Mad Max: Fury Road – Furiosa & die Frauen

Kommen wir also zum ersten Eintrag meiner Reihe zu Mad Max: Fury Road. Heute soll es um die eigentliche Protagonistin des Films gehen, Furiosa, aber auch um die fünf Frauen, die sie rettet. Warum ist dieser Charakter allgemein für so viele Filmeschauer so relevant und so wichtig? Und warum ist wird der Film so für seinen Umgang mit einigen kritischen Themen gelobt?

Dieser Eintrag ist der erste in meiner Reihe zum Film – warum es diese Reihe gibt, erfahrt ihr hier. Ich hatte via Twitter abstimmen lassen, worüber die meisten Leute zuerst etwas lesen wollen. Dass Furiosa die Antwort war, sollte mich dabei nicht überraschen. Immerhin war sie einer der Gründe, warum der Film überall so ausführlich besprochen wurde, da sie eine Art weiblicher Hauptcharakter war, den man selten sieht.

An dieser Stelle gebe ich der Ehrlichkeit halber offen zu, dass Furiosa der Grund war, warum ich den Film überhaupt gesehen habe. Und, wenn ich ganz ehrlich bin, ebenso der Grund, warum ich mich direkt in den Film verliebt habe. Denn ja, sie hat diverse Gemeinsamkeiten mit einer meiner eigenen Protagonistinnen, die damals bereits als Rollenspielcharakter existierte. Allerdings würde ich den Film auch ohne diese Gemeinsamkeiten lieben.

Zu Furiosa wird es übrigens zwei verschiedene Einträge geben. Neben diesem, der sich mit Charakterhintergrund, was dort wie angedeutet wird und ihr Verhältnis um die fünf Frauen geht, noch einen, der sich um sie und Max und ihre gemeinsame Reise dreht.

„Once again I salute my Imperator Furiosa”

Die Einführungsszene Furiosas ist interessant aufgezogen. Während Immortan Joe redet, sehen wir sie zur War Rig gehen. Das erste, was wir sehen, ist die Narbe, wo Joe sie gebrandmarkt hat. Wir sehen sie von hinten, sehen eine kurze Einstellung der Prothese, doch erst ein Stück später sehen wir ihr Gesicht – vor allem ihre Augen, die dank der schwarzen Stirn stark hervorgehoben sind.

Hier fängt bereits das visuelle Storytelling an. Denn während die Szene uns erst einmal wenig sagt, erzählt sie uns bereits eine Menge über Joe, die Welt und Furiosa. Zwar wissen wir nicht, was ein „Imperator“ ist, doch können wir uns herleiten, dass es eine höhere Position in der Hierarchie ist, sonst wäre es nicht hervorgehoben. Auch die Größe der War Rig und dass Furiosa diese alleine fährt, unterstützt diese Narrative.

Gleichzeitig fällt jedoch ein anderer Aspekt ins Auge: In der Szene sehen wir nur Warboys. Also junge Männer. Frauen sehen wir nur im „Fußvolk“. Dies hebt hervor, dass es eben einen Grund geben muss, warum Furiosa als scheinbar einzige Frau Teil der Warboys ist – und ja, dieser Grund ist ein zentraler Aspekt ihres Charakters.

„Out here everything hurts“

 Es folgt die Actionsequenz mit dem Kampf gegen die Buzzards. Dem Zuschauer wird klar gemacht, dass Furiosa gegen Joes Wünsche handelt. Dann sehen wir, dass sie die Frauen dabeihat – dazu später – und es kommt zur ersten Verfolgungssequenz, die vor allem dazu dient, um zu zeigen, dass Furiosa entschlossen, fähig und bereit ist, für was auch immer zu töten.

Wirklich interessant wird jedoch die nächste Sequenz, als sich Max und Furiosa das erste Mal treffen. Diese Szene ist zentral für den Film, da sie viel etabliert. Wir erfahren das erste Mal vom „grünen Ort“, wir sehen die Frauen und dass sie bereit sind Furiosa zu helfen, und wir sehen, dass Furiosa selbst mit einem Arm ein ebenbürtiger Gegner für Max ist, die beiden auf demselben Level spielen. Auch ihre Reaktion auf den Ausgang des Kampfes ist relativ gelassen – was erneut einiges über ihren Charakter erzählt.

