Die Bedeutung ruhiger Szenen

Ich möchte das neue Jahr mit einem Schreibtipp beginnen. Einem relativ kleinen Schreibtipp, aber ein Thema, das für mich schon viele Bücher, Filme, Serien kaputt gemacht hat, wenn es nicht bedacht wird: Eine Geschichte braucht ruhige Momente.

Action-Beat auf Action-Beat

Geschichten haben ruhige und hastige Szenen – so viel sollte klar sein. Idealerweise ist die Spannung vor allem in den hastigen, schnell laufenden Momenten hoch, in den ruhigen eher niedrig. Denn die schnellen Momente gehen oftmals mit den höchsten Einsätzen, den höchsten Gefahren einher.

Und ja, es ist vornehmlich ein Tipp, der mit Geschichten, die in irgendeiner Form Action beinhalten, einhergeht. Mit Geschichten, in denen zumindest zwischen „hohen und niedrigen Einsätzen“ (Stakes) in irgendeiner Form unterschieden werden kann. Selbst wenn der höchste Stake nicht immer ein auf dem Spiel stehendes Leben sein muss.

Das Thema liegt mir nicht zuletzt am Herzen, da ich bezüglich des Schreibens und des Handlungsaufbaus stark aus der japanischen Schreiberszene beeinflusst wurde. Die ersten Schreibtipps, die ich gelesen habe, standen im Weblog eines japanischen Autors, sind aber bis heute hängen geblieben – und ja, fehlen mir häufiger in westlichen Geschichten.

Der Zweck der ruhigen Momente

Ein wenig fehlt mir diese Sache häufiger in Phantastik-Geschichten, wenn diese nicht komplett darauf aufgebaut sind. Die ruhigen Momente, die eigentlich so wichtig sind, vor denen sich jedoch – so kommt es mir manchmal vor – gefürchtet wird. Denn immerhin können sie das Tempo und damit, vermeintlich die Spannung rausnehmen. Dabei sehe ich es genau anders herum: Diese Momente sind es, die eigentlich Spannung geben.

Denn ruhige Momente in Geschichten haben einige wichtige Aufgaben: Mehr als die Szenen, in denen es irgendwelche großen Gefahren gibt, können sie uns mehr über die Charaktere und ihre Emotionen verraten. Sie können uns auch, jedenfalls bei Phantastik, mehr von der Welt zeigen, so dass wir am Ende besser verstehen, welche Gefahren existieren. Doch das wichtige ist wirklich, dass sie helfen, die Charaktere und ihre Beziehungen (damit meine ich nicht die romantischen, selbst wenn diese auch hineinfallen können) zu realisieren.

Auch helfen diese Momente, die Folgen von Ereignissen in den hektischeren Momenten zu zeigen und deutlich zu machen – etwas, das helfen kann, die Gefahren spürbarer zu machen. Dies gilt besonders in klassischen Narrativen, in denen wir davon ausgehen, dass die Protagonist*innen überleben und die Gefahr eher der Status Quo der Welt ist.

Ein Film ohne Momente zu atmen

An sich kann ich diverse Filme von JJ Abrams hernehmen und darüber reden, da gerade seine Filme es sind, bei denen mir diese Momente so oft fehlen. Wobei ich bspw. auch Superheldenfilme nehmen könnte, für die ähnliches gilt. (Dr. Strange wäre ein solcher Kandidat für mich. Der Film hatte nach dem ersten Akt so wenig Momente zum Durchatmen, dass die Gefahren eigentlich egal waren, da sie nicht wirken konnten.)

Ein Film, den es für mich komplett kaputt gemacht hatte – darüber hatte ich im Last Jedi Beitrag schon gesprochen – war der erste Film der neuen Star Wars Reihe: Das Erwachen der Macht. Der Film gab den Figuren so wenig Raum zum Atmen, so wenig Zeit, um ihre Beziehungen zu entwickeln, dass man oft einfach dem Film glauben musste, wenn er sagte: „Ja, diese Figuren haben eine enge Bindung.“ Denn in der einen Szene, die bisher den Figuren gegeben wurde, reicht nicht, um das zu vermitteln. Vor allem merkte ich das aber am „Low Point“ des Films. Eine Galaxie wird zerstört, kurz sind alle geschockt, aber der Film erlaubt uns weder genug Zeit, um irgendwie ein Verständnis zu entwickeln, warum es wichtig ist, noch danach eine richtige Szene, um die ausgelöste Verzweiflung zu spüren. Die Gefahr ist theoretisch groß – aber weil diesem Moment nicht der Raum zum Atmen gegeben wurde, wirkt sie nicht.

Ein Film, der es verhältnismäßig gut gemacht hat, ist dagegen Guardians of the Galaxy Vol. 2, der auf jede Action-Sequenz ein, zwei ruhige Szenen hat folgen lassen, in denen wir verstehen können, was dies für die Figuren bedeutet. Das gibt den Figuren durchweg Platz zum Wachsen und erlaubt es dem Film in relativ kurzer Zeit zumindest vier Figuren ein recht komplexes Charakterarc zu geben.

