Appmon – Digimon, Gender und Repräsentation

Viele deutsche Animefans kennen aus ihrer Kindheit noch Digimon. Auch für mich ist es das Franchise gewesen, das meine Kindheit wie kein anderes definiert hat. Allerdings ist es auch ein Franchise, das für mich kritisch betrachtet sehr durchwachsen ist. Lange Zeit hätte ich abseits von Digimon Tamers keine der Serien empfohlen – doch mit Staffel 7, Digimon Universe: Applimonsters, oder kurz einfach Appmon änderte sich das. Der Hauptgrund: Die Charaktere und die Dekonstruktion von Gender-Stereotypen.

Auch als großer Fan des Franchises mache ich mir nichts vor: Digimon ist speziell im Anime nicht besonders gut, wenn es um variable Genderdarstellungen geht. Wir haben meistens einen männlichen, hitzköpfigen Anführer mit kurzer Lunte, einen oftmals ebenso aggressiven, gefühlsmäßig unterkühlten Rivalen und irgendein sehr klischeehaftes Mädchen, das häufig von irgendetwas pinkem oder violettem begleitet wird und in Kämpfen wenig beitragen kann. Sicher, es gab Digimon Tamers, die eine Staffel, die bisher wagte, diese Klischees zu verkehren, und ein paar der Videospiele, doch alles in allem wirkte Digimon im Herzen noch immer wie eine Serie der 90er.

Und dann startete 2016 die sechste Staffel der Serie: Digimon Universe Applimonsters kurz Appmon genannt. Die Serie hatte sich, in der Hoffnung auf den Hype rund um Yokai Watch aufbauen zu können, den Serienautor Kato Yoichi angeheuert und dieser hatte einen Plan. Schon in Interviews wurde angekündigt, ja, die Serie solle anders werden, wenn es zu den Charakteren kam. Haru, der erste Digimon-Held, in dessen Namen kein Ta-Hiragana gelesen werden konnte, sollte ein ganz anderer Held werden. Üblicher Werbekram? Dachte ich, doch dann kam die Serie.

Die Handlung der Serie

An dieser Stelle fühle ich mich verpflichtet, ein wenig über die Handlung der Serie zu reden, damit ihr nicht gänzlich verloren vor eurem Bildschirm sitzt. Die Serie folgt Haru, einem introvertierten, bibliophilen Jungen. Er ist das absolute Gegenteil seines einzigen und besten Freundes Yuujin, der Fußballspieler und Klassenheld ist. Eines Tages erhält er ein seltsames Gerät, ein AppliDrive, und ein noch seltsameres Katzenwesen erscheint ihm. Gatchmon. Haru ist als AppliDriver auserwählt, gegen die böse A.I. Leviathan zu kämpfen. Natürlich kann er das nicht allein.

Daher ist seine erste Aufgabe, die anderen AppliDriver zu finden, die sich als Karan Eri, ein angehendes Idol, und der bekannte, junge Apptuber Astra herausstellen. Und dann ist da noch Rei, ein mysteriöser Hacker, der offenbar auf der Suche nach seinem kleinen Bruder Hajime ist. Auf einmal befindet sich Haru in der Mitte eines Abenteuers. Dabei wollte er eigentlich nie ein Held sein, doch die Hoffnung ein wenig mehr wie Yuujin zu werden, treibt ihn an …

Umgedrehte Stereotypen

Was bei Appmon direkt auffiel, noch bevor irgendwelche Folgen herausgekommen waren, war die Aufteilung der Partner. Während Digimon normalerweise einem Muster folgte, wurde dies hier komplett durchbrochen. Denn normalerweise bekam der Held ein Reptil, der Rivale eine hunde- oder wolfsähnliches Digimon, das Mädchen einen Vogel oder eine Pflanze, eventuell ein Tier. Nicht bei Appmon. Hier hat Eri das typische Drachen-Digimon, gemeinsam mit Rivalen Rei. Haru wird von dem normal mädchentypischen Katzendigimon begleitet.

