Heul doch den Mond an! – Werwölfe in Mythen und Medien

Im Urban Fantasy Genre sind Werwölfe neben den Vampiren wohl die am weitesten repräsentierte magische „Rasse“. Gerade in den letzten paar Jahren gewinnt das Werwolf-Subgenre immer mehr an Beliebtheit. Damit gehen jedoch auch diverse problematische Tropes Hand in Hand. In diesem Beitrag möchte ich mich ein wenig mit Werwölfen, ihren Mythen und den Tropes in modernen Darstellungen auseinandersetzen.

Wie auch Vampire sind Werwölfe als magische Wesen keine neue Erfindung. Sie kommen in diversen Mythen und Legenden vor. Menschen, die sich in Wölfe oder andere Tiere verwandeln können, gibt es und gab es in vielen verschiedenen Religionen und Kulturen – mal positiv, mal negativ kanontiert. Und auch das Wort „Werwolf“ ist eigentlich ein recht einfaches. „Wer“ ist ein altenglisches Wort für „Mann“. Es ist also ein „Mannwolf“ oder „Wolfmann“.

Mythologische Wurzeln

In meinem letzten Weltenbaueintrag hatte ich unter anderem über die Proto-Indo-Europäer gesprochen. Moderne Mythenforschung geht davon aus, dass viele europäische Werwolfsmythen auf einen indo-europäischen Mythos zurückgehen, da viele ähnliche Konzepte damit einher gehen. Und tatsächlich sind diese Konzepte nicht einmal negativ bewertet.

Eine übliche Theorie ist, dass in der proto-indo-europäischen Kultur und Mythologie Krieger die Geister von Tieren in sich aufnahmen, um deren Eigenschaften im Kampf wiederzugeben. Da der Wolf für diese Kulturen, gerade im heutigen germanischen Raum, eine große Rolle spielte, war der Geist des Wolfes dahingehend ein häufig angerufenes Tier.

Diese Darstellungen setzten sich weiter in verschiedenen Formen fort. Da waren Götter, die sich selbst in Tiere, unter anderem auch in Wölfe verwandelten, und diese Fähigkeit an treue Gefolgsleute weitergeben konnten. Da waren Mensch-Tier-Hybridwesen in verschiedenen Kulturen. Und natürlich waren dort auch diejenigen, die sich mithilfe von Tierpelzen verwandelten – eine Form, die gerade in europäischen Mythen immer und immer wieder vorkommt.

Auch in anderen Kulturen gibt es Gestaltwandler. Manchmal Magier, die sich so verwandeln, manchmal verschiedene Hybridwesen, manchmal Verfluchte oder Gesegnete, die diese Fähigkeit irgendwie erhalten haben.

Werwolfprozesse

Während lange Zeit damit die Werwölfe eher positiv besetzt waren, so kam es in der Zeit der Hexenverfolgung gerade in Deutschland auch zur Verfolgung vermeintlicher Werwölfe. Dies waren Menschen, die sich oft mithilfe eines Gürtels aus Wolfsleder in einen Werwolf verwandelten und im späten 16. Jahrhundert so ebenfalls gehängt und verbrannt wurden.

Auch war da die Panik rund um das Biest von Gévaudan, das laut einigen Leuten ebenso aufgrund seiner monströsen Statur wohl ein Werwolf sein müsse. Wie wolle man denn sonst dieses Monster erklären? Etwas, das seither natürlich auch ein paar Horrorfilme zum Thema aufgenommen haben.

Übrigens, um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Eine meiner liebsten Geschichten aus den Werwolfprozessen, war von einem Mann, der unter Androhung von Folter direkt gestand, dass er ein Werwolf war. Allerdings erweiterte er diese Erzählung: Der Erzengel Gabriel hatte ihm die Fähigkeit gegeben, um Hexen jagen zu können. Der Bischof wusste daraufhin auch nicht, was sie mit dieser Antwort machen sollten, ließ ihn auspeitschen, dann aber gehen.

Von Horror zur Liebe

Der Werwolf tauchte, wie auch der Vampir vorerst natürlich in Horrorgeschichten auf. Gerade als die „Gaslight Horror“ Romane ihre ersten großen Erfolge feierten, fanden auch Werwölfe darin ihren Platz. Und obwohl heute Werwolfe und Vampire in der Fiktion oft als verfeindet gesehen werden, waren sie dort oft noch auf derselben Seite, wenn nicht sogar zwei Formen desselben Wesens, sind Vampire doch auch öfter Gestaltwandler.

