Gute Empfehlungen dringend gesucht

Ich möchte mit euch über das Empfehlen von Medien sprechen. Das hier wird ein kurzer Eintrag, aber es ist etwas, worüber ich einfach sprechen möchte, da es mir immer wieder auffällt: Wenn jemand um Empfehlungen bittet, ignoriert nicht Spezifizierungen. Wenn jemand um Empfehlungen bittet, geht davon aus, dass si*er die großen Titel wahrscheinlich schon kennt.

r/Fantasy – eine Fallstudie

Krista Ball auf r/Fantasy analysiert jedes Jahr die „Empfehlungen“, die in Threads ausgesprochen werden, in denen nach solchen gefragt wird. Das Ergebnis: Vollkommen unabhängig, wonach die Person sucht, werden immer wieder dieselben Bücher empfohlen. Das heißt vor allem: Ein Lied von Feuer und Eis, irgendetwas von Sanderson, Königsmörder-Chroniken und noch ein paar Klassiker. Aka: Die Bücher, die sowieso in jeder Buchhandlung einen großen Teil des „Fantasy“-Regals ausmachen. Bei Urban Fantasy werden meist „Die Flüsse von London“ und die von mir so verhassten „Dresden Files“ empfohlen. (Das alle dieser Bücher von Männern geschrieben wurden, ist laut vielen reiner Zufall. Dazu hatte ich schon geschrieben.)

Lustig wird es, wenn Leute Spezifizierungen nennen, was sie suchen. Vielleicht ist es ein Post von: „Ich versuche schon länger in Fantasy reinzukommen, aber irgendwie schaffen die großen Reihen, die mein Buchhändler kennt es nicht. Empfehlt mir etwas!“ Schwups. Schon werden die Reihen, die der Buchhändler wahrscheinlich genannt hat, wiederholt.

Als ich fragte: „Ich suche nach feministischer, diverser Urban Fantasy“ wurde mir übrigens auch als eine der ersten Serien die Dresden Files genannt – die undiskutabel nicht-feministisch und definitiv nicht divers sind.

Anders gesagt: Viele Leute empfehlen hat das, was sie selbst gelesen haben – häufig auch bei selbsternannten „Fantasy-Nerds“ eben die bekannten Serien. Serien, die viele Leute wahrscheinlich schon kennen.

Die „großen Franchises“ sind selten die Antwort

Und was bei r/Fantasy sich mit Fantasy-Büchern abspielt, kann man beinahe überall anders auch sehen. Fragt man nach Anime-Empfehlungen – egal wie spezifiziert – wird man mit One Piece, Fairy Tail und anderen der großen Shonen-Serien überfallen. Fragt man nach Film-Empfehlungen – egal wie spezifiziert – werden wahrscheinlich die großen Action-Blockbuster aufgezählt und vielleicht noch ein paar Filme von bekannten selbsternannten Auteurs, wie Tarantino, Coppola oder Kubrick. Fragt man nach Gaming-Empfehlungen – egal wie spezifiziert – kann man drum wetten, tausendfach Witcher 3 empfohlen zu bekommen.

Die Sache ist: Diese Titel machen als Empfehlungen jedenfalls bei so öffentlichen Suchen selten Sinn. Warum? Nun, wenn jemand ein Interesse an dem etwaigen Thema hat, dann könnt ihr meistens davon ausgehen, dass diese allseits bekannten Sachen auch der fragenden Person bereits bekannt sind. Wahrscheinlich hat sie sich diese Titel bereits angeschaut – oder hat, wenn nicht, einen guten Grund dies nicht getan zu haben.

Um auf das eine Beispiel von r/Fantasy zurückzukommen: Dort gab es häufig Posts die etwa so aussahen. „Ich mag Fantasy als Konzept sehr gerne. Aber die Mainstream-Serien sprechen mich einfach nicht so an. Helft mir Fantasy für mich zu finden.“ Da. Da ist es. Die „Mainstream“ sprechen sie*ihn nicht so an. Warum werden dennoch immer wieder diese in den Empfehlungen genannt? Diese hat die fragende Person sehr wahrscheinlich schon ausprobiert!

Es ist eine andere Sache, wenn euch ein*e Freund*in persönlich fragt: „Was würdest du mir empfehlen?“ Dann will die Person wissen, was ihr persönlich dazu zu sagen habt. Wahrscheinlich weil sie eurem Geschmack vertraut. Doch bei solchen öffentlichen Anfragen? Geht davon aus, dass ihr niemanden, der Interesse an Anime hat, von One Piece erzählen müsst und niemand, der Interesse an Videospielen verkündet, auf Witcher 3 aufmerksam gemacht werden muss.

Achtet auf Spezifikationen

Daher auch die zweite Bitte: Achtet auf Spezifikationen. Denn nicht selten sagen Leute in ihren Postings (teilweise auf Twitter in den Tweets drunter, die ihr euch vielleicht anschauen solltet, auf Reddit oft im Post-Text), was sie genau suchen. Das kann alles mögliche sein. Ein weiteres Beispiel, von r/Fantasy, das sich immer wieder wiederholt sind: „Ich suche ein einsteigerfreundliches Fantasy-Buch von überschaubarer Länge. Bitte keine langen Reihen.“ Schwups werden die ersten Reihen mit 5+ Büchern à jeweils 600-800 Seiten vorgeschlagen.

Oder eben auch Sachen, wie ich es genannt habe: „Ich suche Fantasy mit diversem Cast.“ Schwups werden Geschichten über eine Horde nicht sehr „diverser“ weißer cishetero ablebodied Männer vorgeschlagen, bei denen vielleicht die ein oder andere Frau mal mitspielen darf. Das ist definitiv nicht, wonach ich gesucht habe.

