Weltenbau 101: Urban Fantasy und alternative Geschichtsschreibung

Damit kommen wir zum letzten Eintrag zum Thema Urban Fantasy Weltenbau – ab hier gehen diese Beiträge auch wieder in den zweiwöchigen Rhythmus über! Doch wir müssen uns zuletzt noch ein wenig mit einem anderen, wichtigen Thema beschäftigen: Geschichte. Denn das hat in der Urban Fantasy auf einmal ganz andere Implikationen.

Fiktionale Geschichtsschreibung und Suspension of Disbelief

In unserer Welt gibt es also Magie. Dann bleibt nur die Frage: Warum ist die Welt dennoch so, wie sie ist? Das ist ein wenig das Problem, das mit Urban Fantasy (oder auch Historical Fantasy) einher geht, sofern wir uns nicht in einen Szenario befinden, in dem Magie erst vor kurzen in unserer Welt auftauchte, bleibt die Frage: Was haben die magischen Wesen zu bestimmten Zeiten gemacht? Was hat so ein magisches Wesen gemacht, während der Weltkriege, während dem Kolonialismus, während irgendwelcher Plagen …? Wäre unsere Geschichte nicht anders verlaufen, wenn es Magier*innen gab?

Gleichzeitig stößt man an dieser Stelle mit einem anderen Aspekt aneinander: Viele Leute, die Urban Fantasy lesen, lesen es, weil es in unserer Welt spielt. Würde man also wirklich komplett logisch durchplanen, wie viel sich durch die Magie verändert hätte, würde der Reiz von dem „unsere Welt“ Aspekt verloren gehen. Daher sind auch viele Leser*innen bereit, ihre Suspension of Disbelief ein wenig weiter zu strecken, als normal. Doch ab und zu kommt man eben schon an seine Grenzen, wenn es darum geht zu akzeptieren, dass bei bestimmten Sachen kein*e einzige*r Magier*in betroffen war.

Doch fangen wir bei einigen Grundlagen an.

Das Urban Fantasy Setting

In den meisten Fällen geht Urban Fantasy davon aus, dass es in unserer Welt spielt und wir in unserer Welt und bei unseren globalen politischen Abläufen nichts von Magie mitbekommen. Also, könnte hier die Gegenfrage lauten, wieso sollte es in anderen Zeiten anders gewesen sein sollte. Womit wir zu der Schnittstelle zwischen diesem Thema, der Geheimhaltung und der Parallelgesellschaft kämen.

Denn ja, dies ist letzten Endes der Dreh- und Angelpunkt von allen drei Themen. Es kommt eben immer wieder auf dieselbe Frage hinaus: Warum haben zu Zeitpunkt X die Magier*innen nichts gemacht? Warum wurden diverse Verbrechen zugelassen? Warum wurde nicht in Kriege eingegriffen? Warum hat man bei Hungersnöten nicht mit Magie nachgeholfen? Oder bei Seuchen? Warum tut man es heute nicht. Haben die Magier*innen (und andere Wesen) nicht die entsprechenden Kräfte oder tut man es bewusst nicht?

Die einseitige Beziehung

Allerdings ist es dennoch oft so, dass letzten Endes die Kriege der Menschen immer mal wieder vorkommen. Ah ja, da wurden Magier auch eingezogen und mussten kämpfen. Ach ja, und die Nazis hatten eine eigene Vampir-Division. Oh, ja, und Werwölfe waren im Geheimdienst. Und Halbgötter auch. Die mussten da auch kämpfen. Aber die Menschen haben das vergesse/totgeschwiegen. War zu kompliziert.

So geht es oftmals mehr oder weniger. Dinge, die am Rand erwähnt werden, selten aber eine größere Rolle spielen. Und wie gesagt: Sie passieren nur einseitig. Jedenfalls meistens. Wir erfahren, dass hier und da Ereignisse in der nicht-magischen Welt die magischen Wesen mit betroffen haben, aber eben nicht, wie deren Reaktion die Dinge in der nicht-magischen Welt mit betroffen haben.

