Übermächtig? Die Macht der Helden

Heute einmal ein kurzer Eintrag zu einem Thema, von dem ich bereits zwei Facetten betrachtet habe. Vermeintliche Mary Sues und Charaktere, die zu mächtig sind. Inspiriert dadurch, dass letzte Woche darüber – offenbar dank Game of Thrones – das Thema ausgiebig in meiner Fantasy-Bubble diskutiert wurde.

Vorweg: Ich habe bereits darüber geschrieben, warum es keine Mary Sues gibt und der Begriff letzten Endes durch Sexismus geprägt ist. Ich möchte zudem auf meine kleine Reihe zu Gewalt in Fantasy aufmerksam machen, denn auch das hat zentral mit diesem Thema zu tun. Gut? Gut. Hier kommt also meine gewagte These: Es gibt keine zu mächtigen Charaktere, es gibt nur falsche Geschichten für sie.

„Der Charakter ist zu mächtig!“

Wenn ein Charakter nicht direkt als Mary Sue bezeichnet wird (in 90% der Fälle, weil es kein weiblicher Charakter ist), so hört man doch immer wieder eine Kritik: „Der Charakter ist zu mächtig! Der Charakter ist deswegen langweilig.“ Und auch wenn man in Schreibratgebern für Fantasy, SciFi oder auch Krimis und Thriller schaut, findet man natürlich immer wieder Tipps, die in dieselbe Richtung gehen: „Mach einen Charakter nicht zu mächtig, sonst ist die Geschichte zu langweilig.“

Gemeint mit zu mächtig ist natürlich immer wieder dieselbe Sache: Gib dem Charakter nicht zu viel Kampfkraft und/oder Magie. Sorge dafür, dass der Charakter im Kampf der Underdog ist. Mache den Charakter auf keinen Fall unverwundbar! Stelle sicher, dass der Charakter jederzeit sterben kann! (Am besten lässt du ein paar Figuren sterben, damit der Leser diese Gefahr auch ernst nimmt!)

Die Sache ist nur: Das ist nicht prinzipiell richtig. Denn das geht davon aus, dass jede Geschichte in diesen Genre zumindest einen zentralen, physischen Konflikt hat und dass der Hauptspannungsfaktor immer aus der Frage kommt, ob der Charakter überlebt. Und das ist halt eben nicht so. Ja, selbst bei actionlastigen Geschichten ist es nicht zwangsweise so.

Captain Marvel und Black Panther

Für wunderbare Beispiele muss man nur zu den beiden Filmen im MCU schauen, die endlich keinen weißen Mann als Protagonisten hatten – und natürlich deswegen prompt von bestimmten Leuten mehr Kritik auf sich gezogen haben: Captain Marvel und Black Panther. Zwei Filme, die sich hier wunderbar eignen.

Schauen wir uns Black Panther an, so ist T’Challa hier wirklich sehr mächtig. Er ist physisch stark und schnell (dank der Frucht) und praktisch unverwundbar (dank dem Anzug). So sehr, dass beide wichtigen Kämpfe ihm mindestens eins von beidem nehmen. Dennoch ist der Film spannend. Warum? Weil der Konflikt des Filmes, der Konflikt zwischen T’Challa und Erik, nicht in erster Linie physisch, sondern idealistisch ist. Sie kämpfen so gesehen um die Seele Wakandas. Und der Kampf ist nicht einfach in der physischen Ebene entschieden.

Ähnliches gilt für Captain Marvel, die der Superman des MCU ist. Sie ist enorm mächtig. Dennoch ist der Film spannend. Warum? Weil der zentrale Konflikt nichts damit zu tun hat, irgendjemand physisch zu verprügeln. Speziell ist der Hauptkonflikt hier, gegen Gehirnwäsche und Gaslighting anzukämpfen. Carol muss sich selbst, muss ihr Selbstbewusstsein finden, den Glauben an sich selbst als Person. Nichts davon kann sie erreichen, indem sie einen Photonenstrahl abfeuert.

Es kommt auf den zentralen Konflikt an

Die meisten Geschichten haben mehr als einen Konflikt. Es gibt meistens interne und externe Konflikte und Konflikte, die beides Mischen. In den meisten Geschichten hat ein Charakter irgendeinen Charakterkonflikt, der zentral für die Charakterentwicklung ist. Der Charakter hadert irgendwie mit irgendeiner Eigenschaft, mit irgendeiner Frage. Wer ist si*er? Was will si*er sein? Was erwartet si*er von ihrem*seinen Leben?

