Phantastik – aber anders

Ich habe letztes Jahr mehr als einen Beitrag auf Twitter gelesen, der etwa so etwas schrieb: „Ich mag Fantasy ja vom Konzept her, aber irgendwie ist alles so langweilig.“ Und das ist eigentlich ein wunderbarer Ausgangspunkt, um einen Beitrag zu schreiben, den ich eh für diesen Januar geplant hatte. Denn ich habe mein letztes Jahr mit einem Experiment verbracht.

Als Lesen keinen Spaß mehr machte

Ich war immer Fantasy-Leser. Es gab einfach kein Genre, dass mir so viel Spaß machte, wie Fantasy. Die Feststellung, dass der Spaß verloren ging, war allerdings schon lange da. Während ich als Teenager unsere Bibliothek zu großen Teilen einfach las, weil es nun einmal da war (außer Hohlbein, da das einfach nie Spaß machte), war der Spaß relativ früh verloren gegangen. Ich konnte es damals nicht mit Worten ausdrücken. Ich habe nicht verstanden, warum es problematisch war. Aber mich hat es genervt, dass so viel Fantasy in mittelalterlichen, europäischen Welten spielte, dass immer wieder Elfen und Zwerge und Orks vorkamen und dass immer wieder Könige eine so große Rolle spielten.

Ja, es gab Ausnahmen, wie die Hexer-Reihe, die mir damals schon enormen Spaß bereitet hat, doch allgemein langweilte mich das Genre. Ich wünschte mir Geschichten, die vielleicht auch einmal Inspiration aus anderen Ländern der Welt, als Zentraleuropa, nahmen. Geschichten, die vielleicht auch mal weibliche Heldinnen hatten, ohne dass diese gleich eine Romanze hätten. Geschichten, die nicht den üblichen Aufbau klassischer Geschichten samt „wahren König“ hätten. Geschichten, die einmal komplett „andere“ Helden haben. Aber irgendwie …

Es war einer der Gründe, warum ich Urban Fantasy anfing zu lesen. Immerhin gab es da weibliche Heldinnen. Und ein wenig mehr Abwechselung. Doch selbst da verlor ich nach und nach den Spaß bei Büchern über die zwanzigste weiße, definitiv heterosexuelle Heldin in einer amerikanischen Stadt, die irgendwie mit Vampiren und/oder Werwölfen zu tun hatte. Ich las die „Vampires in Louisiana“ Reihe zu Ende und danach … nun, hörte ich irgendwie auf. Hatte ja auch genug Sachbücher für die Uni zu lesen oder für eigene Hobbys.

Ein Buch und eine Eröffnung

Es war mehr durch Zufall, dass ich über Rebecca Roanhorse stolperte. Ich weiß gar nicht mehr wie oder wo. Irgendwo wurde davon gesprochen, dass „demnächst“ dieses Navajo-Urban Fantasy Buch herauskommen würde. Gut, Urban Fantasy mochte ich weiterhin, Navajo klingt definitiv mal nach was anderem, also habe ich es mir gekauft. „The Trail of Lightning“. In vielerlei Hinsicht waren diverse Dinge, wie man es von Urban Fantasy erwartet – aber eben doch anders. Allein dadurch, dass die Charaktere einer anderen Kultur angehörten, dass sie eine andere Weltsicht hatten und dass das Magiesystem nicht eurozentrisch war, war es einfach viel interessanter.

Ich mein, sicher, ein wenig finde ich es noch immer seltsam, dass die Reihe unter „Urban Fantasy“ läuft, da sie weder in einem urbanen Gebiet, noch in einem Jetztzeit Setting spielt (sondern Post-Apokalypse ist), aber es war einfach etwas anderes. Etwas, dass spannender war, als die vielen, vielen immer irgendwie gleichen Heldinnen mit ihren immer irgendwie doch sehr ähnlichen Geschichten und ihren immer irgendwie ähnlichen männlichen Love Interests, die ich bisher gelesen hatte.

Und vielleicht, so dachte ich mir, kann ich ja tatsächlich mehr Bücher finden, die irgendwie „anders“ sind, wenn ich gezielt nach Bücher von und über marginalisierte Gruppen im Fantasy Genre suche.

