Wir müssen über Twilight reden

Vor ein paar Tagen kündigte Stephenie Meyer, die berühmt-berüchtigte Autorin der Twilight oder zu Deutsch „Bis(s)“-Serie, ein neues Buch an: Midnight Sun. Dieses wird offenbar die Geschichte des ersten Buches aus der Perspektive des männlichen Charakters und Love Interests der originalen Buchreihe erzählen: Edward Cullen. Allerdings ist Meyer und ihre Buchreihe, wie schon gesagt, berühmt-berüchtigt. Und so war es kaum vermeidbar, dass mit dieser Ankündigung wieder eine Diskussion rund um das Verhältnis der Twilight Saga und dem Konzept der Misogynie aufkommt. Da ich ohnehin länger schon über die Reihe schreiben wollte, nutze ich es als Gelegenheit um zu sagen: Wir müssen über Twilight reden.

CN: Misogynie, toxische Beziehungen, Missbrauch

Twilight und die Kontroverse

Fangen wir einmal mit zwei grundlegenden Fragen an: Worum geht es in Twilight? Und warum ist die Buch- und Filmreihe so kontrovers?

Die erste Frage soll kurz beantwortet werden für diejenigen, die es irgendwie bisher nicht mitbekommen haben: Twilight handelt von Bella Swan, einem Teen-Mädchen, das zu ihrem Vater in eine Kleinstadt im US-Staat Washington zieht. Dort lernt sie Edward Cullen kennen und auch wenn sie ihn anfangs nicht leiden kann, verliebt sie sich in ihn. Allerdings ist Edward Cullen kein normaler Teenager, sondern ein knapp 100 Jahre alter Vampir – ein „vegetarischer“ Vampir jedoch, der auf Menschenblut verzichtet. Ein Grund, warum Edwards Vampirfamilie immer wieder in Konflikt mit anderen Vampiren gerät. Und auf einmal findet sich Bella mitten in diesen Konflikten zwischen Vampiren und später auch Werwölfen wieder.

Soweit, so Standard, mag man nun meinen. Hat man vorher so schon gelesen in einer Romanze mit Vampiren, hat man später auch schon gelesen. Allerdings sind die Bücher, wie bereits gesagt, dennoch sehr kontrovers. Ein einfacher Grund dafür ist, dass sie allgemein hin als nicht besonders gut vom handwerklichen her gelten. Der Stil ist simpel, die Handlung mit allerhand unnötigen Details aufgebläht, Konflikte werden oft nicht zufriedenstellend aufgelöst und einige Charaktere sind in ihrer Motivation unklar definiert. Doch das ist für die meisten eher weniger der Kritikgrund.

Als zentrale Kritik wird meistens zweierlei vorgebracht: Wie sehr die Bücher „Weißheit“ lieben und feiern. Und – natürlich – die Misogynie und Romantisierung von toxischen Beziehungen in der Geschichte. Denn, so wird man unter dem Hashtag #Twilight oder nun auch #MidnightSun diverse Male lesen, die Beziehung von Bella und Edward ist alles andere als gesund. Also lasst uns ein wenig genauer über die Kritiken reden.

Liebe und Kontrolle

Wie gesagt: Bella und Edward können einander erst nicht leiden. Dies allerdings nicht aus irgendeinem Charakterkonflikt heraus, sondern weil Edward sich von Anfang an unendlich zu Bella hingezogen fühlt, da ihr Blut so verführerisch für ihn riecht. Da er sich daher distanziert verhält, um nicht in Versuchung zu kommen, findet Bella ihn erst einmal unsympathisch. So oder so kann er ihr aber nicht lange entgehen und nachdem er ihr das Leben rettet – da Bella im Buch von einem beinahe tödlichen Unfall in den nächsten stolpert – kommen sich die beiden näher.

Wir haben damit schon das erste Problem definiert: Es ist nicht ganz klar, inwieweit Edward überhaupt eine Wahl in der Beziehung hat. Immerhin versucht er zuerst Bella zu entgehen, da er sich aus paranormalen Gründen zu ihr hingezogen wird. Sie ist so verführerisch für ihn, wie ein richtig schöner, schmieriger Brownie für mich. Verliebt er sich in sie überhaupt als Person oder eher als einen leckeren Snack?

