Magiebau 101: Eurozentrismus vs kulturelle Aneignung

Wir haben nun bereits ein paar Grundlagen des Magiebaus erörtert. Nämlich zum ersten, was harte und weiche Magie ist, zum anderen aber auch, wie man grundlegend ein Magiesystem aufbaut. Allerdings gibt es noch eine Frage, die mir mehrfach auf Twitter gestellt wurde, die ich mit diesem Beitrag beantworten will.

Einleitung

Vor einer Weile habe ich das Buch Talus von Liza Grimm rezensiert und im Rahmen davon auch getwittert und eine bestimmte Kritik geteilt. Nämlich, dass der Magiebau in dieser Welt extrem eurozentrisch ist und dass dies stört, insbesondere weil es sich bei der Geschichte um Urban Fantasy handelt, das in unserer modernen, globalisierten Welt spielt.

In diesem Zusammenhang wurden mir zwei Fragen gestellt: 1) „Was ist eurozentrische Magie?“ und 2) „Wie kann man ein nicht-eurozentrisches Magiesystem bauen, ohne kulturelle Aneignung zu betreiben?“

Das sind beides angemessene Fragen, derer ich mich dann in diesem Beitrag annehmen will. Denn davon abgesehen, dass eurozentrische Magiesysteme ziemlich problematisch sind – gerade bei Urban Fantasy – so ist sie auch ziemlich langweilig und ausgelutscht, weil sie über die Jahre hinweg so häufig verwendet wurde.

Magie hat Kultur

Fangen wir mit einer ganz allgemeinen Feststellung an: Magie hat Kultur. Ergänzt durch: Jede Kultur hat Magie.

Wir dürfen beim Schreiben von Magie eine Sache nicht vergessen: Magie ist etwas, das nicht nur in unseren fiktionalen Welten existiert, sondern ein Konzept aus der Realität. Natürlich kann man sich nun lang darüber streiten, ob es in der realen Welt tatsächliche Magie in irgendeiner Form gibt, doch zumindest die Idee der Magie zieht sich durch jede menschliche Kultur.

Das hängt zum Teil sehr eng mit Religionen zusammen. Hierbei dürfen wir nicht vergessen, dass so ziemlich jede Vorstellung von dem, was eine Religion nun zu tun vermag, auch eine Version von Magie ist. Zum Teil hängt es aber auch unabhängig von Religionen mit Aberglauben und in Kulturen eingebürgerten Ritualen zusammen.

Zu diesem Thema hatte ich letztes Jahr im Rahmen von Dekolonialisierung der Phantastik einen ganzen Essay geschrieben: (De)koloniale Magie. Diesen Essay empfehle ich absolut als Zusatzlektüre zum jetzigen Beitrag.

Was ist „eurozentrische Magie“?

Was ist nun aber mit „eurozentrischer Magie“ gemeint? Nun, effektiv, dass das gesamte Magiesystem, was in einer Geschichte präsentiert wird, auf europäischen Magievorstellungen beruht – meistens um genau zu sein auf zentraleuropäischen Ideen.

Wie problematisch das ist, kommt ein wenig auf die Welt an, in der ihr eure Geschichte ansiedelt. In Urban Fantasy ist es eben besonders problematisch, wenn ihr ein solches Magiesystem ohne Alternativen gibt. Warum? Weil man gerade in einer modernen Welt glauben sollte, dass sich das Wissen um andere Systeme verbreitet hätte und die Nicht-Erwähnung alternativer Systeme deutlich macht: „Das ist das einzige System.“ Was insbesondere impliziert: Die Leute aus Europa haben Recht, alle anderen Unrecht.

In eher mittelalterlichen Settings kommt man noch eher damit davon, es anders zu machen, denn hier bewegen sich die Informationen einfach nicht mit derselben Geschwindigkeit voran. Sprich: Es kann gut sein, dass es andere Magie gibt, von der nur niemand anderes gehört hat.

Doch schauen wir uns die häufigsten Vertreter europäischer Magiesysteme an.

Elementarmagie

Der erste und wahrscheinlich mit häufigste Vertreter von eurozentrischen Magievorstellungen ist Elementarmagie, die mit den vier Elementen arbeitet: Erde, Luft, Feuer, Wasser. Zugegebenermaßen sind diese nicht komplett eurozentrisch, da sie auch im persischen Reich verbreitet waren und sich daher auch in Indien und damit auch in manchen Formen des Buddhismus wiederfinden.

Dennoch ist die Aufteilung in diese Elemente tendenziell doch eher ein europäisches Konzept – gerade in Bezug darauf, daraus ein magisches System zu erschaffen.

