Digimon Adventure, 02, tri. – Probleme und Produktionschaos

Wieder einmal ist es Freitag. Der erste Freitag im neuen Monat. Und das heißt, es ist Zeit für einen Anime-Beitrag. Nachdem die Umfrage auf Twitter relativ deutlich war, heute also ein Eintrag über Digimon Adventure, 02, tri., ihre Produktion und noch ein wenig mehr.

Während ich bereits im Kindergarten Sailor Moon schaute, war Pokémon mein erster bewusster „Das ist aus Japan“ Anime. Und als RTL2 sich damals die Rechte zu Digimon Adventure kaufte und es mit „Pokémon ist der Wahn. Digimon ist der MEGAWAHN!“ bewarb, saß ich – wie viele andere Pokémon-Fans da und rief: „Kopie!“ Dann aber packte mich Digimon ganz schnell. Es ist eins der Fandoms, die mich bis heute begleiten. Der ersten Staffel, Digimon Adventure, und speziell ihren neusten Sequels stehe ich jedoch sehr kritisch gegenüber. Heute will ich euch erklären warum.

Die gute alte Nostalgie

Digimon Adventure ist fraglos sehr nostalgisch für mich und viele andere auch. Ich gehe frei davon aus, dass viele Leute, die diesen Eintrag lesen, nostalgische Gefühle für die Serie haben. Einige werden wahrscheinlich auch außer den Einträgen im Adventure-verse nie viel von Digimon gesehen haben.

Allerdings kann ich selbst heutzutage Digimon Adventure nicht mehr anschauen. Die Filme, ja, aber die eigentliche Serie? Nein. Bestenfalls langweilt sie mich, schlimmstenfalls macht sie mich wütend. Und das nicht nur, da ich einige Charakterdarstellungen unverantwortlich finde, sondern auch, weil ich von dem Chaos hinter den Kulissen weiß, die diese Darstellungen haben entstehen lassen.

Viele Köche, Merchandise und ein perfektes Chaos

Digimon Adventure leidet zentral nicht zuletzt an dem „zu viele Köche“ Problem. Am Anfang war Mamoru Hosoda gemeinsam mit Reiko Yoshida zentral in die Planung involviert, ging dann aber zur Entwicklung des ersten Films über. Rein kamen Satoru Nishizono, der bisher einige Anime Adaptionen von Manga entwickelt hatte, Hiroyuki Kakudo und noch diverse Autoren für einzelne Episoden. Außerdem gab es noch Hiromi Seki, die mit der Produktion betraut war und damit auch zentral damit Bandai, als Auftrag- und Geldgeber glücklich zu machen.

Chaotisch war es wohl schon von Anfang an. Man wollte erst sechs Charaktere. Fünf Jungs und ein Token-Mädchen: Der Charakter, der später Sora wurde. Diese wurden alle nach demselben Schema gestaltet: Man nahm ein Problem, mit dem Kinder in Japan zu kämpfen hatten, machte daraus einen Konflikt, und gab dem Charakter dann eine positive Eigenschaft dazu. Allein nach dem Schema kann man erahnen, wer die sechs Charaktere waren.

Dann aber kam die Idee, dass man zum einen noch ein Mädchen, zum anderen noch Palmon einbringen konnte. Mimi wurde geboren. Ohne ein zentrales Problem. Etwas, das ihr ironischerweise profitieren würde. Dennoch war es an dieser Stelle klar, dass mit sieben Kindern und sieben Digimon das Cast sehr voll wäre.

Zeitdruck und mangelnde Planung

Ein weiterer Aspekt, der der Produktion fraglos ein Bein stellte, war Nishizonos mangelnde Vorausplanung, was die serienüberreichende Handlung angeht. Er gab dies mehrfach in Interviews zu. Während er das erste Arc schrieb, wusste er nichts von Etemon, während er daran schrieb, nichts von Vamdemon und als sie bei Vamdemon waren, wurden dann kurz vor knapp noch die Dark Masters eingefügt. Etwas, das man deutlich merkt.

