8 weitere queerfeindliche Tropes

Wir haben vor einem Monat im Pride Month bereits über acht verschiedene queerfeindliche Tropes geredet. Leider gibt es allerdings weit mehr als acht von dieser Sorte. Daher reden wir diesen Monat über acht weitere queerfeindliche Tropes.

Last Minute Gay

Der Last Minute Gay ist ein Trope, der sich vor allen in den letzten Jahren großer Beliebtheit erfreut. Er findet immer wieder seinen Weg vorrangig in Filme, teilweise aber auch in Serien. Ja, selbst einige der eigentlich recht positiven Repräsentationen fallen technisch gesehen unter diesen Trope.

Doch was besagt dieser Trope eigentlich? Nun, relativ einfach: Wir haben eine Geschichte mit einer Gruppe von Hauptfiguren. Dann denkt sich jemand bei der Produktion: „Hey, wäre es nicht cool, wenn wir eine der Figuren queer machen (und damit Geld von der queeren Community abgreifen)?“ Aber dann meint jemand anderes: „Ja, aber würde das nicht die Konservativen sauer machen?“ Darauf ist die Antwort: „Na ja, aber wenn wir es erst ganz am Ende deutlich machen, dass der Charakter queer ist, dann haben sie ja schon den ganzen Film gesehen. Win win!“

Und so kommt es dann dazu, dass wir einen Film mit ein paar Figuren haben und im allerletzten Moment wird eine dieser Figuren als queer geoutet. Damit kann sich dann das Filmstudio (oder auch die Serienproduktion) auf die Schulter klopfen, dass sie ja Repräsentation im Film haben – aber wirklich Repräsentation zeigen tut der Film am Ende doch nicht.

Eng verwandt ist übrigens der „Blink it and you miss it Gay“, den Disney sehr gerne benutzt, um sich dann damit zu rühmen „den ersten queeren Charakter in einem Disney-Film zu haben“ – fünf Mal hintereinander. Kurzum: Ein Nebencharakter, der als queer dargestellt wird, allerdings nur für einen Moment, den man nicht nur leicht verpasst, sondern der auch ohne Probleme für queerfeindliche Länder rauseditierbar ist.

Der Token-Queer

Ebenfalls verwandt mit dem vorherigen Trope ist auch der „Token-Queer“, der sich natürlich nicht sonderlich von anderen Token-Figuren unterscheiden. Der Token-Queer ist damit die eine Person in einem Medium, die queer ist und damit komplett allein die queere Community repräsentieren muss.

Das bringt natürlich allerhand andere Probleme mit sich. Ein davon („Bury your gays“) wurde bereits im letzten Beitrag angesprochen. Aber prinzipiell gilt: Alle Token haben immer das Problem, dass ein einzelner Charakter eine große Gruppe repräsentiert. Das heißt auch, dass alle negativen Aspekte des Charakters schnell auf die gesamte Gruppe übertragen werden und etwaige Klischees sich dadurch umso mehr verbreiten.

Ein weiterer Aspekt einer jeden Token-Figur und so auch des Token-Queers ist, dass es einfach unrealistisch ist: Reale marginalisierte Menschen haben eine Community von Menschen, die diese Marginalisierung teilen. Sie haben andere queere Freund*innen, haben wahrscheinlich andere queere Menschen in ihrem direkten Umfeld. Das sind alles Dinge, die durch einen einzelnen Token-Queer unsichtbar gemacht werden.

Keine Queers ohne Romantik

Manchmal kommen Queers aber nicht komplett allein in die Geschichte hinein. Nein, manchmal kommen sie im Doppelpaket – im romantischen Doppelpaket. Das allerdings macht es nicht unbedingt besser, wenn dieses dynamische Duo erneut die einzige Repräsentation ist, die in der Geschichte geboten wird.

