Magiebau 101: Der Aufbau eines Magiesystems

Letzten Monat haben wir hier die Konzepte von harter und weicher Magie besprochen. Doch das ist nur eine Grundlage, die zu verstehen sinnvoll ist. Heute werden wir uns dafür mit der Konzeptionierung eines Magiesystems.

Einführung

Wenn wir über Weltenbau in Bezug auf Magie sprechen, so ist das Aufbauen des Magiesystems (oder auch der Magiesysteme, denn dieselbe Welt kann mehrere Magiesysteme haben) wahrscheinlich das Herzstück. Hier werden die Regeln für das Magiesystem/die Magiesysteme festgehalten, die letzten Endes einen großen Einfluss auf die Handlung der Geschichte haben werden.

Hierbei sollte in Ergänzung zum letzten Monat noch einmal deutlich festgehalten werden: Ein Magiesystem kann in der Geschichte weich sein und dennoch auf Seite der*s Autor*in genau definiert sein. „Weiche Magie“ bedeutet nicht, dass die Magie keine klaren Regeln hat, sondern nur, dass die Leser*innen diese nicht zwangsläufig verstehen, weil ihnen die Informationen einfach nicht gegeben werden.

Prinzipiell lohnt es sich auf jeden Fall Regeln für das Magiesystem festzuhalten, da man so auch als Autor*in nicht in die Versuchung kommt ein Deus Ex Machina aus der Magie werden zu lassen, das im Notfall alle Probleme lösen kann. Dieser Artikel soll euch die Werkzeuge an die Hand geben, damit ihr diese Regeln festlegen könnt.

Welches Gefühl soll vermittelt werden?

Bevor wir allerdings mit den eigentlichen Regeln anfangen, sollten wir uns mit einer viel grundlegenderen Frage beschäftigen: Welches Gefühl soll die Geschichte in Bezug auf Magie eigentlich vermitteln? Soll die Magie mysteriös sein? Soll sie Teil einer Powerfantasy sein? Soll sie vielleicht eher das Gefühl kindlicher Verwunderung hervorrufen? Oder soll sie als weniger besonders daher kommen, wie etwas alltägliches in der Welt? Oder soll sie vielleicht sogar wie eine Wissenschaft wirken?

Wer den Beitrag letzten Monat gelesen hat, wird schon merken, dass diese Fragen die Magie ein wenig auf dem Spektrum zwischen hart und weich einordnen. Denn ja, es ist hilfreich vorher zu wissen, wie die Magie in der Geschichte wirken soll und welches Gefühl die Geschichte allgemein vermitteln soll.

Wie schon gesagt: Ein Magiesystem kann soft sein, auch wenn ihr es ausgearbeitet habt. Denn auch wenn ihr die Regeln im Detail kennt, kann die Magie innerhalb der Geschichte eine mysteriöse, kaum erforschte Macht sein, die scheinbar wenig Sinn ergibt. Wichtig ist eben das Gefühl und dass das Gefühl innerhalb der Geschichte konsistent ist.

Wie (oft) soll Magie eingesetzt werden?

Ebenfalls eine Frage, die mit zum Gefühl der Geschichte und der Magie innerhalb der Geschichte gehört, ist die Frage danach, wie die Magie eingesetzt werden soll und wie oft dies geschehen soll. Sprich: Ist Magie etwas, das nur in seltenen Fällen vorkommt und dann immer eine große Sache ist oder wird sie zumindest von einigen Charakteren als etwas Alltägliches angesehen, das einfach auf Abruf verfügbar ist?

Genau so ist auch die Frage, was dazu gehört, Magie einzusetzen. Ist Magie intuitiv und wird einfach von Gedanken gesteuert? Braucht es Zaubersprüche und den Schwung eines Zauberstabs? Oder ist Magie immer etwas Aufwändigeres, das mit großen Ritualen verbunden ist, die gegebenenfalls auch noch Vorbereitung bedürfen?

Auch diese Fragen haben sehr viel mit der Grundlage einer fantastischen Geschichte zu tun. Denn Magie, die in der gesamten Geschichte nur zwei oder drei Mal vorkommt, wird für die Leser*innen ein ganz anderes Gefühl mit sich bringen, als Magie, die in fast jedem Kapitel vorkommt. Auch die Art, wie Magie eingesetzt wird, hat viel mit dem Gefühl zu tun, was sie transportiert. Intuitive Magie wirkt wesentlich eher wie eine Naturgewalt, als eine Magie, die großer, aufwendiger Rituale bedarf.

