Gastbeitrag: Queere Repräsentation schreiben

Von Judith und Christian Vogt

Alpakawolken sei Dank haben wir in diesem Monat ja schon eine Fülle an neuer Blogartikel rund ums Thema Schreiben und queere Repräsentation in Büchern – und eigentlich wissen wir gar nicht so genau, was wir als schreibendes Hetero-Paar jetzt noch dazu sagen sollen. Aber vielleicht gerade deshalb, weil von Autor*innenseite immer wieder die Frage aufkommt: „Kann / sollte / darf ich LGBT*-Figuren schreiben, ohne selbst queer zu sein?“ oder sogar „Muss ich das jetzt etwa auch?“

Erst mal gilt hier, wie bei allem rund ums Schreiben: Niemand muss irgendetwas, weil es keine Vorschriften gibt, und pauschal Antworten auf die schwierigen kann/sollte/darf-Fragen zu geben, ist eigentlich nicht möglich. Aber wir versuchen zumindest ein paar Denkanstöße zu liefern!

Warum will ich überhaupt als nicht queere Autor*in LGBT*-Charaktere einbauen?

Immerhin diese Antwort ist unkompliziert: Weil queere Menschen genauso Teil unserer Gesellschaft sind wie nicht-queere, und deshalb einfach in jedem Setting und jedem Roman dazugehören. Die meisten von uns sind hetero-cis-normativ geprägt und haben LGBT*-Charaktere deshalb häufig als exotische Comic Reliefs repräsentiert gesehen, als Stereotype und Klischees – beispielsweise in Gestalt des verständnisvollen schwulen Freunds oder der übersexualisierten Bisexuellen. Aber wir haben jetzt auch die Chance, in kommenden Büchern und Geschichten queere Charaktere zu „entexotisieren“ und zu vollwertigen Figuren werden zu lassen. Hilfreich für die Grundlagen ist dabei der Vito-Russo-Test, der (ähnlich dem Bechdel-Wallace-Test für die Repräsentation von weiblichen Charakteren) aus drei Fragen besteht: „Ist mindestens eine Figur queer?“, „Hat die queere Figur noch andere Charakterzüge, außer dass sie queer ist?“ und „Macht es einen Unterschied für die Handlung, wenn ich die queere Figur herausnehmen würde?“

Queer ist mehr als schwule Sexszenen

„Das interessiert mich halt nicht – was die da machen!“, hört und liest man immer wieder in Bezug auf queere Figuren, oder, auch ein Klassiker: „In meiner Geschichte ist Sex nicht wichtig.“

Natürlich gibt es Geschichten, in denen Sex nicht wichtig ist. Trotzdem sind diese Geschichten heteronormativ geprägt. Selbst in der knallharten Soldatenstory, in der nirgends Liebe in Sicht ist, haben Leute Eltern und der Staat wird von irgendwem regiert. Die Eltern sind ein Mann und eine Frau, der Staat wird von einem Herrscher regiert, der eine Frau an seiner Seite hat? Damit ist auch die Geschichte heteronormativ, ohne dass Sex oder Liebe auch nur erwähnt würden. Und genauso ist es auch möglich, eine Geschichte eben nicht komplett heteronormativ zu machen. Es braucht keine schwule Lovestory, keine lesbische Sex-Szene, um klarzumachen: Auch in dieser Welt sind nicht alle Menschen hetero und cis. Ein Beispiel dafür ist die Animationsserie „Der Prinz der Drachen“, in der einem Mädchen in einer Rückblende von den Heldentaten ihrer beiden Mütter erzählt wird.

Familie und Gesellschaft war immer schon vielfältig. Als Autor*innen können wir uns auf die Suche nach solchen Geschichten machen, können in Vergangenheit und andere Kulturen blicken oder Heutiges in die Zukunft weiterdenken. Unsere Vorstellungen von „normal“ sind nur ein weiteres Konstrukt, und in der Geschichte der Menschheit hat es schon viele Konstrukte gegeben.

