Die fantastische Diversität von Netflix‘ Dragon Prince

Vor Kurzem kam die zweite Staffel der Netflix-Serie „The Dragon Prince“ heraus. Ein Thema, das sich im Hintergrund dieser Show durch die gesamte Serie zieht ist das Thema der Vielfältigkeit und der Einbeziehung verschiedenster sozialer, ethischer und sexueller Gruppen.

Im Weiteren werde ich das englische Wort „Diversity“ benutzen um über dieses Thema zu sprechen, da es auf wunderbare Weise gleich mehrere deutsche Wörter und Konzepte in sich vereinigen kann, die für diese Diskussion notwendig sind.

Denn diese „Diversity“ ist bemerkenswert und wichtig. Wichtig genug als das es seinen eigenen Blog-Eintrag verdient hat. An dieser Stelle ist es wichtig anzumerken, dass ich selbst als weißer cis-hetero Mann nicht selber von Diskriminierung betroffen bin, und mir hier nicht anmaßen möchte für irgendjemanden der es ist zu sprechen. Das Folgende ist nur meine persönliche Einstellung und Meinung zu dem Thema und soll auf keinen Fall Own Voices überdecken. (Anmerkung: Wir haben nach Own Voice Artikeln gesucht, bisher aber nur diesen gefunden. Wenn ihr noch welche kennt, sagt mir doch bei Twitter Bescheid!)

Warum ist „Diversity“ wichtig?

Da ich, wie gesagt, ein weißer, cishetero, ablebodied Mann und bin daher in unserer heutigen Welt deutlich privilegiert. Egal wie viele Fortschritte wir in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, sobald man auch nur eine der Variablen die ich gerade genannt habe verändert, ändert sich auch das Ansehen in der Gesellschaft, dass man zu erwarten hat.

Für viele, die es nicht betrifft, ist dies heutzutage teilweise nur schwer vorstellbar. Wir sind im 21 Jahrhundert, Rassismus, Sexismus und dergleichen ein Ding der Vergangenheit, nicht wahr? Leider nicht. Sie sind lediglich in den Hintergrund getreten, nicht mehr Salon-reif und dadurch nicht öffentlich ausgelebt – und selbst dies scheint sich mit dem aktuellen rechts-druck wieder zu ändern.

Rassismus, Sexismus und weitere Übel

Kaum einer kann bestreiten, dass Frauen auch heute im Beruf ein geringeres Gehalt bekommen als Männer, dies ist nachweisbarer Fakt. Schwerer zu belegen, aber nicht weniger wahr ist die Tatsache, dass Frauen im Beruf oft bei Beförderungen übergangen, oder ganz allgemein von ihren Kollegen nicht für voll genommen werden.

Rassismus ist in Deutschland seit dem Ende des 2. Weltkrieges verschrien, doch auch ihn kann man sehr schnell erleben, wenn man sich nur traut hinzusehen. Eine einzige Busfahrt reicht in vielen Fällen schon aus, und auch schon das Sehen einer anderen Person kann in einem eine instinktive Einordnung und Vorurteile auslösen, die die meisten Menschen lieber nicht genauer hinterfragen, oder sich auch nur eingestehen wollen. Die aktuelle Furcht vor dem Islam, und die vielen neuen Flüchtlinge im Land haben diesen Umstand wieder stärker ans Tageslicht gebracht, doch er war nie ganz weg.

Noch viel offener wird mit Vorurteilen gegenüber anderen sexuellen oder geschlechtlichen Einordnungen umgegangen. Homosexualität und Trans-Personen beispielsweise sorgen dafür, dass vielen Menschen unwohl wird, oder die Begriffe werden gar als Beleidigungen benutzt.