Was man jedoch ebenso merkt ist ein anderer Faktor: Hikari als auserwähltes Kind war – trotz ihrer zentralen Rolle im ersten Film – nie geplant. Allerdings hatte sie diese zentrale Rolle und diverse Zuschauer fanden sie niedlich. Also bestand man von Produktionsseite aus darauf, dass Hikari doch noch in die Handlung hineingeschrieben würde. Dass dies sehr lustlos geschah, merkt man nicht zuletzt an ihrem Mangel eines Konfliktes und daran, dass ihr Wappen, ihre „positive Eigenschaft“, ihr Name ist. Hikari. Licht. Und was „Licht“ für eine Charaktereigenschaft sein soll, wird auf ewig ein Rätsel bleiben.

Kurzum: Die Produktion war chaotisch und auch nicht für alle Beteiligten zufriedenstellend. Dennoch war die Serie erfolgreich, was Bandai zu dem Entschluss brachte, das ganze auf ähnliche Art direkt noch einmal zu versuchen. Digimon Adventure 02 war geboren. Und sollte direkt im Anschluss ausgestrahlt werden. Was zu einem noch größeren Team, noch weniger Koordination und enormen Zeitdruck führte.

Das Waisenkind des Adventure-verse

Atsuhi Maekawa und Genki Yoshida waren mit der Planung von Digimon Adventure 02 betraut. Zu zweit, um dem Zeitdruck entgegen zu wirken. Die beiden betrieben Arbeitsteilung: Maekawa kümmerte sich um die Helden und ihre Charakterkonflikte, Yoshida um die Antagonisten und deren Motivation. Diese Aufteilung führte auch dazu, dass die Antagonisten von 02 alle miteinander zu tun hatten.

Allerdings war der Zeitdruck groß, was einer der Gründe dafür ist, dass das Digimon Kaizer Arc so lang und so fillerlastig ist. Denn Filler lassen sich leicht und ohne großartig notwendige Besprechung an Episoden-Teams abgeben. Zentrale Abstimmung ist kaum nötig, was es leichter macht, mehrere Episoden parallel zu entwickeln.

Dies führte zu einem seltsamen Phänomen, da nicht selten die Charaktere in den Fillerepisoden besser realisiert wirken, als in den Plot-Episoden des ersten Arcs. Erst nachdem der Digimon Kaizer besiegt ist, bessert es sich. Besonders auffällig ist jedoch die wechselnde Teamdynamik. Ist Daisuke, der nominelle Protagonist, in Plot-Episoden der Anführer, so agiert in anderen Episoden doch eher Miyako unter Beratung von Takeru und Hikari in der Anführerrolle.

So oder so: Während Digimon Adventure 02 ursprünglich nicht unbeliebt war, änderte sich das rasch. Die Serie hatte keine dichte Handlung und wirkte gerade im Vergleich zur folgenden Staffel Tamers unausgereift. Auch die Tatsache, dass die Helden der ersten Staffel in vielen Folgen auf der Ersatzbank saßen, haben viele Fans ihnen übel genommen. Bis heute gilt 02 in einigen Bereichen des Fandoms als verhasst.

15 Jahre später

Nach 02 kam Tamers, dann Frontier und dann noch zwei andere Staffeln, ehe zum 15jährigen Jubiläum von Digimon Adventure eine neue Serie angekündigt wurde: Digimon Adventure tri.

Doch dass auch hier die Produktion chaotisch war, ließ sich allein an dem Kontext herauslesen. „Es wird eine Serie“, sagte man erst. Dann hieß es: „Nein, es werden OVAs. Aber die erste wird im Kino laufen.“ Dann: „Nein, es ist eine Reihe von Kinofilmen.“ Und auch andere Informationen waren schnell widersprüchlich. Während über die Produktion nicht so viele Details bekannt sind, wie über Adventure und 02, so lässt sich allein daraus eine Menge Chaos hinter den Kulissen ableiten. Auch das mehrfache Verschieben des Starttermins spricht dafür.

So oder so: Irgendwann kam dann Digimon Adventure tri. heraus und was vielversprechend anfing wurde schnell zu einem der kontroversesten Einträge in der ganzen Digimon-Geschichte.

