LGBTQ* ist kein Genre!

Vorgestern schrieb eine Freundin auf Twitter: „Hey, bitte macht doch in euren Reviews klar, wenn LGBTQ* Figuren vorkommen.“ Daraufhin sammelte eine andere Freundin Bücher mit LGBTQ* Figuren. Und dann ging es los, als jemand meinte: „Aber es gibt doch Gay Romance und Verlage, die sich darauf spezialisiert haben! Da gibt es doch genug.“ Und das … Nun, sagen wir es mal so: Gay Romance ersetzt Repräsentation genau so wenig, wie ein LGBTQ*-(Sub)genre.

Daher entschuldigt bitte diesen eher rambligen Eintrag. Ich muss mir dazu gerade etwas von der Seele schreiben. Und nur um damit anzufangen, wie immer: Ich bin genderfluid, pansexuell und polyarmor. Dass ich für zumindest die ersten beiden Punkte überhaupt ein Buch gefunden habe, halte ich immer noch für ein Wunder.

Repräsentation ist wichtig

Repräsentation ist wichtig. Für alle Minderheiten. LGBTQ*, PoC, neurodiverse und disabled Personen. Vor allem gute Repräsentation, sprich, Repräsentation, die keine Stereotypen weiterverbreitet, sondern Minderheiten als wichtige, ausgearbeitete Charaktere zeigt, ist wichtig. Seki hatte dazu ja bereits in seinem Dragon Prince Review etwas geschrieben.

Wichtig ist es zum einen für Personen, die zu dieser Minderheit gehören. Es hilft sich selbst dargestellt zu sehen, es hilft zu sehen, dass man existieren darf,dass man Teil einer Gruppe sein darf. Umso mehr, wenn man es im richtigen Leben schwer hat, weil man eine Minderheit ist. Vielleicht wird man von den Eltern für die eigene Sexualität verurteilt, muss sein Gender versteckt halten, wird für neurodiverses Verhalten gemobbt oder muss täglich mit Rassismus und Mirkoaggressionen kämpfen. Eine fiktionale Geschichte zu sehen, wo jemand so ist, wie man selbst und einfach „sein“ darf ist wichtig. Es gibt Hoffnung. Es gibt Halt. Jedenfalls für viele.

Gleichzeitig ist es aber auch wichtig für Menschen, die nicht wirklich einer Minderheit angehören, ausgearbeitete, dreidimensionale Figuren zu sehen, die Teil einer Minderheit sind und dennoch komplexe Geschichten haben. Denn es hilft, Empathie zu entwickeln, es hilft sich auf Personen einzulassen und vor allem hilft es, einfach zu sehen, dass solche Menschen existieren und einfach leben. Es hilft, diese Minderheiten im Weltbild von Menschen, die nicht selbst der Minderheit angehören und im eigenen Leben wenig damit zu tun haben, zu normalisieren. Und das ist wichtig.

Nischengenre helfen nicht

Genau wegen dem zweiten Punkt hilft es auch nicht zu sagen: „Na ja, hier gibt es ein ganzes Genre nur für Geschichten einer bestimmten Minderheit!“ Das ist in der Theorie schön für Leute, die sich selbst repräsentiert sehen wollen, ja, aber es hilft nicht, diese Minderheit zu normalisieren. Im Gegenteil. Es sagt: „Die brauchen ihr eigenes Ding, das sich auf keinen Fall mit ’normalen‘ Dingen überschneiden sollte.“

Denn wer sich nicht schon für Themen dieser Minderheit interessiert, der wird sonst keine Berührungspunkte damit haben. Schlimmer noch: Wer will, kann so diesen Geschichten bewusst aus den Weg gehen und damit die eigenen Vorurteile noch weiter füttern, wenn man denn möchte. Denn IRL ändert sich dadurch ja nichts.

Und nein, diesen Dingen bewusst aus dem Weg zu gehen, „weil man es halt nicht mag“, sehe ich nicht als valide an. Denn wer Geschichten über eine bestimmte Minderheit nicht mag, hat ziemlich sicher Vorurteile gegenüber dieser Minderheit – und gerade dann ist es wichtig, sie in Mainstream Geschichten repräsentiert zu sehen.