Das größere Problem, das viele Kritiker*innen jedoch in der Beziehung ist Edwards vereinnahmendes Verhalten von dort an: Er ist schnell eifersüchtig, wenn sie sich mit Freunden (also spezifisch den männlichen solchen) trifft. Er ist besitzergreifend. Er beobachtet sie ohne ihr Einverständnis beim Schlafen. Im Versuch sie vor ihrer eigenen Ungeschicklichkeit und etwaigen paranormalen Gefahren zu schützen, macht er mehrfach (mal mehr, mal weniger erfolgreiche) Anstalten, sie zu kontrollieren, sie in ihrer Freiheit einzuschränken und stalkt sie teilweise bei Ausflügen mit anderen Freund*innen.

Da die Bücher aus Bellas Perspektive geschrieben sind, die ihrerseits ein geringes Selbstbewusstsein hat, werden all diese Dinge jedoch als unkritisch dargestellt. Als er sie stalkt schafft er es nur dadurch, sie vor potentiellen Vergewaltigern zu retten. Eifersucht wird als durchaus nervig, aber letzten Endes als „Beweis“ seiner Liebe wahrgenommen. Seine Befürchtungen werden als durchaus berechtigt wahrgenommen. Und dass er sie im Schlaf beobachtet, findet Bella eigentlich sehr romantisch und süß.

Anders gesagt: Die Beziehung hat einige sehr ungesunde Grundlagen, die jedoch laut Kritiker*innen gar nicht und ehrlich betrachtet sehr wenig hinterfragt werden.

Weiße, markellose Körper

Zu dieser Problematik kommt auch noch eine andere Kritik: Die des Rassismus und spezifisch der Idealisierung von Weißheit, während aber auch nicht-weiße Körper sexualisiert werden.

Dies bezieht sich zum einen auf die Vampire. Die gesamte Familie Cullen – der Zusammenschluss an Vampiren, dem Edward angehört und die sich vor Ort als Familie präsentieren – ist weiß und durch ihre Identität noch einmal extra blass. Wenn wir einige Beschreibungen dieser als makellos schönen Körper betrachten, kommt rasch der Eindruck auf, dass man es mit einer Marmorstatue zu tun hat und zwar in der Museums-Variante und nicht der aus dem alten Rom.

Dies wird von vielen als eine Überidealisierung von weißen Körpern gesehen, spezifisch dadurch eben, dass sämtliche der guten Vampire weiß sind und die Buchreihe mit Ausnahme einer Gruppe wenige BIPoC Figuren hat.

Gleichzeitig wird auch die Darstellung indigener Charaktere kritisiert. Denn neben den Vampiren kommen auch Werwölfe in der Twilight Saga vor und diese sind durchweg angehörige eines Sioux-Klans, die in einer Reservation leben. Da Werwolf Jacob der vornehmliche romantische Rivale von Edward ist, wenn es um Bella geht, wird natürlich auch dieser – gemeinsam mit den anderen Werwolf-Jungs – in aller Ausführlichkeit und sehr, ähem, sexy beschrieben und entsprechend auch im Film dargestellt, wo die Werwölfe scheinbar allergisch auf Shirts jedweder Art zu reagieren scheinen. Dies schlägt natürlich in eine Kerbe der Sexualisierung von indigenen Körpern, die leider zu bekannt ist. Gerade da auf Seite der weißen Vampire die Shirt-Allergie bei weitem nicht so ausgeprägt ist.

Von Fan, zu Hater, zu „Huh?“

Bevor ich mich nun dazu äußere, möchte ich vielleicht fairerweise einmal über meine eigene Beziehung zu dieser Buchreihe sprechen: Ich war im idealen Alter für Twilight und in der idealen Zielgruppe. Ich war ein Teen, als die Bücher herauskamen, und habe zur damaligen Zeit Vampirbücher allgemein verschlungen. Entsprechend begeistert habe ich den ersten Band auch verschlungen. Der zweite Band – der leider sehr aufgebläht ist – war für mich ein wenig enttäuschend. Band 3 habe ich zur Hälfte geliebt, wurde aber auf der anderen Seite auch davon frustriert, dass Actionsequenzen aufgebaut und „versprochen“ wurden, dann aber nicht kamen, weil Bella, die PoV Figur, nicht dabei war.

Gleichzeitig wurde ich aber zu der Zeit auch mit dem Fandom frustriert, weil dieses begann alle Vampir-Buchreihen mit Twilight oder Bis(s) zu vergleichen. Teilweise soweit gehend, dass einige behaupteten, dass diverse Buchreihen, die weit, weit älter als Twilight waren, nur billige Imitate seien. (Zugegebenermaßen: Dass der deutsche Buchmarkt einige ältere Vampirbücher in einer an das Design von Bis(s) angelehnten Neuauflage herausbrachte, half sicher nicht.) Zugegebenermaßen betraf mich das auch selbst, da meine eigene (eher miese) Vampirgeschichte, die ich jedoch vor deutschem Release von Bis(s) angefangen hatte, ständig verglichen wurde, was die Frustration erhöhte.