Der Mensch fürchtet, was er nicht versteht. Er sucht nach Gemeinsamkeiten um sich sicher zu fühlen, und nach Abweichungen um sich abzugrenzen. Sexismus, Rassismus, Homophobie, all dies ist selbst heutzutage noch vorhanden, und es schadet uns allen. Doch solange wir die Mythen, die Missinformationen und Vorurteile über diese Gruppen weiterverbreiten, sie als „Andere“ verschreien und sie aus unserem täglichen Leben uns heraus denken, solange wird sich daran leider auch nicht viel ändern.

Die Rolle der Medien

Medien spielen eine zentrale Rolle in diesem Konflikt. Gerade in unserer heutigen, von den Medien durchzogenen Welt nehmen wir alle einen unglaublich großen Anteil unseres Wissens, und damit auch unserer Meinungen aus den Medien. Leider ist es so, dass solche eher wenig privilegierten Gruppen in unseren Medien entweder nicht vorkommen, oder als Witz verwendet werden. Oft genug wird dabei mit exakt den Vorurteilen gespielt, die in der Gesellschaft bereits vorhanden sind, und auf diese Weise leider auch weiter propagiert.

Wie viele Bücher kennt ihr, die beispielsweise in amerikanischen Großstätten angesiedelt sind, jedoch kaum oder gar keine dunkelhäutige Figuren aufweisen? Wie viele Filme sind an exotischen Schauplätzen gedreht, und zeigen doch „weiße“ Schauspieler in den Hauptrollen? Wie oft sind die einzigen schwulen Charaktere, PoC Charaktere o.Ä. am Ende die Antagonisten einer Geschichte, oder generell als schlechte Menschen dargestellt?

Kaum eine Person aus diesen unterprivilegierten Gruppen kann in den Medien positive Beispiele für sich finden, Figuren die dieselben Gefühle oder Umstände durchlebt wie sie selber, und die als Vorbilder dienen könnten. Stattdessen sehen sie sich oft als Opfer dargestellt, oder gar Schlimmeres.
Was jedoch helfen könnte, diese Gruppen nicht mehr als „die Anderen“ zu sehen, ist ihre neutrale, oder sogar positive Darstellung in Medien, seien es Bücher, Filme oder eben eine Fernseh-Sendung.

Positive Beispiele für „Diversity“ in modernen Medien

Seit einigen Jahren findet das Thema „Diversity“ langsam Einzug in Serien und anderen Medien.
Als nickelodeons „The Legend of Korra“ mit einem offiziellen gleichgeschlechtlichem Paar endete, war dies ein großer Schritt vorwärts. Bücherreihen wie Rick Riordans „Magnus Chase“ beinhalten viele Charaktere mit unterschiedlichen Ethnien, psychischen oder physischen Einschränkungen oder religiösen bzw. sexuellen Einstellungen und Serien wie Rebecca Sugars „Steven Universe“ zeigen in kaum verhohlenen Subtext funktionierende und glückliche homosexuelle Beziehungen. In dieselbe – bitter benötigte – Kerbe schlägt nun auch Aaron Ehaszs und Justin Richmonds „The Dragon Prince“.

Oft hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang die Plattform „Netflix“, die einen sehr guten Ruf für Repräsentation und „Diversity“ genießt. Laut einer Presse E-Mail der Plattform, können sie es sich – anders als ihre Konkurrenz – erlauben vielschichtige und „gewagte“ Geschichten aus allerlei verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen, da sie als Webseite nicht in der Anzahl ihrer Sendeslots eingeschränkt sind, oder sich auf das Wohlwollen von Werbeagenturen verlassen müssen. Gerade der letzte Punkt hilft sich vor Augen zu führen, wie sehr die Benachteiligung dieser Personengruppen im aktuellen Alltag verankert ist, und welche unerwarteten Steine einem in den Weg gelegt werden, wenn man versucht dies zu ändern.

The Dragon Prince

Die Serie spielt in einer Fantasy-Welt, wo sich gerade ein Krieg zwischen den Königreichen der Menschen (im Westen des Kontinents angesiedelt) und den Elfen (die den Osten bewohnen) zusammenbraut. Sie folgt den Abenteuern einer kleinen Gruppe an Teenagern, die sich verzweifelt bemühen den kommenden Konflikt doch noch zu verhindern, indem sie das gestohlene Ei des verstorbenen Drachenkönigs (dessen Ermordung den ganzen Konflikt ausgelöst hat) zu dessen Mutter zurückbringen.

