8 queerfeindliche Tropes

Es ist Pride Month, das heißt, wie es in diesem Blog mittlerweile Tradition ist, sprechen wir den ganzen Monat über queere Themen und die Intersektion mit Medien. Heute geht es um queerfeindliche Tropes – und warum sie problematisch sind.

CN: Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Mord, Vergewaltigung

Queerfeindliche Tropes

Medien werden von Tropes regiert – Mustern, die immer wieder in verschiedenen Geschichten auftauchen. Klischees, wenn man so will. Diese müssen nicht per se schlimm sein. Immerhin gibt es keine originellen Geschichten, alles wurde irgendwie schon einmal erzählt. Man kann auch eine klischeehafte Geschichte interessant erzählen. Entsprechend ist es prinzipiell kein Problem, wenn eine Geschichte Tropes verwendet.

Das große „Aber“ kommt allerdings an der Stelle, an der die Tropes selbst problematisch werden. Meistens, weil sie eben gesellschaftliche Unterdrückung und damit einhergehende Gewalt replizieren. Dass heißt, wenn sie rassistisch, sexistisch, ableistisch oder eben queerfeindlich sind.

In diesem Beitrag soll es um queerfeindliche Tropes gehen, wobei dieser Beitrag nur der erste von drei in einer Reihe über queerfeindliche Tropes ist. Die anderen beiden kommen jeweils am ersten Mittwoch der nächsten zwei Monate.

Bury your Queers

Vor knapp einen Monat hat auf Twitter wieder eine Diskussion über queerfeindliche Tropes angefangen. Grund dafür war, dass es wieder einmal ein Beispiel von einem der wohl häufigsten Tropes dieser Art gegeben hatte: „Bury your gays“, beziehungsweise „Bury your queers“.

Der Trope beschreibt die hohe Sterblichkeit von queeren Charakteren in den Medien. Gerade in Geschichten, in denen es ohnehin wenig queere Repräsentation gibt, haben diese ohnehin vereinzelten queeren Charaktere eine Neigung vorzeitig und häufig auf brutale Art und Weise zu sterben. Meistens sind es dabei die einzigen queeren Charaktere, die sterben, oder einer von zwei Charakteren, wobei der andere queere Charakter oftmals ein*e Partner*in ist. Das sorgt dafür, dass am Ende entweder kein queerer Charakter mehr existiert oder der einzige queere Charakter, der überlebt, am Ende unglücklich ist.

Es sollte recht offensichtlich sein, warum der Trope problematisch ist: Selbst wenn es von Autor*innen meist nicht so gemeint ist, bestraft es queere Charaktere gefühlt für ihr Queer-Sein. Es wird gezeigt, dass queere Menschen kein Happy End haben können, weil sie eben entweder sterben oder eine*n Partner*in verlieren. Das macht es zu schlechter und vor allem negativer Repräsentation.

Es sei allerdings an dieser Stelle gesagt: Der Trope trifft nicht zu, wenn eine Geschichte viele queere Charaktere hat, von denen vielleicht ein oder zwei sterben, aber andere auch ein Happy End haben. Hat eine Geschichte vier, fünf queere Charaktere, dann ist es nicht so dramatisch, wenn ein einzelner oder vielleicht auch zwei davon sterben (sofern nicht die zwei anderen Charaktere dann verlassene Partner*innen sind). Wer viel Repräsentation hat, muss sich über diese Sachen nicht so viel Gedanken machen.

Die nymphomanischen Bisexuellen

Ein anderer Trope, der immer wieder vorkommt, hängt mit der Darstellung von bisexuellen Figuren zusammen – und ja, es sind immer Bisexuelle, denn die meisten Medien kennen Pansexualität noch gar nicht. Es ist ohnehin schon eine Ausnahme, dass es bisexuelle Charaktere gibt. Häufig genug wechseln Charaktere von heterosexuell zu homosexuell, statt sich als bisexuell zu outen. (Dazu gleich mehr.)

Aber das Problem mit der Darstellung von bisexuellen Figuren, besonders von bisexuellen Nebenfiguren, ist, dass diese häufig als nymphomanisch, also sexsüchtig dargestellt werden. Effektiv ist ihre Sexualität, dass sie sprichwörtlich gesagt, alles anspringen, was nicht bei Drei auf einem Baum ist. In einigen Fällen, wie beispielsweise den Dresden Files Büchern, sind gleich alle bisexuellen Charaktere irgendeine Art von Incubus oder Succubus. Bisexualität wird mit Sexbesessenheit und teilweise sogar mit sexueller Übergriffigkeit gleichgesetzt.