Auch fand ich mich immer weniger von Romanzen angetan. Was mich dann mehr und mehr in das gegenteilige Camp drängte: Das der Twilight-Hater. Ich habe mir einige hitzige Diskussionen – damals häufig auch unter Gebrauch ableistischer Sprache – mit Twilight-Fans geliefert darüber, wie es sein kann, dass sie nicht erkennen, wie mies die Bücher denn inhaltlich seien. Der Plot mache ja gar keinen Sinn. Der Stil sei super simplistisch. Bella eine Mary Sue. Und überhaupt: Toxische Beziehungen, man! Muss doch jeder sehen!

Mit der Zeit aber weichte sich diese Einstellung auf. Vornehmlich daraus, dass ich den Weltenbau von Twilight bis heute zu schätzen weiß – dazu gleich mehr. Und auch aus einer anderen Erkenntnis: Dem Erkenntnis der eigenen internalisierten Misogynie.

Internalisierte Misogynie

Damit komme ich zu einem Punkt in Bezug auf Twilight, den Lindsay Ellis bereits in ihrem Twilight-Video mehr als ausführlich behandelt hat: Twilight-Hass hat seine Wurzeln nicht selten in internalisierter Misogynie. Twilight wird nicht gehasst, weil der Plot simplistisch und aufgebläht ist, weil Bella ein sehr blasser Hauptcharakter ist, weil die Romanze toxisch oder die Werwölfe sexualisiert sind. Twilight wird gehasst, weil es ein erfolgreiches Franchise von einer Frau für Mädchen und andere Frauen ist, das als solches massiven Erfolg hatte. Twilight wird für die genannten Dinge nicht einfach so massiv kritisiert – sondern eben, weil es eine Reihe ist, die von Teenager-Mädchen gelesen und geliebt wurde und wird.

Dies sah man auch innerhalb der Twilight-Film-Kritik noch einmal in einer Metaebene: Kirsten Steward, Hauptdarstellerin, wurde massiv von den Hatern gehatet. Robert Pattinson wurde derweil als „armes Opfer einer [saneistischer Slur] Autorin“ verstanden.

Nein. Das ist kein Zufall. Es ist auch kein Zufall, dass Twilight, eine Reihe, die sich nun einmal als Zielgruppe auch an Mädchen wandte, diesen Hass abbekam, Harry Potter derweil aber nicht, obwohl Harry Potter seinerseits voller toxischer Beziehungen, toxischer Freundschaften, Rassismen, Sexismen und anderer problematischer Inhalte ist – verpackt in einen simplistischen Stil und unnötig aufgeblähten Plot. Zwar ist es mit der Zeit akzeptierter geworden, dies zumindest anzusprechen, doch HP-Hater*innen, im Stil der Twilight-Hater*innen, gibt es nicht. Und nicht selten sind auch die, die gerne Twilight unter anderem für die toxische Beziehung kritisieren, bereit die toxischen Beziehungen und sexistischen Darstellungen in HP oder Star Wars oder Indiana Jones oder einem beliebigen Superhelden-Franchise zu übersehen oder gar zu verteidigen. Der große Unterschied zwischen dem einen und dem anderen ist vor allem eins: Die Zielgruppe.

Ein Selbstversuch

Letztes Jahr hatte ich den Selbstversuch gewagt und habe mir die Ebooks von Twilight noch einmal zur Gemüte geführt, um zu schauen, wie gut oder schlecht die Bücher denn aus heutiger Perspektive waren. Doppelt so, da ich den letzten Band bis dahin nie gelesen hatte.

Mein Ergebnis: Der Stil mag simplistisch sein, erlaubt es aber gerade deswegen die Bücher in null-komma-nichts durchzulesen. Man kann die Bücher auch übermüdet noch problemlos durchlesen mit wenig Problemen der Handlung zu folgen. Band 1 und 3 las ich innerhalb von jeweils einem Tag, obwohl ich nicht mehr so viel lese und die Bücher nicht so dünn sind. Band 2 und 4 waren aus verschiedenen Gründen etwas komplizierter.

