Das Problem der Unterdrückungsmetapher

Es gibt einen Trope in den Medien, der ist wahrscheinlich fast so alt, wie die Geschichtserzählung selbst, hat aber in die heutige Zeit vor allem mit den X-Men in den 60ern Einzug gehalten. Da dieser Trope aktuell wieder viel diskutiert wird, möchte ich ein wenig darüber diskutieren, wie wir damit umgehen.

Der Trope, von dem ich rede, ist die „Unterdrückungsmetapher“. Gemeint sind Medien, in denen eine bestimmte Gruppe unterdrückt wird, allerdings nicht aufgrund üblicher in der realen Welt zur Grundlage dienender Unterscheidungsmerkmale, sondern eigener. Kurzum: Es geht um fiktionalen „Rassismus“ und ähnliches.

Bekannte Beispiele

Das bekannteste Beispiel für diesen Trope ist, wie Eingangs schon gesagt „X-Men“. Als X-Men erfunden wurde, war es eine – wie Deadpool es ausdrückte – nur dünn verhüllte Metapher für das Civil Rights Movement. Die Mutanten wurden diskriminiert, wie es damals (bis heute) auch für PoC, speziell BPoC in den USA galt. Entsprechend brachten Kirby und Lee mit den X-Men damals diesen Kampf in ihr fiktionales Universum ein.

Auch Disneys Zootopia benutzte diese Metaphern auf verschiedene Arten. Zum einen gab es eine Unterdrückung von großen Tieren zu Kleintieren in bestimmten Berufen – etwas, das deutlich Sexismus spiegeln sollte. Zum anderen gab es aber auch Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Raubtieren durch die die Mehrheit ausmachenden Beutetiere. Diskriminierung, die durch die Handlung des Films verschlimmert wurde.

Als letztes aktuelles Beispiel möchte ich Detroit: Becoming Human nennen. Wer denkt, dass die Metapher in X-Men dünn verschleiert ist, kennt das Spiel nicht. Androiden fahren hinten im Bus, es gibt eine „Underground Railroad“ nach Kanada und auch ansonsten ist es recht offensichtlich, dass die Androiden Stand-Ins für PoC, speziell BPoC sind. Dabei vermischt das Spiel sowohl die Themen rund um Sklaverei, als auch das Civil Rights Movement.

In der Theorie

Diese Beispiele sind natürlich nur ein paar von vielen, jedoch die, auf die ich mich hier beschränken möchte.

Die Theorie, die hinter der Entscheidung steht, diese Themen als Metapher anzusprechen, ist recht klar. Indem man politische Themen in einer oft fiktionalen Welt bespricht, sie metaphorisch darstellt, wirkt es weniger politisch. Entsprechend ist die Hoffnung nicht zuletzt, damit an Vernunft oder Empathie appellieren zu können.

Speziell bei den Unterdrückungsmetaphern sind halt Menschen oder auch Nicht-Menschen jeder Art betroffen. Entweder gibt es gar keine Hautfarben oder die unterdrückte Gruppe (Hallo, Originale X-Men!) ist vorrangig weiß. Die Geschichten haben hier einen oftmals appellierenden Aspekt. Frei nach dem Motto: „Du musst doch sehen, dass das falsch ist, oder? Guckst du, der Charakter sieht aus, wie du und wird unterdrückt. Du musst doch sehen, dass Unterdrückung schlecht ist, oder? Oder?“

Zumindest wenn Autoren, die ihrerseits einer Majority angehören, diese Metaphern nutzen, ist das oft die Intention. Selten ist es wirklich böse gemeint oder zielt darauf ab, etwaigen unterdrückten Gruppen zu schaden. Gerade X-Men hat seine Metapher auch mehrfach angepasst. Was einst eine Metapher für den Kampf für Rechte von PoC war, wurde zu einer Metapher für den Kampf um Gay Rights. Und gerade den X-Men muss man zugute halten, dass sie mit der Zeit auch diverser wurden.

Leider ist jedoch all das nicht ohne ein dickes „Aber“ …

In der Praxis

Es gibt mit diesen Unterdrückungsmetaphern oft zwei große Probleme. Zum einen zeigen sie eine oftmals nicht gänzlich unbegründete Unterdrückung, zum anderen brechen sie komplexe gesellschaftliche Themen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, auf oberflächliche Klischees herunter.

