Magiebau 101: Harte vs weiche Magie

In diesem Weblog geht es häufig um Weltenbau in all seinen Variationen. Dabei habe ich bisher allerdings ein Thema soweit ausgelassen: Der Bau von Magie. Daher wird es hier bis zum Ende des Jahres in Bezug auf Weltenbau um Magie gehen und wie man diese am besten aufbaut.

Einleitung

Die Eigenschaft, von der man wohl behaupten kann, dass sie das Fantasy-Genre mehr als irgendetwas ausmacht, ist Magie. Fast in jedem Vertreter des Genre gibt es in irgendeiner Form Magie. Mal spielt sie eine zentrale Rolle, mal ist sie eher etwas, das am Rand existiert, doch existieren tut sie beinahe etwas.

Entsprechend ist der Aufbau von Magie auch etwas, das leicht eine große Rolle beim Bau von Welten einnehmen kann. Dies gilt natürlich umso mehr, wenn die Hauptfiguren auch Magier*innen sind und daher Magie im Verlauf der Geschichte einsetzt. Hier hilft es als Autor*in zumindest grob zu wissen, was die Figur tut.

Entsprechend ist es kaum überraschend, dass es im Internet 1001 Anleitung gibt, wie man am besten Magie aufbaut. Allerdings ist wohl kaum eine Grundlage so verbreitet, wie Sandersons Einteilung zu harter und weicher Magie, sowie seine drei(einhalb) Gesetze der Magie. Deswegen möchte ich diese Reihe damit anfangen, über diese Gesetze zu sprechen und darüber, was wir daraus mitnehmen können – und was vielleicht nicht.

Sandersons Gesetze der Magie

Für alle, denen der Name nichts sagt: Brandon Sanderson ist ein US-amerikanischer Fantasy-Autor, der vor allem für seine „Mistborn“ Serie und die „Sturmlicht-Chroniken“ bekannt ist. Außerdem beendete er die „Rad der Zeit“ Reihe, nachdem der ursprüngliche Autor – Robert Jordan – verstorben war.

Er ist außerdem recht bekannt für die Arbeit, die er im Rahmen der Ausbildung junger Autor*innen leistet. So gibt er immer wieder „kreatives Schreiben“ Kurse und hält auch auf verschiedenen Conventions Workshops zum Thema. Aus diesen sind auch seine drei(einhalb) Regeln der Magie hervorgegangen. Regeln, die seiner Meinung nach für den Aufbau von Magie gelten sollten. Diese sind:

  1. Die Fähigkeit einer*s Autor*in ein Problem mit Magie zu lösen ist direkt proportional zum Verständnis der Leser*innen zu den Regeln der Magie.
  2. Schwächen sind interessanter als Stärken.
  3. Füge keine neuen Fähigkeiten hinzu, sondern erweitere bereits vorhandene.

Dazu gibt es noch eine 0. Regel, wenn man so will, die mehr oder weniger die „Rule of Cool“ ist: „Halte dich immer an die Sachen, die richtig cool sind“.

Die Aufteilung von harter und weicher Magie entstammt allerdings der ersten Regel – und genau das ist das Thema, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen.

Was ist harte Magie?

Die Begriffe harte und weiche Magie leiten sich von den Genredefinitionen der Science Fiction als „Hard SciFi“ und „Soft SciFi“ ab. Während harte Science Fiction eine Science Fiction beschreibt, die sehr auf tatsächlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, so beschreibt harte Magie nach Sanderson Magie mit sehr klar definierten Regeln.

Anders gesagt: Harte Magie ist nahezu pseudowissenschaftlich erklärt. Es ist genau eingegrenzt, was Magie kann und was sie nicht kann und auch wie sie dieses Etwas erreichen kann. Je genauer diese Dinge definiert sind, desto härter ist die Magie – dies gilt vor allem, wenn es auch für Leser*innen nachvollziehbar ist, wie es funktioniert. Ein Magiesystem kann im Kopf des*r Autor*in hart definiert sein, aber im Buch doch sehr weich herüberkommen.

Beispiele für harte Magie wären – neben Sandersons eigenen Werken – bspw. die sympathische Magie aus Der Name des Windes, das Elementarbändigen aus Avatar oder auch die Magie der tatsächlichen Magier*innen in der Die Flüsse von London Reihe. In allen drei Beispielen gibt es klare Regeln dafür, was die etwaigen Magieformen können und was nicht, was sie einschränkt und wie sie funktionieren.

Was ist weiche Magie?

Doch wo es harte Magie gibt, gibt es auch weiche Magie. Ihre Bedeutung sollte sich recht leicht ablesen lassen: Sie hat keine oder kaum klar definierte Regeln. Stattdessen ist sie einfach und aus Sicht der Leser*innen könnte jederzeit alles mögliche passieren, weil Magie in diesen Welten nun einmal einfach eine unvorhersehbare Gewalt ist.

