Von Frauen und anderen im Literaturbetrieb

Wir müssen über das Thema Räume und Plattformen im Rahmen der Buchbubble auf den sozialen Medien sprechen. Denn wir haben wieder innerhalb von gerade einmal zwei Wochen gleich mehrere Fälle gehabt, in denen es effektiv immer um dasselbe Problem ging.

Diskriminierung in der Buchbranche

Wir sollten eine Sache klar zum Anfang sagen: Diskriminierung ist ein existierendes und immer wiederkehrendes Problem in der Buchbranche. Diese Diskriminierung richtet sich im Prinzip gegen alle marginalisierte Gruppen und ebenso gegen Frauen – auch weiße cis Frauen. Diese Diskriminierung äußert sich vor allem in unterschiedlichen Chancen, die eigenen Bücher zu veröffentlichen, vor allem, wenn diese sich mit etwaigen auf die Gruppe bezogenen Themen zu tun haben.

Auf Frauen bezogen äußert sich das vor allem in bestimmten Genre, wie beispielsweise der Phantastik, die halt am Ende von weißen cis Männern beherrscht wird. Zwar gibt es in den letzten Jahren ein paar Bestrebungen etwas mehr zu diversifizieren, doch alles in allem sind diese Genre noch immer sehr einseitig ausgerichtet. Über den Mangel an weiblichen Autorinnen schrieb ich letztes Jahr bereits einen Beitrag geschrieben.

Nun ist diese Diskriminierung so, dass sie sich nicht ignorieren lässt und auch die Diskriminierung gegen Autorinnen ist etwas, das besprochen werden sollte. Dennoch führt dieses Thema immer wieder zu einem anderen Problem.

Frauen und die anderen

Das Problem bei der Sache: Frauen sind natürlich die größte von dieser Diskriminierung betroffene Gruppe und sind gleichzeitig dennoch auch die Gruppe, die am wenigsten betroffen ist. Denn wie gesagt: Wenn wir nach den Verlagsprogrammen gehen, sind wir zumindest in der Fantasy (Science Fiction ist noch einmal eine andere Sache) sehr nahe bei 50/50 zwischen Männern und Frauen – etwas, das sich einzig in vielen Buchhandlungen nicht widerspiegelt.

Dennoch ist es so, dass es für Frauen diverse Gruppen, Hashtags und Orte gibt, die darauf aufbauen, gegen diese Diskriminierung anzukämpfen. Seien es Autorinnengruppen, sei es ein #WirLesenFrauen oder eben Diskussionsforen, die sich speziell an Frauen richten. Auch Podcast und andere Formate, die vornehmlich mit Autorinnen sprechen gibt es.


Das Problem dabei ist, dass diese Formate, Foren und Gruppen damit zumindest zum Teil auch alle anderen Gruppen, die von dieser Diskriminierung betroffen sind, unsichtbar machen – unsichtbarer, als sie ohnehin schon sind. Und ja, fraglos, einige der Gruppen nehmen auch nicht-binäre Menschen auf, vor allem nicht-binäre afab Menschen, aber das Macht nur so viel gut.

Die Unsichtbaren

Wer speziell von diesen Orten ausgeschlossen wird, sind Männer. Das betrifft sowohl cis, als auch trans Männer, womit wir schon das erste Problem haben. Denn auch trans Männer sind eine massiv diskriminierte Gruppe in diesem Kontext und sollten eigentlich auch Beachtung finden. Dennoch werden sie häufig aus diesen Orten ausgeschlossen.

Aber auch außerhalb der trans Community gibt es diskriminierte Männer. Seien es andere queere Männer, seien es BI_PoC Männer, die deutlich weniger im deutschen Buchmarkt veröffentlicht werden, als weiße Frauen. Eigentlich sollten Räume, die sich mit der Diskriminierung in der deutschen Buchbrache beschäftigen, auch diesen Menschen einen Raum geben, doch das passiert nur sehr selten.

Selbst nicht-binäre Menschen, die noch am ehesten in diesen Frauenräumen akzeptiert werden, werden häufig zumindest in der Sprache, die genutzt wird, um diese Räume zu beschreiben ausgeschlossen. Frei nach dem Motto „mitgemeint“, bei dem eigentlich besonders Frauen wissen sollten, wie verletzend das „mitmeinen“ eigentlich ist.