Auch hier sollte es klar sein, warum es problematisch ist: Statt sich tatsächlich mit Bisexualität auseinander zu setzen, werden bisexuelle als übersexuell dargestellt, als seien Leute nur bisexuell, weil sie zu große sexuelle Gelüste hätten, um sie mit nur einem Geschlecht zu stillen. Dabei wird die Sexualität effektiv negativ dargestellt und teilweise eben sogar als Gewalttätig.

Genau so wird hierbei ignoriert, dass der Libido komplett unabhängig von der Art der Sexualität ist. Natürlich kann es bisexuelle Nymphoman*innen geben, aber genau so gibt es demisexuelle Bisexuelle Menschen – und natürlich gilt dasselbe für alle sexuellen Ausrichtungen.

Queer for you/Straight for you

Noch ein Trope, der eng mit der Darstellung von Bisexuellen zusammenhängt – oder eher mit der Nicht-Darstellung – ist der „Queer for you“, beziehungsweise auch der „Straight for you“ Trope. Beide hängen eng miteinander zusammen.

Die Grundlage ist bei beiden Tropes dieselbe: Entweder ist ein Charakter homosexuell und lebt in homosexuellen Beziehungen, bis er die eine Person trifft, für die er hetero sein will, sich damit also auf eine Heterobeziehung einlässt. Das ist „Straight for you“. „Queer for you“ ist das genaue Gegenteil: Der Charakter ist in heterosexuellen Beziehungen, bis er sich in eine gleichgeschlechtliche Person verliebt und dann für diese Person „queer“ ist.

Diese beiden Tropes sind auf so vielen verschiedenen Ebenen problematisch. Das erste Problem ist eben, dass sie Bi-Erasure propagieren. Statt zu sagen „Okay, durch die eine Person erkennt der Charakter, dass er nicht monosexuell, sondern bi/pan ist“, ist die Aussage: „Durch die richtige Person wechselt er die Sexualität.“ Und so funktioniert das Ganze einfach nicht.

„Straight for you“ ist dabei dann zusätzlich problematisch, da es gerne auch noch dargestellt wird, als würde der Charakter von seiner Homosexualität „geheilt“. Häufig wird das homosexuelle Leben des Charakters als „risque“ dargestellt. Viel Sex, keine festen Beziehungen, gegebenenfalls auch noch Drogen. Dann kommt das neue Love-Interest um die Ecke und der Charakter wird brav und endet als Familienvater/-mutter mit eineinhalb Kindern.

Der schwule beste Freund

Als ich auf Twitter herumgefragt habe, welche queerfeindlichen Tropes den Menschen noch einfallen, war das hier einer der am häufigsten genannten: Der schwule beste Freund. Ein Trope, der wirklich weit bekannt und häufig parodiert ist, aber dennoch in verschiedenen Geschichten immer wieder ernsthaft vorkommt.

Am häufigsten taucht dieser Trope in heterosexuellen Romanzen auf. Hier hat die weibliche Protagonistin einen besten Freund. Wie wir jedoch alle wissen, können Männer und Frauen normal nicht miteinander befreundet sein, ohne dass es romantisch funkt. Deswegen gibt es nur eine Lösung: Der beste Freund muss schwul sein. Und wie schwul er ist. Er redet mit einer übertriebenen Stimme, schwärmt mit der Protagonistin permanent über Männer, trägt farbenfrohe Kleidung und natürlich trinkt er Dinge nur mit abgespreiztem Finger.

Der Trope ist auf zwei Arten extrem queerfeindlich. Zum einen schlicht und ergreifend, weil der besagte schwule beste Freund mit alle erdenklichen negativen Schwulenklischees dargestellt wird und das ist natürlich problematisch. Zum anderen aber auch, durch die Sachen, die durch diesen Trope impliziert werden.

