Urban Fantasy Review: Talus – Die Hexen von Edinburgh

Ich habe mir vorgenommen, ein wenig mehr deutsche Urban Fantasy für den Weblog zu rezensieren. Immerhin möchte ich auch Urban Fantasy in Deutschland fördern. Entsprechend nun das erste Review: Talus – Die Hexen von Edinburgh von Liza Gimm.

Worum geht’s?

Früher hat Erin an Magie geglaubt. Gemeinsam mit ihrer Tante hat sie sich in die Fantasie geflüchtet, dass Magie real sei. Nun aber ist sie erwachsen, kommt mit ihrem Studium nicht voran und ihre Tante liegt mit einem Gehirntumor im Krankenhaus. Magie wäre wahrscheinlich das einzige, was sie retten könnte. Aber Magie ist nicht real, oder? Zumindest denkt Erin das mittlerweile, bis sie in den Edinburgh Vaults von einem Geist angegriffen wird.

Zur selben Zeit versucht die Hexe Luzia den Geist von Abaigael Dubh zu beschwören – der mächtigsten Hexe, die je gelebt hat. Denn mit dem magischen Würfel Talus könnte Lu endlich ihre Begabung wechseln und zu einer Wasserhexe werden.

Ebenfalls zur selben Zeit ermittelt der Schattenleser Noah in einem Fall, der einige Mysterien mit sich zu bringen scheint. Denn die dunkle Seuche, die die magische Gemeinschaft seit den Zeiten von Abaigael Dubh plagt und Hexen dafür bestraft, ihre Magie gegen ihresgleichen einzusetzen, scheint auf einmal auch zufällig Leute zu befallen.

Urban Fantasy in Edinburgh

Talus – Die Hexen von Edinburgh ist ein deutscher Urban Fantasy Roman, der in Edinburgh angesiedelt ist. Wie einige sicher wissen, habe ich auch eine sehr liebevolle Beziehung zu der Stadt, habe auch eine meiner Geschichten dort angesiedelt und finde die Stadt als Setting für Fantasy-Geschichten super spannend.

Entsprechend ist es auch eine sehr coole Idee, auch die Edinburgh Vaults als einen zentralen Aspekt in die Handlung mit hinein zu bringen. Immerhin spielen diese in den urbanen Legenden von Edinburgh eine große Rolle. Daher bieten sie sich für eine solche Geschichte natürlich sehr gut als Setting an.

Ein wenig schade fand ich es allerdings, dass das Edinburgh in diesem Buch scheinbar nur aus dem historischen Stadtkern besteht. Etwas anderes kommt praktisch gar nicht vor. Das ist schade, weil Edinburgh gesamt eine sehr schöne Stadt ist und natürlich auch schöne und interessante Wohngebiete hat.

Aufbau und Stil

Was ich leider an dem Buch kritisieren muss, ist der Aufbau, beziehungsweise das Pacing. Das Buch braucht unglaublich lange, bis es bei der eigentlichen Handlung ankommt. Auf den ersten 100 Seiten passieren schon Dinge, aber die Handlung kommt nicht wirklich ins Rollen. Der auslösende Moment der Handlung ist erst nach Seite 100.

Auch danach geht die Handlung sehr langsam voran. Das wird vor allem dadurch ausgelöst, dass die Handlung in drei sich abwechselnde Perspektiven (Erin, Lu, Noah) eingeteilt ist. Das Problem dabei ist, dass Noahs Handlung bis Seite 300 recht wenig mit dem Rest der Geschichte zu tun hat. Das macht seine Abschnitte sehr störend für den gesamten Verlauf des Buches, gerade da seine Handlung am langsamsten voran geht. Das führt zu dem Gefühl, dass die Handlung unterbrochen wird, um mal kurz zu schauen, was Noah gerade macht.

Dafür, dass die Handlung so lange braucht, passieren am Ende dann diverse Dinge viel zu schnell – teilweise auch ohne dass die Zusammenhänge genau erklärt werden. Es gibt in der zweiten Hälfte zum Beispiel einen Einbruch, der durch die Suche nach einem MacGuffin ausgelöst wird. Ein MacGuffin, dass Erin allerdings erst eine knappe Stunde vor dem Einbruch an sich gebracht hat. Woher die Antagonisten wussten, dass sie das MacGuffin hatte, wird nie erklärt.

