Fangen wir vielleicht mit einem queeren Trope an, der öfter mal in queeren Geschichten Anwendung findet, den ich aber gerade hier häufiger gesehen habe. Das ganze ist der „Gay for you“ Trope. Meistens beschreibt es eine Geschichte, in der ein vermeintlich heterosexueller Mann einen schwulen Mann kennenlernt oder ihm näher kommt. Und dann landen die beiden miteinander im Bett und zumindest mit ihm findet das der vermeintlich heterosexuelle Protagonist relativ toll!

An sich ist das nicht einmal komplett unrealistisch. Natürlich gibt es Leute, die bi oder pan sind, aber einfach noch nie jemanden vom eigenen Geschlecht getroffen haben, den sie anziehend gefunden hätten. Das Problem ist, dass diese Geschichten es selten so framen, sondern stattdessen darauf beharren, dass der Charakter 100% hetero ist – halt nur nicht für diesen einen Mann. Für den sind sie schwul.

Alternativ gibt es auch Geschichten, in denen ein Charakter via Word of God tatsächlich bisexuell sein soll – aber da der Charakter auf den Seiten die meiste Zeit nur mit „Ich bin doch nicht schwul!“ protestiert und wir, wie schon geschrieben, in einer heteronormativen Gesellschaft leben … Nun, dann wird es eben nicht klar. Daher auch ein Tipp: Wenn ihr einen bisexuellen Charakter habt, macht dies deutlich.

Bi-Erasure

Mit dem Trope geht etwas anderes einher. Etwas, das für viele Leute auch im richtigen Leben Konsequenzen hat. Bi-Erasure. Natürlich bestimmt jede Person selbst, wie genau sie ihre Sexualität beschreibt. Also ob sie sich jetzt bi nennt oder schwul oder hetero. Allerdings sind fiktionale Figuren nicht fähig, eigene Entscheidungen zu treffen, auch wenn es einer*m als Autor*in manchmal so vorkommt. Und technisch gesehen wäre jemand, der sich von Frauen und Männern angezogen fühlt bi- oder pansexuell. Doch das wird in Gay Romance oftmals nicht so benannt.

Stattdessen wird es entweder offen gelassen, es wird das „Gay for you“ Szenario genutzt oder gesagt, dass der Charakter jetzt schwul ist. Erneut natürlich durchaus etwas, dass manchmal vorkommt. Sexualität kann fluid sein. Außerdem gibt es Menschen, die jahrelang im Closet leben und sich ihre Homosexualität nicht eingestehen. Wenn eine Geschichte es so darstellt: Toll. Aber ich habe leider mehr als genug Geschichten gelesen, in denen ein Charakter von hetero auf schwul wechselte. Ohne Closet. Ohne alles. Erst sind Frauen sexy, dann nicht mehr. Dafür Männer. Bisexualität? Gibt es nicht.

Und das spielt leider in eins von zwei Vorurteilen gegenüber Bisexuellen hinein: Dass bisexuelle Menschen „nur so tun“. Eigentlich seien sie hetero oder homo, wollen sich aber entweder wichtig machen oder wollen sich ihre Homosexualität nicht eingestehen. Deswegen gibt es manchmal auch innerhalb der queeren Community Anfeindungen gegenüber Bisexuellen. Und Geschichten, die dahingehend nur mit den Extremen arbeiten, spielen in dieses Vorurteil mit hinein.

Schwuler Sex macht schwul

Der nächste Trope ist ebenfalls einer, der in reale Vorurteile mit hineinspielt und genau deswegen so problematisch ist. Dieser Trope kommt öfter, aber nicht immer mit einer Variante des „Gay for you“ Tropes einher. In diesen Geschichten haben wir einen Charakter, der ebenfalls hetero ist – bis er Sex mit einem Mann hat. Wie dieser Sex von Statten geht, ist dabei sehr variabel. Vielleicht ist der fragliche Charakter bicurious und probiert mal was aus. Vielleicht passiert es betrunken (und damit als dubcon). Eventuell ist es tatsächlich eine Vergewaltigung – leider auch mehrfach mitbekommen.

So oder so: Es endet damit, dass der Charakter irgendwann nach diesem wahrscheinlich analen oder oralen Geschlechtsverkehr feststellt, dass er schwul ist. Jetzt fühlt der Charakter sich nur noch von Männern angezogen und verliebt sich. Nicht immer, aber oft, in den Mann, mit dem er den Sex hatte. Ja, das heißt in manchen Fällen auch den Vergewaltiger. Und nein, das ist nicht okay.