Die Probleme mit Digimon Adventure

Um aber einen Teil der Probleme, auf die tri. gestoßen ist, zu verstehen, ist es sinnvoll, ganz an den Anfang zurückzugehen: Zu Digimon Adventure und den Problemen, die diese Serie hatte. Und ja, Digimon Adventure, Nostalgie hin oder her, ist keine gut geschriebene Serie. Aus zwei Gründen nicht: Mangelnde Planung und Charakterausarbeitung.

In erster Linie leidet Digimon Adventure darunter, dass die einzelnen Arcs der Serie komplett unverbunden sind. Etwas, das zu einer Menge inhaltlicher Widersprüche führt. Beispielsweise: Okay, warum haben die Dark Masters in der digitalen Welt tausende Jahre gewartet, um ihren Plan umzusetzen? Warum haben sie die Kinder nicht am Anfang ausgeschaltet? Ja, in den Romanen, die Digimon Adventure neu erzählten, wurde das erklärt, doch in der Serie? Dort finden wir wenig Informationen darüber oder über die Macht, die die Kinder auserwählt hat und warum.

Problematischer sind aber die Charaktere. Denn mit der Ausnahme von Taichi und Mimi sind diese mehr als eindimensional – und teilweise auf eine Art geschrieben, die dem gewollten Konzept entgegenläuft. Dazu kommt, dass viele Charakterkonflikte zwei Mal aufgebracht werden und dann gelöst sind. Außer bei Taichi und Mimi halt. Sora? Oh, ihr Konflikt ist mit ihrer Mutter wegen einer absoluten Kleinigkeit, die den Konflikt unglaubwürdig macht. Aber obwohl sie offenbar mehr als ein halbes Jahr sauer auf ihre Mutter war, wird der Konflikt innerhalb einer Folge gelöst.

Dies wird nur durch einen anderen Faktor verstärkt: Die Charaktere interagieren kaum miteinander. Fast alle Interaktionen laufen über Taichi ab – oder Mimi. In Gruppenszenen reden alle mit einem von den beiden. Nicht miteinander. Wenn man es einmal bemerkt, werden die Szenen dadurch richtig ironisch. Ein paar Charaktere sprechen in der ganzen Serie nie miteinander! In einer Serie über Freundschaft und Zusammenarbeit.

Die Sache mit Yamato

Allerdings gibt es bei Digimon Adventure neben all diesen Dingen für mich einen weiteren Faktor, der die Serie wirklich unschaubar macht: Yamato Ishida. Ein Charakter, bei dem die Darstellung dem was gewollt war diagonal entgegenläuft. Denn Yamato sollte ein Charakter sein, der Freundschaft wertschätzt, sich aber schwer tut, sich anderen zu öffnen. Stattdessen ist er, entschuldigt die Ausdrucksweise, ein egozentrisches Arschloch.

Generell ist Yamato die gesamte Serie auf zwei Charaktere fixiert: Taichi und Takeru. Die Serie sagt uns, dass er am Ende Taichis bester Freund ist – doch gezeigt wird dies nie. Stattdessen sehen wir einen Charakter, der keine Möglichkeit auslässt, den Konflikt mit Taichi zu suchen. Takeru ist dabei oft nur ein Mittel zum Zweck. Singt Takeru nicht gerade Lobhymnen auf seinen großen Bruder, wird er schnell fallen gelassen.

Noch schlimmer aber: Yamato, ein Charakter der Loyalität und Freundschaft repräsentieren soll, greift die anderen Charaktere mitten im härtesten Konflikt der Serie an. Riskiert dabei ernsthaft seinen vermeintlich besten Freund schwer zu verletzen. Und danach? Danach lässt er die Gruppe im Stich. Mal eben so. Seine Selbstfindung ist wichtiger, als das Überleben der Gruppe. Ist klar, ne? Personifikation von Freundschaft.

Und ich weiß, dass Yamato ein beliebter Charakter ist. Und er wird ab 02 auch okay, doch dieses Verhalten …? Ich sitze immer da und frage mich, was es einem Kind über Freundschaft beibringt, wenn der Charakter, der Freundschaft repräsentiert seine Freunde erst angreift und dann im Stich lässt.