Frauen und Own Voices

In diesem Zusammenhang ist leider auch immer wieder auffällig, dass gerade auch weiße cis Autorinnen oft wenig Verständnis für den Ruf nach „Own Voices“ aufbringen. Sie sind häufiger aktiver an den Diskussionen um diese Themen beteiligt, als ihre männlichen Kollegen, doch dabei oft verständnislos. Immer wieder habe ich in diesem Kontext ein: „Also die würden ja veröffentlicht werden, würden sie besser schreiben“ gehört, als Rechtfertigung von Autorinnen dafür, selbst (häufig nicht besonders feinfühlige) Geschichten über Gruppen, denen sie selbst nicht angehören, zu schreiben.

Das ist ein anderes Thema, dass eng mit dem Rest des Problems zusammenhängt. Denn erneut ist es etwas, bei dem dieselben Autorinnen oft genau sehen, was falsch läuft, schreibt ein Mann über Frauenthemen und hat dabei ähnlich wenig Feingefühl. Das ist immerhin ein Thema, dass zu genüge von verschiedenen Accounts unter dem Stichwort „Men writing women“ abgedeckt wird.

Dennoch ist das Verständnis häufig nicht da, wenn bspw. trans Personen sich darüber ärgern, wie cis Personen über sie schreiben – beispielsweise in Geschichten, die unnötig de Deadname und Misgendering benutzen oder das furchtbare „im falschen Körper geboren“ Narrativ. Oder auch Geschichten, die über BI_PoC und den Rassismus handeln, von dem die etwaigen Autorinnen selbst nicht betroffen sind.

Mehr Raum für alle

Was eigentlich der Kern des Problems dabei ist, ist dass viele weiße cis Frauen sich kaum der Privilegien bewusst sind, die sie dadurch haben, weiß und cis zu sein. Das sorgt immer wieder für Reibungen mit anderen Gruppen, die von Diskriminierung – sowohl im Buchmarkt, als auch außerhalb von diesem – betroffen sind. Leider ist das einzige, was man dagegen tun kann, dazu aufzufordern darüber zu reflektieren, beziehungsweise im Fall von Frauen eben diese Reflexion selbst vorzunehmen.

Was ein wichtiger Punkt ist, an den wir kommen müssen, ist, dass solche Räume, die sich expliziet mit Diskriminierung, wie bspw. in der Buchbranche beschäftigen, für breitete Gruppen zu öffnen. Das heißt nicht, dass es keine Berechtigung für reine Frauenräume gibt, aber eben sehr wohl, dass es ein Gleichgewicht geben sollte. Verschiedene Gruppen brauchen mehr Sichtbarkeit und diese ist am einfachsten dadurch zu erreichen, dass die diskriminierten Gruppen sich zusammen tun und einander fördern.

Statt dass eine Gruppe alles für sich vereinnahmt, sollte diese Gruppe – im aktuellen Fall weiße Frauen – sich auf ihrer Verantwortung anderen Gruppen gegenüber bewusst sein. In diesem besonderen Kontext vor allem auch in Bezug darauf, dass sie von vielen Dingen weniger betroffen sind als andere.

#WirLesenDivers

Zu guter Letzt kann man zumindest positiv sagen, dass die Kontroversen der letzten Wochen zumindest an ein paar Stellen schon zum Umdenken geführt haben. Ein geplantes Podcast/Streaming-Format wurde umbenannt, nachdem der Titel alle nicht-weiblichen Gruppen unsichtbar gemacht hat. Auch wurde der Hashtag #WirLesenFrauen, wie schon häufiger einmal vorgeschlagen, endlich zu #WirLesenDivers umgetauscht, um damit auch Gruppen, die keine Frauen, sehr wohl aber diskriminiert sind, sichtbar zu machen.

Genau das sind die Reflexionen, die notwendig sind und die ich mir an ein paar Stellen mehr wünschen würde. Denn es sollte sich einfach feststellen lassen: Die Aufmerksamkeit zu teilen, nimmt nicht unbedingt Aufmerksamkeit von Frauen oder anderen Weg. Es ist nur inklusiver – und Inklusion ist eigentlich das, worauf wir meiner Meinung nach hinarbeiten sollten.

Also hoffe ich, dass diverse Leute, die davon mitbekommen oder sogar direkt an den Themen beteiligt waren, noch ein wenig darüber nachdenken. Wir brauchen mehr Inklusion und klare Ansagen, was diese betrifft. Es ist wichtig, dass wir alle darauf Rücksicht nehmen. Immer. Nicht nur, wenn es uns gerade ins Konzept passt.


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