Sprechender jedoch ist ihr kurzer Dialog mit Splendid. „Wie geht es deinem Bein.“ – „Es tut weh.“ – „Hier draußen tut alles weh.“ Dieser Dialog impliziert, dass sie bereits in der Ödnis überlebt und sich hat durchschlagen müssen. Mehr aber noch wird hier impliziert, dass sie den Unterschied kennen gelernt hat zwischen der geschützten Welt und dem Ödland.

„What’s your name? How do I call you?”

Die nächsten Szenen etablieren vorrangig nur Dinge, die wir bereits wissen. Wir sehen, wie vertraut Furiosa mit der War Rig ist und wie weit sie sich auf diese Flucht vorbereitet hat – sowohl an der Startsequenz, als auch an den vielen versteckten Waffen, als auch an dem Flucht Plan durch den Canyon. Interessant ist an dieser Stelle, wie schnell sie Max als Hilfe akzeptiert. Dies ist allerdings mehr beim Thema „Max und Furiosa“ interessant und wird daher in einem eigenen Beitrag diskutiert.

Was wir in diesem Abschnitt allerdings sehen können, ist eine Entwicklung vom Verhältnis zwischen Furiosa und den Frauen. Denn während sie den anderen Frauen am Anfang die kalte Schulter zeigt, weicht sie ihnen gegenüber nach Splendids Tod immer weiter auf und zeigt mehr aktives Interesse daran, sie zu schützen – anstatt sie vorrangig Joe „wegnehmen“ zu wollen.

„I am the daughter of Mary Jo Bassa”

Der nächste wirklich interessante Aspekt, wenn es um Furiosa als Charakter und ihre Hintergrundgeschichte geht ist, nachdem sie aus dem Sumpfgebiet herauskommen. Hier haben wir zum einem einen kurzen, aber wichtigen Austausch mit Max. „What is it, that you are looking for?“ – „Redemption.“ Es ist nicht viel, aber es sagt doch etwas über den Charakter. Sie ist ähnlich wie Max von ihrer Vergangenheit verfolgt. Von Dingen, die sie getan und auch nicht getan hat. Besonders im Verhältnis zu den Frauen, aber auch Joe deutet dies einiges an.

Wirklich interessant wird allerdings die Szene, als sie die Vuvalini endlich finden. Denn hier bekommen wir endlich einige Informationen, die uns erlauben, Furiosas Hintergrund zu rekonstruieren. Wir erfahren, dass sie als Kind gemeinsam mit ihrer Mutter entführt wurde, diese aber nur wenige Tage später starb. Wir erfahren, dass sie wirklich die Tage gezählt hat. Und die Frage bleibt: Wer hat sie entführt?

Gut, direkt lässt sich diese Frage nicht beantworten, doch die Szene zieht auch Aufmerksamkeit auf eine Sache: Joes geflohene Frauen sind allesamt mehr oder minder gesund. Natürlich. Er wollte gesunde Kinder. In dem Kontext wird das erste Mal nahegelegt, wie Furiosa zur Zitadelle kam: Auf dieselbe Art, wie diese Frauen.

„Remember me?“

Die Szenen, bevor es zur Zitadelle zurückgeht, sind eher für die Entwicklung von Furiosa und Max interessant, weshalb ich darauf in dem späteren Artikel eingehen werde. Was gesagt sei: Es kommt zur Verfolgungsjagd zurück. Dabei wird Furiosa verwundet.

Worauf ich an dieser Stelle Aufmerksamkeit lenken möchte, ist der Warboy, der sie verwundet. Generell sind die Gastown Warboys in dieser Sequenz weniger gleichaussehend und haben verschiedene Verkleidungen. Was dabei auffällt, ist der Puppenschädel, den dieser spezielle Angreifer in seiner Kopfbedeckung trägt. Während ich keine Bestätigung habe, dass dies Symbolismus ist, so finde ich es im Gesamtkontext zu auffällig, um an einen Zufall zu glauben – speziell, wenn wir bedenken, wie detailliert die visuellen Aspekte geplant waren.