Und gerade dieser Trope ist problematisch. Denn wer sich ein wenig mit LGBTQ* Rechten beschäftigt, der wird feststellen, dass eins der Hauptargumente gegen Aufklärung und Repräsentation in die Richtung geht: „Dann werden die Kinder ja homosexuell!“ Als würde bloßer Kontakt mit queer Dingen jemanden queer machen. Doch leider spielen solche Geschichten in diese Vorurteile mit hinein und können dadurch Schaden anrichten. Umso mehr, wenn es via Vergewaltigung passiert. Davon einmal abgesehen, dass der „Rapist to Lover“ Trope allgemein toxisch ist, darf man nicht vergessen, dass auch das ein Vorurteil ist, das real existiert. Das Vorurteil, dass schule Männer heterosexuelle Männer vergewaltigen würden, um sie schwul zu machen.

Sex nur mit Löchern

Sex ist sowieso so ein Thema. Ein Thema, über das ich gar nicht zu viel sprechen will, da ich kein Experte in Sachen cis-schwulen Sexes bin – und ja, zum Thema „cis-schwul“ kommen wir gleich. Doch auch wenn ich kein Experte bin, so kann ich doch sagen, dass es in einigen dieser Romane sehr einseitig, aber dabei eben auch sehr fetischisierend vor sich geht. Das ist dann manchmal das schwule Equivalent zum „Scissoring“ in Lesben-Porn.

Und gut, einseitig geht es auch oft in heterosexueller Erotika zu. Das zweifle ich gar nicht an. Doch erneut hat dieses Problem mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu tun – zumindest zum Teil. Denn es sei immer wieder betont: Informationen zu queeren Sex (egal auf welche Art queer) sind weit weniger verbreitet, als Informationen zu dya-cis-hetero Sex. Durch diesen Informationsmangel existiert das Vorurteil, dass schwuler Sex prinzipiell Analsex mit eventuell ein wenig Oral ist. Ein Vorurteil, dass zu mehr Vorurteilen gegenüber schwulen Männern führt. Und da spielen solche Bücher, wenn es ähnlich zugeht, ebenso rein – selbst wenn es nicht negativ gemeint ist.

An dieser Stelle sei zudem gesagt: Entsprechende Erotika ist nicht selten auch eine der ersten Anlaufstellen, an die homosexuelle Jugendliche sich wenden, da ihnen eben die Informationen oft nicht in der Schule vermittelt werden. Auch das macht problematische Darstellungen nur umso problematischer.

Trans-Erasure

Damit kommen wir zum vorher angesprochenen Thema: Warum ich „cis-schwul“ schreibe. Denn das ist das nächste und eins der größten Probleme, die ich mit dem Genre sehe. Denn genau so, wie Bi- und Pansexualität oft ausgelassen wird, so kommen in Gay Romance praktisch nie trans Männer vor, schon gar nicht als Teil einer solchen zentralen schwulen Beziehung. Sprich: Es sind immer cis Männer, die die Hauptrolle inne haben.

Erneut ein Thema, bei dem man natürlich sagen muss: „Na ja, ist es ein Genre-Problem?“ Immerhin ist es etwas, das man wahrscheinlich noch immer über 90% oder mehr aller Neuerscheinungen sagen kann. Dennoch fällt es hier umso mehr auf, wenn die Bücher vermeintlich pro-LGBTQ* sein sollen, sich aber eigentlich auf das G beschränken.

Sonstige Diversität

So ein weiterer Punkt, den man natürlich oftmals auf das Romance-Genre als Ganzes, ach, auf gute Teile der Medienlandschaft ausweiten kann, ist, die mangelnde Diversität im Cast. Speziell auf die schwulen Männer bezogen. Damit meine ich: Nicht nur, sind diese Männer meistens cis-schwul, sie sind auch noch weiß. Aber sie sind nicht nur cis-schwul und weiß, sondern auch hübsch, muskulös und traditionell hübsch. Sie sind reich. Oder zumindest einer von ihnen ist es. Allerwenigstens sind sie mittelständig. Und natürlich neurotypisch.

Kurzum: Es gibt zu wenig Geschichten, in denen es um schwule BIPoCs geht. In denen es um schwule Männer im Rollstuhl geht oder schwule Männer mit Sehbehinderung. Es gibt zu wenig Geschichten, in denen einer der schwulen Männer (glaubwürdig) neurodivers ist. Zu wenig Geschichten, in denen wenigstens einer von beiden nicht gängigen Schönheitsidealen entspricht. Es sind zu oft dieselben „Körper“, die beschrieben werden.