Hier sei eben auch gesagt: Während ich Band 2 beim neuen Lesen deutlich lieber mochte, als in meiner Jugend – da der Band tatsächlich einige interessanten Charakter-Interaktionen beinhaltet – zieht er sich streckenweise wirklich, da Bella hier nach vorläufiger Trennung von Edward erst einmal rumsitzt und  depressiv wird. Die Ironie: Die Depression ist durchaus glaubwürdig geschrieben. Aber genau das macht es schwer den Band zu lesen, gerade wenn man selbst mit Depression kämpft.

Band 4 ist halt dank dem ganzen Schwangerschaftsplot sehr, sehr viel. Ich mochte Jacobs Perspektive. Aber alles in allem zieht sich der Band sehr in die Länge und ist eher dröge zu lesen. Daher habe ich hier am längsten für gebraucht.

Was ich aber alles in allem feststellen musste, war: Ja, der Stil ist simpel, aber das ist nicht schlecht. Ich finde den Weltenbau weiterhin interessant. Die Sache mit der Misogynie ist weitaus komplizierter, als Leute tun. Die Sache mit dem Rassismus ebenfalls.

Twilight und der Weltenbau

Bevor ich nun noch einmal versuche, etwas differenzierter auf die Probleme mit der Misogynie einzugehen, möchte ich kurz darüber sprechen, was die Bücher in meinen Augen relativ gut machen. Denn darüber wird in Sachen Twilight einfach selten gesprochen.

Ja, ich bleibe dabei: Ich werde in einiger Hinsicht Twilight weiterhin als ein positives Beispiel in Sachen Urban Fantasy Weltenbau anführen. Nicht, weil die Welt so fehlerfrei und schlüssig gebaut ist, sondern weil Stephenie Meyer relativ unbelastet an die Geschichte herangegangen ist. Das macht nicht alles in Ordnung, was sie macht, und nicht alles gut, aber die Bücher interessant.

Ja, Meyers Vampire glitzern. Aber wie ich in meinem Blog zu Vampiren schon schrieb: „Na und?“ Vampire haben so viele unterschiedliche Darstellungen im Laufe der Zeit erlebt, dass es ihnen keinen Abbruch tut, zu glitzern. Und auf seltsame Art und Weise folgt es eben einer eigenen Logik: Vampire haben hier Haut wie Diamant. Sowohl in Härte, als auch in Glitzer. Ja, natürlich glitzern Diamanten im realen Leben wegen dem Schliff und nicht der Härte, aber das ist genau so ein Nerd-Argument, wie Supermans-Kräfte und ihre Erklärung auseinander zu nehmen. In der internen Logik der Welt ist es halt so. Dann darf es auch so sein.

Tatsächlich finde ich es angenehm, dass die Vampire durch eigene Eigenschaften und Fähigkeiten definiert werden und die Bücher dahingehend intern sehr konsistent bleiben. Es macht einen interessanten Unterschied zu vielen anderen Vampirbüchern.

Auch die Hintergründe der Werwölfe sind etwas eigenes – auch wenn es mit kultureller Aneignung daher geht. Trotzdem sei gesagt, dass die Bücher sich mehr Mühe mit Hintergründen von Werwölfen und Vampiren machen, als diverse andere. Einzig die Ziele der Volturi, aka der Ober-Vampir-Macker, könnten besser definiert sein.

Wie gesagt: Nicht alles ist perfekt, vieles könnte besser sein, aber als jemand, der so endlos viele Vampir-Romane gelesen hat, wo Werwölfe und Vampire halt denselben Klischees entsprachen und nichts davon intern erklärt war, finde ich die Bücher dahingehend interessant gemacht.

Twilight, Soft Dark Romance und wenig Neues

Damit kommen wir aber zur nicht sehr gesunden Romanze. Und hier sei gesagt: Ja. Natürlich ist die Romanze in Twilight nicht wirklich gesund. Es ist letzten Endes eine sehr, sehr softe Dark Romance, mit Edward als super-soften Bad Boy. Und zu Dark Romances habe ich letztes Jahr schon einen eigenen Beitrag geschrieben.