Denn wenn wir uns die X-Men oder auch die Raubtiere in Zootopia anschauen, lässt sich schnell eine Sache feststellen: Ja, die X-Men sind gefährlich. Die Raubtiere ebenfalls. Es lässt sich einfach nicht anzweifeln, dass jemand, der Laser aus seinen Augen abfeuern kann, eine Gefahr darstellen kann. Genau so wenig kann man eine gewisse Begründung in der Angst eines Kaninchens vor einem Fuchs nicht absprechen. Ebenso wenig können wir bei Androiden nicht anzweifeln, dass diese wirklich von Menschen erschaffen wurden und die längste Zeit wirklich kein Bewusstsein besaßen.

Übertragen heißt das aber, dass man effektiv impliziert, dass es einen guten Grund gäbe Angst vor einer unterdrückten Gruppe zu haben, bzw. es einen guten Grund gab, dieser Gruppe zu einem Zeitpunkt keine Menschenrechte zuzugestehen. Umso schädlicher sind solche Metaphern im Zusammenhang mit dem Civil Rights Movement, gingen die Argumente dort doch oft im Richtung von „Gruppe mit bestimmte Hautfarbe ist gefährlich“ oder „Gruppe mit bestimmter Hautfarbe ist einfach nicht zu freien Entscheidungen fähig“.

Unterdrückte Mächtige

Ein weiteres Problem mit der Darstellung in diesen Geschichten ist, dass oftmals die Mächtigen unterdrückt werden, diejenigen mit Kräften, als die ohne. Es sind nicht die Mutanten, die Menschen unterdrücken, es sind die Menschen, die Mutanten unterdrücken. Es sind nicht die nicht-magischen Menschen, die Unterdrückt werden, sondern die Magier. Das ist etwas, das gerade in Fantasy-Büchern mit diesem Thema extrem häufig vorkommt, ohne, dass es groß begründet wird. Eventuell gibt es eine halbherzige Erklärung, dass die Menschen ohne Kräfte die Mehrheit ausmachen, doch seien wir ehrlich: In vielen Welten, auch im Marvel Universum, wird es selbst mit nuklearen Mitteln schwer, gegen die etwaigen Leute mit Superkräften zu agieren.

Und Zootopia ist sich derweil nicht mal sicher, wie es die Geschichte darstellen will. Denn auf der einen Seite werden bestimmte Tierarten ganz deutlich in bestimmten Jobs benachteiligt, wie wir an Judie sehen. Auf der anderen Seite gibt es einen Rassismus anders herum? Natürlich, an sich ist es bei der einen Geschichte kleine Tiere gegen große Tiere – in der anderen Raubtiere gegen Pflanzenfresser, doch da viele der großen Tiere, die wir sehen, die wir auch als Unterdrücker sehen, Raubkatzen sind, ist die Nachricht hier sehr wirr.

Das Problem an der Geschichte ist natürlich, dass in der realen Welt diejenigen mit Macht diejenigen sind, die Unterdrücken. Nein, keine Superkräfte, doch dafür Geld und nicht selten ein historisch bedingter politischer Einfluss. Und da machen auch die Zahlen wenig aus. Denn wenn wir uns das kapitalistische System, die Verteilung des Geldes und den damit verbundenen politischen Einfluss betrachten, dann sind es die wenigen, die die vielen unterdrücken. Weil sie die Macht haben.

Komplexe Entwicklungen

Das andere Problem an diesen Metaphern ist, dass sie oftmals sehr simplistisch sind. Realer Rassismus, reale Homomisia und realer Sexismus gehen auf Jahrhunderte um Jahrhunderte von historischen und kulturellen Entwicklung zurück. Diese Dinge waren nicht auf einmal da, sondern haben sich durch die Etablierung von Machtstrukturen und den Drang, diese aufrecht zu erhalten, entwickelt und weiterentwickelt.

Letzten Endes geht es bei jeder Form der Unterdrückung vor allem um Macht und Privilegien und um Gruppen, die alles dafür geben würden, diese zu behalten. Es geht auch um Gruppendynamiken und Othering, um Beeinflussung von Menschen und so viel mehr. Doch all das kommt in diesen Metaphern kaum vor.

Stattdessen gibt es meistens ein paar extremistische Arschlöcher und die einfachen, sich mittreiben lassenden Menschen, die sich aber auch in null komma nichts davon überzeugen lassen, dass die unterdrückte Gruppe ihre Rechte verdient. Rassismus ist hier oft ganz schnell gelöst, wenn eine bestimmte Person oder eine Reihe bestimmter Personen ausgelöscht sind. Als wäre Anti-Antisemitismus mit Hitlers Tod zu Ende gewesen. Als würde die Diskriminierung von Muslimen und PoC in den USA enden, würde Trump sterben oder ins Gefängnis kommen.