Was ist, wenn ich Fehler mache?

Auch bei queerer Kultur können Hetero-Cis-Autor*innen aneignend agieren und Leser*innen enttäuschen oder gar verletzen. Es ist verständlich, dass Autor*innen Angst davor haben, und auch davor, kritisiert zu werden. Die Gefahr ist ja auch da: Oft wird der schwule Charakter in der Fantasystory mit Drachen oder Elfen gleichgesetzt – „Wenn es in einer Fantasywelt Magie geben kann, kann doch wohl auch jemand schwul sein!“ Aber das ist nicht dasselbe, weil zum einen Magie eben in unserer Welt nicht existiert, aber beispielsweise Homosexualität schon. Und weil man die Gefühle eines Elfen, Zwergs, Orks nicht verletzen kann, wenn man ihn klischeehaft und stereotyp darstellt.

Also: Ja, natürlich können wir Fehler machen. Und wenn wir darauf hingewiesen werden, sollten wir versuchen, selbstkritisch zu sein und nicht sofort in den Beißreflex zu verfallen.

Queerness ist zudem in unserer Welt und unserer Gesellschaft mit queerem Struggle verknüpft. In Fantasy- und Science-Fiction-Welten muss das nicht unbedingt der Fall sein, und ob wir uns davon lösen oder es auch da zum Thema machen, ist letztlich immer eine Entscheidung, die Autor*innen für jedes Setting individuell beantworten können. Wenn es Kampf um Anerkennung in unserem Setting gibt, Coming-Outs, Repressalien und Diskriminierung, in wieweit können oder sollten wir das als Hetero-cis-Autor*innen dann überhaupt beschreiben?

Als Autor*innen können wir uns natürlich in Vieles hineinversetzen, aber es ist wahrscheinlich, dass wir in Stereotype tappen oder Queerness auf Tragik reduzieren. Wir sollten als Nichtbetroffene gut abwägen, welche Perspektiven wir einzunehmen versuchen und auf welche wir eher verzichten. Wir sprechen da jetzt keine Empfehlung aus, das kann und sollte jede*r für sich entscheiden. Hier sei nochmal darauf hingewiesen, dass man durchaus Queerness repräsentieren kann, ohne queeren Struggle zum Hauptthema einer Geschichte zu machen und Gefahr zu laufen, sich dieses Thema damit anzueignen oder klischeehaft darzustellen.

Wen kann ich fragen?

Jedem Buch tun Testleser*innen gut, und bei Büchern, die queeren Struggle thematisieren, sind queere Testleser*innen eine echt gute Idee. In vielen Belangen existieren wir in dieser Kultur leider segregiert voneinander und haben oft homogene Freundeskreise, von daher findet nicht jede*r Autor*in jemanden, dem sie*er ungezwungen bei einem Kaffee ein paar Fragen stellen kann. Das trifft leider auch auf queere Subkultur zu, und da Autor*innen manchmal ratlos sind, wen sie fragen können: Es gibt das Internet, und z.B. auf Social Media viele hilfreiche Menschen. Zudem sei allen hier die Seite www.sensitivity-reading.de ans Herz gelegt, wo Testleser*innen zu vielen verschiedenen Themen vermittelt werden.

Geht Queerness ohne queere Szene?

In einem System, das Menschen ausgrenzt, suchen sich Marginalisierte Gleichgesinnte. Das heißt, ein schwuler Charakter in einem Roman hat vermutlich queere Freund*innen. Und während es sicher Geschichten geben kann, die sich um das Finden der Liebe fürs Leben drehen, inklusive dem Gründen einer Familie usw., sollte es auch genauso Geschichten geben, in denen die Kernfamilie nicht das Ideal der LGBT*-Community dieses Romansettings ist. Das Beschäftigen mit heutigen queeren Subkulturen kann da viele hilfreiche Impulse geben.

Schreib dich vorwärts!

