Von motivierten Charakteren und Charaktermotivation

In Autor*innenkreisen gibt es einen Tipp, der gerne wiederholt wird: Charaktere brauchen Motivation, sie brauchen Ziele, sie brauchen eine Agenda. Doch mit der Umsetzung tun sich viele schwer – sogar die Profis in Hollywood. Daher lasst uns heute über das Für und Wider und über Charaktere in unpässlichen Situationen reden.

Charaktere brauchen Motivation

Fangen wir heute mit einer klaren Aussage an: Ich, das Alpaka, lege kaum aus einem anderen Grund Bücher und Filme so häufig zur Seite, wie wenn Charaktere unklare Motivationen haben. Gerade das Young Adult Dystopie-Genre konnte mich deswegen praktisch nie begeistern, da die Held*innen hier oft in eine Situation gezwungen werden und dann wie ein Fähnchen im Wind von A nach B geweht werden. Die Handlung hat selten mit ihren eigenen Zielen zu tun. Oftmals ist es fraglich, ob sie überhaupt welche haben.

Für mich hat das die Folge, dass ich nicht mitfiebern kann. Denn einer der Hauptspannungsfaktoren für mich kommt aus der Identifikation mit den Protagonist*innen und damit auch aus der Frage heraus, ob diese ihre Ziele erreichen können. Dabei ist es zweitrangig, ob dieses Ziel nun ein entfernter Traum ist oder vielleicht einfach nur der Wunsch zu überleben. Wichtig ist, dass es ein Ziel ist – und nicht einfach nur ein Instinkt.

Dabei würde ich nicht einmal soweit gehen, wie einige Schreibratgeber, die sagen, dass das Ziel der*s Protagonist*in auch das Ziel der Geschichte sein muss. Aber ein Ziel braucht es – und diesem muss auch entgegen gearbeitet werden.

Motivation, Träume, Ziele, Agenda

Treten wir erst einmal einen Schritt zurück, denn es gibt in diesem Kontext gleich ein paar Begriffe, die durcheinander geworfen werden und einander ähnlich, aber nicht gleichbedeutend sind.

Fangen wir mit der Motivation an. Die Motivation(en) ist letzten Endes das, was jede einzelne Handlung eines Charakters treibt. Dabei können es natürlich verschiedene Motivationen sein, die sich überlagern. So sollte sowohl für die gesamte Handlung der Geschichte, als auch in einzelnen Szenen gefragt werden: Was motiviert die Charaktere hier so zu handeln, wie sie handeln? Und: Sind diese Motivationen stimmig über den Verlauf der Geschichte hinweg? Ergeben sie im Rahmen der Handlung Sinn?

Eine Sache, die Charaktere nicht zwingend brauchen, die aber helfen, zumindest wichtige Charaktere auszuarbeiten, sind Träume. Dies sind weniger konkrete, in vager Entfernung liegende Ziele, die nicht zwangsläufig realistisch sein müssen.

Ziele dagegen sind konkreter und können sich sowohl auf die Handlung der Geschichte, als auch das Leben eines Charakters beziehen. Geht es um das Leben sind es eben Dinge, die si*er erreichen möchte, sowohl langfristig, als auch kurzfristig gesehen.

Die Agenda bezieht sich ebenso mit auf die Ziele, im speziellen auf die Handlungsbezogenen Ziele. Sie hat mit Plänen zu tun, damit was der Charakter erreichen möchte und wie si*er es erreichen möchte. Auch sie ist etwas, das zentral das Handeln im Verlauf der Geschichte antreibt.

Überleben ist eine langweile Motivation

Damit komme ich zu einer vielleicht etwas stritten Aussage: Überleben ist eine langweilige Motivation – jedenfalls, wenn der Charakter vorher nicht ausgearbeitet wird.

Wer irgendwas in Richtung Wirtschaft, Management oder Psychologie studiert hat, kennt sie wahrscheinlich: Die menschliche Bedürfnispyramide. Da stehen unten halt die physischen Sachen: Essen, Trinken, Schlafen, je nach Ersteller*in der Pyramide auch sowas wie Sex. Dann kommen so Sachen wie Sicherheit, also Dach über dem Kopf, finanzielle und gesundheitliche Absicherung. Dann die sozialen Bedürfnisse, wie Freundschaft, Zuneigung, Zugehörigkeit. Und dann die Selbstverwirklichung – also das Erreichen von Zielen.