Das Prinzip hier ist ähnlich wie beim Token: Es gibt in der Geschichte nur zwei queere Figuren – wahrscheinlich sind sie homosexuell. Und weil zwei homosexuelle Figuren desselben Geschlechts nicht existieren können, ohne was miteinander anzufangen, passiert genau das. Die beiden sind ein Paar. Je nach Geschichte wird daraus noch eine dramatische Romanze oder eben auch nicht. Vielleicht sind sie einfach nur ein homosexuelles Hintergrundpaar.

Das Problem dabei ist, dass hier zum einen erneut wieder die Community fehlt, aber zum anderen eben auch, dass es dargestellt wird, als würden zwei Homosexuelle automatisch immer in einer Beziehung landen. Das ist nicht nur wieder einmal unrealistisch, es reduziert Homosexualität eben auch auf Beziehungen (und gegebenenfalls Sex). Damit entsteht die Wahrnehmung, dass Homosexuelle nur homosexuell sind, solange sie auch in einer homosexuellen Beziehung sind – ansonsten sind sie sexualitätslos.

Stereotypisierte Homosexuelle

Das nächste Problem sollte eigentlich selbsterklärend sein, aber dennoch kommt es immer wieder vor: Das alle homosexuellen Figuren, die in einer Geschichte bis zum Gehtnichtmehr stereotypisiert werden.

Ihr kennt die Stereotypen, gerade in Bezug auf homosexuelle Männer: Er spricht mit gekünstelt hoher Stimme, spreizt beim Trinken den kleinen Finger ab, hängt im Deutschen die ganze Zeit „chen“ an Wörter an und ist einfach übertrieben feminin.

Natürlich gibt es real homosexuelle Männer, die so drauf sind, aber diese sind eben nur ein Teil der Community. Wenn alle dargestellten homosexuellen Figuren auf diese Art stereotypisiert werden, trägt es eben zum Verbreiten von Vorurteilen bei. Hat man mehrere homosexuelle Figuren ist es nicht das Problem, auch eine dazwischen zu haben, die sich auf diese klischeehafte Art und Weise verhält – doch wenn es 100% der dargestellten Figuren ist, dann wird es eben verdammt problematisch.

Alle Lesben sind femme

Ein wenig umgedreht ist die Darstellung von Lesben, beziehungsweise vorrangig lesbische Figuren, die tatsächlich in Beziehungen dargestellt werden. Denn auch diese sind häufig sehr einseitig in ihrer Darstellung. Denn sie sind fast immer als femme, also als sehr feminin dargestellt.

Natürlich gibt es auch noch die Darstellung der Kampflesbe (dazu gibt es nächsten Monat noch etwas), doch bezieht sich diese meistens auf Lesben ohne Beziehung. Sind Lesben tatsächlich in einer Beziehung oder haben ein romantisches Arc, dann werden sie häufig als sehr feminin und so angepasst an gesellschaftliche Standards wie möglich dargestellt.

Die Idee dahinter mag in einigen Fällen gut gemeint sein. Man will eben genau die negativen Stereotypen vermeiden. Aber gleichzeitig sorgt dies dafür, dass weniger feminine Lesben unsichtbar gemacht werden und unterschwellig die Nachricht vermittelt wird, dass um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, Lesben sich anpassen müssen und ausreichend feminin sein müssen.

Dieser Trope wäre vielleicht gar nicht so problematisch, würde es sich nur um einzelne Darstellungen handeln, doch es ist etwas, dass sich durch viele Filme, Serien, Bücher und Comics durchzieht. Es wäre halt allgemein auch schön ein paar Butch Lesben zu sehen.

Queer Suffering

Kommen wir zu einem etwas düsteren Thema in Bezug auf Repräsentation und wie man es – gerade wenn man nicht selbst betroffen ist – besser nicht machen sollte: Queer Suffering, auf Deutsch „Queeres Leiden“. Es ist ein Überbegriff, der queere Geschichten beschreibt, die sich in erster Linie um das Leid queerer Menschen drehen.