Die Serie erzählt eine gute Geschichte, und wenn man nicht darauf achtet, könnte man den wahren Grund, warum ich sie als so wichtig ansehe, durchaus nicht einmal bewusst wahrnehmen. Überall ist Repräsentation und „Diversity“. Überall.

Ethnien und Rassismus in „The Dragon Prince

Die Menschen die dargestellt werden, kommen in allen möglichen Hautfarben, und existieren ganz normal neben einander. Selbst die beiden Halbbrüder, aus deren Sicht ein Großteil der Geschichte erzählt wird, haben deutlich unterschiedliche Hautfarben. Der junge Prinz Ezran ist – wie auch sein Vater der König – von deutlich dunkler Hautfarbe, während Ezrans älterer Halbbruder Callum einen hellen Hautton besitzt.

Die Serie geht nicht näher darauf ein, doch das muss sie auch gar nicht. Menschen verschiedenster Hautfarben, die ganz selbstverständlich nebeneinander wohnen, leben und arbeiten sind für sich schon ein deutliches Symbol. Sie zeigen, dass es in dieser Welt als etwas völlig normales angesehen wird, nichts an das man sich stören solle, ja nicht einmal der Erwähnung wert. Zusätzlich dazu werden mehrere Charaktere mit dunkler Hautfarbe als gute Menschen charakterisiert, ja sogar als Vorbilder aufgebaut.

All dies hält die Serie jedoch nicht davon ab, Rassismus zu thematisieren und zu kritisieren.

Als die beiden Prinzen das erste Mal auf die Elfe Rayla treffen, und auch als sie schon eine ganze Weile mit ihr zusammen reisen, müssen die beiden erkennen, dass vieles von dem, was sie über Elfen zu wissen glaubten nur negative Vorurteile und Stereotypen sind. Vorurteile, die in einigen Episoden direkt angesprochen werden, für Konflikt sorgen und widerlegt werden.

Frauenfiguren in „The Dragon Prince

Darüber hinaus weis „The Dragon Prince“ mit vielen gut geschriebenen Frauenfiguren zu überzeugen, und achtet bei den handelnden Gruppen ebenso auf ein gutes Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Charakteren.Unsere Hauptcharaktere sind in einer Gruppe von erst zwei Jungs, einem Mädchen, und später mit zwei Jungs, zwei Mädchen unterwegs. Eine andere Gruppe, deren Handlungen wir gelegentlich folgen ist ebenfalls ausgeglichen mit einem Jungen und einem Mädchen.

Selbst im Hintergrund, wie beispielsweise in den Soldaten des Königreiches, wo die Handlung spielt, findet sich eine ganze Reihe an weiblichen Soldaten in den Reihen (auch wenn hier die Verteilung eher bei 2:1 zu liegen scheint). Diese weiblichen Charaktere wirken durchweg kompetent und intelligent, in keiner Weise ihren männlichen Kollegen unterlegen, oder von ihnen nicht für voll genommen. Von unserer Hauptgruppe ist Rayla sogar die einzige explizit physische Kämpferin, und verdammt gut in dieser Rolle, und die Anführerin der Soldaten, General Amaya ist mindestens ebenso beeindruckend.

Dies bezieht sich nicht nur auf Amayas exzellenten physischen Eigenschaften, sondern auch auf den Umgang mit ihrer physischen Einschränkung. Amaya ist taub, und dadurch auch nicht in der Lage zu sprechen. Stattdessen benutzen sie und einige ihrer Soldaten Zeichensprache (spezifisch ASL), die uns an wichtigen Stellen zum Großteil von ihrem Leutnant Gren übersetzt wird. Sie ist einfach nur ein toller Charakter, und (zusammen mit Hearthstone aus Rick Riordans Magnus Chase Reihe) eine der besten Darstellungen eines taubstummen Charakters, die ich je gesehen habe.