Und auch das ist wieder so ein reales Problem. Es wird sich nicht um intersektionale Inklusion bemüht. Schon gar nicht, ohne dass es zu einem Plotpunkt wird. Denn ja, wer gezielt danach sucht, findet durchaus was. Doch gerade hier wurde ich abseits gezielter Own Voice Suche schwer darüber schockiert, was man findet. Denn ja, ich finde es problematisch, wenn jemand, der in keinem Aspekt Own Voice bzgl. der Geschichte ist, über eine verbotene schwule Liebe in einem beliebigen muslimischem Land schreibt. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Coming Out

Das Thema „Coming Out“ ist etwas, das mich öfter nervt, wenn Geschichten über queere Charaktere von einer*m cishetero Autor*in geschrieben werden. Damit betrifft es definitiv nicht nur Gay Romance – aber eben auch. Speziell wenn es Young Adult Gay Romance ist, mit relativ jungen Hauptcharakteren. Denn dann ist das Coming Out auf einmal der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Es ist wieder ein Thema, dass ich bereits in meinem Own Voices Beitrag angesprochen hatte. Denn mit dem „Coming Out“ als eine Art Trope habe ich mehrere Problem. Das grundsätzliche ist diese Vorstellung, dass es dieses eine, magische Coming Out gibt, nachdem es auf einmal jeder weiß. Und das sich im Leben von jedem queeren Menschen sich für eine Weile ALLES um das Coming Out dreht. Letzteres mag für einige Stimmen, wird aber eben dadurch, dass so viele Geschichten dieses Szenario nutzen, problematisch.

Und ja, Coming Out. Prinzipiell haben die meisten queeren Menschen mehrere Coming Outs. Und zwar über ihr ganzes Leben. Denn nur weil man einmal als 16Jährige*r das Coming Out hatte, hat man es danach nicht für den Rest seines Lebens auf die Stirn tätowiert. Entsprechend: Wenn man erkannt werden will, muss man sich sichtbar machen. Immer und immer wieder.

Internalisierte Misogynie

Und damit kommen wir zu dem größten Problem, das ich persönlich mit dem Genre habe, speziell wenn cishetero Autorinnen schreiben. Denn zumindest bei den Geschichten, die ich gelesen habe, ging viel zu häufig internalisierte Misogynie damit einher. Das fängt damit an, das oftmals in diesen Geschichten kaum oder gar keine weibliche Figuren vorkommen. Allerhöchstens einmal eine Mutter – mehr aber auch nicht. Vielleicht wird hier und da jemand erwähnt, aber das war es. Und die weiblichen Figuren, die auftauchen, sind derweil negativ überzeichnet. Sie sind hysterisch, oberflächlich oder entsprechen anderen negativen sexistischen Klischees.

Das Klischee, das mich dahingehend am meisten stört, ist wohl das, der missbrauchenden, manipulierenden Freundin und/oder Ehefrau. Manchmal auch Ex. Da ist dann ein Charakter aus der missbräuchlichen Heterobeziehung raus und „wird“ dann schwul, während die zickige Ex weiterhin terrorisiert und vielleicht sogar Hauptantagonist der Geschichte ist. Aber zumindest ist er bei „ihm“ sicher. Wie gesagt nicht selten in einem Szenario, in dem die besagte Ex der einzige nennenswerte weibliche Charakter ist.

Und ja, das ist wirklich eine problematische Mischung und trieft nur so vor internalisierter Misogynie. Es ist aus denselben Gründen problematisch, wie Action-Filme, die den Bachdel-Test nicht bestehen oder eben solche negativen Tropes nutzen. Nur weil es ggf. eine Autorin dahinter gibt, wird es nicht besser.

Missbrauch

Als letzten Problempunkt spreche ich etwas an, das erneut natürlich ein Romance-Problem allgemein ist. Die sogenannte „Dark Romance“, die meistens auf eine Missbrauchsbeziehung hinausläuft. Diese sind mir persönlich zuerst über Boys Love, Yaoi, dazugehörige Fanfics und Autor*innen, die irgendwann mit eigenen Figuren weitergemacht haben, untergekommen, aber sie gibt es sicher auch abseits der Boys Love Veteran*innen. Prinzipiell ist die Dynamik dieselbe, wie in einer hetero Dark Romance: Ein Charakter missbraucht, manipuliert und verletzt den Partner permanent. Der Partner ist fast immer der Perspektivencharakter und redet es dem Leser alles schön. Immerhin ist der Liebhaber nur missverstanden und kaputt, aber der Perspektivencharakter ist sich sicher, er kann ihn wieder heil machen.

Wie gesagt: An sich kein reines Gay Romance Problem, doch auch hier häufig gefunden. Besonders nennenswert finde ich es hier, dass beinahe jede Gay Romance Version, die mir davon untergekommen ist (was nicht für alle sprechen muss, sondern rein für die, die ich gelesen habe), mit Dubcon oder tatsächlichen Vergewaltigungen einher ging und den „Rapist to Lover“ Trope nutzen. Und wie gesagt: Dieser ist in seiner Natur toxisch. Ich hoffe, ich muss nicht erklären, warum.