Was ich da sage, kann ich hier nur wiederholen: Ja, es gibt Methoden Dark Romances zu schreiben, die gesund sind. In Twilight wird dieses nicht gemacht. Gleichzeitig sollten wir alle einmal aufhören Mädchen und Frauen dafür zu shamen, wenn sie Bücher mit solchen ungesunden Romanzen lesen oder Filme darüber schauen. Entgegen der gängigen Vorurteile wissen viele von ihnen, dass so eine Beziehung im echten Leben nicht erfüllend wäre und wollen sich einfach nur in eine Wunsch-Fantasie begeben, wo sie im Mittelpunkt des Lebens eines Mannes stehen, der alles für sie tun würde und bei dem sie sich komplett fallen lassen können, auch wenn er eigentlich gefährlich ist. Das ist okay.

Und anders, als manche Leute es behaupten: Nein, diese Art von Romanze hat Twilight genauso wenig erfunden, wie es Vampirromanzen erfunden hat. Nein, auch nicht für Jugendbücher. Ich habe für meine Recherchen in Sachen Pulp Geschichten aus den 40ern gefunden, die denselben Story-Beats folgen. Auch meine Cousine las in den 80ern Jugendbücher mit Romance, die diese Tropes beinhalteten – nur, dass der Bad Boy hier in einer Biker-Gang war oder Sohn eines Pferdestallbesitzers, der seine Pferde schlug. Anderes Setting halt. Einzig die Mischung von „Dark Romance für Jugendliche“ und „Vampire“ ist etwas, das vor Twilight nicht wirklich bekannt wurde. Es gab es auch vorher, aber eben nicht in dem Ausmaß.

Ganz ehrlich: Ich habe in der Jugend sehr, sehr viel Romance – sowohl im Buch- als auch im Manga-Format konsumiert. Und im Vergleich zu diversen Geschichten, die ich schon vorher kannte, ist Twilight alles in allem recht harmlos. Macht das die Beziehung weniger toxisch? Nein. Aber statt ausgerechnet nun die Fans dieser einen, für Mädchen gemachten Reihe dafür zu shamen, diese trotz (oder kaum denkbar, gerade wegen) der Art der Romanze zu mögen, wäre es sinnvoller allgemein darüber zu sprechen, wie normalisiert die Darstellung von toxischen Beziehungen in den Medien bis heute ist. Sowohl in Medien, die sich an Mädchen und Frauen richten, als auch in Medien mit männlicher Zielgruppe. Denn heteronormative Beziehungen zwischen krankhaft eifersüchtigen und besitzergreifenden Kerlen, die mit den besten Absichten stalken, und unbedarften, von ihnen abhängigen Frauen sind in der Medienlandschaft bis heute allgegenwärtig. Und genau diese Normalisierung ist gefährlich – und zu dieser wird weiter beigetragen, wenn nur einzelne (und vielleicht sogar verhältnismäßig harmlose) Beispiele, spezifisch welche, die sich an eine weibliche Zielgruppe richten, rausgegriffen und zerpflückt werden, während andere unkommentiert stehen dürfen.

Es ist übrigens, ganz nebenbei, tatsächlich nicht so, als würden die Twilight-Romane die Art der Beziehung komplett unkommentiert lassen. Bellas Vater Charlie, der eigentlich als „Stimme der Vernunft“ etabliert ist, merkt dies mehrfach durch alle vier Bücher hindurch an. Nur Bella, in deren Kopf wir sitzen, will davon halt nichts hören.

Die Sache mit dem Rassismus

Zum Thema Rassismus werde ich hier nicht viel sagen, da ich – wie schon oft etabliert – weiß bin und ich einfach nicht in der Position bin, dieses Thema zu erörtern. Wäre es eindeutig, wäre es leicht, doch gerade zwischen diversen indigenen Menschen, denen ich folge, ist die Meinung eben nicht so eindeutig. Während viele zwar die Sexualisierung der indigenen Charakteren, speziell in den Filmen, kritisieren, ist es gleichzeitig so, dass die Filme sich bemüht haben, wirklich indigene Schauspieler (wenngleich nicht gezielt Sioux) zu casten, was von vielen wiederum positiv gewertet wird. Ebenso sehen viele gleichzeitig die kulturelle Aneignung als negativ, dafür es jedoch als positiv, dass es konkret Sioux sind, statt einfach nur „irgendeine indigene Gruppe“, und dass das Leben auf dem Gebiet der Reservation laut diversen Leuten glaubwürdig und vor allem „normal“ dargestellt wird. Sprich: Das Jacob und Co. zwar Sioux, aber eben auch einfach Teenager sind und Jacob Hobbys und Charakter hat.

Kurzum: Es ist ein komplizierteres Thema und es ist definitiv interessant Own Voices dazu zu lesen, die Kritiken zu den Büchern und Filmen geschrieben haben.