Als dann die frühen Horrorfilme kamen, fanden dort auch die Werwölfe ihre Heimat. Während der Vollmond auch in ein paar Werwolfsmythen seine Rolle spielt, verbreiteten diese Filme die konkrete Verbindung zwischen Werwolf und der Verwandlung bei Vollmond, sowie der Verbreitung des Werwolf-Fluchs über einen Biss. Zwei Tropes, die viele moderne Werwolfgeschichten aufgegeben haben.

Doch in den 80ern und 90ern fing man an Vampire und dann auch Werwölfe nicht nur als Monster zu sehen, sondern auch als potentielle Helden. Manchmal romantischer Natur, manchmal auch einfach heroischer Natur. Wie sehr der Werwolf dabei mit seiner tierischen Natur zu kämpfen hat, war unterschiedlich. Doch mit der steigenden Beliebtheit von Romantasy fand auch der Werwolf hier seinen Platz.

Der moderne Werwolf

Der moderne Werwolf kann sowohl als Horrorgestalt, als auch als Held oder Love Interest auftreten. Manchmal sogar in verschiedenen Rollen innerhalb derselben Geschichte. Dabei variieren die Gründe, aus denen sie zum Werwolf wurden, genauso, wie die Arten, auf die die Verwandlung stattfindet.

In der modernen Urban Fantasy ist es relativ üblich, dass das Werwolfsein genetisch vererbt wird, es also innerhalb einer Familie eventuell weitergegeben wird. Nicht selten ist allerdings die Garantie nicht gegeben, ob das Kind eines Werwolfs ein Werwolf ist. Selbiges gilt auch für andere Gestaltwandler. Dennoch gibt es auch weiterhin Werwölfe, die durch einen Biss ihre „Lycanthropie“ bekommen, wie auch Geschichten, in denen es beides gibt.

Wie sich der Werwolf dann verwandelt, variiert ebenso. Es ist nicht selten so, dass sie verschiedene Gestalten annehmen können. Eine komplette Wolfsgestalt, aber auch eine hybride Gestalt, wie sie in Mythen, aber auch in diversen Filmen sehr üblich waren. Manchmal auch nur eins von beidem.

Doch damit kommen wir auch zu den kritischen Tropes, die ich an dieser Stelle ansprechen möchte.

Das Alphamännchen

Okay, wie viele Geschichten habt ihr gelesen, in denen es einen Alphawerwolf gab? Wahrscheinlich einige. Die Aufteilung von Werwölfen in Alphas, Betas und Omegas ist praktisch nicht aus der modernen Werwolfsdarstellung wegzudenken. Dabei nutzen viele die Darstellung des Alphamännchens als Anführer eines Werwolfsrudels.

Nicht nur das: Selbst in unserer realen Welt, meinen Menschen, speziell Männer, sich in Alphas und Betas unterteilen zu müssen. Meist frei nach dem Motto: Wer das größere Arschloch gegenüber anderen ist, ist Alpha. Immmerhin wissen wir ja, dass es bei diversen Rudeltieren so ist, nicht? Dass es im Rudel ein Alphamännchen gibt, nach dessen Pfeife alle anderen tanzen.

Das Problem mit der ganzen Klamotte: Die Beobachtung, dass es Alphamännchen in Wolfsrudeln gibt, ist Unsinn. Sie wurde von Forscher, der diese Theorie aufgestellt hat (L. David Mech), selbst wiederlegt. Denn was er meinte zu beobachten, ist ein Verhalten, das man vor allem bei Wölfen, die in menschlicher Nähe und vor allem in Gefangenschaft leben beobachten. Bei wilden Wölfen ist das vermeintliche Verhalten oft dadurch begründet, dass die „Alphatiere“ die Eltern der betroffenen „Betatiere“ sind und sie einfach erziehen.

Da Werwolfsrudel allerdings selten Familienverbände mit Eltern und Kindern sind, macht diese Darstellung absolut keinen Sinn und sorgt stattdessen dafür, dass eine dank ihrer Auswirkungen schädliche Fehlinformation weiterpropagiert wird.

Seelenverwandte und Prägung

Noch so ein Trope, der sich in Gestaltwandler- und vor allem Werwolfsgeschichten weit verbreitet hat, ist der, dass Wölfe Seelenverwandte haben und/oder sich auf einen potentiellen Partner prägen. Sprich: Sie finden ihre*n Partner*in und wissen sofort, dass es die Person für’s Leben ist und beginnen meist prompt Besitzansprüche zu stellen.