Die Sache mit der Aufmerksamkeit

Die Sorge, die oft dazu führt – ob in Filmen oder Büchern – dass eher Action-Sequenzen aneinander gereiht werden, ist, die Aufmerksamkeit der Leser*innen (oder Zuschauer*innen) zu verlieren, wenn zu lange nichts „spannendes“ passiert. Damit hängt bspw. auch der Tipp zusammen, ein Buch immer mit einer Action-Sequenz zu beginnen.

Und die Sache ist: Vielleicht ist es ja auch nicht falsch, wenn es um manche Leser*innen geht. Das meine ich nicht wertend. Jeder sucht nach etwas anderen in Geschichten, die si*er konsumiert. Und manche suchen halt vor allem nach Action. Es ist nicht so, als würde ich nicht auch Action-Filme zu schätzen wissen, die lange Action-Sequenzen haben (ihr wisst: Mein liebster Film ist Mad Max: Fury Road). Wenn die Action-Sequenzen per se gut gemacht sind, können sie auch gut für sich stehen und sind allein über Ideen und Umsetzung spannend. Das gilt für mich eher in visuellen Medien, aber ich habe keine Probleme mir vorzustellen, dass es auch für Leute gilt, die gerne dergleichen in Büchern lesen.

Insofern sollte die Frage, die ihr euch stellt, sein, wodurch die primäre Spannung in etwaigen Action-Momenten getragen wird. Durch die Action selbst (dadurch, dass diese besonders interessant beschrieben ist, besonders interessante Ideen einbringt o.ä.) oder eben dadurch, dass sich Leser*in um die Charaktere oder die Handlung sorgt und davon gefesselt wird. Denn letzten Endes: Es gibt nicht nur den einen Typ Leser*in.

Beispiele für ruhige Momente

Damit vielleicht klar ist, was überhaupt gemeint ist, wenn ich von den „ruhigen“ Momenten spreche, ein paar Beispiele:

  • Szenen, in denen Charaktere über etwas, das vorher passiert ist, reflektieren (idealerweise keine reine Wiederholung, sondern emotionale Aufarbeitung)
  • Szenen, in denen Charaktere einfach ausspannen und miteinander auf alltägliche Art und Weise interagieren
  • Szenen, in denen Charaktere miteinander sprechen und emotional sein können
  • Szenen, in denen Alltag das vorherrschende Element ist
  • Szenen, die vornehmlich einer (möglichst natürlichen) Exposition dienen, damit Umstände verstanden werden können.
  • Prinzipiell Szenen, die nicht von einer herrschenden Gefahr beherrscht werden

Und der Konflikt?

Das ist diese Stelle, an der ich auf einen Punkt noch eingehen muss, der bezüglich diesem Tipp oft aufgebracht wird: „Aber jede Szene braucht einen Konflikt!“ oder „Aber jede Szene muss zur Handlung beitragen!“ Dazu zwei Sachen: Auch eine Szene ohne Gefahr, die eher ruhig abläuft, kann einen Konflikt haben. Verarbeitet der Charakter dabei ein Trauma, so hat er einen inneren Konflikt. Sprechen sich zwei Figuren aus, so ist auch das eine Form von Konflikt. Debattieren Charaktere innerlich darum, einander Gefühle zu gestehen, ist das ebenso Konflikt.

Auch können alle diese Dinge zur „Handlung“ beitragen – denn „Handlung“ als Konzept ist sehr vage definiert. Erneut ist hier die Frage, was für eine Geschichte man erzählt. Denn die Entwicklung von Figuren kann durchaus relevanter für die „Handlung“ sein, als irgendein Kampf gegen irgendeinen Bösewicht – selbst wenn diese einen zentralen Konflikt auflöst.

Immerhin sind Charaktere üblicherweise ein Teil der Handlung. Selbst in traditionellen Erzählungen stehen sie oft im Mittelpunkt, da sie eben nicht selten diejenigen sind, die die Handlung tragen.

Kurzum

Viele Dinge sind von Leser*in und Autor*in abhängig. Als jemand, der die meisten Geschichten für die Charaktere konsumiert und für den viele Geschichten eben daran scheitern, mich von den Figuren nicht überzeugen zu können, kann ich allerdings sagen: Man muss keine Angst vor ruhigen Szenen haben. Szenen dürfen Alltag beinhalten, dürfen einfach nur Gespräche zwischen Charakteren sein oder innere Monologe eines Charakters. Wenn die Charaktere Leser*innen fesseln können, nimmt das nicht Spannung, sondern baut sie auf.

Es ist allerdings letzten Endes auch wichtig ein Gefühl dafür zu haben, was für eine Art von Geschichte ihr erzählen wollt und welche Art von Leser*in ihr damit erreichen möchtet.


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