The Illustrated Page

Nun, wo aber nun diese diversen Geschichten finden? Ich hatte mal versucht bei Reddit zu fragen, doch entweder wird einem dort dieselbe Excel-Tabelle verlinkt, in der man raten kann, ob ausgewählte Charaktere wichtig für die Geschichte sind … oder man darf bei den Vorschlägen raten, ob dies der Fall ist. Denn, nun, jedes Mal wenn ich nach „diversem Fantasy“ frage, gibt es garantiert jemanden, der mir die Dresden Files (eine Reihe mit bimisisch dargestellten Antagonist*innen, genau einem schwarzen Charakter und einem jüdischen Charakter und ansonsten nur weißer Leute, siehe Review) oder die Kingkiller Chroniken (wo alle weiß sind) empfiehlt. Also … nun, es ist nicht die beste Quelle dahingehend.

Dankbarerweise fiel ich genau dank einem verlinkten Review zu „The Trail of Lightning“ über einen Blog: „The Illustrated Page“. Ein Blog, der genau darum handelt: Über Fantasy und Science Fiction, die Diversity beinhaltet und/oder von diversen (wenngleich vornehmlich queerer) Autor*innen geschrieben wurde. Bücher der Art wurden hier vorgestellt – und im Juli ging dann ein Beitrag besonderer Natur online, als die Blogbetreiberin angefangen hatte genau dafür eine suchbare Datenbank zusammenzustellen.

Reading Diverse

Ich habe 2019 noch immer nicht so viel gelesen, wie ich es einmal gemacht habe. Allerdings sei eben auch gesagt, dass zwischen Arbeit, Masterarbeit, diesem Blog und meinen eigenen Büchern eben nur so viel Zeit zum Lesen blieb. Aber ich habe mehr gelesen, als ich es seit 2014 getan hatte – jedenfalls mehr Unterhaltungsliteratur. Das meiste davon eben mit diversem Cast und vieles auch von Autor*innen aus marginalisierten Gruppen. Und ich kann euch sagen: Jedes der Bücher, dass ich so gelesen habe, hat mit diversen der üblichen, für viele langweiligen und nun einmal durch eine oftmals sehr eurozentrisch (um nicht zu sagen koloniale) Tropen gebrochen. Und das hat echt geholfen, mehr Lust aufs Lesen zu machen.

Deswegen ein ernstgemeinter Tipp für euch, gerade wenn ihr das Gefühl habt, ein wenig die Freude an einem Genre verloren zu haben: Sucht nach diversen Geschichten in dem Genre. Nach Geschichten, die aus einer anderen Perspektive geschrieben wurden, als die, die ihr normal so lest. Dank dem Internet, dank Indie- und Self-Publishern ist das Angebot groß an Büchern, die von dem, was ihr im örtlichen Thalia wahrscheinlich findet, stark abweicht und weit weniger diese Gefühle von „habe ich in der Art schon 20 Mal gelesen“ auslöst.

Übrigens: Das gilt auch wenn ihr mit euren Kindern lest, solltet ihr denn welche haben. Diese sind von den alten Tropen vielleicht nicht so stark gelangweilt, wie ihr, doch einmal ehrlich: Brauchen sie überhaupt noch die Weltsicht mit wahren Königen, altem Blutserbe und eurozentrischer Weltsicht?

Diversity Reading Challenge

An dieser Stelle möchte ich auf Amalias Diversity Reading Challenge aufmerksam machen. Hier geht es um prinzipiell dasselbe: Lest dieses Jahr mehr diverse Bücher aus dem Bereich der Phantastik. Bei ihr findet ihr eine Liste diverser auf Deutsch erschienener Bücher aus dem Bereich der Phantastik – sowohl deutscher Autor*innen, als auch fremdsprachiger Bücher, die ins Deutsche übersetzt worden. Schaut doch einmal vorbei.

Meine Diversity Reviews 2019

Kurz zum Abschluss noch die Bücher, die ich 2019 in dem Kontext reviewt habe – ich habe mehr gelesen, bin aber aus dem ein oder anderen Grund nicht dazu gekommen, sie zu reviewn oder habe es bisher nicht gemacht, da ich nur das Hörbuch besitze. Aber vielleicht interessieren euch die Reviews.

  • The Arcadia Project von Mishell Baker: Aka die Buchreihe, über die ich das ganze letzte Jahr gelabert habe, da ich sie im Frühjahr entdeckte und mich verliebt habe. Für mich einfach die perfekten Bücher. Urban Fantasy meets Portal Fantasy und ein massiv diverses Cast.
  • The Root von Na’amen Gobert Tilahun: Noch ein Buch, dass Portal und Urban Fantasy mischt. Erneut sehr divers, selbst wenn etwas verwirrend geschrieben.
  • Zoo City von Lauren Beukes: Ebenfalls ein relativ diverses Buch, das in Südafrika angesiedelt ist. Tbh merkt man allerdings schon, dass die Autorin eine weiße cis Frau ist, wenn es um ihren Umgang mit bestimmten Themen geht.