Das Whedon-Problem

Nachdem Charisma Carpenter sich in Solidarität mit Ray Fisher zu Joss Whedon und seinem Verhalten ihr gegenüber am Set von Buffy und vor allem Angel geäußert hat, wurde viel über Whedon und sein Verhalten gesprochen. Für viele ist die Enttäuschung groß, gerade weil sie ihn lange Zeit als Feministen gesehen haben. Immerhin waren seine Serien immer feministisch, oder?

Disclaimer: Ich konzentriere mich in diesem Essay auf Buffy, Firefly und Dollhouse, da es Whedons eigene Serien sind und es bei Avengers schwer zu sagen ist, wie viel nun von ihm war und wie viel auf Feige und Perlmutter zurückgeht.

CN Rassismus, Belästigung, Vergewaltigung

Buffy war anders

Für die meisten ist Joss Whedon mit Buffy – The Vampire Slayer (alias Buffy: Im Bann der Dämonen) in ihr Leben getreten. Für viele der nerdigen Millenials war die Serie ein wichtiger Ankerpunkt in ihrer Jugend. Das gilt vielleicht doppelt für weibliche und queere Nerds, die in der Serie Repräsentation gefunden haben, die es für sie sonst einfach nicht gab.

So ging es auch mir. Für mich war Buffy die erste bildliche Repräsentation queerer Identitäten, mit denen ich konfrontiert wurde. Damit hatte die Serie für lange Zeit einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ein weiterer Bonus dafür war, dass die Serie halt fähige weibliche Charaktere dargestellt hat, etwas, das man erneut gerade zu der Zeit als die Serie herauskam, nur sehr selten gehabt hat. Gerade im Vergleich zu Charmed, das seinerzeit ja im selben Block wie Buffy auf Pro7 lief, schnitt Buffy immer etwas besser ab, so kam es mir vor, allein dadurch, dass Romance nicht immer im Mittelpunkt stand.

Umso mehr könnt ihr euch vorstellen, wie sehr es mich enttäuscht hat, als ich vor zwei Jahren einen Rewatch von Buffy startete und nicht weiter als Staffel 3 kam, da es einfach zu viele Dinge gab, die mich störten. Dinge, von denen ich feststellen musste, dass sie sich zu nicht unerheblichen Teilen durch viele Whedon-Werke hindurchziehen.

Whedons Frauen

Das fängt bei der Sache an, bei der man eigentlich den Eindruck hat, dass Whedon sie gut machen würde: Seinen Frauenfiguren. Eigentlich sind die doch gut, sollte man meinen. Immerhin hat er häufig starke Frauen, die sich selbst behaupten können, die kämpfen und schlagfertig sind. Doch wie wir mittlerweile alle gelernt haben sollten: So einfach ist es nicht. Starke Frauen™ bringen uns eben auch nicht weiter, jedenfalls nicht, wenn die ganze Stärke nur darauf aufbaut, dass sie sich physisch zur Wehr setzen.

Viele von Whedons Frauen – selbst in Buffy – werden maßgeblich über ihre Beziehungen zu Männern definiert. Sie sind nicht zwangsläufig von diesen Abhängig, aber wer sie als Charaktere sind hängt eng damit zusammen, wie sie zu ihren Männern stehen. Ja, anders als bei anderen Showrunnern haben sie zumindest außerhalb der Beziehungen noch ein Leben (nun ja, die meisten zumindest), aber dennoch sind fast für alle diese Beziehungen zentral.

Mehr noch: Eigentlich existieren viele seiner weiblichen Charaktere nicht als weibliches Empowernment, sondern als einfach eine bestimmte Art der Fantasie, die sich an Männer richtet. Denn das sollte nicht vergessen werden: Whedons Serien sind für Männer gemacht. Die weiblichen Charaktere titulieren Männer, die auf starke (sexy) Frauen stehen. Denn sexy sind Whedons weibliche Charaktere alle. Sie entsprechen immer denselben Mustern: Die sexy Kampfmaschine, das sexy Geek-Girl und natürlich die sexy Seltsame, die irgendwelche Fähigkeiten hat, die sie selbst nicht versteht.