Sicher, die Moral will immer sein: „Ich weiß, ihr seid eigentlich gar nicht so hasserfüllt, wie ihr euch gibt. Denkt doch einmal darüber nach.“ Doch die ganzen gesellschaftlichen Gewalt- und Machtstrukturen werden dabei gänzlich ignoriert.

Tone Policing

Und dann gibt es noch ein anderes Thema, was diese Medien gerne einbringen. Ein Thema, über das ich hier schon mehrfach gesprochen habe: Tone Policing. Mehr oder weniger. Denn diese Metaphern zeigen oftmals einen Weg, gegen die Unterdrückung vorzugehen: Aushalten. Zeigen, dass man nicht den Vorurteilen entspricht. Lieb sein. Ruhig mit Leuten sprechen. Gewalt ist schlecht. Schreien auch. Jedenfalls so oftmals diese Geschichten.

Gerade X-Men macht sich dieses Problems wirklich schuldig. Denn hier haben wir die guten Mutanten, die ihre Kräfte zum Schutz ihrer Unterdrücker einsetzen, und die bösen Mutanten, die ihre Kräfte nutzen, um sich von der Unterdrückung zu befreien – ja, mit Gewalt. Aber wie gesagt, diese sind böse.

Sicher, Erik Lehnsherr ist kein flacher Charakter und nicht einfach „nur böse“. Seine Begründung ist nachvollziehbar – er wurde schon einmal unterdrückt, seine Familie getötet. Dennoch ist er die meiste Zeit der Antagonist. Seine Herangehensweise, sich zu wehren, wird verurteilt. Es wird nicht anerkannt, dass es eventuell auch möglich sein muss, sich zu wehren. Und ja, das ist ein Problem. Denn gesagt wird damit effektiv, dass nur ganz lieber Antifaschismus zugelassen ist.

Empowernment

An dieser Stelle möchte ich allerdings eine wichtige Sache nicht unter den Tisch fallen lassen: Die Hoffnung und das Gefühl des Empowernments, das speziell aus Geschichten wie X-Men oder auch anderen Medien gezogen werden kann. Aus Geschichten, in denen das, wofür Menschen oder Nicht-Menschen unterdrückt werden sie eigentlich besonders macht. Als jemand, der in der Jugend hat mit Homo- und Bimisia leben müssen und auch für autistisches Verhalten wenig Verständnis bekam, kann ich dafür nur sprechen.

Solche Geschichten können für von Unterdrückung Betroffene auch Hoffnung geben und das Gefühl von Stärke. Selbst wenn nie eine konkrete Parallele bezogen wird, reicht oft allein die enthaltene Nachricht von: „Ja, du wirst unterdrückt. Aber die Sache, für die du unterdrückt wirst, macht dich zu etwas Besonderem. Gib das nicht auf. Verleugne es nicht.“ Und ja, das hilft. Es hilft wirklich.

Mir selbst haben die X-Men geholfen. Mir haben auch diverse Anime geholfen, die eine solche Nachricht enthalten haben. Weil es eben Hoffnung weckt, dass es irgendwann schon besser wird, dass man irgendwann doch verstanden und anerkannt wird.

Wenn Minderheiten schreiben

Diese Aussage gilt umso mehr, wenn Minderheiten über eigene Unterdrückungserfahrungen selbst schreiben. Denn ja, wer selbst tagtäglich Erfahrung mit Rassismus oder Homomisia macht, der möchte vielleicht eine fantastische Welt schaffen, in der es diese Dinge so nicht gibt. Gleichzeitig ist aber eventuell auch der Drang dazu da, eigene Erfahrungen aufzuarbeiten. Und so entstehen dann eben Bücher und Serien, in denen Magier unterdrückt werden oder auch Superhelden.

Gerade in diesen Szenarien, bei denen in einem Buch von jemand, der im realen Leben unterdrückt wird, eine fiktionale, mächtige Gruppe unterdrückt wird, spielt dahingehend Empowernment bewusst und unbewusst eine Rolle. Es ist letzten Endes eine „Power Fantasy“ – eine Empowernment Fantasie, die genutzt wird, um mit Erfahrungen fertig zu werden. Wie gesagt: bewusst und unbewusst.

