Romane und die anderen Schreibformate

Letztens hatte Elea Brandt einen interessanten Punkt auf Twitter gemacht. Sie sprach an, dass im englischsprachigen Raum bei Genre-Preisen nicht nur Romane und ggf. Filme, sondern auch Kurzgeschichten, die online, in Zeitschriften oder Anthologien erschienen sind, Anerkennung bekommen. In Deutschland dagegen gibt es wenig Anerkennung für Kurzgeschichten. Ich gehe allerdings noch einen Schritt weiter: Es gibt wenig Anerkennung für Formate, die keine Romane sind.

Und deswegen wollte ich heute über andere Formate, speziell im Bereich SciFi und Fantasy, reden. Die meisten der Punkte sind jedoch beinahe auf jedes Genre anwendbar – es ist nur so, dass bei einem Teil SFF einen Großteil der bekannten Vertreter ausmacht. Dabei geht es mir darum, was das Format und seine Herausforderungen ausmacht. Als Autor.

Kurzromane und Novellen

Es fängt schon mit den kürzeren Vertretern des großen Formats an. Kurzromane und Novellen, also Geschichten, die nicht ganz die Länge eines Romans haben. Ich konnte in diesem Rahmen keine genauen Angaben darüber finden, bis zu welcher Länge, es eine Geschichte in dieses Format fällt, da unterschiedliche Seiten unterschiedliche Angaben enthalten. Im Englischen scheint die Faustregel zu sein: Alles zwischen 7500 und 40 000 Wörtern in Länge ist eine Novelle oder Novelette. Da 40 000 Wörter pi mal Daumen knapp 150 Normseiten entsprechen, klingt diese Einteilung recht vernünftig.

In Deutschland werden Novellen relativ selten verlegt, wenn sie nicht gerade ins Romantik- oder Erotik-Genre fallen, die beide eine Nische für solche Kurzromane zu bieten scheinen. Doch gerade in SFF findet man diese Geschichten eher selten und selbst wenn es sie gibt, wird selten drüber gesprochen.

Dabei haben diese Geschichten oft ihre eigenen Herausforderungen, erzählen sie ihre Handlung doch oftmals sehr pointiert. Je weniger Platz man hat, desto herausfordernder wird es zudem, die Charaktere sympathisch aufzubauen.

Sollte auf der anderen Seite die Geschichte einfach nicht mehr hergeben, als eine Novelle, macht es sicher niemanden glücklich, sie auf Romanlänge zu strecken. Es macht die Geschichte nicht besser. Wenn sie dennoch als „weniger“ anerkannt wird, nur weil das Format ein anderes ist, stimmt es mich doch immer wieder traurig.

Kurzgeschichten

Der Klassiker: Kurzgeschichten. Wir haben sie in jedem Genre und viele Verlage bringen aus dem einen oder anderen Grund auch Anthologien mit ihnen heraus. Dennoch scheint es in Deutschland wenig Anerkennung dafür zu geben. Viele Jahrespreise der Literatur (egal ob „literarisch“ oder „Unterhaltung“ – das dies unterschieden wird ist noch einmal ein anderes Thema) haben für Kurzgeschichten keine Kategorie. Wer erzählt, dass si*er Kurzgeschichten in einer Anthologie veröffentlicht hat, wird oft nur belächelt.

Kurzgeschichten beschreiben dabei Geschichten mit weniger als 7500 Wörtern und natürlich ist es falsch zu sagen, dass diese gar nicht anerkannt werden. Denn wer den deutschen Deutschunterricht ertragen hat, wird in diesem sicher die ein oder andere Kurzgeschichte haben analysieren dürfen. Doch dies sind natürlich immer die literarischen Geschichten, die „künstlerisch“ anspruchsvoll sind. (Ich erinnere mich an eine besonders langweilige über einen kleinen Jungen, der Klavierunterricht hasste.)

