Wir haben das mit den realistischen Charakteren alle falsch verstanden

Gastbeitrag von F.B. Knauder

Realistische Charaktere. Das sind ethisch fragwürdige Gestalten, die alles für ihr Ziel tun. Sie gehen über Leichen und schrecken vor nichts zurück. Der Zweck heiligt die Mittel. Aber … wie realistisch ist dieses Menschenbild wirklich?

Irgendwer in der Phantastik (ich würde auf GRRM setzen) hatte mal die großartige Idee, dass unsere Charaktere und unser Worldbuilding viel mehr Realismus bräuchten. Mal ganz abgesehen von der Absurdität dieser Idee (Fantasy? Hallo?) bewegte sich das Genre dadurch samt und sonders in eine bestimmte Richtung. Konkret bekamen wir dadurch Dark Fantasy, die Post-Apokalypse und weiteres. Oder anders: Vor allem die Charaktere wurden „realistischer”.

Was ist jetzt genau gemeint mit diesen „realistischen“ Charakteren? Wovon sprechen wir, wenn wir sagen, unsere Magier:innen und unsere intergalaktischen Flottenkommandant:innen sind „realistisch“? In erster Linie denken wir dabei wohl an eine Bewegung weg von den strahlenden Held:innen und den bitterbösen Schurk:innen hin zu graueren Charakteren.

Der graue Charakter ist angeblich „realistischer“. Sprich, Charaktere voller Abgründe und Schrecken und Grausamkeit. Wir sehen sadistische, psychopathische, grausame und tyrannische Charaktere. Denk nur an einige der großen Serien unserer Gegenwart: Game of Thrones und The Walking Dead zum Beispiel. Beiden tauchen in die Abgründe der Menschlichkeit ein, um uns ein möglichst „realistisches“ Bild unserer Spezies zu geben.

Laut solchen Produktionen sind wir grausam, egoistisch und springen uns alle gegenseitig an die Gurgel, sobald wir die Chance dazu bekommen. Wir sitzen derweil da, schauen uns dieses Bild an, streicheln unsere Bärte (wenn vorhanden) und nicken wissend. Jaja, so sind wir Menschen. Sieht man ja überall. In der Geschichte, in den Nachrichten und in der Fiktion. Menschen sind einfach scheiße. Punkt.

Aber … stimmt das?

Ein anderer Zugang

Mit dieser Frage beschäftigt sich der niederländische Historiker und Autor Rutger Bregman in seinem Buch „Im Grunde Gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“. Bevor du fragst: Ja, ich lese das Buch gerade und ja, mir ist die Idee für diesen Artikel geschossen, als ich es gelesen habe, und ja, ich kann es sehr empfehlen. Aber zurück zum Thema.

Bregman stellt sich und den Lesenden im Laufe des Buchs immer wieder die Frage, ob wir Menschen jetzt eigentlich von Natur aus gut sind oder doch böse. Sind wir bösartig gewordene Tiere mit zu viel Hirnkapazität, die nur von der Gesellschaft im Zaum gehalten werden? Oder sind wir – umgekehrt – eigentlich alle ganz lieb und nett und wurden nur durch die Gesellschaft verdorben?

Philosophie-Interessierte finden darin übrigens auch die Gedanken der Philosophen Thomas Hobbes und Jean-Jacque Rousseau. Der erste behauptet, wir waren eigentlich alle furchtbar schlimm und es braucht eine kluge, mächtige Person, die uns im Zaum hält (den Leviathan). Der zweite wiederum sagt, wir waren früher – damals als Jäger:innen und Sammler:innen – mehr oder weniger lieb zueinander und erst die Sesshaftigkeit und die Gesellschaft haben uns verdorben. Das sind die beiden ganz grob zusammengefasst und mehr Philosophie tu ich dir auch gar nicht an.

Hobbes‘ Einfluss

Das bisschen reicht auch schon, damit wir erkennen, wessen Einfluss wir heute stärker spüren: den von Hobbes. Schau dir nur die ganzen post-apokalyptischen Produktionen an. Die Idee ist immer die gleiche: Die Gesellschaft bricht wegen Zombies oder Asteroiden oder bösen Meerschweinchen zusammen und was machen wir Menschen? Wir gehen aufeinander los.

Aber würden wir das wirklich tun? Würde das passieren? Sind wir Menschen wirklich so furchtbar böse? Bregmans Buch knapp zusammengefasst: Nein. Er erklärt das natürlich ausführlicher und ich suche mir nur drei Passagen heraus, die wir aus den SFF-Genres nur zu gut kennen. Aber ich finde, an ihnen sieht man es besonders gut. Wenn du mehr Interesse daran hast, wirf einen Blick in sein Buch. Meine gewählten Situationen:

  • Leute, die irgendwie vom Rest der Menschheit abgeschnitten werden
  • Kriege
  • Katastrophen

Verschollen

Dieses Szenario kennen wir nur zu gut. Eine Gruppe aus Personen geht bei einer Aufklärungsmission oder nach einem Raumschiffabsturz oder einem Schiffsunglück oder durch ein Portal durch Zeit und Raum verloren. Kommunikation mit anderen ist nicht mehr möglich. Sie sind auf sich allein gestellt. Was würde passieren?