So oder so: Furiosa schafft es mit der Hilfe von Max und den Frauen, vor allem Chedo, auf Joes Wagen und tötet ihm. Ihre letzten Worte zu ihm: „Remember me?“ Und dass sich das nicht auf „Erinnerst du dich an die Person, die du seit zwei Tagen verfolgst“ bezieht, sollte klar sein.

„They bagged her to go!”

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück, denn dieser Artikel handelt nicht nur von Furiosa, sondern auch den fünf anderen Frauen, die eine bedeutende Rolle in dem Film spielen: Joes „Brütern“, den Frauen, die er in einem Harem gefangen hält, bis Furiosa sie „entführt“, was den Konflikt des Films erst in Gange bringt.

Wir lernen recht schnell die Gruppendynamik der fünf Frauen kennen. The Splendid Angharad, die Älteste der Gruppe, die außerdem hoch schwanger ist, hat innerhalb der Gruppe eine Anführerfunktion. Sie ist diejenige, die länger geplant hat, fortzulaufen. Toast the Knowing hat, wie der Name sagt, recht viel Wissen angehäuft (wir sehen auch Bücher in der Zitadelle), ist jedoch zurückhaltend, wenn es um praktische Umsetzung geht, anders als Capable, die auch die dickköpfigste ist. Dann haben wir noch The Dag, die ebenfalls schwanger und zudem die Zynikerin der Gruppe ist, und die jüngste: Cheedo.

Anders, als die anderen vier, wurde Cheedo soweit aufgrund ihres jungen Alters noch nicht von Joe missbraucht. Deshalb ist ihr Bild von Joe auch ein anderes, als das der anderen Frauen, wie auch daran zu erkennen ist, dass sie tatsächlich versucht zu ihm zurückzufliehen, nachdem sie Splendid verloren haben.

„Where did you find this creatures?”

Die einzelnen Frauen haben relativ wenig Charakterentwicklung, was man an dieser Stelle offen zugeben muss. Am meisten dahingehend haben Capable, durch ihre Beziehung zu Nux, und The Dag, die dahingehend wohl auch den meisten Dialog hat. Was sie jedoch dennoch haben, ist „Agency“, also ein Ziel, auf das sie hinarbeiten. Und dieses Ziel ist eben Freiheit und Kinder zu haben, die keine Kriegstreiber sind.

Es ist relativ deutlich, dass Splendid die entschlossenste ist. Dies wird sowohl durch ihre Bereitwilligkeit, sich zwischen Joe und Furiosa zu stellen, als auch an der kurzen Ziellosigkeit der anderen vier nach ihrem Tod, deutlich gemacht.

Wie auch im Abschnitt zu Furiosa gesagt, ist zu Beginn des Films eine gewisse Kälte zwischen ihr und den Frauen da. Sicher, sie helfen ihr auch im Kampf gegen Max, doch ist hier der eigene Überlebenstrieb auf beiden Seiten wohl der größere Faktor. Erst im späteren Verlauf des Films fangen sie mehr und mehr aktiver und von sich aus an, in den verschiedenen Szenen einzugreifen, was letzten Endes auch damit endet, dass Cheedo Furiosa durch ihr Ablenkungsmanöver rettet.

Furiosas Hintergrund

Zurück zu Furiosa. Ich habe immer wieder von diversen Leuten gehört, dass nie erklärt werden würde, was es mit Furiosa auf sich hat und dass sie ja einfach nur Imperator sei, damit der Film einen coolen weiblichen Charakter haben kann – und da möchte ich deutlich widersprechen. Die aufgezählten Szenen machen deutlich, was es mit ihr als Figur auf sich hat, selbst wenn man die Erweiterungsmaterialien nicht konsumiert, die dies bestätigen.