Darstellung von Disability

Amaya ist jedoch nicht der einzige physisch eingeschränkte Charakter in der Serie. Neben ihr werden uns noch Charaktere wie der Wolf Ava und der Kapitän Villad vorgestellt.

Ava ist ein Wolf, der als Welpe in eine Falle getreten ist, und von Menschen befreit und adoptiert wurde. Leider verheilte ihr Bein nicht richtig, und musste Amputiert werden. Sie und ihre Herrin Ellis erhalten einen eigenen kurzen Arc über den Umgang mit Amputation, der Akzeptanz der Umwelt, und der Einsatzfähigkeit im Alltag. Kapitän Villad auf der anderen Seite ist blind, hat aber ein ausreichend gutes Gespür für den Wind (und einen hilfreichen Gehilfen in seinem sprechenden Vogel) um dennoch weiterhin zur See fahren zu können.

Wichtig hierbei ist, das die Serie bei keinem der Charaktere dem Trope anheimfällt, die Einschränkungen der Charaktere durch magische Mittel zu überkompensieren, und sie damit von Nachteilen in Vorteile zu verwandeln (wie etwa die seismische „Sicht“ von Toph in „Avatar“). Stattdessen bleiben die Disabilities alle weiterhin Disabilities, die Charaktere haben nur alle auf ihre weise gelernt damit klar zu kommen, und weiterhin aktive Leben zu führen.

Darstellung von LGBT+ und Trauma

Auch noch viele andere Themen werden in dieser Serie thematisiert, die in den meisten anderen Medien oft übergangen, oder bewusst vermieden werden. So berichtet ein Charakter in der zweiten Staffel über die Schwierigkeiten und das emotionale Trauma, das das ewige Streiten und schließlich die Scheidung ihrer Eltern ihr zugefügt hat.

Ein anderer Charakter versucht mit der Wahrheit klar zu kommen, das eine Verletzung ihn wohl fürs Leben paralysiert hat, und er nie wieder laufen können wird. An anderer Stelle wird auf LGBT+ eingegangen, und wir sehen ein glücklich verheiratetes lesbisches Paar, das gemeinsam eine Tochter großzieht und sich sogar offen küssen darf (eine zuvor harte Grenze an der selbst Legend of Korra noch gescheitert ist).

All diese Themen werden angesprochen und thematisiert, ohne das je wirklich der Fokus auf sie gelegt, oder mit dem imaginären Finger gewunken wird. Sie alle werden nahtlos in die Geschichte eingefügt, als normaler Teil des Lebens und der Gesellschaft präsentiert, und damit – zumindest meiner Meinung nach – als positives Beispiel fast noch mehr zementiert als wenn sie spezifisch hervor gehoben worden wären.

Fazit

Persönlich halte ich den Umgang mit marginalisierten Gruppen in „The Dragon Prince“ als ziemlich gut gehandhabt. Denn die Serie betont vor allem einen Umstand: keine von diesen Gruppen und Betroffenen ist „unnormal“; da ist Nichts, dass man verstecken müsse, für das man sich schämen müsse, oder an dem man Anstoß nehmen sollte. Und es so repräsentiert zu sehen, solche potentiellen Vorbildfiguren als Teil der normalen Gesellschaft zu sehen, und dem Zuschauer zu vermitteln: „all dies ist normal, nichts seltsames, nichts schlechtes“, das sehe ich als eine der größten Stärken dieser Serie an, und sind einer der Hauptgründe, warum ich die Serie so sehr mag.

Dicke Empfehlung von meiner Seite, und ich hoffe, das weitere Serien, Bücher und Filme diesem Beispiel folgen werden!

Das Artikelbild wurde von Marco Uberti aufgenommen und auf WikiCommons unter der CC3.0 Lizenz zur Verfügung gestellt.