Einzige Ausnahme ist eben eine Form der Darstellung, die bspw. Rick Riordan nutzt, aber – zugegebenermaßen – auch teilweise bei uns zum Einsatz kommt. Und das ist zu sagen: „Ja, aber dieser oder jener Konflikt wurde von den magischen Wesen befeuert/beeinflusst. Dieses und jenes Ereignis geschah so, weil Magie …“ Und das ist natürlich auch ein Problem für sich.

Die moralische Frage

Denn wenn wir sagen: „Ja, der Krieg X wurde ausgelöst, weil die Götter Y und Z einen Konflikt miteinander hatten und daher ihre Minions gegeneinander geschickt haben“, dann wird es für den ein oder anderen anmaßend klingen. Immerhin haben beinahe alle Kriege einen konkreten Grund gehabt und natürlich sind auch immer Menschen im Rahmen des Krieges gestorben. Schmälert so eine Aussage dann nicht diese Tode?

Das mag uns bei fernen Konflikten, wie dem Krieg zwischen dem Persischen Reich und Sparta Griechenland, irrelevant vorkommen – doch man merkt meistens, dass es sich ein wenig falsch anfühlt, liegen den Konflikte nicht soweit zurück. Stellt euch vor, jemand sagt: „Oh, ja, Hitler hat eigentlich für Cthulu gearbeitet“ und schreibt ein Buch darüber. Das hinterlässt einen sehr bitteren Geschmack auf der Zunge, oder?

Dasselbe lässt sich bei noch jüngeren Dingen, wie dem Irak-Krieg oder dem Afghanistan-Konflikt ebenfalls sagen. Selbst wenn hier eventuell für den ein oder anderen natürlich wieder mit hineinkommt, dass diese Konflikte „weiter weg“ sind und das Gefühl nicht ganz so stark ist, wie bei dem Hitler-Beispiel. Dennoch: Für jemanden, der direkt betroffen ist, ist es natürlich noch schlimmer, weil diese Leute dann den Krieg erlebt haben. Ohne Magier. Ohne Götter. Nur Menschen, Waffen und Öl.

Entsprechend bleibt die Frage: Gibt es bei versteckter Magie überhaupt eine gute Lösung, wenn es darum geht, unsere Geschichte mit zu übernehmen? Speziell, wenn man nicht den Eindruck erwecken will, dass sich diese Dinge rein einseitig (also normale Geschichte zu magischer Welt, nicht andersherum) beeinflusst hat. Aber … eine Sache kann ich recht sicher sagen …

Magie war kein Geheimnis – Willkommen in St. Louis

Denn während man bei „geheimer“ Magie sagen muss: „Am Ende lässt sich di*er Endkonsument*in willig darauf ein, dass wahrscheinlich zu großen Teilen Geschichte in diesem Rahmen ignoriert wird“, sieht das für Welten mit offener Magie anders aus. Und hier stoße zumindest ich an die Grenzen meiner Suspension of Disbelief. Und das fing schon mit dem ersten Buch, das offiziell von einem Verlag als „Urban Fantasy“ deklariert wurde, an. Den Anita Blake Büchern.

Anita Blake spielt in einem Paralleluniversum, das allerdings genau so aussieht, wie unseres. Die Handlung spielt in St. Louis, Illinois. Amerika wurde wie gehabt kolonialisiert. Es gibt dieselben Religionen, wie bei uns. Aber das alles, während magische Geschöpfe nie ein Geheimnis waren. Ja, es gibt sogar Naturschutzgebiete, für magische Kreaturen. Vampire, Werwölfe usw. sind normal in die Gesellschaft integriert. Die Protagonistin, Anita Blake, ist beruflich als Nekromantin tätig – etwas, das vornehmlich genutzt wird, um das Mordopfer als Zeugen zu befragen und Erbschaftsprobleme zu klären. Übrigens ist sie auch sehr christlich, weil … Tja, das machte für mich nie Sinn. Ich meine: Jesus ist drei Tage nach seinem Tod auferstanden. Tagesgeschäft in der Welt.