Was uns Hobbes, Reality TV und quasi jede Produktion seit Lord of the Flies sagen wird: Es wird zu Machtkämpfen kommen. Die Leute werden sich entweder in Grüppchen gegenseitig die Schädel einhauen oder alle gegen alle. Sie wenden sich gegeneinander und es muss mindestens eine vermeidbare Tragödie passieren, weil sich jemand gegen die anderen stellt, damit sie zusammenfinden. Oder sie fallen auseinander.

Die Realität schreibt aber sowohl bessere als auch ganz andere Geschichten. Lass mich dir also vom „Echten Herr der Fliegen“ erzählen, wie Bregman die Begebenheit in seinem Buch nennt. Ich geb nur eine schnelle Zusammenfassung, die gesamte Geschichte kannst du in Bregmans eigenen Worten hier im Guardian lesen.

Eine Gruppe Jungs von Tonga „borgte“ ein Boot, stach in See, trieb lange am offenen Meer herum und strandete schließlich an der Küste der Kargen Insel ‚Ata. Anstelle sich aber gegenseitig an die Gurgel zu gehen, sich um Macht zu streiten oder gar einen Krieg anzuzetteln, halfen sie einander. Sie teilten das Essen, das Wasser, den Schlaf und kümmerten sich umeinander, wenn sich jemand verletzte. Wenn es zum Streit kam, gaben sie einander Raum und ließen die Wut verdampfen. Am Ende wurden sie von einem Fischer gefunden. Die, die heute noch leben, sind immer noch befreundet.

Bekriegt

Zweites Szenario: Es herrscht Krieg. Kein neues Ding in SFF. Sehr viele von unseren  Geschichten handeln schließlich von gewaltsamen Auseinandersetzungen zweier Gruppen. Und immerhin gab es auf der Erde auch genug davon. Wir sind eine kriegerische und grausame Spezies, die nichts lieber tut, als einander am Schlachtfeld entgegenzutreten und mit Schwertern, Gewehren, Speeren, Keulen, Bögen und sonstigem den Garaus zu machen.

Wo haben wir das nicht schon überall gesehen? Star Wars, Herr der Ringe, Game of Thrones, Fallout und so weiter. Überall kämpfen Leute gegeneinander und haben kein Problem damit, sich einfach so gegenseitig umzubringen.

Wer einen Blick auf tatsächliche Fakten wirft, findet aber eine ganz andere Geschichte. Laut Gruppeninterviews des amerikanischen Brigadier General S.L.A. Marshall nach dem zweiten Weltkrieg haben nur etwa 15-25 % der Soldaten im Einsatz je auf die verfeindeten Truppen geschossen. Und das ist nicht die einzige Grundlage für diese These. Der britische Oberstleutnant Lionel Wigram nannte 1943 ganz ähnliche Zahlen. Die meisten Opfer im Krieg wurden von den gleichen paar Leuten getötet.

Es geht noch weiter: 40% der abgeschossenen Flugzeuge geht auf 1% der Pilot:innen zurück. Nach der Schlacht von Gettysburg wurden mehr als 90% der Musketen vollständig geladen gefunden. Fast die Hälfte davon war mehrfach geladen. Etwas, das man bei so einer Waffe wirklich nicht tun sollte. In Waterloo und an der Somme wurden gerade einmal ein Prozent der Leute mit Bajonetten getötet. 75 % der Toten des 2. Weltkriegs gehen auf Mörser, Granaten, Luftbomben oder Splitter zurück. Waffen, bei denen wir die zu tötenden nicht ansehen müssen. Erst seit dem Vietnamkrieg und durch extremes Training basierend auf der Forschung des Kriegspsychologen Dave Grossmann schießen über 90% der amerikanischen Soldat:innen.

All diese Fakten aus Bregmans Buch zeigen eines: Wir fügen einander nicht gern Gewalt zu. Und wenn wir uns doch gegenseitig bekriegen? Dann tun das die Kämpfenden nicht wegen Ideologien oder weil sie so gerne neues Land hätten. Sie tun es für die Leute, neben denen sie Seite an Seite im Kampfgeschehen sind. Sie tun es, um ihre Kamerad:innen zu verteidigen, ihre Freund:innen und ihre Familien.

Katastrophal

Das letzte Lieblingsbeispiel ist die Katastrophe. Was passiert, wenn ein Unglück geschieht, das unsere Gesellschaft halb in die Knie zwingt? Was laut SFF passieren würde, haben wir oben ja schon durchgekaut. Gesetzlosigkeit, Chaos, postapokalyptische Vampir-Motorrad-Gangs. Die Postapokalypse ist voll von Geschichten über zerbrochene Gesellschaften, Plünderungen und menschliches Grauen in allen Formen. Denk nur an den Horror von The Last of Us.

Erneut zeigt Bregman aber eine andere Geschichte. Er nimmt als Beispiel die Nachwehen des Hurricane Katrina in New Orleans. Menschen gingen nicht aufeinander los. Sie plünderten nicht (und wenn dann für’s Überleben) oder nutzten die Situation für grausamen und gnadenlosen Opportunismus. Nein, sie halfen einander und sorgten dafür, dass die Schwächsten unter ihnen geschützt wurden.