Digimon Adventure 02

Die Hauptprobleme von Digimon Adventure 02 sind recht einfach erklärt: Zu viele Filler und durch die Teamaufteilung (bezogen auf das Produktionsteam) sind die Charaktere inkonsistent. Viele Folgen sind schlecht animiert und bei einigen merkt man, dass das Script wahrscheinlich ein, zwei Revisionen mehr gebraucht hätte, um gut zu werden.

Eine Sache muss man dieser Serie jedoch lassen: Wenn sie einmal gut ist, ist sie wirklich gut. Das mögen wenige Momente sein – Momente, die oftmals nicht in Erinnerung bleiben – doch es gibt sie und sie stechen deutlich heraus. Auch Konzepte, die diese Serie beibringt sind gut und interessant – wie auch die Bösewichte, die zu den am besten ausgearbeitetsten im ganzen Franchise gehören.

Allerdings merkt man das Fehlen von Zeit an jeder Ecke und auch die Abkürzungen, die deshalb genommen wurden. Einige Episoden sind auf eine Art animiert, mit der heutige Fananimationen locker mithalten können. Und ja, das ist etwas, das es schwer macht, die Serie heute noch einmal anzuschauen.


Na ja, und dann ist da der Epilog – etwas, mit dem wohl einiges Executive Meddling einher ging, das aber so oder so kritisch ist. Die Jobwahl ist sexistisch. Sexistisch genug, als dass sich die Synchronsprecherin von Miyako seinerzeit schon drüber aufregte. Dazu kommt, dass natürlich jeder verheiratet ist und mindestens einen Klon, äh, ein Kind hat. Sexismus, Klassismus und Heteronormativität. Und genau das ist schon 2001 vielen Fans sauer aufgestoßen.

Und dann kam tri.

Das änderte jedoch nichts daran, dass eine Sache, die einen noch übleren Beigeschmack hatte, wohl das auslassen der Figuren aus 02 in Digimon Adventure tri. war. Und ja, tri., eine Filmreihe, die sich mehr schaut, wie eine Fanfiction, die 2003 von einem Teenager ohne bisherige Schreiberfahrung geschrieben wurde – wie ein erster Gehversuch eines bisher gänzlich unerfahrenen Autors. Was schief ging? Ich weiß es hier wirklich nicht, doch schiefgegangen ist eine Menge.

Das Grundkonzept ist ja okay, selbst wenn die Tatsache, dass die digitale Welt schon wieder nicht erreichbar ist ein wenig über ist. Aber ja: Neues Kind? Klar, warum nicht?! Seltsame Digimonangriffe? Absolut. Einbringen der ersten auserwählten Kinder? Großartige Idee. Ein wenig explizite Anime Einarbeitung von bisher romaneigenen Konzepten wie der Homeostasis? Gute Sache. Leider funktioniert die Umsetzung absolut nicht.

Denn während die ersten drei Filme alles in allem okay waren, ging es ab Film 4 in jeder Hinsicht bergab. Soweit, dass auch die ersten drei Filme dadurch heruntergezogen werden.

Die Abwesenheit der 02 Kids

Das größte Problem der Filme ist wirklich die Abwesenheit der 02-Charaktere und der Mangel an Referenzen zu 02. Denn dies lässt nicht nur den Plot inkohärent wirken, sondern die Charaktere aus Adventure wie absolute Arschlöcher erscheinen. Immerhin wohnt zumindest Takeru mit Iori und Miyako in einem Haus. Miyakos Familie hat einen Supermarkt im Erdgeschoss des Hauses. Sollte Miyakos Verschwinden ihm da nicht auffallen? Was für ein mieser Freund ist er, dass es ihm nicht auffällt, dass eine gute Freundin seit Wochen verschwunden ist?

Dasselbe gilt auch für die anderen Charaktere. Da sind Freunde von ihnen verschwunden und … niemanden schert es? Alles, was sie tun, ist einmal bei Ken (dem 02 Charakter, der am weitesten von ihnen entfernt wohnt!) vorbei gehen und, als dieser nicht da ist, mit den Schultern zu zucken und weiter zu tun als wäre nichts? Das spricht nicht für gute Autoren oder für Respekt vor Charakteren und Plot.