Natürlich kann man nun darüber diskutieren, ob die Tatsache, dass die Frauen alle super sexy sind nun mit Whedon oder eher mit Hollywood zusammenhängt, aber am Grundprinzip ändert es nichts: Die Figuren sind nicht da, um gute Frauenfiguren zu sein, sondern um eine Fantasie männlicher Zuschauer zu erfüllen.

Whedons Misogynie

Was dazu kommt, ist, dass es in jeder Serie von Whedon meistens eine ordentliche Portion Misogynie in verschiedenen Formen gibt.

Wer Buffy gesehen hat, wird bei der Serie beim Wort Misogynie wahrscheinlich sofort an Xander denken. Dieser Charakter ist einfach Misogynie auf zwei Beinen – und trägt dafür nie Konsequenzen davon. Sicher, Buffy, Willow und Cordelia machen ab und an entsprechende Bemerkungen oder sind kurzfristig sauer auf ihn, aber dies hält nie länger als eine Folge an und am Ende der Geschichte sind sie weiter mit ihm befreundet. Mehr noch: Er hat im Verlauf der Serie mehrere Beziehungen mit weiblichen Charakteren, die seinen Sexismus einfach so ertragen.

Darüber hinaus ist in praktisch allen von Whedons Werken Slutshaming etwas, das wieder und wieder passiert. Praktisch jedes Werk von ihm hat einen weiblichen Charakter, der sexuell aktiver ist, und praktisch immer wird dieser Charakter von der Story und anderen Charakteren dafür verurteilt. Es ist mal subtiler, mal weniger subtil, aber vorkommen tut es immer. Weibliche Charaktere, die in voller Kontrolle über ihre eigene Sexualität sind, sind nicht erwünscht.

In Buffy ist dies besonders auffällig im Umgang von der Story mit Faith und Cordelia, aber auch wie Buffy selbst effektiv dafür geshamet wird, mit Angel Sex gehabt zu haben.

Whedons Darstellung von Vergewaltigungen

Wo wir aber beim Thema Kontrolle über die eigene Sexualität sind, müssen wir auch über das Thema Vergewaltigungen sprechen. Denn zumindest in seinen Serien scheint es Whedon unmöglich zu sein eine komplette Staffel zu schreiben, ohne dass jemand vergewaltigt wird oder eine Vergewaltigung zumindest angedroht wird. Das war, um genau zu sein, auch der Grund, warum ich meinen Buffy-Rewatch abgebrochen habe.

Dabei gibt es verschiedene Arten von Darstellungen, die doch immer wieder kehren.

Zuerst möchte ich nennen, dass zumindest in Buffy gleich mehrere Vergewaltigungen an Männern vorkommen, die nicht als solche behandelt werden. Die erste ist die Beinahe-Vergewaltigung von Xander durch Faith, die zweite die Vergewaltigung von Buffys College-Freund, erneut durch Faith als diese Besitz von Buffys Körper ergriffen hat. In beiden Fällen wird es nicht als Vergewaltigung behandelt, obwohl es beide Male eindeutig Vergewaltigungen sind.

Das zweite ist der gute alte Trope von „Rape as a backstory“. Ein Trope, der nicht in Buffy vorkommt, aber in Firefly zumindest aufgegriffen wird und in Dollhouse eine zentrale Rolle spielt. Generell haben wir häufiger weibliche Charaktere, die durch eine Vergangenheit als Opfer definiert werden.

Zuletzt nutzt Whedon Vergewaltigungen auch, um klar zu machen, wer denn ein Bösewicht ist. Denn wo andere einen „Kick the puppy“ Moment haben, hat Whedon den „Threat to rape“ Moment. Sprich: Momente, in denen Antagonisten eine Vergewaltigung androhen.

