Was ist Anarchismus?

Es gibt kaum ein politisches, beziehungsweise gesellschaftliches Konzept, das weitläufig so missverstanden wird, wie Anarchismus. Dabei schließe ich mich selbst ein. Immerhin hatte ich in der Schule über Anarchismus gelernt – doch dummerweise war das, was ich gelernt habe, nur ein kleines Stück.

Die gängige Vorstellung

Wenn ich das Wort „Anarchismus“ benutze, was stellst du dir dann vor? Wenn ich raten darf, so sind die ersten Bilder, die in den Kopf kommen, brennende Autos und pures Chaos. Denn immerhin ist das, was in Medien und Schulen am häufigsten mit Anarchismus verbunden wird. Da ist Anarchismus dann gleich immer der schwarze Block – und damit brennende Autos.

Und wenn man erst einmal darüber nachdenkt, ergibt es ja Sinn, nicht? Immerhin leitet sich Anarchie und Anarchismus vom griechischen Anarchia ab – Herrschaftslosigkeit. Monarchie ist die Herrschaft eines Einzelnen, Oligarchie die Herrschaft von wenigen, aber Anarchie die Herrschaft von niemanden. Wie soll das auch funktionieren? Menschen ohne ein System gehen sich einander doch gegenseitig an die Gurgel, oder?

Doch damit kommen wir zu der üblichen Fehlannahme über Menschen: Dass wir eigentlich wilde Tiere seien, die ohne eine Regierung, ohne Gesetze und Polizei sofort anfangen kriminell zu werden. Wir würden stehlen, morden, brandschatzen. Deswegen können wir ja auch nicht die Polizei abschaffen. Immerhin schützt die uns davor.

Dies bringt einem jedoch zu einer zentralen Frage: Warum rennst du, geehrte*r Leser*in nicht mordend und brandschatzend durch die Gegend? Weil du Angst vor der Polizei hast oder weil Morden und Brandschatzen einfach nicht richtig ist und du eine Aversion dagegen hast?

Was Anarchie eigentlich ist


Was Anarchie eigentlich ablehnt ist eine Hierarchie, die weder begründbar ist, noch dass ihr von allen Beteiligten zugestimmt wurde. Das heißt, auch unter Anarchisten kann eine gewisse Hierarchie anerkannt werden, wenn diese sich begründen lässt. Wenn ein Elternteil sich hierarchisch über ein Kind erhebt, um dem Kind beizubringen, dass es nicht über Bahngleise laufen soll, dann ergibt das Sinn. Das Kind muss diese Dinge lernen zu seinem eigenen Schutz. Genau so ergibt es Sinn sich bis zu einem bestimmten Grad im Verlauf einer medizinischen Behandlung sich einer:m Ärzt*in unterzuordnen. Immerhin wird diese*r in vielen Fällen mehr über die Behandlung, etwaige Nebenwirkungen und Folgen wissen, als man selbst.

Genau so können auch Hierarchien berechtigt sein, denen sich alle beteiligten freiwillig und einvernehmlich aussetzen. Denn solange alle Teilnehmer*innen informierten Konsens gewähren, wird di*er Anarchist*in ihnen nicht widersprechen.

Das Problem von Anarchist*innen sind jene hierarchischen Strukturen, die weder sinnvoll begründbar sind, noch unter informiertem Einverständnis geschehen.

Hierarchien

Hierarchie – da ist das „Archie“-Wort wieder. Natürlich wieder ein griechisches Wort. Hierarchia – heilige Herrschaft oder alternativ „gottgegebene Herrschaft“. Hierarchisch sind alle Systeme, in denen eine Person über einer oder mehreren anderen Personen steht. Eltern oder Lehrer*innen stehen über Kindern. Polizist*innen über normalen Menschen. Di*er Chef*in über den Mitarbeiter*innen. Politiker*innen über dem einfachen Volk. Anders gesagt: Hierarchien sind überall.