Woher dieser Trope kommt, weiß ich nicht, allerdings waren es fraglos die Twilight-Bücher, die ihm zu seiner heutigen Beliebtheit verholfen haben, da es dort für die Werwölfe gilt. Bis die Bücher herauskamen, habe ich den Trope vor allem online, bspw. in Fanfictions, beobachtet, doch mit der Reihe ist es auch in den Buchmarkt gekommen.

Dabei sollte die Problematik hier nicht schwer zu verstehen seien: Hier wird schnell eine Abhängigkeit der Partner zueinander hergestellt. Nicht selten gibt es enormes besitzergreifendes Verhalten. Gerade wenn sich das mit dem „Alphamännchen“ mischt, kommen dabei nicht selten toxische Missbrauchsbeziehungen heraus. Missbrauchsbeziehungen, denen der Partner nicht entkommen kann. Dennoch soll es angeblich eine Form von „Liebe“ sein.

Andere Tropes

Neben den beiden Tropes gibt es natürlich noch diverse andere, die mit Werwölfen in Verbindung stehen, allerdings meist weniger toxischen Ballast mit sich bringen.

Immerhin ist das bereits erwähnte Klischee, das Werwölfe und Vampire gegeneinander kämpfen oder zumindest einander nicht ausstehen können, ebenfalls ein Trope. Noch dazu ist es einer, dessen Ursprung gänzlich unbekannt zu sein scheint. Ja, es begann irgendwann in den 70ern, doch mit welcher Geschichte genau? Es ist überraschend schwer festzustellen.

Auch, dass Werwölfe selbst in menschlicher Gestalt ein besseres Gehör und einen besseren Geruchssinn haben, sieht man öfter. Genau so, wie Werwölfe, die auch in menschlicher Gestalt mit ihren tierischen Instinkten zu kämpfen haben.

Unsere Wölfe

An dieser Stelle möchte ich mir allerdings auch nicht verkneifen, noch kurz über unsere Werwölfe in Der Schleier der Welt zu reden. Wir (also Seki und ich) hatten ursprünglich auch Alphawölfe, beziehungsweise eine Alphawölfin, haben aber dankbarerweise noch vor dem Release gelernt, dass die ganze „Alpha“-Klamotte auf einer Fehlannahme beruht. Daher ist Thia zwar Anführerin, aber keine Alphawölfin.

Auch können unsere Werwölfe sich in verschiedene Gestalten verwandeln. Zwischen Mensch, Wolf und Hybrid. Allerdings geht es in beide Richtungen, denn es gibt nicht nur Menschen, die sich in Wölfe verwandeln, sondern auch Wölfe, die sich in Menschen verwandeln können. Unterschieden werden diese als Wolfsgeborene und Menschgeborene. Selbiges gilt auch bei diversen anderen Gestaltwandlern.

Was kulturell bei unseren Werwölfen ein großes Thema ist, ist, dass sie eine Kriegerkultur sind. Sie sind da, um zu kämpfen, sehen sich als Verteidiger der Menschheit. Gleichzeitig können sie aber Menschen nicht leiden, da diese zu naiv in ihrer Weltsicht sind und blind durch die Gegend rennen. Allen voran sind die Werwölfe jedoch vor allem selbstzerstörerisch. Die jungen, gerade erwachten Werwölfe müssen viel kämpfen. Kriegerstolz spielt eine große Rolle. Und damit auch die einhergehende Toxizität.

Ach ja. Und die Werwölfe haben große Vorurteile gegen Magier, was in den kommenden Bänden der Reihe noch eine große Rolle spielen wird. (Wer mehr wissen will, ist herzlich eingeladen, unser Buch zu lesen!)

An die Autoren

Um nicht nur von unseren Werwölfen zu reden, gebe ich diese Frage dann noch einmal an euch weiter. Nicht zuletzt, da dieser Eintrag den dieswöchentlichen „Weltenbau“-Eintrag ersetzt. Gibt es in euren Geschichten Werwölfe und/oder andere Gestaltwandler? Wie stehen sie zu den hier dargestellten Tropes? Woher haben sie die Fähigkeit, sich in Tiere zu verwandeln? Sehen sie es selbst als Segen, Fluch oder einfach eine Tatsache des Daseins? Denken sie als Tiere tierischer? Und können sich auch Tiere in Menschen verwandeln?

Das Bild ist aus dem Weird Tales Magazin für die Geschichte A Werewolf Howls und steht unter Public Domain.