Doch das ist nicht der einzige Punkt, wo Appmon mit Erwartungen bricht. Denn auch ansonsten wird einiges verdreht, speziell wenn wir von den oftmals stark in klassische Genderklischees fallende Shonen-Anime ausgehen. Haru ist dabei das stärkste Beispiel. Denn er ist ein sanftmütiger, zurückhaltender, emotionaler Junge, der zwischenzeitlich neurodivers gecoded herüberkommt. Er ist als Held zurückhaltend.

Das zeigt sich schon im Opening. Hier sehen wir ihn lesend in schwarz-weiß und von der restlichen Welt abgetrennt, während nur der beste Freund Yuujin die Fähigkeit hat, zu ihm durchzudringen. Selbst die anderen Charaktere oder Ai, das Mädchen, in das Haru am Anfang verknallt ist, haben diese Fähigkeit nicht.

Ein interessanter Cast

Es ist jedoch nicht nur Haru. Auch Eri war ein Charakter, der sehr überraschen konnte. Als der Charakter als Idol angekündigt wurde, habe ich Angst bekommen (aus einem Grund, der ein eigenes Thema verdient), doch vollkommen umsonst. Eri ist gleichzeitig eine der interessantesten und vielschichtigsten Idol-Darstellungen, die ich gesehen habe. Sie ist ein extrem weibliches Mädchen, das jedoch auch Karate betreibt und im Notfall selbst in einen Kampf einschreiten kann. Später in der Serie sind ihre Interaktionen mit Ai eine der süßesten Aspekte der Serie. Auch zeigt ihr Arc die guten Seiten des Idol-Darseins, ebenso wie die Schattenseiten.

Astra ist ein Kind und wird vorrangig im Rahmen seiner Kindlichkeit, weniger seines Genders betrachtet. Dafür spielt in seinem Charakterarc das Entgegensetzen von traditionellen japanischen Erwartungen gegen seine eigene Persönlichkeit und seine eigenen Wünsche und Träume eine große Rolle – und wenngleich teilweise auf übertriebene Art, werden diese Konflikte tatsächlich ausgespielt.

Und dann haben wir noch Rei, der auf den ersten Blick eher wie der typische Rivale auftaucht. Er ist emotional kühl, entschlossen, hyperkompetent und will keine Verbindung. Doch kaum, dass wir mehr von ihm erfahren, sehen wir auch andere Seiten. Denn ja, während er oberflächlich beinahe toxisch männlich daher kommt, sehen wir ihn später als liebevolle Ersatzmutter (und ja, die Serie codiert ihn eher mütterlich, als väterlich) für seinen Bruder. Sein Hobby? Kochen und Backen, wofür ihm die Serie, um einen deutlichen Kontrast zu seiner üblichen Persona zu zeigen, eine blassrosane, gerüschte Schürze anzieht.

Gender ist ein Spektrum

Allgemein merkt man bei Appmon nicht nur, wie die Charaktere unglaublich detailliert ausgearbeitet worden sind, sondern auch, dass bei der Produktion das Thema „Gender“ und „Genderpräsentation“ eine Rolle spielte. Denn jeder der Charaktere wird bewusst und betont mit einer Mischung von Aspekten, die für gewöhnlich einem Gender zugeordnet werden würden, dargestellt. Ja, Haru, der Protagonist, zeigt in vielen Folgen sogar mehr klassisch weiblich gelesene Eigenschaften.

Das wirklich schöne daran ist, dass die Serie sich darüber auch nicht lustig macht. Die Charaktere existieren einfach wie sie sind. Etwaiger Humor passiert meistens durch Astra, der generell ein wenig „Klassenclown“ ist und natürlich durch die Appmon selbst. Oh, und durch einen Hintergrundcharakter, der nicht einmal einen Namen hat, aber beinahe jede Folge vorkommt. Die Charaktere können entwickeln, haben ihre Probleme, die mal ernster, mal weniger ernst sind.

Der Elefant im Raum

Dann ist da allerdings auch noch der Elefant im Raum. Denn die Serie hat nicht nur einen erfrischend anderen Umgang mit Gender, sondern tatsächlich auch etwas, was selten in Kinder-Anime, speziell Anime für Jungs, gesehen ist: LGBTQ*-Repräsentation. Nun, zumindest auf derselben Art, wie Legend of Korra es hatte.