Eine Hierarchie ist überall da gegeben, wo eine Person mehr Macht und Einfluss hat, als eine oder mehrere andere Personen. Speziell dann, wenn diese Macht und dieser Einfluss genutzt wird, um die eine oder mehrere andere Personen zu kontrollieren. Sprich: Wenn eine oder mehrere Personen Macht und Einfluss über eine oder mehrere andere Personen haben. Diese Macht kann direkt oder indirekt ausgeübt werden. Bei direkter Macht muss die untergeordnete Person zwangsläufig auf die übergeordnete Person hören oder erfährt negative Konsequenzen. Bei indirekter Macht ist die untergeordnete Person in einem oder mehreren Aspekten von der Zustimmung oder Erlaubnis der übergeordneten Person abhängig.

Neben den konkreten Beispielen, gibt es auch abstraktere Beispiele: Das Patriarchat ist eine Hierarchie, in der Männer Macht und Einfluss über Frauen und nicht-binäre Menschen ausüben. In der cisheteronormativen Gesellschaft müssen sich Menschen, die nicht cis oder nicht allohetero sind, cis heterosexuellen Menschen unterordnen und für gleiche Rechte kämpfen. In der rassistischen Gesellschaft üben weiße Menschen direkt und indirekt Macht über alle anderen aus, indem sie diese bewusst und unbewusst unterdrücken.

Kommunismus und Anarchie

Eine Sache sollten wir deutlich machen: Anarchie und Kapitalismus sind nicht miteinander vereinbar. Denn Kapitalismus produziert automatisch Hierarchien zwischen denen, die haben, und denen, die nicht haben. Diese Hierarchien sind weder sinnhaft begründbar, noch entstehen sie einvernehmlich. Sie sind damit also entgegen anarchischer Grundideale. Deswegen ist Anarchokapitalismus genau so wenig anarchisch, wie Nationalsozialismus sozialistisch ist. Anarchokapitalismus lehnt einzig und allein staatliche Regelungen für den Kapitalmarkt ab, nicht aber andere Formen von Hierarchien.

Entsprechend kann richtiger Anarchismus als Wirtschaftssystem nur Kommunismus über Sozialismus anstreben. Wie bereits in dem dazugehörigen Beitrag erklärt: Kommunismus strebt ebenfalls eine Abschaffung von Hierarchien an. Spezifisch die Hierarchien, die durch die Ungleichverteilung von Reichtum und Besitz entstehen.

Da die Kommunismus gleichzeitig die einzige Wirtschaftsform ist, die für die Abschaffung dieser Hierarchien steht, ist er die natürlichste Form für Anarchismus. Fast alle tatsächlichen Anarchist*innen streben eine Form von Sozialismus und/oder Kommunismus an. Umgekehrt strebt allerdings nicht jede*r Kommunist*in Anarchismus an.

Gesellschaft unter Anarchie

Wir fassen also zusammen: Anarchie strebt eine Gesellschaft an, in der alle auf derselben Stufe stehen. Das heißt aber nicht, dass eine Gesellschaft unter Anarchie keinerlei Regeln und Normen mehr hat. Denn wie gesagt: Anarchie lehnt die Hierarchien ab, die weder begründbar, noch einvernehmlich sind. Was dazu führt, dass die ideale anarchische Gesellschaft letzten Endes einer Demokratie auf Steroiden entspricht.

In einer anarchischen Gesellschaft werden wichtige Entscheidungen in Absprache aller Beteiligten getroffen. Wie schon gesagt, wird üblicherweise auch die Wirtschaft aus einer Hierarchie gerissen. Das heißt auch entsprechende Entscheidungen werden nicht mehr von einzelnen Personen getroffen. Eine Frage, die so in einem Dorf aufkommen könnte, wäre, was in einem Jahr angepflanzt wird. Anstatt dass dies irgendwer bestimmt, würden unter Anarchismus Menschen Argumente für etwaige Feldbestellung aufbringen, miteinander reden und am Ende demokratisch darüber abstimmen, wie die Felder bestellt werden.