Denn in Geschichten mit dem „schwulen besten Freund“ gibt es sonst in der Regel keine anderen queeren Charaktere und der eine queere Charakter, der existiert – eben der „schwule beste Freund“ – existiert nur als Accessoire zur Protagonistin. Er hat keinen eigenen Charakter, keine eigenen Ziele, keine eigene Motivation. Stattdessen ist er nur dafür gut, der Protagonistin gut zuzureden, sie bei Liebeskummer zu trösten und ansonsten alles für sie zu machen. Tut er das einmal nicht, wird er dafür meistens dämonisiert und muss sich am Ende entschuldigen. Das ist einfach nur toxisch.

Die mörderische trans Frau

Kommen wir nun zu einem der toxischsten Tropes, der unter den queerfeindlichen Tropes existiert. Ein Trope, der bis heute zu weit verbreiteten Vorurteilen führt und damit direkt Diskriminierung – sogar rechtliche Diskriminierung – führt: Die mörderische trans Frau.

Dieser Trope kommt immer wieder in Krimis und Thrillern vor und ist praktisch jedes Mal gleich aufgebaut: Es gibt einen Serienmörder, der immer wieder Frauen ermordet und wahrscheinlich auch verstümmelt. Diese Mordreihe wird ermittelt und schließlich stellt sich heraus, dass es sich beim Mörder entweder um eine trans Frau handelt oder um einen Mann, der sich als Frau verkleidet und damit ebenfalls als trans Frau kodiert ist.

Eigentlich sollte es hier selbstredend sein, warum dieser Trope toxisch ist: Er impliziert, dass trans Frauen prinzipiell psychisch krank und gewalttätig sind. Immerhin kommen in diesen Geschichten natürlich keine anderen trans Figuren vor, die irgendwie als Gegenbeispiel existieren könnten. Nein, es sind immer die psychisch kranken trans Frauen, die andere Frauen ermorden. Dabei wird gerne zusätzlich noch impliziert, dass sie dies tun, weil sie cis Frauen beneiden, weil diese eine Weiblichkeit haben, die sie nie erreichen könnten – was natürlich auch ein weiteres transfeindliches Vorurteil ist.

Dieser Trope ist so normalisiert, dass es ein verbreitetes Vorurteil ist, dass trans Frauen übergriffig auf cis Frauen wären. Genau das ist auch die Grundlage für viele entsprechende transfeindliche Gesetzgebungen, die cis Frauen vor einer nicht vorhandenen Gefahr durch trans Frauen schützen sollen.

Zu diesem Trope empfehle ich auch den sehr guten Blog, den Elea Brand dazu geschrieben hat.

Queerbaiting

Nach diesem schweren Thema, widmen wir uns einem nicht ganz so dramatischen, aber immer noch sehr ärgerlichen Trope: Queerbaiting. Davon haben sicher viele schon gehört.

Queerbaiting umfasst genau so das Marketing von Büchern, Filmen, Serien, Spielen und Comics, wie den eigentlichen Inhalt. Queerbaiting bedeutet, dass angedeutet wird, dass queere Figuren vorkommen. Vielleicht werden Hints gedropt und das Marketing auch darum aufgebaut, dass die Beziehung zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Figuren eventuell doch etwas mehr ist. Vielleicht werden Charaktere als queer in irgendeiner Form kodiert. Es gibt jedenfalls beabsichtigte Hinweise, nur dass aus diesen nie etwas wird.

Was bei Queerbaiting effektiv passiert, ist, dass es ausgenutzt wird, dass die queere Community so wenig Repräsentation bekommt und daher sehr hungrig auf Repräsentation ist. Entsprechend wird alles, was auch nur den kleinsten Hinweis darauf gibt, dass es queere Repräsentation geben könnte, von vielen in der Community konsumiert und positiv aufgenommen. Es garantiert beinahe ein aktives Fandom. Gleichzeitig bringt es auch große Aufmerksamkeit durch die Medien.

Anders gesagt: Queerbaiting nutzt den aktuellen Zustand der seltenen Repräsentation aus, um Leute damit an eine Geschichte zu binden, ohne jedoch zu beabsichtigen, die Queerness wirklich durchzuziehen.

Im schlimmsten Fall endet die Serie sogar auf einen „No-Homo“ Moment, mit einem implizierten „Habt ihr wirklich geglaubt, dass die queer sind?!“, mit dem sich über das Publikum lustig gemacht wird. (An dieser Stelle bitte einen bösen Blick in Richtung Sherlock einfügen.)