Dass dieses Format wirklich Herausforderungen bietet, da in einer recht geringen Wortzahl Geschichten erzählt werden wollen, die Anfang, Mitte, Schluss haben und speziell bei Genre-Fiktion zudem in diesen wenigen Worten Welt, Regeln, Charaktere etablieren sollten, muss eigentlich klar sein. Dennoch: Im Rahmen von SFF in Deutschland, bekommt das Format sehr wenig Anerkennung – und das, obwohl viele der „großen Autoren“ sie selbst schreiben.

Serielle Formate

Nein, ich meine damit keine Romanreihen, auch wenn diese natürlich ebenfalls seriell sind. Was ich meine, sind Geschichten, die bspw. in einem Heft oder online im Fortsetzungsformat erscheinen. Speziell solche, die dabei eben nicht als Romanteile erscheinen – sondern als was längeres.

Früher war dies nicht einmal unüblich. Diverse bekannte Bücher (übrigens auch Herr der Ringe) erschienen so, ehe sie einen Roman-Release bekamen. Teilweise halt irgendwie aufgeteilt (etwas, das man bei Herr der Ringe durchaus merkt), um auf übliche Romanlängen zu kommen. Daher, dass die Veröffentlichung via Zeitschriften oder Heften im seriellen Stil jedoch weniger geworden und mittlerweile vorrangig mit Pulp in Verbindung gebracht wird, ist dieses Format vielen nicht einmal bekannt. Allerhöchstens eben als online Veröffentlichung – doch diese tragen ihr eigenes Stigma, gibt es doch weiterhin das Vorurteil, dass online nur miese Romanzen zu finden seien oder nur online veröffentlicht, wer zu schlecht für den Buchmarkt sei.

Auch hier gibt es eigene Herausforderungen, muss man doch die einzelnen Abschnitte sinnvoll einteilen. Die Geschichte muss zudem auf eine Art geschrieben werden, dass ein Leser auch nach einer Unterbrechung mitkommt. Und speziell bei Veröffentlichungen online muss ebenso bedacht werden, wie der Leser Onlinemedien konsumiert.

Zudem sei auch hier gesagt: Was ist dadurch gewonnen, wenn jemand versucht, eine Geschichte, die für dieses Format geeignet ist, auf Teufelkommraus versucht in einen Roman abzuwandeln?

Poesie, Lyrik und Balladen

Ein eigentlich ebenfalls klassisches Format ist natürlich die Lyrik. Doch einmal ehrlich: Um für nicht-gesungene Lyrik anerkannt zu werden, ist man idealerweise ein halbes Jahrhundert tot. Umso mehr, wenn man diese Lyrik oder Poesie nutzt, um damit Geschichten zu erzählen, anstatt Gesellschaftskritik zu betreiben, über die Jugend zu reden oder über eine tragische, tödliche Liebe.

Wer Poesie und SFF mischt ist sowieso arm dran. Denn die Lyriker wissen oftmals wenig mit dem SFF-Aspekt anzufangen, die SFF-Leute dagegen selten viel mit Lyrik und Poesie. Also wer ist der Markt?


Dabei gibt es auch hier eigentlich klassische Beispiele – gerade wenn man unter etwas älteren Balladen schaut gibt es fantastische Geschichten, die in lyrischer Form erzählt sind und bis heute bekannt sind. Was die Herausforderungen bei Lyrik sind, muss ich glaube ich niemanden erzählen, oder? Kann es nicht auch dafür Anerkennung geben?

Bonusrunde: Die gänzlich anderen

Nun, damit haben wir die Hauptformate abgehandelt, über die ich reden wollte – doch lasst mich hier noch ein wenig über andere geschriebene Formate reden, die mehr Anerkennung verdienen. Damit meine ich nicht einmal zwangsweise Preise. Nur Anerkennung für die Herausforderungen, die in ihnen liegen.

Flashfics, Drabbles und Co.

Oh, und dann haben wir noch die andere Version von Prosa. Zugegebenermaßen, diese steht etwas gesondert, weshalb ich sie auch hier unten und nicht als erstes anführe: Flash Fics, Drabbles und ähnliche ultrakurze Formate.