Wie vielen sicher bekannt ist, gibt es noch ein anderes Elementarsystem: Das chinesische, das sich auch in Japan durchgesetzt hat. Hier gibt es fünf Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Holz und Metall.


Viele andere Kulturen haben jedoch gar kein Elementarsystem in diesem Sinne.

Rituale

Nein, ich möchte nicht sagen, dass das Konzept von Ritualen in Magie ein eurozentrisches ist. Denn tatsächlich ziehen sich magische Rituale durch fast alle Kulturkreise hindurch. Nein, viel mehr geht es darum, wie Rituale in der Magie dargestellt werden.

Denn häufig ist es so, dass Rituale mit folgenden Zutaten arbeiten: Pentagramme, Rune und eventuell lateinische Beschwörungen (zu denen gleich noch mehr). Das sind alles sehr europäische Konzepte, aber sie ziehen sich durch sämtliche Fantasy hindurch – egal ob Low oder High Fantasy.

Latein

Latein ist in Bezug auf Magie noch einmal eine ganz eigene Sache. Denn Latein zieht sich ebenfalls durch alle Genre durch. Egal ob Urban Fantasy, ob High Fantasy, ob Historic Fantasy … Zaubersprüche und Beschwörungsformeln sind sehr, sehr häufig auf Latein oder an das Lateinische angelehnt.

In einigen Fällen in Sachen High Fantasy ist es noch dazu schlechter Weltenbau, wenn es nichts in der Welt gibt, das auf romanische Sprachen hindeutet, aber die Zaubersprüche sind dennoch in Latein oder einem Pseudo-Latein. Das ist nicht besonders glaubwürdig.

Zukunftsvisionen

Der letzte Bereich, in dem wir häufig eurozentrische Vorstellungen haben, ist alles, was mit Zukunftsvisionen und dem Voraussagen der Zukunft zu tun hat.

Erst einmal: Nein, sich in einen Drogenrausch irgendeiner Form zu versetzen, um aus den Visionen die Zukunft vorauszusagen ist nicht eurozentrisch. Das ist eine sehr international verbreitete Form zu versuchen die Zukunft vorauszusagen. Ähnlich sieht es mit der Vorhersage der Zukunft anhand von Sternen aus. Dies ist zumindest im indo-europäischen Kulturraum, der sich bis nach Asien erstreckt, sehr verbreitet.

Andere Formen der Weissagung sind jedoch sehr europäisch: Beispielsweise mithilfe von Kristallkugeln, Tarotkarten, Numerologie, Runen u.ä.

Allerdings ist es gerade im Bereich der Zukunftsvorhersage nicht schwer, Alternativen zu finden, die auf weit mehr Kulturen zutreffend sind.

Was ist kulturelle Aneignung?

Kommen wir damit zu dem anderen Aspekt, der Teil der Frage war: Kulturelle Aneignung. Was ist kulturelle Aneignung? Nun, an sich kann ich es mir recht leicht machen, habe ich im Rahmen der Dekolonialisierungs-Reihe doch einen eigenen Beitrag zu diesem Thema geschrieben. Dennoch möchte ich hier kurz noch einmal darauf eingehen.

Kurzum: Kulturelle Aneignung ist, wenn jemand aus einer Kultur Aspekte aus einer anderen Kultur für sich (und ggf. seine Kunst) verwendet. Problematisch ist das nur in den Fällen, wo jemand aus einer ehemals kolonialisierenden (und bis heute von dem Kolonialismus profitierenden) Kultur etwas aus einer kolonialisierten Kultur verwendet. Der Grund für diese Problematik ist, dass die kolonialisierenden Kulturen international gesehen sehr viel Macht haben – mehr macht, als die kolonialisierten Kulturen. Außerdem ist es doppelt problematisch, weil den kolonialisierten Kulturen im Rahmen des Kolonialismus ihre eigene Kultur verboten wurde.

Das heißt eben auch beim Schreiben von Romanen, dass es problematisch ist, konkrete Aspekte aus anderen Kulturen mit einzunehmen. Beispielsweise die Magie anderer Kulturen, weil diese so exotisch ist – oder weil man einfach nur durchmischen will. Dies gilt umso mehr, wenn man Geld mit diesen Geschichten machen möchte, da dies bedeutet, dass man sich mit dieser anderen Kultur bereichert.

Wie findet man das Mittelmaß?

Also gut. Wir haben etabliert, dass eurozentrische Magiedarstellungen schlecht sind, weil sie implizieren, dass Europäer*innen/die weiße Welt Recht hatte. Gleichzeitig ist aber auch kulturelle Aneignung, also das Einbringen von Magie aus anderen Kulturen kulturelle Aneignung und damit problematisch. Also was soll man machen, dass Magie nicht im Kontext von Kolonialismus und White Supremacy problematisch ist?