Pathologisierte Asexualität

Als ich die Umfrage auf Twitter gemacht habe zum Thema „queerfeindliche Tropes“ gab es einen Witz, der sich durch die Kommentare zog: „Es gibt keine asexuellenfeindlichen Tropes, weil es einfach keine explizite asexuelle Repräsentation gibt.“ Und ja, daran mag durchaus etwas sein. Einen asexuellenfeindlichen Trope haben wir aber doch gefunden.

Dieser Trope bezieht sich meistens sowieso nur auf Nebencharaktere, den asexuelle Hauptcharaktere gibt es wirklich praktisch nicht. Doch ab und an taucht ein asexueller Charakter auf und ist ausgesprochen asexuell, nur um dann geheilt zu werden.

Das bekannteste Beispiel hierfür ist wahrscheinlich die Folge „Better Half“ (S08E09) von Dr. House. In dieser Folge wird House auf ein asexuelles Paar aufmerksam, während die Frau aus anderen Gründen im Krankenhaus in Behandlung ist. House ist davon überzeugt, dass es keine Asexualität gibt und tatsächlich weist er im Verlauf der Folge nach, dass der Mann des Paares keinen Libido aufgrund einer Krankheit hat, die heilbar ist, während seine Freundin sich nur als asexuell ausgegeben hat, um ihn nicht unter Druck zu setzen.

Aber ähnliche Darstellungen gibt es auch in anderen der wenigen Beispiele von asexuellen Figuren. Zwar selten auf eine auch nur annähernd so pathologisierte Art und Weise, aber doch wird es häufig dargestellt, als wäre mit den asexuellen Menschen irgendwas „falsch“. Gegebenenfalls wird dies natürlich auch noch durch das richtige Love Interest „geheilt“.

Das Love-Triangle

Der letzte Trope für heute ist das Love-Triangle. Wir kennen es aus diversen Büchern, Filmen und Serien. Vor allem in der Young Adult Zielgruppe ist es wirklich überall vertreten. Es ist so verbreitet, dass es immer wieder parodiert wird.

Das Prinzip des Love-Triangles ist ein einfaches: Es gibt einen Charakter, meistens di*er Protagonist*in, und dieser Charakter hat zwei Love-Interests. Natürlich in den meisten Fällen hetero Love-Interests. Sprich, ist der zentrale Charakter weiblich, sind die Love-Interests männlich, ist der Charakter männlich, sind die Love-Interests weiblich. Ausnahmen bestätigen die Regel. Diese beiden Love-Interests sind natürlich beide sehr sexy, stehen aber für gegenteilige Dinge. Meistens ist das eine ein Bad Girl/Boy, während das andere fürsorglicher ist. Der zentrale Charakter ist zwischen den beiden hin und her gerissen und muss sich für eins der beiden Love-Interests entscheiden.

Nun mögen sich einige fragen: Okay, aber was hat das jetzt mit Queerness zu tun? Immerhin ist der Trope meistens tatsächlich mit Heterobeziehungen ausgespielt. Doch während wir durchaus sagen können: „Auch das ist ein Problem“, liegt die Problematik hier in der erzwungenen und normativen monoamoren Weltsicht. Der Charakter muss sich zwischen den beiden Love-Interests entscheiden. Eine polyamore V-Formation ist genau so ausgeschlossen, wie ein echtes Dreieck in Form einer Triade. Und ja, auch Polyamorie kann als eine Form der Queerness bezeichnet werden, weshalb dieser Trope durchaus mit zu den queerfeindlichen Tropes gezählt werden kann.

Zu diesem Thema habe ich bereits einmal einen längeren Weblog-Beitrag geschrieben.

tl;dr

Es gibt eine Menge Tropes, die direkt oder indirekt Queerfeindlichkeit propagieren. Viele dieser Tropes sind so normalisiert, dass nicht dafür sensibilisierte Menschen häufig gar nicht mehr darüber nachdenken. Entsprechend ist es wichtig, sich für diese Themen zu sensibilisieren, um solche Tropes vermeiden zu können.

Dieser Beitrag ist nur der erste von voraussichtlich drei zu dem Thema. Der nächste dieser Reihe wird Anfang vom kommenden Monat online gehen.


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Das Beitragsbild stammt von Unsplash