Review: Carnival Row

Vor nun drei Wochen hat Amazon Prime Staffel 1 ihrer neuen Steampunk-Fantasy Serie „Carnival Row“ online released. Die Serie spielt in einer Welt, die an das viktorianische England angelehnt ist – und handelt von einer Flüchtlingskrise. Ich möchte über die Serie und speziell die Unterdrückungsmetapher sprechen.

Worum geht es?

Der Pakt, eine faschistische Organisation, hat Tir na Nog übernommen und schlachtet dort in Massen Fae ab. Die Soldaten der Bourge haben nach einem Krieg Tir na Nog aufgegeben und die Fae dort ihrem Schicksal überlassen. Viele der Fae versuchen nach Bourge zu fliehen, doch die Menschen in der Stadt werden mehr und mehr misstrauisch gegenüber den Fremden. Das Parlament diskutiert, wie man damit umgehen soll.

Mitten in diesem Chaos: Vignette, eine Pixie, die ebenfalls Tir na Nog geflohen ist. Sie war einst die Wächterin der Fae-Bibliothek in Tir und hat nun für Monate anderen Fae geholfen zu entkommen. Einst liebte sie einen Menschenmann – doch dieser ist bei einer Schlacht in Tir gestorben. Zumindest dachte sie das.

Die Wahrheit ist jedoch, dass Philo mittlerweile als Polizist in Bourge arbeitet und aktuell seltsame Fae Morde in der Carnival Row ermittelt. Carnival Row, das Fae-Ghetto von Bourge.

Steampunk Noir

Carnival Row ist eine wilde Mischung aus Steampunk, Noir und Arcanepunk – jedenfalls von Staffel 1 an. Die Serie hat eine etwas wilde Struktur, die auch als der Hauptkritikpunkt genannt sei. Denn Staffel 1 hat vier parallel laufende Handlungsstränge, von denen zwar zwei zusammenführen und die alle miteinander zu tun haben, doch chaotisch wirkt die Struktur schon.

Neben Vignette, die versucht sich in Bourge zurecht zu finden, und Philo, der im Rahmen der Mordermittlungen mehr über sich selbst lernt, haben wir noch zwei weitere Handlungsstränge: Die Spurnroses. Zwei Geschwister aus reichem Haus, die nach dem Tod des Vaters das Geld verloren haben. Als ein Puck in ihrer sehr wohlhabenden Nachbarschaft einzieht, ist die Schwester – Imogen – erst schockiert, jedoch auch neugierig. Außerdem gibt es noch die Handlung rund um den Kanzler von Bourge, seinem Sohn und seiner Frau, der jedoch viele Spoiler beinhaltet …

Das Problem mit den vielen Handlungssträngen: Sie sind nicht genug miteinander verbunden, als dass sich ein gemeinsamer Spannungsbogen ergeben kann. Dies gilt besonders für den Spurnrose-Plot, der soweit sich absolut nicht mit den anderen beiden Handlungssträngen vermischt. Das sorgt dafür, dass er das eigentliche Finale gefühlt unterbricht.

Ähnlich unterbrechend ist es, dass Folge 3 ein kompletter Rückblick ist, der nicht natürlich mit dem Rest der Handlung verbunden ist. Besonders, da der Rückblick sehr ausschweifend ist.

Charaktere

Die Serie kann soweit allerdings für mich gut mit den Charakteren punkten. Sämtliche Charaktere haben nachvollziehbare Motivation und sind weit genug in Grauer Moral, als dass es schwer fällt irgendwen wirklich zu hassen – obwohl einige Figuren schon verdammte rassistische Arschlöcher sind. Aber zu dem Thema kommen wir gleich.

Schön in der Hinsicht war, dass jeder Charakter in seiner Entwicklung irgendeinen „Twist“ hatte. Nicht im Sinne, dass zwangsweise irgendetwas verborgen wurde, sondern auch im Sinne, dass sie sich auf eine Art entwickeln, die man nicht kommen sieht – die jedoch angesicht der Handlung absolut Sinn ergibt. Das war einer der interessantesten Aspekte der Show soweit.