Hätte man gesagt, dass irgendwie die Charaktere sich nicht an die 02-Kids und die Ereignisse erinnern, hätte ich das durchaus verstehen können. Ich wäre nicht glücklich drüber gewesen, aber es wäre okay gewesen. So aber ist es OoC und lässt die Charaktere mies dastehen.

Ach ja, und dann sind da noch die anderen Kinder, die einfach vergessen wurden: Die Dark Spore Kinder, die am Ende von 02 ihre Digivices und Partner bekamen. Was haben die eigentlich während tri. gemacht? Däumchen gedreht?

Meiko

Und dann haben wir da Meiko. Aus hier genannten Gründen zögere ich mittlerweile, sie „Mary Sue“ zu nennen, doch zumindest kann ich sagen, dass sie sich wie ein Self-Insert Charakter in einer Fanfiction anfühlt. Sie ist auf einmal da und prompt dreht sich alles um sie. Alle wollen mit ihr befreundet sein. Taichi, der Protagonist, entwickelt Gefühle für sie. Außerdem ist sie effektiv das Gegenstück zu einem bestehenden Charakter – Hikari.

Dies wird alles noch auffälliger durch die Abwesenheit der 02 Kids, denn auf einmal wirkt es so, als wären diese durch Meiko ersetzt worden. Meiko ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, auch wenn dabei ihre Geschichte im Kontext der bisherigen etablierten Handlung wenig Sinn macht.

Und als wäre das nicht schlimm genug: Sie hat absolut keine eigenen Motive. Sie ist komplett passiv in der Handlung. Ihr passieren Dinge, sie reagiert, aber sie agiert nicht. Agenda? Was ist das? Sollten weibliche Charaktere die haben? Besser nicht, hat man sich hier wohl gedacht. Dass sie diese Anfangs nicht hat, wäre sogar vertretbar gewesen. Doch auch Charakterentwicklung gibt es bei ihr kaum. Jedenfalls nicht in dem, was gezeigt wird.

Nichts halbes und nichts Ganzes

Kommen wir zu meinen liebsten Charkteren aus tri.: Daigo und Maki. Wie lange hatte ich mir schon gewünscht, dass man einen Plot mit den ersten Auserwählten reinbringt? Doch leider, leider stellte sich schnell heraus, dass dies abseits der ersten paar Minuten zu Beginn des vierten Films kaum eine Rolle spielen sollte.

Der Plot aus den Romanen, dass die Digimon der ersten Kids die Holy Beasts geworden sind, wurde bestätigt. Cool. Leider sehen wir von diesen nur nichts – abseits des Flashbacks. Wie wir auch wenig über das Abenteuer dieser Kinder erfahren. Nur, dass halt ein Digimon gestorben ist. Und wird die Möglichkeit genutzt, um etwaig neue Digimon reinzubringen? Nein. Man verwendet stattdessen irgendwelche generischen und oftmals nicht richtig passenden Digimon als Partner.

Abseits von Maki und Daigo sehen wir auch keins der anderen drei Kinder. Was aus ihnen wurde? Weiß man nicht. Ihre Namen? Weiß man nicht. Und auch Maki und Daigo … Daigo wird verwundet zurückgelassen und stirbt wahrscheinlich. Maki endet am Meer der Dunkelheit, mit der Andeutung, dass sie nun die neue Auserwählte Dagomons sein könnte. Hurra für Rape-Andeutungen. Ich habe erwähnt, dass die Serie mit der Darstellung weiblicher Charaktere schlecht ist, ja?

Plotholes und eine Mystery-Babuschka

Ihr kennt J. J. Abrams geliebte Mystery Boxen? Ja. Offenbar die Autoren von Digimon Adventure tri. auch. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass diese Filme so viele Mystery Boxen ineinander gepackt haben, dass am Ende ein Großteil ungeöffnet und damit viele, viele Fragen unbeantwortet, Plots unfertig blieben.