Dabei sei auch angemerkt, dass Anarchismus als ideale Gesellschaftsform die selbstversorgende Gesellschaft sieht, in der jeder ein paar Lebensmittel beschafft. Sei es, indem man einen Obstbaum im Garten hat, sei es, in dem man ein kleines Feld bestellt, oder sei es, indem man ein paar Tiere hält. Indem jedem die Möglichkeit gegeben wird, dies zu tun – bspw. durch Gemeinschaftsgärten – müsste in einer idealen anarchistischen Gesellschaft niemand mehr hungern. Damit jeder eine ausgewogene Ernährung erhält, wird Essen geteilt.

Was allerdings in einem kleinen Dorf noch funktionieren kann, wird in einer Großstadt schon schwer. Sagen wir, eine Stadt muss darüber entscheiden, ob bspw. der Bahnhof renoviert werden soll. Sicher, man kann große Stadtbesprechungen machen, doch es wird unmöglich sein, bei einer Großstadt alle Bewohner an einem Ort zu versammeln. Hier sieht es der Anarchismus als angemessen an, dass für diese bestimmte Sache eine kleinere Kommune einen Vertreter wählt, die die Kommune dann auf Stadtebene in dieser Sache vertritt. Anders, als in der repräsentativen Demokratie, werden solche Vertreter allerdings meistens konkret für bestimmte Aufgaben gewählt und haben keine feste Amtszeit. Sprich: Handeln sie nicht im Sinne der Kommune, die sie vertreten, kann diese auch demokratisch entscheiden, einen anderen Vertreter einzusetzen.

Dasselbe lässt sich auch auf größeren Ebenen so fortsetzen. Es kann bei sehr spezifischen Fragen auch sein, dass sich eine Gemeinschaft entscheidet, dass sie selbst nicht genug Wissen hat, um vernünftige Entscheidungen zu treffen. Daher würde dann jemand in die Position gewählt, der ein Fachmensch für ein etwaiges Thema ist und diesem das Vertrauen gegeben, im Sinne der Gemeinschaft zu entscheiden.

Zu kompliziert?

Nun mag man sich diese Konzepte ansehen und sagen: „Hmm, aber das klingt alles sehr kompliziert und würde einige Entscheidungen enorm verzögern.“ Und das stimmt natürlich. Anarchismus ist keine schnelle Handlungsform. Tatsächlich hat es die europäischen Kolonist*innen als sie nach Amerika gekommen sind immer wieder frustriert. Denn einige der dort lebenden Kulturen waren anarchistisch aufgebaut und haben entsprechend lang für Entscheidungen in Verhandlungen gebraucht.

Eine andere Frage, die sich natürlich stellt, ist die Frage der Strafverfolgung. Denn auch wenn wir akzeptieren, dass die allermeisten Menschen keine Mörder sind und sich aus einer inneren Moral, anstelle des Gesetzes, vom Morden abhalten lassen: Natürlich wird es weiterhin Taten geben, die das Zusammenleben gefährden oder erschweren. Dies können Morde oder Körperverletzung sein, aber auch Diebstahl oder anderes.

Der Anarchismus lehnt ein Organ wie die Polizei dabei allerdings kategorisch ab. Die Polizei ist erneut hierarchisch anderen Menschen übergeordnet und dies kann zu Machtmissbrauch führen. Stattdessen ist eine übliche Herangehensweise in anarchistischen Schulen, dass prinzipiell jeder das Recht hat, andere Menschen, die er einer Straftat verdächtigt, festzuhalten. Anstelle von Richtern entscheidet die Gemeinschaft über die etwaige Notwendigkeit von Strafen.