Ironischerweise waren es dafür die Twists über Charaktere, die verborgene Elemente hervorbrachten, die wenig überraschen konnten. Denn persönlich fiel es mir leicht, den groben Verlauf der Show nach etwa der Hälfte der Folgen vorher zu sehen. Dies lag daran, dass halt eine Motivation sehr, sehr offensichtlich war. Denn was den Gegner motiviert ist relativ früh klar.

Unterdrückungsmetapher mal richtig

Was eigentlich jedoch der Grund ist, warum ich über Carnival Row reden will: Die Unterdrückungsmetapher, die einmal richtig funktioniert. Ich muss hier wirklich die Autoren Loben, die das Thema gut verstanden haben. Denn während die Fae hier einige Fertigkeiten haben, so ist es nicht so, dass sie eine Gefahr größer als ein anderer Mensch darstellen – besonders, da die Pixie ihre Flugfertigkeit durch einen sehr zerbrechlichen Körper ausgleichen. Entsprechend wirkt der Rassismus gegen die Fae sehr glaubwürdig.

Dies zeigt sich speziell in einigen Aspekten, wie der Polizeigewalt gegen die Pixie und dass Ausreden gesucht werden, diese „Auszuweisen“ – im Sinne des Zurücksendens ins Kriegsgebiet Tir na Nog. Auch die dazugehörigen Debatten im Parlament erinnern zu sehr an die Realität, die wir ständig verfolgen dürfen.

Ebenso haben wir andere Kolonialaspekte, wie der Versuch die Tir-Kultur anzueignen, während die Fae selbst dafür verachtet werden, diese auszuüben oder man es gar versucht, ihnen zu verbieten. Gerade der Plotpunkt des Museums, das Raubgut aus Tir na Nog ausstellt, ist leider nur zu realistisch. Auch die Reaktionen auf einen reichen Fae oder wie die „linken“ Menschen oftmals mit ihrem Wohlwollen doch herablassend wirken.

Weltenbau

Auch ansonsten muss ich den Weltenbau in der Serie loben. Vor allem da hier die Show auch mit einigem „Show, don‘t tell“ bestechen kann. Während es ab und zu dennoch Expositionsorgien gibt – besonders da, wo die Themen für den Handlungsverlauf wichtig sind – so wird erstaunlich viel nur visuell vermittelt. So lernen wir visuell erstaunlich viel über Brauchtümer der Fae, sowohl in Tir na Nog, als auch in der Carnival Row.

Ebenso wird in der Burgue sehr viel vermittelt, ohne dass darüber geredet werden muss. Was den Weltenbau angenehmer und weniger aufdringlich wirken lässt. Er nimmt wenig Handlung weg. Vielleicht auch ein Glück, da lange Expositionen dem ohnehin wackeligen Pacing doch geschadet hätten. Dankbarerweise wurde darauf verzichtet und weit mehr mit anderen Mitteln erreicht.

Allein für den Weltenbau würde sich ein Schauen der Serie schon lohnen.

Fazit

Carinval Row ist soweit eine ziemlich gute Serie, selbst wenn sie ein paar Pacing-Probleme hat. Die Show macht soweit Spaß, hat diverse interessante Charaktere und ein ausgezeichnet geschriebenes Setting. Es bleibt zu hoffen, dass die Show es schafft, diese Aspekte in Staffel 2 weiterhin aufrecht zu erhalten und die Handlung eventuell ein wenig zu streamlinen.

Besonders empfehle ich die Show allerdings dafür, wie sie ihre Unterdrückungsmetapher aufbaut, da sie hier beweist, das Thema weitaus besser verstanden zu haben, als viele ähnliche Narrativen. Ich würde mir wirklich wünschen diese Thematik anderswo ähnlich nuanciert aufgearbeitet zu sehen.

Die Serie ist aktuell im Rahmen einer Amazon Prime Mitgliedschaft kostenlos zu schauen. In dem Sinne: Verneigt euch vor eurem Corporate Overlord.

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Das Beitragsbild stammt von Unsplash