Furiosa ist in der matriarchalischen Gesellschaft der Vuvalini geboren worden und aufgewachsen, ehe sie als Kind entführt wurde. Die Vuvalini lebten an einem grünen, damals noch fruchtbaren Ort, hatten daher offenbar weniger mit Hunger zu kämpfen und standen als Frauen eng zueinander. Alles sicher Gründe, dass sie über knapp 30 Jahre an dem Plan zurückzukehren, festhielt. Was direkt nach der Entführung passiert ist, ist nicht gänzlich klar, doch sie ist zu irgendeinem Zeitpunkt zu Joe und der Zitadelle gekommen und dort in Joes Harem, da sie gesund war. Sie hatte dasselbe Schicksal, wie die fünf Frauen, die sie befreit. Allerdings hat sie diese Stellung und den damit zusammenhängenden Schutz verloren. Warum? Der Grund liegt nahe: Weil sie unfruchtbar war.

Vom Film selbst her ist nicht ganz klar, was zwischen dem Zeitpunkt passierte, an dem sie die Stellung im Harem verlor und den Beginn des Films. Anzunehmen ist, dass sie aufgrund ihrer Stellung die Möglichkeit bekam, sich als Kämpferin zu beweisen. Dadurch gewann sie die Stellung als Imperator, verlor auf dem Weg dorthin jedoch auch den Arm.

Die Verbindung zu den Frauen

Eine Beschwerde, die ich in dem Zusammenhang, auch häufiger gehört habe: „Warum sind die Frauen überhaupt in einem Safe eingeschlossen? Ist doch albern. Und wie ist Furiosa überhaupt mit ihnen in Kontakt gekommen?“

Bei der ersteren Frage bin ich persönlich immer verwirrt, da es für mich recht klar ist: In der Zitadelle leben beinahe ausschließlich junge Männer. Die Frauen sind eingeschlossen, um sie an der Flucht zu hindern, und um die Männer daran zu hindern, sich an ihnen zu vergehen – immerhin sollen sie Joes Kinder zur Welt bringen und nicht die irgendwelcher Warboys. Deswegen tragen sie zudem ja auch Keuschheitsgürtel.

Die zweitere Frage ist dahingehend verständlicher. Die einfachste Annahme ist, dass Furiosa zu den Frauen durfte, weil sie halt eine Frau ist. Eventuell als Wache, eventuell um ihnen einfach ein paar Sozialkontakte zu geben. Man sollte auch im Kopf behalten, dass Joe ihr vertraut hat – sonst hätte sie ihre Position nicht gehabt.

Der Sinn der Interpretation

Warum werden diese Sachen im Film aber nicht erzählt? Das ist eine Frage, die ich dahingehend auch immer wieder gehört habe. Immerhin muss man so interpretieren und beim Interpretier en sei es ja auch kein Wunder, wenn es verschiedene Ergebnisse gibt. Was an sich natürlich stimmt, wie jeder wissen sollte, der sich mit dem Deutsch- oder Englischlehrer einmal über die Richtigkeit einer Gedichtsinterpretation gestritten hat.

Also, warum? Die einfache Antwort: Weil es eben ein visuelles Medium ist. Wie schon im Eingangsbeitrag gesagt: „Show, don’t tell“ existiert als Regel nicht ohne Grund. Und es gibt wenig Gründe, warum die Charaktere über diese Sachen reden sollten. Wem sollte Furiosa ihre Vorgeschichte denn erzählen? Mit welchem Zweck? Das hier ist eben das Problem mit Exposition: Sie passt oftmals nicht zu den Charakteren und zur Situation, geschieht nur um den Zuschauer zu informieren.

Allerdings gibt es noch einen anderen Grund, warum der Film sich bewusst entschieden hat, auf die Vorgeschichten der Frauen nicht weiter einzugehen – und das ist einer der Gründe, warum ich ihn so liebe. Und dieser Grund ist, dass man die Frauen nicht als Opfer darstellen wollte. Die Frauen sollten nicht über das definiert werden, was Männer ihnen angetan haben, sondern über das, was sie im Film selbst tun. Es war daher eine bewusste Entscheidung, die Geschichte so zu erzählen. In meinen Augen eine Entscheidung, für die man dem Film applaudieren muss, konzentrieren sich doch zu viele Filme über ähnliche Themen auf die Opferrolle, anstatt auf die aktive Tat. (Etwas, worauf ich auch in dem Eintrag zu Gewalt und Gender eingegangen bin.)