Nun, ich habe mir einige Gedanken zu diesen Themen gemacht und bin zu drei möglichen Lösungen gekommen.

Allgemeine Magie

Die erste Möglichkeit wäre, sich mit Magie auf die Aspekte zu konzentrieren, die sich durch beinahe alle Kulturen ziehen. Wenn man diese verwendet, hat man das Problem nicht mehr wirklich – sofern man eben von der Mischung mit Latein und ähnlichen absieht oder deutlich macht, dass diese nur lokal verwendet werden.

Wie bereits genannt, waren und sind Zukunftsvisionen mithilfe von irgendeiner Form von Drogen oder Dämpfen, die di*en Wahrsager*in in einen anderen Gemütszustand versetzt haben, und die so gesehenen Visionen interpretieren, weltweit ein Phänomen.

Genau so sind Rituale, bei denen ein Effekt mit irgendeiner Form von Gesang oder auch Trommeln erreicht werden soll, etwas, das es praktisch weltweit gibt, selbst wenn es heute mehr mit indigenen Kulturen in Verbindung gebracht wird.

Zuletzt ist es auch noch unglaublich weit verbreitet, dass Magie aus einer Verbindung zu einem Tier gezogen wird. Dahingehend haben wir alles von den europäischen Familiaren, hin zu den Totemtieren anderer Kulturen. Entsprechend gibt es dahingehend auch einige Möglichkeiten, dies irgendwie einzubauen.

Verschiedene Magieformen

Die zweite Form ist die wahrscheinlich leichteste Methode im Umgang mit diesem Problem – und zugegebenermaßen auch die Möglichkeit, die ich für meine Urban Fantasy Welt gewählt habe: Habt einfach verschiedene Magiesysteme in eurer Welt und sorgt dafür, dass eure Protagonist*innen halt eben nur europäische benutzen, die keine kulturelle Aneignung sind.

Sprich: Macht einfach deutlich, dass die Magie, die in der Geschichte verwendet wird, nur eine von vielen Möglichkeiten ist, Magie einzusetzen, und dass es zig, ja, hunderte andere gibt, die nur eben keine zentrale Rolle spielen.

Dies bietet sich vor allem für Urban Fantasy und allgemein Fantasy an, das in unserer Welt oder einer alternativen Timeline unserer Welt angesiedelt ist, lässt sich aber auch für High Fantasy umsetzen. Damit hat man eben die Grundlage: Nicht nur eine Kultur hat mit ihrer Magie recht, sondern alle.

Neue Magie

Die letzte Methode ist die fraglos aufwendigste, sowohl in Sachen Umsetzung, als auch in Sachen Recherche. Denn sie baut darauf auf, ein wirklich komplett eigenes Magiesystem zu schaffen, das sich von den etablierten Ideen irgendwelcher Magiesysteme komplett abhebt.

Dabei ist natürlich die Frage, ob das überhaupt möglich ist. Diese Frage kann ich nicht beantworten. Denn international gesehen gibt es einfach bereits so viele Ideen darüber, wie Magie funktioniert, dass es schwer sein könnte, etwas zu finden, das nicht bereits in Verwendung ist. Vor allem wenn man möchte, dass die Magie sich magisch anfühlt – denn dafür muss hier und da doch in die Klischeekiste gegriffen werden.

Fazit

Magie Schreiben ist im Kontext dessen auf ein dekolonialisiertes Werk abzuzielen nicht so leicht. Denn schnell hängt man zwischen zwei Extremen: Entweder man hat nur europäische Magieformen oder man rutscht in die kulturelle Aneignung, indem man Magie aus anderen Kulturen mit einbindet. Beides ist nicht ideal und bringt unschöne Implikationen mit sich.

Mit einer rein europäischen Magie impliziert man – besonders, wenn man Fantasy schreibt, die tatsächlich in unserer Welt angesiedelt ist – dass die Magie aus Europa real ist, während alles andere nur Aberglaube ist. Kulturelle Aneignung ist jedoch auch nicht gut, aufgrund der ungleichen Machtverhältnisse zwischen kolonialisierten und kolonialisierenden Kulturen.

Allerdings gibt es drei Ansätze, wie man damit umgehen kann. Entweder man baut seine Magie auf grundlegenden magischen Vorstellungen auf, die über die Kulturen hinaus existieren, oder man erklärt einfach alle Formen von Magie für valide, konzentriert sich in der Nutzung aber auf europäische, oder aber man entwickelt etwas komplett neues.

Auf jeden Fall sollten sich Gedanken darüber gemacht werden, wie Magie sich auf Kultur bezieht. Denn Magie hat immer einen Bezug zu Kulturen.


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