Und genau das ist eben das Problem. Um bei der Welt zu bleiben: Wenn Magie immer real war … warum gibt es dieselben Religionen? Denn das meiste, was die modernen Religionen begründet hat, also Wunder und dergleichen, ist in dieser Welt „die Norm“. Ohne dieselben Religionen, wäre jedoch natürlich auch der Rest der Geschichte anders verlaufen – und die Tatsache, dass Vampire, Werwölfe, Magier, Einhörner und alles normal sind, hätte es effektiv zu einer gänzlich anderen Welt gemacht.

Übrigens: Es gibt kein besseres Beispiel dafür, wie das schiefgehen kann, als Bright – der Netflix Film. Denn hier wissen wir explizit, dass die Geschichte an vielen Stellen anders verlaufen ist, aber dennoch gibt es Los Angeles, das Los Angeles heißt und genau so aufgebaut ist, wie Los Angeles in unserer Welt. Und … das macht einfach keinen Sinn! (Ich empfehle einmal wieder Lindsay Ellis Videos dazu.)

Anregungen

Heute findet ihr in den Anregungen nicht nur Fragen, sondern auch ein paar „Warnungen“ oder „Empfehlungen“, wenn ihr so wollt. Und es gibt zwei verschiedene Listen: Eine für „geheime“ Magie und eine für „offene“ Magie.

Für Welten, in denen Magie geheim ist …

  • Habe eine Antwort im Kopf zum Thema: „Was ist in der magischen Welt passiert, als …“ Zentral solltest du es zumindest auf Dinge beziehen können, die vielen Leuten einfallen, wie bspw. die Weltkriege, die Kolonialisierung, aber auch diverse Seuchen und dergleichen. Versucht idealerweise auch abseits von (Nord)amerika und Europa zu denken.
  • Was sind wichtige Ereignisse in der magischen Welt gewesen? Haben sich diese auf die Menschen ausgewirkt?
  • Gab es irgendwann große Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen? Inwieweit hat das die nicht-magische Welt betroffen?
  • Wann wurde die Geheimhaltung beschlossen und wie/warum?
  • Gab es einmal einen Fall, wo viele Menschen trotz Geheimhaltung Magie wahrgenommen haben?
  • Was sind wichtige Persönlichkeiten in der Geschichte der magischen Gesellschaft?

Für Welten, in denen Magie offen ist …

  • Seit wann ist Magie allgemein bekannt? Wie lange interagieren magische Wesen mit „normalen Leuten“?
  • Wie hat dies wichtige Ereignisse in der Geschichte der Menschheit verändert?
  • Was hat den technischen Fortschritt voran getrieben?
  • Wie sind die Länder nun aufgebaut?
  • Anders gesagt: Es wird Grundlegender Weltenbau sein, von dem „Point of Diversion“ aus ausgehend. Es ist halt nicht glaubwürdig, wenn die Welt genau so aufgebaut ist, während verschiedene Magie normal ist. Diverse Sachen laufen anders. Aber die Welt kann ja dennoch unsere sein und je nach „Point of Diversion“ kann sie ähnlich sein – aber manches bleibt anders.

Kurzum

Die alternative Geschichtsschreibung ist eine der größten Herausforderungen, wenn es um Urban Fantasy geht. Es ist oftmals der Punkt, mit dem eine Urban Fantasy Welt in Sachen Glaubwürdigkeit auch steht oder fällt. Entsprechend ist es wichtig sich ein paar konkrete Gedanken dazu zu machen – auch wenn es nicht immer sehr leicht ist.

Und damit beende ich diese kleine „Weltenbau für Urban Fantasy“ Geschichte und kehre damit übernächste Woche wieder zum normalen Weltenbau, der oftmals, aber nicht immer auch für Urban Fantasy interessant ist, zurück. Wie immer bleibt es meinen Patreons vorbehalten, das Thema dafür auszusuchen!