Anders, als viele seiner Anhänger es darstellen (dazu gleich mehr), verurteilt Sanderson weiche Magie nicht prinzipiell, sondern warnt nur davor, sie zum Lösen von Problemen innerhalb der Geschichte zu benutzen. Denn da die Leser*innen sie nicht wirklich verstehen, kann eine Lösung mit sehr weicher Magie sich schnell wie ein „Deus Ex Machina“ anfühlen. Immerhin ist es für die Leser*innen nicht vorhersehbar und eine Lösung, auf die sie selbst nicht kommen können.

Beispiele für weiche Magie wären Herr der Ringe, Die Chroniken von Narnia, die Namensmagie aus Der Name des Windes oder auch Das Lied von Eis und Feuer. In all diesen Geschichten ist die Magie eher eine mythische Macht, die nur von wenigen – und wichtig: nicht von den Perspektivenfiguren – verstanden wird.

Der Mittelweg

Was bei dieser Einteilung dabei nicht vergessen werden darf: Magie in der Einteilung nach Sanderson bewegt sich auf einem Spektrum. Sprich: Es ist keine binäre Einteilung, die sagt, dass Magie entweder weich oder hart ist, sondern es gibt auch mehr als genug Magiesysteme, die irgendwo zwischen den beiden Extremen liegen.

In diesen Fällen ist die Magie zum Teil klar definiert, aber es gibt andere Teile, die weniger klar geklärt werden. Vielleicht ist das Wissen über die eigentliche Magie zum Teil verloren gegangen. Vielleicht gibt es eine alternative Quelle der Magie, die nicht bekannt ist. Vielleicht ist Magie aber auch an Emotionen gebunden und dadurch unberechenbarer.

Das bekannteste Beispiel für eine Serie, die weder das eine, noch das andere ist, wäre wohl Harry Potter. Auf den ersten Blick gibt es hier recht viele Regeln, doch diese werden regelmäßig gebrochen. Andere Beispiele für den Mittelweg wären Star Wars, diverse Superheld*innen-Comics und auch viele der klassischen Shônen-Serien, wie bspw. Naruto.

Das Problem mit den Verfechter*innen

Es gibt bei der Diskussion um diese Themen nur ein großes Problem, über das jeder stolpern wird, der sich versucht im englischen Sprachraum stärker in das Thema einzulesen. Und das sind die Sanderson-Anhänger*innen (oder seien wir ehrlich: das meiste sind Anhänger), die Sandersons Ausführungen zum Thema scheinbar absichtlich falsch verstehen.

Denn Sanderson verurteilt weiche Magie – wie gesagt – nicht. Stattdessen warnt er nur davor, sie (zu häufig) zum Lösen von Plotproblemen zu verwenden. Als Beispiel führt er Herr der Ringe an: Wir wissen hierbei nicht genug über die Magie, um zu sagen, ob sie fähig gewesen wäre, dabei zu helfen den Ring zu zerstören (es gibt ja das bekannte Argument mit den Adlern), aber wäre diese kaum definierte Magie dazu eingesetzt worden, hätte sich die Geschichte nicht zufriedenstellend angefühlt.

Leider ist es etwas, das viele Fans gerne falsch verstehen und daher auf Geschichten, die weiche oder zumindest weichere Magie benutzen, als minderwertig darstellen. Währenddessen werden natürlich Geschichten mit harter Magier idealisiert. Dabei sind beides valide Mittel um unterschiedliche Arten von Geschichten zu erzählen.

Vorteile harter Magie

Der Vorteil harter Magie geht aus Sandersons erster Regel hervor: Die Leser*innen verstehen, wie diese Magie funktioniert. Deswegen kann die Magie auch eingesetzt werden, um Probleme zu lösen, ohne Deus Ex Machina (auch genannt Asspull) zu wirken. Es ist alles nachvollziehbar, was in der Geschichte passiert.

Sie hat weiterhin den Vorteil, dass die Leser*innen meist auch einen besseren Einblick in die Welt bekommen und diese lernen in Details zu verstehen. Dies kann es leichter für die Leser*innen machen mitzudenken und die verschiedenen Aspekte – beispielsweise auch von Konflikten – nachzuvollsziehen.

Harte Magie funktioniert dann am besten, wenn man Perspektivenfiguren hat, die selbst Magie anwenden können, sich daher auch mit ihren Mechaniken auseinandergesetzt haben und wissen, wie sie funktioniert.

Allerdings hat harte Magie auch Nachteile, welche direkt proportional zu den Vorteilen der weichen Magie sind. (BA-DUM-TSS)

Vorteile weicher Magie

Der größte Vorteil, den weiche Magie hat, ist, dass sie mangels eines besseren Wortes „magischer“ wirkt. Harte Magie wirkt sehr schnell wie eine eigene Wissenschaft, wodurch das Mystische und Übernatürliche der Magie schnell verloren geht. Das Problem hat weiche Magie nicht. Sie kann diese Aspekte sehr gut in den Vordergrund rücken.