Denn innerhalb der Serie wird recht schnell klar, dass Haru, selbst wenn er angeblich einen Crush auf Ai hat, mit jemand anderen eine ganz andere, besondere Verbindung hat. Mit Yuujin, seinem besten Freund. Wann auch immer wir die beiden sehen, scheint da etwas zu sein. Etwas, dass sogar die anderen Charaktere bemerken. Sowohl Eri, als auch Gatchmon, bemerken, dass die beiden sich mehr wie ein Paar aufführen, auf Nachmittagsausflügen wie auf einem Date.

Nun, Digimon war dem Konzept des Queerbaitings nie abgeneigt, insofern musste es nicht viel heißen. Doch dann kommt die zweite Hälfte der Serie – und ein paar Aspekte werden immer mehr in den Vordergrund gerückt.

An dieser Stelle möchte ich euch nichts vormachen: Nein. Wir sehen keinen Kuss. Wir hören kein komplettes Geständnis. Doch es war genug, um selbst einige homophobe Fans in englischen Communities zugeben zu lassen, dass zumindest Harus Gefühle kanonisch sind, und ja, sogar auch, dass dieses Paar ein ziemlich gutes ist.

Nichts ist perfekt

Ich mache euch an dieser Stelle nichts vor: Appmon ist keine perfekte Serie. Rein qualitativ kann es mit Digimon Tamers nicht mithalten und auch bezüglich Digimon Savers kann man sich streiten. Während Appmon deutlich bessere Charaktere hat, hat Savers eine durchgehende Story. Denn Appmon ist – das sollte man deutlich sagen – sehr episodisch erzählt. Auch die Handlungsstränge, die es gibt, werden nicht alle zufriedenstellend aufgelöst. Dankbarerweise gilt dies für die Haupthandlung jedoch nicht.

Allerdings muss ich sagen, dass ich bei der Serie, auch wenn viele der Folgen letzten Endes Filler in verschiedenen Flavors waren, beinahe jede Folge genossen. Nicht zuletzt, weil die Serie einfach alles in allem unglaublich positiv ist. Während es zwar auch eine warnende Nachricht über Kapitalismus, Konsumkultur und K.I. enthält, so ist der größere Faktor doch darauf, Kindern zu zeigen, dass sich frei entwickeln können.

Und ja, zugegebenermaßen hätte ich mich gefreut, hätten wir neben Eri noch einen weiteren weiblichen Hauptcharakter gehabt, anstatt ein Team mit vier Jungs und einem Mädchen. Doch da die Jungs so divers und Eri so unklischeehaft dargestellt war, konnte ich darüber in dieser Serie deutlich leichter hinweg sehen, als in anderen Staffeln Digimons, bei denen es ähnlich aussah.

Eine Empfehlung

Ich weiß, Appmon schreckt viele alte Fans von Digimon ab. Der Animationsstil schreckt nicht zuletzt mit den komplett CGI-animierten Kämpfen viele Leute ab, und auch die verhältnismäßig bunten Charakterdesigns sind nicht jedermanns Sache. Dennoch möchte ich die Serie jedem ans Herz legen, der sich bei den oberen Beschreibungen dachte: „Ja, so etwas wollte ich schon immer mal sehen.“

Leider ist man im Moment gezwungen, den Anime auf japanisch zu konsumieren, da eine westliche Veröffentlichung aktuell nicht geplant scheint. Selbst die ursprünglich angedachte italienische Veröffentlichung scheint es nicht gegeben zu haben. Doch das ist ein Grund mehr, auf den Anime aufmerksam zu machen – in der Hoffnung, dass sich zumindest ein Streamingservice wie Netflix erbarmt, den Anime eventuell irgendwann einmal mit Untertiteln auch im Westen bereit zu stellen.

Ach ja. Eine Sache noch: Solltet ihr Kinder haben, die sprachlich die nötigen Fähigkeiten haben, diese Serie zu konsumieren, erlaubt es ihnen ruhig. Ich würde diese Serie problemlos für Kinder ab etwa 7 oder 8 Jahren geeignet halten. Nur darunter wird es wenigstens im letzten fünftel der Serie vielleicht kritisch. Wenn ihr genaueres wissen wollt, fragt einfach nach.

Das Beitragsbild ist selbst aufgenommen worden.