Stilistisch lässt sich das Buch alles in allem recht gut lesen, auch wenn an einigen Stellen bestimmte Informationen unnötig häufig wiederholt werden. Einzig eine Sache ist sehr störend: Das Buch verwendet das Plusquamperfekt kategorisch nichts. Das ist schon bei Rückblenden störend, aber wirft wirklich aus dem Lesefluss, wenn ein Nebensatz durch Signalworte wie „seit“ oder „nachdem“ eigentlich das Plusquamperfekt erfordern würde.

Weltenbau

Leider lässt das Buch auch was Weltenbau angeht an vielen Stellen zu wünschen übrig. Dabei sind die Probleme vielseitig.

Beim Lesen wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Welt ein wenig zu sehr von Harry Potter inspiriert wurde – was durch wiederkehrende Referenzen zu Harry Potter nicht besser gemacht wird. Ähnlich wie bei dem großen Franchise, ist das wie und warum, wenn es um die Geheimhaltung der Magie geht, nur unzureichend erklärt. So gibt es Orte, die normale Menschen nicht sehen können, weil es halt so ist, und Magie ist geheimgehalten, weil Hexenverbrennung halt – auch wenn das impliziert, dass die Hexenverbrennung viele richtige Hexen erwischt hat und sich die Hexen nicht hätten dagegen wehren können. Das wird, erneut wie bei Harry Potter, auch zusätzlich als Begründung dafür genommen, dass Hexen auf Nicht-Hexen hinabsehen.

Gleichzeitig ist der Weltenbau auch furchtbar eurozentrisch. Die Magie ist in acht Arten eingeteilt: Kräutermagie, Gebräumagie, Tarotleger*innen, Runenmagie und die vier elementaren Magie-Arten. Die Darstellung in dem Buch ist, dass alle Hexen Zugriff auf eine dieser Magiearten haben (und nur auf eine, was treibender Konfliktpunkt der Handlung ist). Das Problem dabei ist, dass diese Magiearten alle europäischen Vorstellungen von Magie entsprechen und die Darstellung, dass Magie halt „so“ ist, gerade im Kontext von Urban Fantasy unangemessen sind. Immerhin sind Magieinterpretationen rund um die Welt sehr unterschiedlich und auch das Elementar-System mit vier Elementen ist rein europäisch.

Prinzipiell geht das Buch allgemein nicht darauf ein, wie die Welt außerhalb von Schottland, eigentlich außerhalb von Edinburgh aussieht. Leben die Hexen überall, wie in Edinburgh, in Höhlen? Wir wissen es nicht. Gerade in einer modernen vernetzten Welt, wäre so etwas interessant zu wissen.

Das gilt besonders, weil eine Art der Magie in der Geschichte – Runenmagie – in Sachen Wissen verloren gegangen ist. Das wirkt allerdings unglaubwürdig, nicht nur, weil es eine riesige Bibliothek gibt, auf die eingegangen wird. Wenn Magie offenbar schon lange schriftlich dokumentiert wurde, ist es nicht glaubwürdig, dass die Form von Magie verloren gegangen ist – vor allem da dies nun einmal überall hätte passieren müssen. Entsprechend hatte ich dort größere Probleme mit meiner „Suspension of Disbelief“.

Die Sache mit der Diversity

Was natürlich in diesem Weblog besprochen werden muss, ist die Sache zum Thema Diversity. Technisch gesehen ist das Buch, was das angeht, auch gar nicht so schlecht aufgestellt: Es gibt vier Hauptcharaktere (Erin, Lu, Noah und Kaito), von denen einer asiatisch und einer Schwarz ist, außerdem ist der schwarze Charakter gleichzeitig auch lesbisch.

Das Problem an der Sache ist, dass man erst einmal gar nicht erfährt, dass Lu Schwarz und dass Kaito asiatisch ist. Denn zu Beginn der Geschichte lernen wir Kaito als „Leo“ kennen, so dass der Name keinen Hinweis gibt. Beschrieben wird das Aussehen nicht genügend, um zu erahnen, dass der Charakter asiatisch ist. Referiert wird diese Tatsache auch nur einmal gegen Ende des Buchs. Dass Lu Schwarz ist, wird innerhalb des Buches wiederum zu keinem Zeitpunkt referenziert und ist rein dank über online veröffentlichte Charakterillustrationen bekannt.

Gleichzeitig ist eine einzelne single Lesbe eben auch nicht viel queere Repräsentation – umso mehr, wenn man das Ende des Buchs bedenkt. Doch dazu gleich mehr.