Anarchische Protestzonen

Aber gut, selbst all das gesagt: Wer sagt uns, dass all das so funktioniert? Immerhin gibt es kein Land, dass Anarchismus umgesetzt hat. Sicher, früher gab es vielleicht Kulturen, die nach Prinzipien lebten, die wir heute als anarchistisch bezeichnen würden, aber das war eine andere Zeit. Heute ist alles komplizierter und es leben häufig viele Menschen auf sehr kleinem Raum. Wie kann das funktionieren?

Und hierzu gibt es aus der jüngeren Geschichte tatsächlich zwei nennenswerte Beispiele. Zum einen Standing Rock, zum anderen die CHAZ in Seattle. Beide waren nicht besonders langlebig, doch dies hatte weniger mit mangelnder Funktion des Systems und eher mit militarisierter Polizei, die in beiden Fällen das Projekt niedergeschlagen hat.

Im Rahmen der Standing Rock Proteste entwickelte sich ein Protestlager, in dem über mehrere Wochen hinweg tausende Menschen anarchistisch gelebt haben. Und es gab unter den Protestant*innen wenig Auseinandersetzungen. Es haben sich Ärzt*innen und anderes medizinisches Personal gefunden, die freiwillig medizinische Versorgung gestellt haben. Genau so haben verschiedene Menschen Lebensmittel und andere Grundversorgung von sich aus angeschafft und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Wie ihr euch vielleicht erinnert, wurden die Proteste letzten Endes militärisch niedergeschlagen und damit das Camp geräumt.

Ähnlich sah es nun auch im Juni in Seattle aus. Dort hatten im Rahmen der George Floyd Proteste mehrere Protestgruppe den Capitol Hill besetzt und zu einer autonomen Zone erklärt, die ebenfalls anarchistisch funktionierte. Wir sahen hier dasselbe: Medizinisches Personal, Ladenbesitzer*innen, die Lebensmittel einfach verteilten, neu angelegte Felder. Laut Menschen, die dort waren, funktionierte die „Jeder trägt Mitverantwortung“ Methode, anstelle einer Polizei, deutlich besser. Denn auf einmal schauten Menschen nicht mehr weg, wenn irgendetwas passierte und viele Konflikte – abseits von den Nazis, die mehrfach mit Waffen Menschen attackierten – ließen sich komplett gewaltfrei lösen. Auch diese Zone wurde letzten Endes allerdings von der Polizei geräumt.

Die Grundannahme

Die Demokratie der meisten demokratischen Länder baut auf einer Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und Exekutive auf. Die Legislative wird von meist direkt oder indirekt gewählten Politiker*innen gestellt, die Judikative von Richter*innen, die je nach Land gewählt sein können oder nicht, und die Exekutive von meist nicht gewählten Polizist*innen. Alle drei Organe sind laut dem Konzept moderner Demokratie von Nöten, um die Demokratie aufrecht zu erhalten und Chaos zu verhindern.

Dahinter jedoch steht mehr, als es auf den ersten Blick scheint: Die Annahme, dass Menschen Regierung und Polizei brauchen, um sich nicht unsozial zu verhalten. Es wird effektiv als Grundannahme vorausgesetzt, dass Menschen von Natur aus schlecht sind und einander schaden wollen. Deswegen ist Gewalt von Nöten, um sie daran zu hindern. Des Weiteren nimmt dieses System auch an, dass Menschen freiwillig einander nicht helfen oder schützen würden.

Genau diesen Annahmen widerspricht der Anarchismus. Denn er sagt: Menschen sind von Natur aus gut, sozial und hilfsbereit. Ja, es wird immer Menschen geben, die gewillt sind das Zusammenleben zu stören, doch gibt man jedem Menschen auch das Gefühl für seine Mitmenschen verantwortlich zu sein, so werden Menschen auch einander beschützen.

Es ist ein Unterschied der Annahme, ob die Menschheit als Gesamtheit eher gut oder schlecht ist.


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