Aber um das nicht alles so abstrakt zu halten, geben wir einfach drei Beispiele aus unseren Romanen der letzten Jahre, vielleicht kann man auch daran schon sehen, dass auch bei uns der Tellerrand immer ein Stückchen weiter wurde.

In „Die 13 Gezeichneten“ Band 1 wird in der Gesellschaft des Stadtstaats Sygnas und der erobernden Nation Aquintien alles marginalisiert, was nicht weiß, hetero, cis und männlich ist. Es ist ein klassisches „Der alte weiße Mann regiert“-Setting und schildert, wie verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen eine Revolution planen. Der Müllerbursche Neigel ist schwul, was wie so Vieles verboten ist, und die Tatsache, dass er gezwungen ist, das geheim zu halten, wird von einem der Gegenspieler ausgenutzt. Neigel hatte zunächst eine recht kleine, aber ziemlich tragische Rolle, und als wir mit Band 2 anfingen, wurde uns klar, dass sich das ändern muss, weil wir nämlich sonst wieder nur auf dem „Queersein ist Leid“-Klischee herumreiten. Außerdem hatten wir in Band 2 und 3 Hilfe von einem Sensitivity Reader, und obwohl uns das sicher nicht vor allen Fehlern und Dummheiten feit, haben wir bei den beiden letzten Bänden der Trilogie ein deutlich besseres Gefühl, was Neigels Handlungsstrang angeht. Der Antagonist, Geheimpolizist Rufin, sagt im ersten Teil zu ihm: „Du bist nicht der Held dieser Geschichte“ – aber er wird wohl noch eines Besseren belehrt. 

In „Wasteland“ war unsere Grundprämisse eine ganz andere: 45 Jahre in der Zukunft ist die Welt zwar im Eimer, aber die Menschen haben durch Klimawandel, Insektensterben und Kriege hindurch immerhin die Gender-Kategorien und Normativität unserer jetzigen Gesellschaft hinter sich gelassen. Der Handgebunden-Markts ist eine anarchistische Gemeinschaft inmitten marodierender Gangs, in der Menschen in Großfamilien leben und keine Gender-Identität oder sexuelle Orientierung anderen vorgezogen wird. Für die Gemeinschaft sprechen Riika, eine ältere Frau, die mit ihren beiden Frauen zusammen eine ganze Horde Kinder und Enkelkinder aufzieht, und Shan, eine nonbinäre Person. Und selbst die Gangs haben zwar ihre hierarchische Struktur, würden jedoch nicht im Traum darauf kommen, Genderidentitäten in Frage zu stellen oder sexuelle Orientierung abzuwerten. Also, sie sind schon toxisch und mies  – aber eben auf andere Art.

Und apropos toxisch, aber auf andere Art: Im Roman, den wir gerade schreiben, und der bislang den Arbeitstitel „Ace in Space“ hat (über den wir aber meist unter #bikersinspace twittern und auch an Alex‘ aktueller #WiPSchreiben-Challenge teilnehmen) geht es um eine Art kriminelle Motorradgang, aber im Weltall und mit Raumjägern. Ein Thema des Romans ist so etwas wie „toxische Maskulinität ohne Fokus auf Maskulinität“. Das heißt, im „Biker-Milieu“ des Settings wird abgewertet, wer sich sexuell einschränkt – „No fomo!“ ist hier der Leitspruch (fomo = fear of making out). Monogamie, aber auch Asexualität und sogar die Anziehung zu nur einem Geschlecht wird schräg beäugt und Leute in festen Beziehungen werden verspottet. Es ist also alles in der Gang-Struktur streng hierarchisch geordnet, aber es werden andere Dinge abgewertet als das in unserer jetzigen Welt in toxisch-maskulinem Umfeld der Fall ist.

Wir hoffen, ihr konntet unserem Text ein bisschen was abgewinnen. Wir wünschen euch Spaß mit Gedankenexperimenten und in nicht-heteronormativen Welten.


Das Beitragsbild stammt von Pixabay.