Twilight – eine Teenage Power Fantasy

Ich möchte zum Abschluss eine Interpretation von Twilight und der Beliebtheit der Saga wiedergeben, die ursprünglich vom Youtuber Big Joel stammt: Twilight ist eine Power Fantasy für Teenager-Mädchen.

Power-Fantasien als Konzept sind allgemein weit verbreitet. Fast alle Action-Filme sind Power Fantasien. Manche sehr allgemein – sie bieten dem Zuschauer allgemein eine Möglichkeit sich in eine Figur zu denken, die die Macht hat, ihre Probleme zu besiegen. Viele spezifisch auch an Männer gerichtet: Ein Mann kann mit Gewalt alle erledigen, die sich ihm in den Weg stellen, bekommt Anerkennung und noch eine der mehrere sexy Frauen. Cool. Das trifft auf viele Filme und Serien und auch Buchreihen zu und wird allgemein wenig hinterfragt.

Aber man kann auch Twilight als eine Power-Fantasie sehen. Spezifisch wenn man sich eine gern übersehene Eigenschaft von Bella ansieht: Bella ist durchaus proaktiv und hat vor allem eigene Ziele und Wünsche. Ja, diese Ziele und Wünsche beziehen sich beinahe durchgehend auf Bella, doch es gibt allgemein viele Teenager*innen, bei denen sich in ihrer Beziehung die ganze Welt um di*en Partner*in dreht. Was Bella dahingehend zur Power-Fantasie macht, ist, dass ihre Welt ihr immer wieder Recht macht. Sie will eine Beziehung mit Edward, sie bekommt eine Beziehung mit Edward. Sie will dafür ihre Freundschaft zu Jacob nicht aufgeben, sie schafft es ihre Freundschaft mit ihm aufrecht zu erhalten. Sie will als Mensch Sex mit Edward haben, sie überzeugt ihn Sex mit ihr zu haben. Sie will das Kind behalten, sie behält es und es ist nebenbei das perfekte Superwesen. Und genau das ist das Muster: Bella will etwas, sie bekommt es und es ist großartig, egal wie viele Leute dagegen  sind.

Besteht in der Beziehung zwischen Edward und Bella ein massiver Machtunterschied? Ja. Aber dennoch setzt sich Bella und fast allen Punkten immer und immer wieder ihm gegenüber durch und bekommt, was sie will. Und darin liegt eine gewisse Power-Fantasie. Und zwar eine, die, wie Big Joel herausstellt, gerade für eine Zielgruppe, der immer wieder Intelligenz und Reflektionsfähigkeit abgesprochen wird, sicher auf ihre Art verführerisch ist.

Kurzgefasst

Die Twilight Saga ist nicht wirklich gut. Nein. Sie ist durchaus in einigen Punkten auch problematisch. Ja. Aber es gibt auch kaum ein Fandom, dass sich so sehr mit den problematischen Inhalten seiner Geschichte auseinandergesetzt hat, wie das Twilight-Fandom. Die meisten Twilight-Fans, die ich kenne, sind sich der Fehler bewusst, mögen die Bücher aber trotzdem. Manche eben auch weil die Bücher eine Fantasie darstellen, in der eben doch alles gut ausgeht.

Es hat einen Grund, warum trotzdem ausgerechnet Twilight, ein Franchise das vor allem an junge Frauen und Mädchen adressiert ist, immer und immer wieder kritisiert wird. Soweit, dass Fans der Geschichte bis heute dafür geshamet werden, diese zu mögen. Und es tut mir leid, aber: Das ist falsch.

Denn zwar ist Twilight nicht gut, aber bei weitem nicht so schlecht, wie so manch einer tut. Genau so, wie Twilight zwar problematisch ist, sich aber die meisten Fans dessen durchaus bewusst sind – bewusster, so möchte ich sagen, als diverse andere weitaus akzeptiertere Fandoms, die ähnlich problematisch sind. Und genau deswegen fällt es mir schwer, es als feministisch zu werten, wenn sich jemand zum zigsten Mal darüber echauffiert, wie ungesund die Beziehung in Twilight doch sei, nur um letzten Endes damit das Fandom abzuwerten. Es weiß mittlerweile jeder. Vielleicht sollten wir über ungesunde Beziehungen und Frauenbilder in Geschichten reden, wo es nicht so allgemeinhin anerkannt ist, anstatt auf einem vornehmlich weiblichen Fandom rumzuhacken.


Das Beitragsbild stammt wieder einmal von Unsplash.