Whedons Queers

Natürlich wäre dieser Blog nicht komplett, ohne Whedons Verhältnis zu queeren Charakteren zu sprechen. Dies ist ein leidliches Thema, war er doch mit Buffy einer der ersten, die tatsächlich queere Repräsentation reingebracht haben. Gleichzeitig ist Buffy damit jedoch praktisch allein in seinen Werken und aus heutiger Perspektive in die queere Repräsentation in Buffy aus vielen Gründen nicht gut gealtert.

Reden wir daher erst einmal über Buffy und vor allem über den Charakter Willow. Willow ist die ersten zwei Staffeln mit einem männlichen Charakter zusammen, ehe sie sich in eine Frau verliebt. Cool, ein bisexueller Charakter? Nein, Willow ist lesbisch, womit die Serie effektiv „bisexual erasure“ betreibt. Allerdings ist damit nicht genug. Denn Willows Love Interest Tara stirbt, womit die Serie dem „Kill your gays“ Trope entspricht. Und damit noch immer nicht genug, denn Taras Tod setzt Willow mental so zu, dass sie für eine Staffel zur Antagonistin wird. Alles in allem also keine gute Repräsentation.

Davon abgesehen gibt es bei Whedon eher selten queere Charaktere. Inara in Firefly ist Sexarbeiterin und hat in der Serie ein Zusammentreffen mit einer Frau, doch damit endet es in der Serie auch schon wieder. Dollhouse hat keine nennenswerte queere Repräsentation, einzig einen Witz über einen Mann, der darüber fantasiert, wie es wäre es mit einer männlichen Doll zu treiben und dafür schräg von seiner Frau angeschaut wird.

Whedons weiße Welten

Was zu alle dem dazu kommt, ist, dass Whedon durch und durch weiße Welten darstellt. Ja, es gibt BI_PoC Charaktere, aber diese sind alles in allem die Ausnahme. Die meisten Charaktere bei Whedon sind weiß. In Buffy kann man sich noch damit herausreden, dass es eine amerikanische Kleinstadt ist, aber die Ausreden greifen weder bei der (auch noch deutlich asiatisch inspirierten) Space Opera Firefly und dem in Los Angeles angesiedeltenDollhouse nicht.

Und auch bei Buffy muss die Darstellung der Weißheit der Charaktere vor allem im Kontext mit den Monstern der Serie kritisch betrachtet werden. Denn das gesamte Hauptcast von Buffy ist ohne Ausnahme weiß, während jedoch mehr als einmal eins der vielen Monster der Woche nicht weiß ist und häufig genug irgendwelchen indigenen amerikanischen Kulturen – von Inka und Azteken bis Navajo – angehört. Sprich: Die guten Charaktere sind weiß, aber andere Kulturen kommen in antagonistischen Rollen vor.

Das Gegenstück dazu, das wir in Buffy natürlich auch sehen, ist allerdings ebenfalls nicht viel besser: Denn wenn Mythen aus dem weißen Europa in Amerika auf einmal beheimatet werden, whitewashed das amerikanische Geschichte. Es impliziert, dass diese weißen Mythen ihre Heimat in den USA haben, was nun einmal nicht der Fall ist.

Wer sich fragt, was hier die korrekte Lösung wäre: Mythen fremder Kulturen nicht einfach aneignen, diverser casten und auch hinter den Kulissen ein diverseres Team haben hilft.

Whedons schwarze Charaktere

Im speziellen lohnt es sich allerdings auch einmal über Whedons Darstellung schwarzer Charaktere zu sprechen. Denn es gibt sie zwar, aber häufig ist ihre Darstellung nicht optimal.

Fangen wir mit Buffy an, wo für die ersten paar Staffeln die einzigen schwarzen Charaktere existieren, um den Monster der Woche zum Opfer zu fallen – oder selbst das Monster der Woche zu sein. Erst in späteren Staffeln tauchen überhaupt schwarze Charaktere auf die tatsächlich für mehr als eine Folge bleiben – zu einem Hauptcharakter schafft es jedoch keiner.