Gibt es unterschiedliche Magiesysteme?

Eine große Frage, die sich jede*r Autor*in stellen sollte, ist, ob es ein Magiesystem gibt oder mehrere. Sprich: Folgt alle Magie einem Set von Regeln oder gibt es dahingehend unterschiedliche Regeln, die abhängig davon sind, wie man Magie einsetzt?

Solche unterschiedlichen Magiesysteme können durch verschiedene Sachen bestimmt werden. Vielleicht dadurch, wie man sie einsetzt, vielleicht auch durch andere Sachen. Eventuell haben verschiedene Spezies oder verschiedene Kulturen unterschiedliche Magiesysteme entdeckt – oder es gibt auch ein Magiesystem, das gut verstanden ist, und eins, bei dem dieses Verständnis nicht so gegeben ist.

Natürlich ist es auch möglich, dass innerhalb der Welt das Verständnis vertreten ist, dass es unterschiedliche Magiesysteme gibt, in Realität aber alle Magiesysteme mit demselben Prinzip funktionieren. Erneut sollte bedacht werden: Euer Wissen als Autor*in entspricht nicht zwangsläufig dem Wissen der Figuren über die Magie und wird meistens auch tiefergehend sein, als das Wissen der Leser*innen.

Sollte es aber tatsächlich verschiedene Magiesysteme geben, so müssen natürlich die kommenden grundlegenden Fragen für jedes einzeln beantwortet werden.

Wer kann Magie lernen/anwenden?

Die große Preisfrage bei jeder fantastischen Geschichte ist letzten Endes: Wer kann die Magie einzusetzen lernen, bzw. wer hat allgemein die Möglichkeit Magie anzuwenden?

Die wohl häufigste Antwort auf diese Frage ist: Einige wenige. Meistens ist es eine Begabung, die irgendwie vererbt wird oder jedenfalls von Geburt an gegeben ist. Egal, ob wir von Harry Potter, Star Wars oder diversen anderen fantastischen Welten sprechen: Magie ist meistens nur einigen wenigen vorbehalten, was diese einige wenige zu etwas besonderem macht.

Es sollte allerdings auch bedacht werden, dass diese Herangehensweise deutlich biologistische Untertöne hat. Denn effektiv sagt es: Es gibt Menschen (oder allgemeiner: Wesen), die mit einer Eigenschaft geboren werden, die biologisch bestimmt, ob sie eine bestimmte Sache können oder halt eben nicht.

Es wäre ebenso möglich, dass prinzipiell jeder Magie lernen kann, dies aber eine geheime Kunst ist oder aus irgendwelchen anderen Gründen es so beschränkt ist, dass es nicht jeder lernen kann. Sprich: Die einigen wenigen Magier*innen können durch andere Sachen bestimmt werden, als durch ihre Biologie.

Woher kommt die Energie?

Wenn wir Magie aus einer physikalischen Perspektive betrachten, dann sollte der Energieerhaltungssatz gelten. Dieser besagt, dass das Universum ein abgeschlossenes System ist, in dem keine neue Energie entstehen, sondern Energie immer nur von einer Form in eine andere Forum umgewandelt werden kann.

Natürlich kann man durchaus als Autor*in drangehen und sagen: „It’s magic, not science, bitch!“, mit den Schultern zucken und sich darüber keine genauen Gedanken machen. Damit hat man dann ein vom Prinzip her sehr weiches Magiesystem, was natürlich durchaus auch valide ist.

Persönlich finde ich es allerdings interessanter, sich Gedanken darüber zu machen, woher denn die Energie kommt, die magische Effekte entstehen lässt. (Erneut: Nur weil ihr es wisst, heißt es nicht, dass die Figuren es zwangsweise wissen.) Nicht zuletzt, weil dies interessante Limitierungen erschaffen kann.

Eine Möglichkeit wäre natürlich, das magische Energie aus der*m Anwender*in selbst kommt und es demnach auch negative Folgen für di*en Anwender*in haben kann, Magie einzusetzen. Genau kann es aber auch sein, dass die magische Energie aus der Umwelt kommt, gegebenenfalls auch negative Effekte für die Umwelt hat. Oder aber auch, dass die Magie aus einer anderen Welt/einer anderen Dimension kommt. Es lassen sich auf diese Frage interessante Antworten geben.

Welche Dinge funktionieren?