Zugegebenermaßen: Diese gewinnen auch in den US oder anderen Ländern selten wirklich Preise und ich erwarte auch nicht, dass sie das hier tut – dennoch heißt es nicht, dass man das Format gänzlich ignorieren sollte. Denn ein spannendes Format ist es schon. Es komplett als Spielerei abzutun ist ebenso falsch. Zumal es durchaus komplette, komplexe Geschichten, die komplett im Drabble Format (halt als eine Aneinanderreihung mehrerer Drabbles) geschrieben wurden.

Diese Formate haben normal gemein, dass sie sehr kurz sind und oft in kurzer Zeit geschrieben werden. Drabbles haben dabei genau 100 Wörter und enden meistens, aber nicht immer, in einer Pointe oder einem Twist.

Fanfiction

Holen wir kurz Luft, ja? Ja, Fanfiction. Das Stiefkind des Prosa-Schreibens. Manche sagen, weil die Autoren hier selten was „eigenes“ schreiben. Andere sagen, weil es vorrangig Jugendliche sind, die hier schreiben. Wieder andere sagen, dass es nicht ernst genommen wird, da hier mehr Frauen als Männer schreiben. Ich tendiere zu letzterem, da die ersten beiden Dinge einfach nicht stimmen.

Es gibt massiv viele Geschichten, die eigene Geschichten erzählen, und ebenso kenne ich diverse Leute, die über 30 sind und noch immer Fanfictions schreiben. Doch dass Frauen das Feld dominieren, lässt sich nicht abstreiten – ebenso wenig, wie dass Romantik einen nicht unerheblichen Anteil aller Fanfictions ausmacht.

Dennoch: Es gibt so viele gute Fanfictions, die sich ernsthaft mit den Charakteren, ihrer Psyche und wie sich etwaige Ereignisse auf sie auswirken. Genau so gibt es viele Fanfictions, die sich mit der Welt diverser Geschichten und den Implikationen dieser auseinandersetzen. Und ja, es gibt auch gute Romanzen. All das sind Dinge, die nicht dadurch geschmälert werden, dass es halt natürlich auch massiv viel miese Erotik gibt. Und seien wir mal ehrlich: Miese Erotik gibt es auch in diversen mit Preisen ausgezeichneten SFF-Romanen.

Essays

Kommen wir zu einem Meta-Genre, das erneut relativ viel Anerkennung im englischen Markt bekommt: Essays und Dokumentationen. Wer auf dem englischen YouTube unterwegs ist, weiß, wie dominierend dort das Videoessay geworden ist, doch auch geschriebene Essays zu allerhand Themen sind verbreitet.

Dies umfasst so allerhand. Wenn wir von Essays im SFF-Bereich ausgehen, so umfassen diese Analysen von Weltenbau und geschichtlichen Einflüssen, Auseinandersetzungen mit problematischen Themen und deren Bewertung im Genre oder auch Vergleiche verschiedener Geschichten und Entwicklungen innerhalb eines Subgenre. Technisch gesehen gehört vieles auf diesem Blog und auch in anderen Blogs oder dem TOR-Magazin in dieses Textgenre.

Das dieses Format im Deutschen zwar durchaus auf Blogs gern gelesen, jedoch allgemein weniger anerkannt ist, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Literaturmagazine hier kaum verbreitet sind. Sicher, es gibt welche, doch es ist selten was, das man in einer üblichen Zeitschriftenhandlung findet. Der Mangel an diesen hat sicher auch Einfluss auf die geringe Anerkennung von Kurzgeschichten, die in den US bspw. oft in solchen Magazinen veröffentlicht werden.

Screenwriting

Kommen wir zu einem Format, dass viele Leute zu schätzen wissen, aber nicht anerkennen: Screenwriting. Also schreiben von Drehbüchern für Filme oder Serien. Leider ist der Mangel an Anerkennung diesbezüglich auch etwas, dass ich oft genug von Autoren sehe. „Wie schwer kann es schon sein?“ So kommt es halt auch dazu, dass eine J.K. Rowling meint, als Bestsellerautorin ein Drehbuch schreiben zu können und „Grindelwalds Verbrechen“ dabei herauskommt.