Queere Liebesgeschichten

Das sind die Probleme, die mir immer wieder aufgefallen sind. Das gesagt würde ich allerdings noch einmal etwas anderes ansprechen wollen: Offenbar gibt es zumindest in der englischsprachigen queeren Bookcommunity mittlerweile eine Unterscheidung zwischen dem, was als M/M Romance bezeichnet wird (aka das, was ich hier beschreibe) und anderer Queer Romance oder auch Gay Romance. Eben eine Unterscheidung, die letzten Endes sagt: Ist es Own Voice? Denn während ich nicht ausschließen will, dass es Own Voice M/M Romance gibt, so ist dieses Subgenre wirklich von cishetero Frauen beherrscht. Genau das hat wohl zu einem Bestreben geführt, sich abgrenzen zu wollen.

Es sei allerdings dazu gesagt, dass Own Voice Romane in die Richtung offenbar eher dazu neigen – sofern kein Erotik – ernster und weniger romantisch zu sein, selbst dann, wenn eine Romanze im Mittelpunkt steht. Da eben dann viel eigener Ballast verarbeitet wird. Es wird geschrieben, um die eigenen Erfahrungen zu repräsentieren. Und ja, ich schreibe vage, da ich darüber erst in der Recherche zu diesem Artikel gestolpert bin und mich nicht genug eingelesen habe. Ihr findet zwei Blogposts am Ende des Artikels verlinkt. Doch nachdem mehrere schwule Autoren dies unterschieden und es entsprechende Sammlungen gibt, scheint es wirklich ein Thema zu sein.

Romantischer Eskapismus?

Letzten Endes sind Gay Romance oder M/M Romance vor allem natürlich eins: Eskapismus. Eine kurzweilige Realitätsflucht, wie die meisten Unterhaltungsmedien. Eskapismus in eine Welt, in der am Ende alles gut ist und in der – im Fall von Romances – die Liebenden zusammenkommen. Eskapismus in eine Welt, wo die Liebe alles besiegen kann und Liebende immer tolle Menschen sind, egal wie sehr sie es verstecken. Und das ist per se auch okay. Per se, denn das Problem ist, dass eben manchmal Dinge sich mit der realen Welt überschneiden und Leute, die etwas nicht besser wissen, manche Tropes für bare Münze nehmen. Umso mehr, wenn diese Tropes sich mit bestehenden Vorurteilen decken.

Und ja, ich verstehe es. Ich habe vor allem als Jugendliche sehr, sehr viel in die Richtung konsumiert, da es die einzige queere Repräsentation war, bei der ich wusste, wie ich sie finde. Im Verhältnis zu anderen queeren Geschichten ist Gay Romance nun einmal sehr sichtbar und verhältnismäßig leicht zu finden.

Doch genau deswegen liegen mir diese Tropes – vor allem in ihrer Häufung – so schwer im Magen, wie auch die Tatsache, dass fast alle queeren Geschichten, die es in den Bestand von Buchhandlungen schaffen, Gay Romance sind. Gay Romances, über weiße cis Männer, die von weißen cis hetero Frauen geschrieben wurden. Denn diese Sichtbarkeit bringt Verantwortung mit sich. Verantwortung, der sich manche nicht bewusst sind. Und das ist der Kern des Problems.

Kurzum

Wie gesagt: Ich sage nicht, dass alle Gay Romance (oder M/M Romance) Geschichten schlecht sind. Auch nicht alle Gay Romances von weißen cishetero Autorinnen. Ich sage nicht, dass weiße cishetero Frauen, das Genre gar nicht mehr schreiben sollen. Ich sage nicht mal, dass alle Geschichten, die einen oder gar mehrere der oben genannten Probleme haben, deswegen zwangsläufig schlecht sind. Selbst wenn sie in keinerlei Hinsicht Own Voice sind.

Alles, was ich sage ist: Wer Gay Romance schreibt repräsentiert damit die queere Community. Vor allem schwule Männer. Und damit geht Verantwortung einher. Verantwortung nicht weiter Vorurteile zu untermauern. Und auch Verantwortung, die Plattform zu nutzen, um Betroffene zu unterstützen. Und diese Verantwortung muss wahrgenommen werden. All das unabhängig davon, ob ein*e Autor*in selbst queer ist. Danke.


Einige Links zum Thema:

Sarah Z: Queerness in Fanfiction

ElectricLit: Why are so many Gay Romance Novels Written by Straight Women?

Hans H Hirschi: Do gay male writers look down on m/m romance and their readers?


Das Beitragsbild stellt eine Statue von Apollo & Hyacinthus dar, die von Malcolm Lidbury erstellt wurde, und wurde von Pinkpastry aufgenommen. Das Bild steht unter der CC4.0 Lizenz und wurde von mir nachbearbeitet und zugeschnitten.