Kommen wir nun zu der Frage, die sich viele als erstes stellen, die ich aber bewusst als vorletzte Frage gesetzt habe: Was kann Magie? Sprich: Was für Effekte kann jemand, der Magie einsetzt, damit erzielen?

Auf diese Frage haben wahrscheinlich die meisten Menschen, die ein Magiesystem bauen, direkt ein paar Antworten im Kopf. Vielleicht soll eure Magie Feuerbälle hervorbringen können. Vielleicht soll sie fähig sein, in die Zukunft zu sehen. Vielleicht soll es möglich sein, andere Menschen mithilfe von Magie zu kontrollieren oder ihre Gedanken zu lesen. Vielleicht soll es auch möglich sein, zu heilen. Die Möglichkeiten sind mit Magie natürlich schier endlos.

Allerdings lohnt es sich auch, anhand der Sachen, die ihr auf jeden Fall haben wollt, andere Regeln abzuleiten. Nehmen wir das Beispiel mit den Feuerbällen: Ein Feuerball ist üblicherweise genau das, wonach es klingt. Ein Ball aus Feuer. Feuer ist erhitztes, daher brennendes Gas. Das heißt logischerweise auch, dass Magie einfach Gase erhitzen können sollte. Außerdem existiert so ein Feuerball üblicherweise, ohne die Atmosphäre abzufackeln. Das heißt, Magie kann auch Feuer und seinen Radius kontrollieren. Sprich: Daraus lassen sich weitere Möglichkeiten für die Magie mit ableiten.

Welche Dinge sollen nicht funktionieren?

Das eine Gesetz der Magie nach Sanderson, dem ich praktisch uneingeschränkt zustimme, ist: „Einschränkungen sind interessanter als Kräfte.“ Sprich: Zu definieren, was ein Charakter oder in diesem Fall eine Form von Magie nicht kann, ist interessanter als das zu definieren, was sie kann. Dazu gehören mehrere Anteile.

Gehen wir wieder zum Beispiel des Feuerballs: Vielleicht kann dieser nur kontrolliert werden, solange er eine bestimmte Entfernung zur Hexe hat. Vielleicht kann er aber auch nur beschworen werden, wenn man das Material hat, das man normal verbrennen würde, um ein Feuer der Größe und der Hitze zu erschaffen, die man gerne hätte. Vielleicht ist aber auch so ein Feuerball gar nicht möglich, weil Magie eben keine Naturgesetze brechen kann und eins dieser Naturgesetze wäre, dass Feuer etwas braucht, wovon es sich nähert.

Natürlich hängt auch mit der Energie eine Vielzahl von Einschränkungen zusammen. Wenn die Magie beispielsweise aus der*m Magieschaffenden selbst kommt, dann ist diese*r darin eingeschränkt, wie viele Zauber si*er schaffen kann, ohne dass es negative Konsequenzen für die eigene Gesundheit hat.

Und natürlich kann es in der Magie auch harte Limits geben. Dinge, die wirklich nicht funktionieren. Ein Klassiker darunter ist, dass es in vielen Systemen nicht möglich ist, Tote wieder zu beleben. Aber natürlich kann es eben auch viel kleiner gehen. Vielleicht sind Heilungen nur eingeschränkt möglich. Vielleicht kann man keine Elemente erschaffen, sondern nur kontrollieren. Möglichkeiten gibt es viele.

Fazit

Beim Schaffen eines Magiesystems gibt es ein paar Fragen, die man sich stellen sollte. Einige davon sind auf die Art der Geschichte bezogen, die man schreiben will, andere darauf, wie das Magiesystem nun eigentlich funktioniert. Beides sind Aspekte, über die man sich sicher sein sollte, ehe man anfängt zu schreiben.

Es sollte dabei angemerkt sein, dass der Wissensstand der*s Autor*in nicht dem Wissensstand der Figuren und genau so wenig dem Wissensstand der Leser*innen entspricht. Das heißt: Es kann durchaus sein, dass man viele Regeln schafft, diese aber (absichtlich) gar nicht an die Leserschaft vermittelt, weil man ein mystisches Magiesystem haben möchte.

Besonders wichtig ist es aber – egal ob man das System für die Leser*innen weich oder hart aufbaut – das man sich auch über die Möglichkeiten und Limitationen der Magie Gedanken macht. Denn tatsächlich sind es häufig die Limits, die Magie interessanter machen und es erlauben, diese besonders kreativ einzusetzen.


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