Dabei sind die grundlegendsten Bedürfnisse instinktgetrieben. Dies macht sie zwar ziemlich universell für alle Menschen, aber gleichzeitig auch nicht besonders interessant. „Überleben wollen“ ist kaum eine Charaktereigenschaft, weshalb es als Motivation kaum etwas zu einer Story hinzufügt. Es ist kein Ziel, über das ein wirklicher Bezug zum Charakter aufgebaut werden kann. Deswegen fällt es auch vielen Leser*innen und Zuschauer*innen schwer, Spannung in einer Geschichte zu erleben, die von Anfang bis Ende ein purer Überlebenskampf ist.

Das heißt natürlich nicht, dass man nicht aus einem Kampf ums Überleben eine interessante Geschichte bauen kann. Es funktioniert meistens, wenn man die Charaktere etabliert und ihr*m andere Ziele und Eigenschaften gibt. Kann Leser*in vorher eine Verbindung zum Charakter aufbauen, funktionieren solche Geschichten doch. Wie auch Geschichten, die immer wieder von ruhigeren Momenten unterbrochen werden, in denen wir die Charaktere kennen lernen.

Intrinsische und extrinsische Motivation

Ebenso aus Studienzweigen wie Wirtschaft, Management, Psychologie und Pädagogik bekannt, sind die Konzepte von intrinsischer und extrinsischer Motivation. Auch diese können im Kontext auf das Schreiben von Charakteren sehr interessant und auch wichtig sein.

Intrinsische Motivation ist eine Motivation aus einer Person heraus, also etwas, dass die Person selbst für sich macht. Zu trainieren, um besser zu werden. Ein Abenteuer zu beginnen, um es zu erleben. Zu arbeiten, um mit sich selbst zufrieden zu sein.

Dagegen ist extrinsische Motivation eine Motivation die durch Lockung oder Zwang einer Person von außen gegeben wird. Mehr Arbeit für mehr Geld. Das Abenteuer zu bestreiten, um eine geliebte Person zu retten, die der Bösewicht entführt hat. Zu trainieren, weil der Vater es so will.

Auch hier gibt es einen Punkt, wo sich Charaktere dank ihrer Motivation schnell blass anfühlen können. Und zwar, wenn sämtliche Motivation für sie, an der Handlung teilzunehmen, extrinsisch ist. Dass kann dazu führen, dass Leser*innen sich erneut schwer damit tun, dass Handeln des Charakters nachzuvollziehen und mitzufiebern, weil es schnell so wirkt, als würde der Charakter nur reagieren, statt selbstständig zu handeln.

Wobei man natürlich sagen muss, dass es ein Genre gibt, bei dem es beinahe immer zum Konzept gehört und funktioniert: Horror. Denn Horror arbeitet häufig damit, die Charaktere nur reagieren zu lassen, da nicht selten einer der Zentralen Aspekte ist, dass was auch immer der Verursacher des Horrors ist, den Figuren ihre eigene Agenda nimmt und sie zu Spielbällen macht.

Das Problem von Auserwählten

Diese ganzen Problematiken führen auch dazu, dass gerade Narrativen mit „Auserwählten“ oft sehr blass wirken, jedenfalls wenn sie von anderen auf ihren Pfad gebracht werden. In Szenarien, in denen di*er Auserwählte auf seine Reise gebracht wird, sei es durch eine höhere Gewalt oder durch eine*n Mentor*in, hat si*er oft wenig mitzureden. Je nachdem, wie viel si*er über die Prophezeiung weiß, wird die Motivation schnell, diese zu erfüllen, weil sie erfüllt werden muss – nicht aber, weil si*er selbst dazu motiviert ist die Welt zu retten. (Jedenfalls nicht weiter, als „Wenn die Welt untergeht sterbe ich und alle, die ich mag.“)

Das heißt natürlich nicht, dass es zwangsläufig so kommen muss. Es ist durchaus auch möglich Auserwählte zu haben, die nichts von ihrem besonderen Status wissen. Immerhin ist es ohnehin ein wenig zweifelhaft, wenn es eine Prophezeiung so dringend nötig hat, effektiv durch Außenstehende erzwungen zu werden. Insofern kann es durchaus eine*n Auserwählte*n geben, di*er von sich und aus eigener Motivation sich auf den Weg begibt, der zur Weltrettung führt, und damit die Prophezeiung erfüllt.