Triggerwarnungen

Es sollte nicht groß überraschen, da das Buch bei einem großen deutschen Verlag erschienen ist, aber das Buch verfügt natürlich über keine Triggerwarnungen, die darin vorkommen. Dies ist besonders ärgerlich, da dass Buch definitiv hätte Triggerwarnungen gebrauchen können – wie praktisch die meisten Bücher, die jedenfalls für Erwachsene erscheinen.
Daher kurz einen Überblick über einige die Trigger, die mir so ins Auge gefallen sind:

  • Gewalt (insbesondere Würgen)
  • Gewalt gegen Frauen
  • Folter
  • Hausbrand
  • Tod
  • Tod durch Feuer
  • Tod durch Ertrinken
  • Tod durch Krankheit
  • Tod eines queeren Charakters
  • Tod eines Schwarzen Charakters
  • Erwähnung von Krebs
  • Erwähnung sexuell übergriffigen Verhaltens
  • Erwähnung von Suizid

Das Ende

Dieser Abschnitt beinhaltet Spoiler für das Ende des Buches. Leider passieren dort Sachen, die dringend besprochen werden müssen. Wenn ihr nicht gespoilert werden wollt, springt zum Fazit weiter.

Das Ende dieses Buchs hat sehr viele Probleme. Wie schon angedeutet ist es vom Aufbau her so, dass die Handlung sehr lange braucht, um ins Rollen zu kommen. Dafür überschlagen sich auf den letzten ca. 40 Seiten die Ereignisse förmlich. Dabei nimmt die Qualität des Geschriebenen allerdings deutlich ab.

Ich musste ehrlich gesagt die Augen sehr stark verdrehen, als der Überraschungs-Antagonist einen ganzen Monolog über seine Motivation hält – halt wirklich dem Klischee entsprechend. Das wird auch nicht gelampshaded oder in irgendeiner Form kreativ aufbereitet, es ist wirklich ein klarer Bösewichtsmonolog. Dabei wirkt dieser auch inhaltlich nicht kohärent und wirkt teilweise so, als hätte ein*e Testleser*in oder das Lektorat gesagt: „Pass auf, der Bösewicht wirkt hier zu sympathisch.“ Denn im letzten Absatz des Monologs wendet sich die Motivation noch mal um mindestens 90°.

Was allerdings das Ende des Buches komplett versaut, ist der Tod von Lu. Wir erinnern uns: Lu ist der einzige Schwarze und auch der einzige queere Charakter. Allerdings stirbt sie nicht nur, sie opfert sich auch noch für einen weißen Charakter (der wahrscheinlich hetero ist), was das ganze noch schlimmer macht. Umso mehr, da Lu als Charakter keinerlei Motivation hat, diesen Charakter (Noah) zu retten, da die beiden keine Verbindung zueinander haben. Entsprechend wirkt ihre Motivation sich für ihn zu opfern nicht nachvollziehbar. Sprich: Es ist nicht nur extrem mies für die Repräsentation in dem Buch, es macht auch inhaltlich keinen nachvollziehbaren Sinn.

Davon abgesehen wirkt das Ende der Geschichte auch nicht wirklich wie ein Ende. Natürlich, es ist der erste Band, aber auch ein erster Band sollte in meinen Augen für sich stehen können und das tut dieses Buch nicht. Es schneidet einfach mitten Drin die Handlung ab, wie nach der ersten Folge einer Netflix-Serie. Keiner der Charaktere hat auch nur irgendwie ein abgeschlossenes Charakterarc und so für sich stehend funktioniert das Ende nicht.

Fazit

Alles in allem lässt sich denke ich herauslesen, dass mir das Buch nicht wirklich gefallen hat. Eigentlich sehr schade, denn der Mittelteil des Buchs eigentlich vielversprechend war und es geschafft hat Spannung aufzubauen.

Leider war es einfach gesamt nicht überzeugend. Da sind einfach zu große Probleme mit dem Aufbau. Es ist am Anfang unglaublich schwer in das Buch hineinzukommen, weil es zuerst keine nennenswerte Handlung gibt und auch die Motivationen der Figuren vor den Leser*innen geheimgehalten werden. Erst nach Seite 100 wird das Buch so wirklich interessant, nur um am Ende dann alles zu überhasten.

Nehmen wir dazu, dass das Buch in Sachen Repräsentation zwar versucht etwas zu bieten, aber viele problematische Tropes nicht umgeht, wird einem am Ende das Leseerlebnis deutlich verdorben, wenn man auf diese Dinge achtet.

Alles in allem keine Kauf-/Leseempfehlung von mir, selbst wenn ich wahrscheinlich Band 2 dennoch rezensieren werde.