  • Was wurde aus Alphamon? Was hatte Alphamon überhaupt mit dem Rest vom Plot zu tun? Agierte es für die Homeostasis? Hatte es andere Ziele?
  • In wie weit sind die Royal Knights nun in dieser Welt etabliert?
  • Wie funktioniert der Reboot? Inwieweit hat er die anderen Kinder – die internationalen Auserwählten – betroffen? (Warum hat diese eigentlich niemand informiert oder sonst etwas getan, um dort einzugreifen?)
  • Was ist es denn nun, das Hikari, Maki und eventuell auch Meiko so besonders macht? Ja, da ist eine Verbindung zur Homeostasis da. Aber warum? Was hat es damit auf sich?
  • Was ist die Homeostasis nun eigentlich? Und das Quantenmeer? Was soll das alles sein?
  • Wer oder was war nun der böse Gennai? Warum hat er die Gestalt Kens angenommen?
  • Warum konnten die Digimon auf einmal wieder aufs Perfect-Level? Warum wundert sich darüber niemand?
  • Sind die bösen Digimon, die Angreifen jetzt eigentlich wiedergeborene Versionen bspw. der Dark Master oder sind das nur zufällig ihre Gegenstücke?
  • Woher kam eigentlich die Verunreinigung in Maicoomons Daten?

Und das ist ohne etwaige Logikfehler zu bedenken oder Unstimmigkeiten mit der in Adventure und 02 etablierten Timeline. Da war bspw. auch das Reboot, das nicht nur keinerlei Payoff hatte, da alle davon erhofften und befürchteten Ereignisse entweder gar nicht passierten oder bis Ende der Serie aufgehoben waren, und das, ganz nebenbei, auch logisch wenig Sinn machte. Wenn die digitale Welt auf den Ursprungszeitpunkt zurückversetzt wurde, an dem die Gruppe rund um Daigo und Maki in die digitale Welt kam, warum existieren die Adventure-Partner überhaupt? Müsste der Reboot sie nicht gänzlich ausgelöscht haben?

Wenig Mühe

Generell ist tri. einfach eine Ergänzung zum Digimon Franchise, die sehr danach schreit, dass wenig Mühe hineingesteckt wurde und ebenso wenig Geld. Ja, wenn man sich die mit jedem Film schlechter werdende Animation anschaut, kommt die Vermutung auf, dass sogar weniger Geld mit jedem Teil hineinkam – obwohl die Filme dank Kino-Release (mit überteuerten Ticketpreisen auf ausverkauften Hallen), Merchandise (das ebenfalls vorrangig aus überteuerten Produkten, die in der Herstellung wenig kosten, bestand) und Tie-In-Deals mit diversen Cafés und Karaoke-Ketten finanziell erfolgreich waren.

Mein innerer Zyniker kommt nicht umher zu denken, dass die Logik dahinter war: „Die nostalgischen Fans kaufen es ja doch. Egal wie wenig Mühe wir uns geben.“ Noch zynischer denke ich mir: Unrecht hätten sie mit dieser Vermutung wahrscheinlich nicht. Denn in diversen Foren habe ich immer wieder gesehen, wie jeder noch so riesige Fehler in tri. verteidigt, Kritiker als „Hater“ abgestempelt wurden. Notfalls wurde auf die Argumentation „Aber es ist so schön diese Charaktere wiederzusehen!“ ausgewichen.

Dass die Charaktere zu großen Teilen allerdings auch gänzlich umgeschrieben wurden, „OoC handeln“, wie man es im Fanfiction-Jargon sagt …? Ebenfalls egal. „Haters gonna hate.“ Dass die Handlung von vorn bis hinten unstimmig war? „Haters gonna hate.“ Dass 02 so halb, aber nicht ganz ignoriert wurde? „Haters gonna hate.“

Nostalgie

Vielleicht ist es auch nicht so verwunderlich. Nostalgie ist eine mächtige Sache und gerade Dinge wie Musik können sie wunderbar anregen. Doch letzten Endes finde ich es immer wieder frustrierend. Selbst wenn ich mich versuche, in die Einstellung von jemanden zu versetzen, der Adventure mag und gerne mehr dazu hätte. Denn wenn ich diese Serie liebe, würde ich dann nicht etwas wollen, bei dem sich Mühe gegeben wurde? Würde ich nicht etwas erwarten, wo sich jemand intensiv mit den Charakteren und der Welt auseinandergesetzt hat? Würde ich nicht wollen, dass jemand der eigentlichen Geschichte und den ursprünglichen Charakteren Respekt entgegenbringt?