Gay Romance zielt nicht auf Repräsentation

Wenn es nun um LGBTQ*-Repräsentation geht, wird vor allem ein Genre immer wieder genannt: Gay Romance. Das Problem ist nur: So richtig tolle Repräsentation ist es nicht – selbst wenn man den letzten Punkt darüber, dass Nischen nicht wirklich helfen, ignoriert. Denn während Gay Romance (genau so wie das japanische Mangagenre Boys Love) natürlich auch von schwulen Jungen und Männern gelesen wird, sind beide Genre doch auf eine andere Zielgruppe ausgerichtet: Cisgender, heterosexuelle Mädchen und Frauen.

Per se wäre das ja auch nicht ein Problem – nur hilft es halt nicht unbedingt mit irgendeinem der Hauptprobleme. Denn auch wenn es natürlich nicht für alle Gay Romance Romane gilt: Viele fetischisieren schwule Männer auf ähnliche Art, wie diverse für cishetero Männer geschriebene lesbische Erotik eben Lesben fetischisiert. Sicher gibt es auch welche, die es anders halten. Doch eine solche Tendenz zu verleugnen, während man sich die üblichen Titel und Cover mit den sich rekelnden, muskelbepackten Kerlen betrachtet, wäre unehrlich.

Daher: Nicht jeder cishet, schwule Mann fühlt sich dadurch repräsentiert. Zudem ist das Genre oftmals auch in der Art von Geschichte, die es erzählt, eingeschränkt, da die Geschichten – immerhin heißt es Gay Romance – sich um Beziehungen drehen. Diese mögen vor einem fantastischen oder historischen oder futuristischen Hintergrund abspielen, aber zentral ist dennoch die Beziehung. Und da es eine Nische, noch dazu eine Nische mit einer sehr speziellen Art von Geschichte ist, hilft es eben auch nicht, um Queerness zu normaliseren.

Ach ja, und dann ist da noch eine Sache …

L, B, T, Q, A, I und Co.

Denn selbst wenn wir von LGBTQ* ausgehen, so gehört dazu eben doch weit mehr, als das G, dass man in Gay Romance findet. Es gibt Lesben, es gibt Bisexuelle, es gibt transgender Personen, es gibt inter Personen, es gibt aroace Personen … Es gibt so viel, was in Gay Romance üblicherweise nicht abgebildet ist. So viele Menschen, die auch Repräsentation brauchen. Und das ist nur im LGBTQ* Spektrum!

Und ja, natürlich gibt es auch ansonsten queere Literatur, doch letzten Endes kommen wir dahingehend wieder auf das Problem mit den Nischen zurück. Das Problem mit den Nischen und eben der Tatsache, dass sich queere Literatur halt gerne in erster Linie mit der Existenz als queere Person beschäftigt. Was auch cool ist. Doch wie gesagt: Manchmal will man einfach eine Geschichte haben, in der jemand, der so ein bisschen ist, wie man selbst, Monster besiegt, fremde Planeten erkundet und Mordfälle löst.

„Aber das verkauft sich nicht!“

Und dann kommen gerne Leute an und meinen: „Aber das verkauft sich ja nicht. Weil es halt nur eine Nische interessiert.“ Wozu mir sehr viele Dinge einfallen. Zum einen: Das hat man auch über Filme mit Protagonisten, die keine weißen cishet Dudes waren, gesagt. Dann kamen Mad Max: Fury Road, Wonder Woman und Black Panther und haben das Gegenteil gezeigt.

Dazu kommt eben auch, dass diverse Dinge, die in letzter Zeit Repräsentation enthielten extrem positiv aufgenommen wurden. Egal ob es nun die Netflix-Serien oder die Rick Riordan Bücher waren. Seit sich ein paar Verlage und Studios trauen, sehen wir, dass ein ähnliches Prinzip zutrifft, wie bei anderen Gruppen: Der Markt ist in dem Bereich so dünn besiedelt, dass es eher verkaufsfördernd ist. Denn ja: Die meisten Leute stört es nicht und es gibt genug, die es sich wünschen. Eben Geschichten, in denen LGBTQ* (oder andere Minderheiten) einfach Protagonisten sein dürfen – ohne, dass ihr gesamtes Charakterark sich um ihre „Andersartigkeit“ dreht.