Screenwriting hat eigene Herausforderungen und davon nicht zu wenige. Es ist nicht umsonst üblicherweise ein gelernter Beruf. Nun, zumindest in den englischsprachigen Ländern. (Da sind wir wieder.) Denn ein Screenwriter muss viel im Kopf behalten – nicht zuletzt, was auf einem bestimmten Budget möglich ist und was nicht. Denn nicht alles, was in einem Buch cool ist, kommt auf dem Bildschirm so gut herüber. Und auch das Vertrauen an den Regisseur, dem letzten Endes überlassen ist, bestimmte Informationen visuell vermittelt werden.

Screenwriting erfordert Erfahrung damit, erfordert es auch, die Film- und Fernsehproduktion an sich zu verstehen. Es geht nicht nur darum, eine gute Geschichte zu schreiben, sondern auch darum, eine Geschichte so zu schreiben, dass sie sich gut und spannend visuell umsetzen lässt. Das ist schwieriger als man glaubt.

Gamewriting

Und damit kommen wir zur Meisterdisziplin, die wahrscheinlich genau die Art zu schreiben ist, für die ich zwar häufig Kritik, aber sehr, sehr selten wirklich Lob sehe: Gamewriting. Und dabei ist es praktisch egal, welche Art von Spiel es ist: Sobald es eine Story hat, muss diese transportiert werden – meistens auf eine Art, dass die*er Spieler*in den Eindruck hat, dass den Eindruck hat, dass si*er Einfluss darauf hat. Oder zumindest auf eine Art, dass die Story nicht auf einer komplett eigenen Ebene, getrennt vom Gameplay erscheint, sondern mit diesem verwoben ist.

Das braucht nicht nur enorme Planung, sondern auch gutes Teamwork. Nicht nur, dass bei den meisten Spielen mehrere Leute gemeinsam an dieser Story arbeiten, diese muss sich später auch ins Gameplay einfügen. Das bedeutet viel gemeinsame Planung mit Developern, Grafikern und anderen Positionen. Noch herausfordernder: Hat der Spieler Einfluss auf den Plot, müssen diese Aspekte ebenfalls bedacht werden.

Dabei müssen dennoch die üblichen Dinge stimmen: Es braucht einen Spannungsbogen, sympathische Charaktere, idealerweise eigentlich auch Charakterarcs und und und. Dennoch bleibt es halt dabei: Ich sehe wenig Anerkennung für das Gamewriting, wenn dieses nicht unterdurchschnittlich ist. In dem Fall wird kritisiert. Doch Fälle in denen gutes Gamewriting gelobt wird, sind verhältnismäßig selten. Hier bekommt eher das Spiel als gesamtes Anerkennung.

tl;dr

Es gibt sehr viele Formate, in denen man eine Geschichte verfassen kann. Es ist ärgerlich, dass in Deutschland speziell fast nur eins dieser Formate Anerkennung bekommt: Der Roman. Dabei gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeit, die alle ihre eigenen Vorteile, Nachteile und Herausforderungen mit sich bringen. Wieso reduzieren wir uns so sehr darauf?

Ich würde mir wirklich wünschen, dass auch andere Formate Beachtung bekommen, egal ob bei Preisen oder im Rahmen von Organisationen und Vereinen. Dabei sollte es letzten Endes auch egal sein, ob eine Geschichte digital oder im gedruckten Format erscheint. Ich hoffe, dass ich mit diesem Eintrag ein wenig auf die anderen Formate aufmerksam machen konnte – und vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken angeregt habe.

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Scharmlose Eigenwerbung

Übrigens: Wenn euch interessiert, wie eine serielle Geschichte aussehen kann: Schaut euch mal Mosaik an, meine eigene Webserie, die ihr kostenlos auf verschiedenen Webseiten lesen könnt. Ich würde mich sehr freuen!


Das Beitragsbild wurde von Raysonho aufgenommen und unter die CC1.0 Lizenz gestellt.