Und ja, dabei spreche ich auch selbst aus Erfahrung: Meine ganze Jugend lang schrieb ich an einer Geschichte, schrieb sie immer wieder neu, in denen die Protagonistin einer fiktionalen Spezies angehörte, die von Menschen unterdrückt wurde. Die Spezies hatte Probleme mit ihren Emotionen umzugehen, diese zu zeigen und zu kontrollieren, hatte derweil einen offenen Umgang mit Sexualität. Homosexualität und Polyarmorie waren ganz normal. Nun, ich habe erwähnt, dass ich autistisch und pansexuell bin, nicht? Es war damals auf meiner Seite keine bewusste Entscheidung – doch als Erwachsene sehe ich durchaus. Was mich beeinflusst hat. Auch meine eigene Frustration ist deutlich merkbar, denn mit jeder Iteration der Geschichte wurden die Menschen mehr und mehr zu den „Bösen“ der Geschichte.

Positive Beispiele

Das führt jedoch zur Frage, ob es positive Beispiele gibt. Eine Serie, die eine Unterdrückungsmetapher nutzt, die viele der grundlegenden Strukturen zumindest in Ansatz reinbringt?

Und ja, eine Serie fällt mir hier ein: Star vs the Forces of Evil. Eine Serie, die dieses Thema am Anfang nicht reinbringt, aber mehr und mehr anbringt, dass sie eigentlich eine Serie über Rassismus ist. Soweit, dass Rassismus am Ende zum zentralen Konflikt der Show wird. Natürlich metaphorischer Rassismus.

Denn die namensgebende Protagonistin der Show, Star Butterfly, kommt aus einem magischen Königreich namens Mewny. Dort ist sie Prinzessin, selbst wenn sie eine Chaosprinzessin ist, die viel lieber sich mit Monstern prügelt, als prinzesslichen Aufgaben nachzukommen. Daher wird sie auf ein „Auslandsjahr“ zur Erde geschickt – nur dass es ihren Gegnern, den Monstern nicht entgeht. Soweit, so simpel. Doch nach und nach erfahren wir mehr über die Geschichte Mewnys. Das erste mal in Mewnity Day. Denn die Mewmans, zu denen Star gehört, kamen ursprünglich aus einer anderen Dimension, besiedelten dann aber Mewny und vertrieben die Monster nach einem einseitigen Krieg. Klingt bekannt, oder?

Und so muss Star mehr und mehr konfrontieren, dass die gesamte Geschichte ihres Landes von Rassismus und systematischer Diskriminierung gegen die Monster geprägt wurde. Und dass selbst als Prinzessin oder Königin dieser Rassismus nicht mit einem neuen Anti-Rassismus-Gesetz gelöst ist. Dabei werden anders als in den genannten Beispielen auch die aufständigen Monster nach und nach mehr in einem nachvollziehbaren Licht gezeichnet.

Ja, es ist nicht optimal, dass die Minderheiten als wortwörtliche Monster dargestellt werden. Doch da die Moral ist, dass Monster eben auch nur Monster sind, weil jemand es so beschlossen hat.

Schlusswort

Kurzum: An sich verstehe ich absolut, warum es Geschichten über fiktionale Unterdrückung gibt. Die Intentionen hinter diesen Geschichten sind selten böse. Viel eher wird versucht ein Thema Leuten nahezubringen, denen es nahegebracht werden sollte, und sich eigener Kummer von der Seele geschrieben. All das ist gut. Nichts davon sollte verurteilt werden.

Leider befinden wir uns bezüglich dieser Geschichten in einen Teufelskreis, der damit anfängt, dass vielen die Strukturen hinter systematischer Unterdrückung nicht bewusst sind – ein wichtiger Faktor, der das Fortbestehen dieser Unterdrückung erlaubt. Wer jedoch nur diese vereinfachten Darstellungen kennt, wird dazu neigen in seinen eigenen Werken dieselben Darstellungen für etwaige Unterdrückungsmetaphern wiederzugeben. Was wiederum mehr Leute darin bestärkt.

Ich will niemanden verbieten, solche Geschichten so zu schreiben, und finde es zudem erschreckend, wie auf bestimmten Autor*innen wegen solcher Geschichten rumgehackt wurde. Das sollte nicht der Sinn und Zweck dieser Diskussion sein. Dennoch ist es wichtig zu hinterfragen, ob wir weiterhin diese Tropes auf diese Art und Weise nutzen wollen, statt Szenarien zu schaffen, die realistischer sind.

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Das benutzte Bild wurde von Ian Lambot aufgenommen und steht zur Zeit unter der CC4.0 Lizenz.