Und noch einmal: Die Leute, die absolut keine Geschichten über LGBTQ* Personen konsumieren wollen, die ein Problem damit haben, dass ein Protagonist bi ist, selbst wenn der Prota keine Beziehung hat … Genau das sind die Leute, die es am meisten nötig haben, den Geschichten nicht umgehen zu können.

Repräsentation kann helfen

Ich weiß, es ist anekdotisch und damit kein Beweis. Dennoch möchte ich eine Geschichte erzählen: In einem US-Digimon-Forum war ein sehr, sehr bigoter Typ. Besagter Typ hatte mich für meine Sexualität beleidigt und andere auch. Aber dann kam Appmon. Appmon, eine normale Shonen-Monster-Serie, deren Protagonist schwul oder bi ist. Appmon, in dem dieser Protagonist sich einfach nur in seinen besten Freund verliebt. Ohne sexuelle Aspekte. Und offenbar hat genau das bei dem bigoten Typen dafür gesorgt, dass irgendwas „Klick“ gemacht hat. Auf einmal war ihm klar, dass es Kinder, wie den Prota gibt, und dass diese Kinder Figuren, wie den Prota brauchen. Er hat sich bei mir und anderen unterschwellig entschuldigt. (Selbst wenn mit Anmerkung, dass er meine feministische Agenda immer noch doof findet.)

Und genau so wird es, wie er eben erkannt hat, für viele, viele Kinder ein unglaublicher Trost sein, diesen Charakter zu sehen. Diesen Charakter oder die Gems aus Steven Universe oder vielleicht die diversen Charaktere in Rick Riordans Büchern. Die Rick Riordan Bücher, die soweit das einzige Medium sind, in dem ich einen kanonisch pansexuellen und einen kanonisch genderfluiden Charakter gefunden habe. Als einfaches Kinder-/Jugend-Fantasybuch, wohlgemerkt. Nicht als Nische.

Cishetero ist auch kein Genre

Anders gesagt: Wenn LGBTQ* oder andere Minderheiten sagen, sie wollen mehr Repräsentation in den Medien, dann sagen sie vor allem: „Wir wollen Repräsentation in den normalen Genre der Medien. Wir wollen High Fantasy Epen, in denen der Hauptsöldner eben schwul ist. Wir wollen Weltall-Piraten, die lesbisch sind. Wir wollen bisexuelle Vampire oder asexuelle Werwölfe. Wir wollen transgender Superhelden und nicht-binäre Detektive. Wir wollen Geschichten, in denen die Protagonisten normale Protagonisten, dabei aber eben auch lesbisch, schwul, bi, transgender, aro, ace oder sonst was sind, ohne dass sich gleich die ganze Geschichte darum dreht.

Natürlich kann es auch Nischen-Bücher geben, die dahingehend auch wissen, dass sie Nischen sind. Da ist nichts bei. Solange es ein Fall von „sowohl, als auch“ ist, sind Nischen-Bücher, Nischen-Verlage, Nischen-Filme und Nischen-Studios eine tolle und schöne Sache. Es gibt einen Rückzugsort und gibt die Möglichkeit eine Heimat für Geschichten zu finden, für die zumindest im Moment kein Platz im Mainstream ist.

Aber das darf keine Ausrede dafür sein, dass der Mainstream nicht inklusiver gegenüber Minderheiten ist! Denn Nischen-Repräsentation ersetzt keine Sichtbarkeit in bekannten Romanen, Filmen und Serien. Es kann nicht Sinn der Sache sein, dass „LGBTQ“ als Genre gehandelt wird. Denn es ist kein Genre. Es ist nur die Orientierung von einem oder mehreren Figuren. Und immerhin gibt es auch kein Genre für cisheterosexuelle Figuren.