Das Gleiche sehen wir übrigens in den Bombardements im Zweiten Weltkrieg. Sowohl in London während dem Blitz, als auch in Dresden zerbrach die Gesellschaft nicht. Stattdessen arbeiteten die Leute zusammen. Kurzum: Wir werden durch Katastrophen nicht grausamer, sondern sogar hilfsbereiter.

Natürlich, es gibt Ausnahmen für diese Regeln. Für alle drei. Aber sollten wir die gesamte Menschheit für diese statistischen Ausreißer verteufeln, während die Fakten doch eigentlich für etwas ganz anderes sprechen?

Wirklich realistische Charaktere

Eigentlich sollten wir so etwas nicht tun. Zumindest dann nicht, wenn wir „realistische“ Charaktere schreiben wollen. Wenn wir wollen, dass unser Weltenbau auf „realistischen“ Regeln beruht. Denn unsere Welt ist offensichtlich nicht grausam. Wir Menschen agieren nicht so. Wir sind – zumindest von Natur aus – eigentlich sehr auf Kooperation bedacht und darauf, uns gegenseitig in Frieden zu lassen. Das beweisen auch die Hinweise auf die ersten Kriege. Die finden wir erst mit der Entstehung der Landwirtschaft.

Nein, wir Menschen sind nicht böse und grausam und egoistisch. Zumindest nicht die einfachen Leute. Und hier wird die Sache gleich noch interessanter. Erinnerst du dich an die Idee mit den barbarischen Menschen aus der Urzeit? Natürlich erinnerst du dich daran. Sie kommt schließlich wieder und wieder in Sagen und Geschichten vor. Und natürlich auch bei unserem Freund Thomas Hobbes.

Zur Erinnerung: Der britische Philosoph meinte, alle Menschen wären von Natur aus furchtbar und egoistisch. Laut ihm war der Urzustand ein ewiger Krieg, der erst durch Herrschende – den sogenannten Leviathan – beendet wurde. Wenn wir den vielen Hinweisen von Rutger Bregman Glauben schenken, ist aber sogar das Gegenteil der Fall. Der Leviathan ist nicht die Lösung. Er ist das Problem.

Das Problem mit den Mächtigen

Wie Bregmans Buch mehrfach zeigt, ging irgendwie alles den Bach runter, nachdem wir dauerhafte Anführer:innen bekamen. Das waren meistens die Leute mit dem meisten Besitz, den größten Muskeln oder deren Vorfahren schon lange an der Macht waren.

Erst durch diese mächtigen Personen ganz oben und durch das nahe Zusammenleben mit anderen Menschen entstanden Kriege, Sklaverei, Krankheiten, Hungersnöte und alles, was wir sonst noch furchtbar finden. Das ist kein Naturzustand sondern vielmehr aus den Gegebenheiten heraus entstanden.

Große Staaten oder Reiche mit totalitär Herrschenden sind dementsprechend also viel geneigter, Krieg zu führen und andere zu unterdrücken, als die kleinen nomadischen Gruppen an Menschen, die nur ihren Frieden haben wollen. Das wiederum bedeutet, dass die ganzen Tropes rund um herumziehende Gruppen von Bandit:innen und postapokalyptischen Motorradgangs im besten Fall falsch sind.

Im schlimmsten Fall verzerren sie unser Bild von der Welt. Auch in SFF. Gerade in SFF, die behauptet, sich realistisch mit den Menschen auseinanderzusetzen.

Gut oder böse?

Also zurück zu der Frage: „Was ist ein realistischer Charakter?“ Wir haben gelernt, wir Menschen töten nicht gern. Wir arbeiten lieber zusammen, als gegeneinander. Wir gehen einander lieber aus dem Weg, als Konfrontation zu suchen. Und wir tun alles für die Leute in unserem näheren Umkreis. Alles in allem klingt das nicht besonders böse. Noch nicht einmal sonderlich grau oder voller tiefer, tiefer Abgründe.

Wenn du also in Zukunft „realistische“ Charaktere irgendwo einbauen willst, denk vielleicht einfach daran, dass Menschen hilfsbereit, nett und empathisch sind. Vor allem zu den Personen in ihrem näheren Umfeld. Nicht 100%, aber doch die aller-allermeisten. Als Faustregel hier vielleicht noch ein Zitat. Nicht von Rutger Bregman (von dem haben wir genug gehört), sondern von meiner besten Freundin:

„Wir überschätzen gerne die Bosheit von Menschen. Und wir unterschätzen ihre Dummheit.“


Über F.B. Knauder
F.B. Knauder schreibt humoristische High Fantasy mit einem durch die Bank positiven Zugang zu seinen Charakteren. Sein Debütroman „Ein Alchemist, ein Stein und ein Strauß Blumen“ erschien im Oktober 2019. Teil 2 „Eine Wirtin, ein Schatten und ein Dreckswinter“ folgt am 7. August 2020.