Daraus ergibt sich auch, dass es eventuell leichter ist, sich einfach auf die Welt einzulassen, ohne viel zu überdenken. Dahingehend muss man als Autor*in halt wissen, was man man genau mit der Geschichte bei der*m Leser*in auslösen möchte.

Richtig weiche Magie funktioniert – im Kontrast zur harten Magie – dann am besten, wenn die Perspektivenfiguren selbst keine Magie einsetzen und daher selbst keine Vorstellung haben, wie sie funktioniert.

Ist die Einteilung sinnvoll?

An dieser Stelle sei natürlich die Frage gestellt, ob diese Einteilung von Magie wirklich sinnvoll ist. Die Antwort darauf ist letzten Endes: Das kommt ein wenig darauf an, worüber man in Bezug auf Magie sprechen möchte.


Für das Thema, über das Sanderson sprechen möchte – das Benutzen von Magie, um Probleme auf eine Art zu lösen, die für Leser*innen nachvollziehbar ist – macht die Einteilung Sinn. Aber für andere Themen tut sie das vielleicht weniger.

Man kann Magie genau so in andere Spektren aufteilen. Ein sehr häufig verwendetes Spektrum ist die Einteilung in „rationale“ und „irrationale“ Magie. Aber beispielsweise könnte man Magie auch dahingehend, wie religiös oder mythologisch sie geprägt ist, einteilen. Und natürlich gibt es noch die klassische Einteilung in schwarze und weiße Magie. Möglichkeiten gibt es viele und am Ende kommt es immer darauf an, worüber man eigentlich genau sprechen möchte.

Die zwei anderen Regeln der Magie

Doch wo wir schon über Sandersons Regeln der Magie reden, sollten zumindest die beiden anderen Regeln nicht komplett ungenannt bleiben. Also gehen wir über diese einmal im Schnelldurchlauf drüber.

Regel 2: Schwächen sind interessanter als Stärken
In Bezug auf die Magiesysteme meint Schwächen vor allem die Limitierungen, die so ein System hat. Gerne wird in Bezug auf die Systeme darüber gesprochen, was man damit machen kann. Aber viel wichtiger für den Weltenbau und den Verlauf der Handlung ist eigentlich, was di*er Anwender*in nicht damit machen kann, beziehungsweise was einzelne Handlungen mit der Magie der*m Anwender*in abverlangen. Denn genau aus diesen Dingen kann sich Spannung in einer Geschichte ergeben.

Regel 3: Füge keine neuen Fähigkeiten hinzu, sondern erweitere bestehende

Diesen Punkt bezieht Sanderson nicht nur auf Magie, sondern auf Weltenbau allgemein. Zu schnell kann man beim Weltenbau dazu abdriften hier noch etwas und da noch etwas hinzufügen zu wollen. Oft Dinge, die für die Handlung gar nicht relevant sind. Dabei ist es viel sinnvoller den Sachen, die für die Handlung relevant sind, mehr Tiefe zu geben. Das gilt so im speziellen dann auch für den Magiebau. Wenn man eine Fähigkeit braucht, um etwas Bestimmtes zu erreichen, sollte man sich fragen, ob es nicht Sinn ergibt, eine vorhandene Fähigkeit dahingehend zu erweitern, statt eine neue hinzuzufügen.

Fazit

Ich gebe ganz offen zu, dass ich nicht zu 100% überzeugt von Sandersons Regeln der Magie bin – was eventuell auch daran liegen mag, dass mein eigenes Magiesystem irgendwo in der Mitte zwischen hart und weich liegt und ich mich dennoch nicht davon abhalten lasse, damit Plotprobleme zu lösen.

Es sei allerdings auch dazu gesagt, dass Sanderson selbst nicht behauptet, dass dies Regeln für andere Menschen sind. Viel eher sind es die Regeln, die er für sich selbst beim Schreiben verwendet. Sie sind also deskriptiv und nicht präskriptiv.

Dennoch ist es definitiv zumindest eine sinnvolle Orientierung, wenn es darum geht, welche Art von Magie man schreiben möchte und wie man diese einordnen kann. Gerade wenn man erst anfängt, sich mit Magiesystemen auseinander zu setzen. Entsprechend lohnt es sich, davon zumindest einmal gehört zu haben und eventuell auch Sandersons eigenes Schreiben dazu durchzulesen: Erste Regel, zweite Regel, dritte Regeln.

Es sei zu guter Letzt auch noch einmal deutlich gemacht: Es können innerhalb einer Geschichte sowohl harte, als auch weiche Magiesysteme vorkommen – und in manchen Fällen variiert die Härte auch stark zwischen verschiedenen Iterationen des Werkes.

Nächsten Monat geht es hier mit ein paar Fragen weiter, die euch helfen sollen, euer Magiesystem zusammen zu stellen.


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