Genau das sind Aspekte, die mir und vielen anderen bei tri. gefehlt haben. tri. fühlte sich für mich wie eine pure Cashcow an. Eine lieblos zum Schlachter geführte Cashcow. Und das, obwohl das Team hinter tri. eigentlich zu mehr fähig ist. Motonaga, der Regisseur der Serie, ist ein erfahrener Regisseur, der mehr als einmal damit betraut war, auch auf geringem Budget eine gute Serie abzuliefern. Autorin Kakihara war derweil an der Kreation einer meiner absoluten Lieblingsserien betraut, hat generell einige gute Shows geschrieben und ist definitiv zu mehr fähig, als … Nun, als was auch immer man tri. bezeichnen will.

Wie gesagt: Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie tri. so schlecht werden konnte, wie es ist. Doch es ist schlecht. Es ist sehr, sehr schlecht. Sowohl handwerklich, als auch auf den reinen technischen Ebenen.

Digimon Adventure 20th

Die generelle Qualität tri. sorgt nicht unbedingt dafür, dass ich viel Vertrauen in das kommende Digimon-Projekt habe – Digimon Adventure 20th. Selbst wenn der Zeichenstil mehr in die gewohnte Richtung geht und ein paar mehr alte Namen an dem Projekt mit dranzuhängen scheinen. Wahrscheinlich wird es dennoch in dieselbe Richtung gehen, wie tri.: Ausschlachten von Nostalgie.

Und ja, wie gesagt, ich halte Digimon Adventure per se nicht für eine gute Serie. Im Gegenteil: Von sämtlichen Story-basierten Medien im Digimon Franchise halte ich es für einen der schwächsten Einträge. Kaum verwunderlich, war es doch ein erster Gehversuch, der erst einmal eine Identität für die Art der Geschichten, die man mit dem Getier aus einem Monster-Tamagotchi erzählen wollte. Ein Gehversuch, der unter scheinbar chaotischen Bedingungen zusammenkam.

Was ich letzten Endes besonders ärgerlich daran finde: Während wir mehr und mehr zu Digimon Adventure bekommen, so werden neuere Serien schlecht vermarktet, ihnen oftmals trotz deutlich akzeptabler Quoten und Verkaufszahlen. Gerade um Appmon, einer guten Serie mit interessantem, modernem Konzept, tut es mir leid.

Würden wir neue Shows mit nostalgischem Tie-Ins (bspw. über Gastauftritte der Adventure-Figuren) bekommen: Klar, warum nicht. Fortsetzungen im selben Sinne wie 02 mit neuen Charakteren? Von mir aus. Doch weitere Fortsetzungen, die irgendwie versuchen aus Figuren, die leider mit sehr knappen Konzepten entwickelt wurden, irgendwie zusammenbauen? Muss das wirklich sein? Und wenn schon: Kann man nicht wenigstens auch die anderen Bestandteile desselben Franchises anerkennen?

Digimon kann mehr

Digimon kann mehr als Adventure. Zu Digimon gehören einige tolle Manga-Reihen, wie V-Tamer und auch der Xros Wars Manga. Zu Digimon gehören einige großartige Spiele – vor allem die neuen Titel, wie Cyber Sleuth seien hier genannt. Auch im Anime hat Digimon einige extrem guten Serien, wie Digimon Tamers, Savers und Appmon zu bieten.

Im Konzept Digimon steckt so viel Potential. Potential, das so lange schon nicht genutzt wird. Stattdessen wird nur Digimon Adventure Jahr für Jahr weiter ausgeschlachtet. Eine Serie, die seiner Zeit in der Produktion unter Chaos, Executive Meddling und einigen Köchen zu viel litt. Eine Serie, deren Fehler, von beinahe jedem, der daran gearbeitet hat, anerkannt werden. Doch Digimon Adventure ermöglicht es, mit weniger Aufwand mehr Geld zu machen. Und so wird es wohl dabei bleiben. Beim geringen Risiko, bei wenig Aufwand, bei hohen Umsätzen. Dabei ist die eigentliche Story, sind die eigentlichen Figuren schon lange egal.

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