Dennoch sind Geschichten mit Auserwählten oft die, in denen die Motivation am dünnsten ist. Denn oft genug werden die Held*innen doch auf ihre Reisen gezwungen und müssen ihre Prophezeiung zwangsweise erfüllen.

Ein negatives Beispiel

Kommen wir einmal zu einem konkreten Beispiel von einer Geschichte, die massiv unter dem mangelnden klaren Motivationen von Charakteren gelitten haben. Ich nehme hierfür, wie auch für das Positivbeispiel einen Film, weil diese sich recht schnell anschauen lassen, um das Problem zu verstehen.

Das Negativbeispiel ist der zweite „Phantastic Beasts“ Film, über den ich auch schon ein komplettes Review geschrieben habe. Dieser Film hat das Problem, dass von allen zentralen Charakteren Credence der einzige ist, der eine klare Motivation hat. Credence ist aber nicht der Hauptcharakter, dieser ist Newt. Und Newt sagt am Anfang des Films klar, dass er kein Auror sein, sondern sich lieber um seine Tiere kümmern muss. Dennoch erfüllt er de facto die Aufgabe eines Aurors in dem Film, nachdem Dumbledore zu ihm kommt und ihm sag: „Mach das mal für mich.“ Newts komplette Motivation zu handeln in dem Film ist, dass Dumbledore ihn drum gebeten hat. Dabei ist jedoch seine Beziehung zu Dumbledore auch nicht genug ausgearbeitet, als dass dieser Aspekt irgendwie für den Zuschauer nachvollziehbar wäre.

Auch die anderen zentralen Charaktere – Tina, Queenie und Jacob – haben wenig konkrete Motivation an der Handlung des Films teilzunehmen. Mehr noch: Dadurch, dass sie keine klare Motivation haben, gibt es auch eigentlich keinen klaren Konflikt mit Grindelwald, den der Film ja unbedingt als Antagonisten einbringen musste. Viel mehr ist es so, dass die Charaktere eineinhalb Stunden ziellos durch die Gegend laufen, nur um sich dann zu treffen, sich gegenseitig mit einem Exposition Dump anzuschreien und dann durch Zufall in einen Konflikt mit Grindelwald zu geraten. So funktioniert Spannung nicht.

Ein positives Beispiel

Als positives Beispiel kann dagegen Mad Max Fury Road dienen, ein Film, der sehr viel über die Motivationen der verschiedenen Charaktere definiert. Vor allem zeigt er auch gut, wie sich Motivationen im Verlauf einer Handlung ändern können.

Max, der selbst – wie es noch einmal erwähnt gehört – nicht der Protagonist ist, hat zu beginn keine Motivation. Etwas, das sogar textuell gesagt wird. Er hat nur noch Überlebensinstinkte. Dagegen haben wir Furiosa als Protagonistin, die eine Menge Motivation – auch unterschiedlicher Motivationen – hat: Sie will Rache an Joe, für das, was er ihr angetan hat, sie will zu ihrer Heimat zurück, sie will eine Möglichkeit Wiedergutmachung für ihre Taten zu bekommen. Hoffnung spielt dabei eine große Rolle.

Max wird am Anfang in diese Situation gezwungen und vornehmlich von seinen Instinkten angetrieben, entwickelt aber recht schnell den Wunsch, tatsächlich zu helfen. Auch bei ihm sind Rache und der Wunsch irgendwie seine Menschlichkeit zu beweisen oder Wiederzuerlangen ein zentraler Antrieb.

Das beste daran ist, dass der Film sehr effizient darin ist, diese Aspekte oft ohne viel Text zu kommunizieren.

Keine Regeln, nur Tipps

Abschließend lässt sich hier sagen, dass alles, was ich hier schreibe, letzten Endes nur Tipps sind und keine festen Regeln. Ja, natürlich ist es durchaus auch möglich einen Charakter, der für etwas zwangsrekrutiert wird, zu schreiben, der doch im Rahmen der Geschichte funktioniert. Es braucht halt nur mehr Fingerspitzengefühl.

Dennoch lohnt es sich definitiv, sich Gedanken über die Ziele, Motivationen, Träume und Agendas eurer Charaktere zu machen – egal ob Protagonist*in, Antagonist*in, Deuteragonist*in. Es hilft Spannung in eure Geschichten zu bringen, Handlungen nachvollziehbarer zu machen und einen roten Faden hineinzubringen.


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