Die Sache ist: Ihr tut weder dem empfohlenen Titel, noch der fragenden Person einen gefallen. Letztere ist eventuell einfach nur genervt, wenn sie vorm Kauf recherchiert und feststellt, dass keine Empfehlung sie anspricht. Schlimmstenfalls aber kauft sie das Buch/das Spiel/den Film auf die Empfehlung hin, nur um dann festzustellen, dass es absolut nicht das ist, was sie wollte und durch die Enttäuschung einen schlechteren Eindruck vom Titel zu haben, als es anders der Fall gewesen wäre.

Achtet auch auf Referenzen

Ebenfalls eine Sache, die ihr vielleicht nicht ganz ungeachtet lassen solltet, wenn ihr so einen Post findet, sind referenzierte Serien der Person. Denn nicht selten gibt es auch ein: „Ich suche X, der Art und des Genre Y, mein bisher liebstes war Z.“ Erstens einmal helft ihr nicht, indem ihr Z empfehlt, duh. Das kennt und liebt die Person ja bereits. Zweitens aber helft ihr auch nicht, indem ihr das absolute Gegenteil von Z empfehlt, sofern nicht ausdrücklich darum gebeten wurde.

Tatsächlich nennen öfter Leute auch Titel, die sie selbst sehr oder überhaupt nicht mochten. Meist in einem Versuch Leuten eine Übersicht über den eigenen Geschmack zu geben, damit bessere Empfehlungen getroffen werden können. Deswegen hilft es enorm, wenn ihr auch darauf achtet und versucht eben zu verstehen, was der Geschmack ist – wenn ihr die fraglichen Titel kennt, heißt das.

Vielleicht kennt ihr etwas, das vom Stil her ähnlich ist oder ein ähnliches Feeling aufkommen lässt, jedenfalls bei euch. Ja, das muss nicht heißen, dass es bei der suchenden Person auch so ist, aber ist als Empfehlung sinnvoller, als wenn ihr so etwas gänzlich ignoriert. Und wenn ihr die Sachen nicht kennt: Schaut vielleicht mal nach, worum es sich dabei handelt. Einfach um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, was gesucht wird.

Warum dieser Eintrag?

Als Erklärung warum dieser Eintrag gerade jetzt kommt: Dank Corona und der Isolation suchen aktuell viele Leute – inklusive mir – Empfehlungen. Deswegen habe ich gerade wieder die Erfahrung am eigenen Leib gemacht und häufig auch bei anderen gesehen. Ich verstehe absolut, dass es häufig aus der Liebe für die etwaigen Geschichten passiert, kann euch aber eins garantieren: Es kann frustrierend sein, wenn man etwas sucht. Als ich nach Slice of Life Anime gesucht habe, fand ich nichts frustrierender, als die Leute, die mir One Piece, Fairy Tail und Boku no Hero Academia vorgeschlagen haben. Weil ja, ich kenne diese Serien (wer nicht?), aber ich mag sie nicht und wenn ich nach Action-Shonen suchen würde, würde ich danach fragen und nicht nach ruhigen Slice of Life Serien.

Die Sache ist vor allem auch: Gerade die großen Serien brauchen diese Empfehlungen nicht wirklich. Wer diese potentiell ansprechend finden würde, braucht keine Hilfe darauf zu kommen, denn beinahe immer sind genau sie es, die als erstes geschaut/gelesen/gespielt werden. Sie sind Selbstläufer, die die Mund zu Mund Propaganda nicht wirklich brauchen.

Dagegen könntet ihr vielleicht so mancher*m Autor*in einen riesigen Gefallen tun, wenn ihr Indie-Titel oder Titel, die zumindest allgemein kein so großes Following haben, empfehlt. Hier sind die Chancen deutlich größer, dass di*er Suchende sie nicht kennt und ohne euch nicht finden würde.

tl;dr: Gute Empfehlungen

Kurz gefasst: Wenn jemand online nicht explizit nach euren Favoriten fragt, sondern sagt: „Ich suche X, mochte bisher Y, aber nicht Z“, dann möchte si*er nicht eure persönlichen Favoriten des Genre X wissen. Jedenfalls nicht, solange diese nicht Y ähnlich sind und schon gar nicht, wenn sie Z sehr ähnlich sind. Also nennt nicht einfach unreflektiert eure eigenen Favoriten, sondern konzentriert euch auf die Referenzen, die angegeben wurden. Alles andere sorgt schnell für Frustration auf Seite der*s Suchenden.

Wenn die fragende Person bestimmte inhaltliche Vorzüge angegeben hat, überlegt ob ihr etwas kennt, was diesen Vorzügen wirklich entspricht. Geht dabei davon aus, dass jemand, der diese Vorzüge nennt, auch etwas möchte, wo diese Themen eine zentrale Rolle spielen. Wenn jemand nach einem Buch mit queeren Inhalten sucht, will diese Person wahrscheinlich nichts, wo alle hetero sind bis auf den einen nominell bisexuellen Nebencharakter.

Zuletzt ist es nicht hilfreich, wenn zehn verschiedene Leute eine sowieso schon sehr bekannte Serie empfehlen, die man als suchende Person wahrscheinlich schon mit einer Google Suche á la „Good XY“ gefunden hat. Klar, wenn so etwas wirklich wie Faust aufs Auge bei einer sehr spezifischen Nachfrage passt, lohnt es sich, es noch einmal zu betonen. Wer aber „High Fantasy“ sucht, wird sehr wahrscheinlich Herr der Ringe schon kennen.


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