Anders sieht es bei Firefly aus. Hier gibt es im Hauptcast einen schwarzen Charakter: Zoe. Besetzt von einer sehr hellen schwarzen Schauspielerin, sei dazu gesagt. Das heißt allerdings nicht, dass die Serie dahingehend unproblematisch ist. Tatsächlich fängt die Problematik hier schon mit dem Konzept der Serie an, die mit dem Setting auf dem amerikanischen Bürgerkrieg aufbaut – inklusive eines Protagonisten, der Teil des fiktionalen Gegenstücks zu den Konföderierten war. Aber das ist ja nicht so schlimm, beharrt Whedon, weil in seiner fiktionalen Welt ging es nicht um Sklaverei. Dass er damit in den „der Bürgerkrieg ging um Staats-Rechte“ Mythos reinspielt, bleibt unkommentiert.

Auch ansonsten ist Firefly leider nicht unproblematisch, was die Darstellung seiner schwarzen Charaktere angeht. Abgesehen von Zoe tauchen diese vornehmlich als Antagonisten auf. Inklusive einer Darstellung eines brutalen, folternden und vergewaltigenden Mannes, was erneut mitten in die rassistischen Stereotype trifft.

Whedons Techno-Orientalismus

Zuletzt sei noch Whedons Verwendung von Techno-Orientalismus genannt. Das betrifft sowohl Firefly, als auch Dollhouse. Techno-Orientalismus beschreibt die vor allem auf Cyberpunk zurückgehende Neigung, in der Science Fiction asiatische Elemente mit futuristischen Elementen zu mischen. (Ich habe dazu für TOR-Online einen Artikel geschrieben.) Meist geschieht dies, ohne dass dabei asiatische Charaktere eine Rolle spielen dürfen.

Dies ist vor allem in Firefly auffällig. In Firefly hat China eine massive Präsenz in der Geschichte. Verschiedene Charaktere sprechen Chinesisch und chinesische Schriftzeichen sind überall zu sehen. Gleichzeitig gibt es allerdings in der gesamten Serie keinen einzigen nennenswerten asiatischen Charakter.

Dollhouse hat zwar einen wichtigen asiatischen Charakter, nutzt aber dennoch auch sehr viel Elemente des Techno-Orientalismus. Denn das futuristische Dollhouse ist voller asiatischer Elemente. Seien es buddhistische Steingärten, seien es Bonsai-Bäume, sei es Tai Chi und Yoga, die von den Dolls praktiziert werden. Allgemein ist das Dollhouse visuell sehr an den saubereren Cyberpunk-Ästhetiken angelehnt – inklusive eben des Techno-Orientalismus.

Problematische Favs

Was dieser Artikel sagen will: Joss Whedon war immer schon problematisch, nicht erst, seit Carpenter und Fisher diese Anschuldigungen gegen ihn geäußert haben. Wer genau hingeschaut hat, hat schon vorher Dinge bei ihm gefunden, die nicht wirklich der feministischen Persona, die er sich aufgebaut hat, entsprechen.

Wie immer sind wir damit bei dem Thema „Problematic Favs“. Wie soll man sich fühlen, wenn man diese Sachen dennoch eigentlich mögen will? Immerhin ist Buffy eine Serie, die für viele unglaublich prägend war. Denn auch wenn die queere Repräsentation vielleicht nicht so großartig war und die Darstellungen der weiblichen Charaktere problematisch: Es war noch immer eine der wenigen Serien ihrer Zeit, die zentral von weiblichen Figuren handelte und einen wichtigen queeren Charakter hatte.

Daher bleibt auch hier wieder nur zu sagen: Um Himmels Willen, schaut Buffy weiter, wenn euer Herz daran hängt. Aber tut dies vielleicht mit einem etwas kritischerem Blick auf diese verschiedenen Aspekte. Denn es ist eine Sache etwas selbst für sich weiter zu genießen und eine andere allen anderen zu erzählen, wie großartig dieses etwas ist. Denkt vor allem dabei auch an die Schauspieler*innen, die Whedon während der Dreharbeiten angegangen hat. Diverse von diesen werden vielleicht sogar weiterhin an Buffy verdienen – aber sie verdienen es dennoch, dass man einen Gedanken an Whedons furchtbares Verhalten aufwendet.


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