Das heißt in diesen Geschichten kann allerhand Kram vorkommen, der zu dem Leid queerer Menschen führt. Vielleicht akzeptieren die Eltern die queere Identität nicht und machen sie fertig. Vielleicht werden sie wegen ihrer Identität gemobbt. Vielleicht spielt es während der AIDS-Epidemie und es geht um schwule Männer, die an AIDS sterben. Oder es geht allgemein um Queerfeindlichkeit und wie queere Menschen darunter leiden. Schlimmstenfalls werden die queeren Menschen am Ende auch noch umgebracht.

Diese Geschichten sind vor allem aus zwei Gründen ein Problem: Zum einen, da sie gerade in Bezug auf die visuellen Medien (vor allem Filme) einen überproportionalen Anteil der queeren Erzählungen ausmachen. Zum anderen, da sie so häufig von nicht-queeren Menschen erzählt werden, die dabei queeres Leid fetischisieren. Es sind eben oftmals keine Own Voice Geschichten und dadurch häufig sehr plump erzählt.

Man merkt entsprechend auch einen großen Unterschied zwischen Geschichten dieser Art, die von Own Voices erzählt werden und jenen, die eben keine Own Voices sind. Und während Own Voice Geschichten der Art definitiv ihre Berechtigung haben, können viele von uns die fetischisierenden Geschichten von nicht-queeren Menschen echt nicht mehr sehen.

Queere Vergewaltiger

Kommen wir zu einen klassische problematischen Trope, der sich bereits an zwei letzten Monat besprochenen Tropes anschließt („nymphomanische Bisexuelle“ und „trans Mörder“). Leider etwas, das ebenfalls häufig vorkommt – in diesem Fall vor allem in Romanen. Und das ist die Darstellung von queeren Personen als Vergewaltiger.

Die Darstellungen können verschiedene Formen annehmen. Zum einen haben wir eben die bereits genannten nymphomanischen Bisexuellen, die einfach alles anspringen, das nicht bei drei auf dem Baum ist, und sich dabei nicht um Einvernehmen kümmern. Zum anderen haben wir aber auch homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen, bei denen es so dargestellt wird, dass einfach niemand freiwillig mit ihnen schlafen will – weshalb sie auf Vergewaltigung zurückgreifen.

Es sollte in diesem Zusammenhang recht offensichtlich sein, warum dieser Trope so unglaublich problematisch ist. Er kriminalisiert zum einen Sexualität und geschlechtliche Identität, zum anderen geht er aber auch fast immer mit anderen problematischen Darstellungen einher (namentlich die Nymphomanie und die Darstellung, dass bestimmte Leute niemanden finden, der freiwillig mit ihnen schläft).

Die trans Frauen Überraschung

Der letzte Trope, den wir heute dabei haben, ist die „trans Frauen Überraschung“. Ein Trope, den man vor allem aus Comedy-Filmen kennt und der einfach nur furchtbar transfeindlich ist. Gesehen haben die meisten ihn sicher schon einmal in so einem Film.

Ablaufen tut das ganze immer auf eine ähnliche Art und Weise: Ein männlicher Charakter lernt eine extrem heiße Frau kennen, die auch offensichtlich mit ihm flirtet. Vielleicht wird sogar angedeutet, dass sexuelle Handlungen zwischen ihnen stattfinden. Dann aber sieht die männliche Figur die Frau unten ohne und sieht, dass sie einen Penis hat, also eine trans Frau ist. Daraufhin übergibt sich der männliche Charakter und tut allgemein total schockiert und angeekelt.

Dieser Trope hat so viele problematische Ebenen. Zum ersten wird dadurch dargestellt, als seien trans Frauen in irgendeiner Form ekelig und eine solche Reaktion damit angemessen. Zum zweiten wird dadurch auch impliziert, dass trans Frauen heterosexuellen Männern etwas vorspielen, um sie zu verführen. Gerade wenn wir bedenken, dass in diversen Ländern „trans Panic“ immer noch als Verteidigung für den Mord an trans Menschen vor Gericht gültig ist einfach ein besonders furchtbarer Trope.


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