Externe Konflikte dienen dabei oft als Katalysator – und um ein wenig Action (die nicht immer physisch sein muss) reinzubringen. Das kann je nach Geschichte alles sein. Vielleicht versucht der Charakter einen Krieg zu verhindern oder zu beenden. Vielleicht versucht si*er ein Supersoldatenserum zurückzuholen, weil es von einem Bösewicht gestohlen wurde. Vielleicht will si*er auch einfach ein Autorennen gewinnen. Oder si*er möchte sich in einer bestimmten Position beweisen.

Idealerweise beeinflusst das eine, das andere. Intern und Extern haben miteinander zu tun. Und genau so kann es, wie eben bei Black Panther, gleich mehrere externe Konflikte geben. Killmonger will den Thron, um die Macht zu nutzen, um die Unterdrückung umzukehren. Gleichzeitig ist die Frage, was Wakanda als Nation nun unter neuer Herrschaft sein will, ebenso ein externer, wie auch Teil von T’Challas internen Konflikt. Es kann viele Konflikte in einer Geschichte geben. Die meisten Geschichten haben eine Vielzahl von Konflikten.

Was allerdings wichtig ist: Selbst wenn es einen Konflikt gibt, der vorrangig darauf aufbaut, dass A versucht, B umzubringen, was B natürlich verhindern will – also einen physischen, actionlastigen Konflikt – muss das nicht der zentrale Konflikt der Handlung sein. Letzten Endes entscheidet der Autor, welche Geschichte er erzählen will.

Und die Spannung?

Aber gut, woher kommt dann eigentlich die Spannung in einer Geschichte? Nun, technisch gesehen von den „Stakes“, den „Einsätzen“. Und wie ich bereits zum Thema Gewalt in Fantasy geschrieben habe: Der einfachste, da eben schnell verständliche „Stake“ einer Geschichte ist das Leben des Hauptcharakters. Wobei auch das nicht automatisch Spannung erzeugt. Denn wenn der Hauptcharakter langweilig oder unsympathisch ist, erzeugt diese Frage eben nicht zwangsläufig Spannung. Weil dem Zuschauer dann der Charakter egal ist.

Doch ist die Frage wirklich „spannend“? Ich meine, seid einmal ehrlich: Wann war das letzte Mal, dass ihr in einem Film (abseits von Endgame) wirklich Angst hattet, dass der Hauptcharakter stirbt? Wann war das letzte Mal, dass ihr einer Geschichte wirklich abgenommen habt, dass der Hauptcharakter keine „Plot Armor“ (also Unverwundbarkeit, weil die Handlung weitergehen muss) hatte?

Sicher, ein paar Geschichten sind deutlich schlechter als andere, diese Sorge überhaupt aufkommen zu lassen – doch liegt der Fehler dabei selten am Machtlevel der Charaktere. Wenn ist das Problem eher darin, wie Konflikte präsentiert, Tropes verwendet und Charakterstärken/-schwächen dargestellt werden.

Denn eigentlich, ja, eigentlich ist die zentrale Spannung doch vor allem ob und wie die Konflikte einer Geschichte gelöst werden – und welche Auswirkungen dies auf Welt und Charaktere hat.

Spannung ist vielfältig, Geschichten auch

Letzten Endes kann ich nur sagen: Ich finde die Frage nach dem Machtlevel eines Charakters oftmals nicht angemessen. Charaktere, die zu mächtig für ihre Story sind, stecken vielleicht auch einfach nur in der falschen Geschichte fest. Es ist absolut möglich, eine spannende Geschichte mit mächtigen, ja, übermächtigen Charakteren zu erzählen. Man muss sich nur dessen bewusst sein, wie mächtig der Charakter ist und den zentralen Konflikt danach ausrichten.

Denn wenn ein Autor sich Gedanken darüber gemacht hat, wie er Konflikt und Charaktere aufbaut, dann fällt oftmals nicht einmal auf, wie mächtig ein Charakter ist. Da der Charakter genug Momente hat, in denen nicht seine Macht im Vordergrund steht, sondern seine Schwäche, Momente, in denen viel auf dem Spiel steht – selbst wenn es nicht das Leben des Protagonisten ist.

Wie gesagt, nicht jeder Konflikt lässt sich mit einem Photonenstrahl lösen. Und genau das macht Geschichten so interessant!

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Das Beitragsbild wurde von SkiEngineer aufgenommen und unter der CC4.0 Lizenz geteilt. Ich habe es für den Blog zugeschnitten.