Das Ende der Magie

Das Zeitalter der Magie ist vorbei. Sie verschwindet langsam aus der Welt. Die Elben fahren über das Meer in den Westen. Die Zeit der Menschen hat begonnen. So lesen wir es in Herr der Ringe, aber ähnlich auch in vielen anderen Geschichten. Magie endet oder vielleicht ist sie schon geendet. Heute möchte ich mit euch über diesen Trope sprechen.

Das natürliche Ende

Es gibt diesen Trope in vier verschiedenen Ausführungen. Die erste ist das, was wir in Herr der Ringe sehen: Durch mehr oder weniger natürliche Umstände hat die Magie in der Welt abgenommen. Sie ist einfach nicht mehr so allgegenwertig wie früher. Eine der wenigen Sachen, die noch magisch sind, sind die Ringe – doch nachdem der eine Ring zerstört wird, verlieren auch die anderen ihre Macht.

Dabei ist die Darstellung in Herr der Ringe durchaus tragisch. Besonders, da das Schwinden der Magie auch mit dem Gehen der Elben einher geht. Dennoch ist das Ende von Herr der Ringe vielleicht bittersüß, aber nicht wirklich traurig, denn letzten Endes ist die Darstellung, dass damit ein neues Zeitalter anbricht. Das Zeitalter der Menschen. Deswegen ist mit diesem Ende zwar ein Verlust, aber auch die Aussicht auf positive Entwicklungen in der Zukunft verbunden.

Zentral hierbei ist aber vor allem, dass es eine natürliche Entwicklung war. Ja, es gab auch äußere Einflüsse, doch diese haben das Unausweichliche letzten Endes nur beschleunigt, nicht herbeigeführt.

Das zyklische Ende

Die zweite Variation des Tropes ist letzten Endes auch ein natürliches Ende – zugegebenermaßen eins, dass wir häufig erst in der Nachwirkung sehen. Das ist die Variation, in der Magie zyklisch erwacht und wieder einschläft. Sprich: Es gibt Zeitalter der Magie und es gibt Zeitalter der Magielosigkeit.

Es ist allerdings meistens so, dass wir diesen Trope beinahe ausschließlich aus der Perspektive der Magiezeitalter betrachten. Shadowrun oder auch die Rivers of London Reihe spielen in Welten, in denen die Magie ab und zunimmt, aber beide in Phasen in denen die Magie stärker, nicht schwächer wird. Dadurch sind die magisch schwachen Zeitalter letzten Endes mehr eine Theorie, als etwas, das im Rahmen der Geschichte konkret erlebt wird.

Eine der wenigen Geschichten, in denen tatsächlich ein Magiezeitalter bereits zu Ende ist, sind die Chroniken von Shannara, in denen dieses Zeitalter tatsächlich endet.

Die Ausrottung der Magie

Die prominenteste Variation dieses Tropes ist jedoch keine, in der Magie natürlich verschwindet. Am häufigsten kommt ein „Ende der Magie“ vor, wenn die Magie ausgerottet oder zumindest verdrängt wurde.

Wurde die Magie nur verdrängt, so spielt die Geschichte mit der Idee, dass Technologie und Magie nicht parallel zueinander existieren können oder dies keinen Sinn ergibt. Entweder verdrängt die pure Existenz der Technologie Magie oder die Magie wird, wie bspw. in Pixars Onward, durch die technologischen Entwicklungen vergessen.

Eine jedoch noch häufigere Art und Weise, explizit diesen Trope zu nutzen, ist eine absichtliche Ausrottung der Magie. Sprich: Die vorherrschende Spezies – meistens Menschen – hat Jagd auf Magier und magische Wesen gemacht und diese förmlich ausgerottet. Diese Variation erfreut sich besonderer Beliebtheit, da sie praktisch automatisch mit einem Konflikt daher kommt.

Dies muss nicht zwangsläufig mit der Absicht passieren, Magie zu Enden. Es gibt auch die Darstellung, wie in Fluch der Karibik, dass es praktisch in der menschlichen Natur – oder der Natur von Imperien – liegt, Dinge zu töten, die sie nicht verstehen oder nicht beherrschen können.

Das Aufgeben der Menschheit

Die letzte Variante ist ebenfalls eine, die in den wenigsten Geschichten aktiv erlebt wird. Stattdessen ist sie eine Art, Geschichten zu beenden – oder der Konflikt dreht sich darum, es rückgängig zu machen.

In dieser Art von Geschichte, entstammt Magie entweder Gött*innen oder ist an die wenigen Leute gebunden, die sie benutzen können – also Beispielsweise Magier*innen. Und entweder durch etwas, das im Verlauf der Geschichte passiert, oder etwas, das in der Vergangenheit passiert ist, schließen sich diese Wesen, die Menschen zu verlassen. Und mit ihnen verschwindet die Magie.

Dies kann in Kombination mit dem „Ausrottung“-Trope passieren, jedoch auch unabhängig davon. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Menschen hassen nicht Magie, sie nutzen sie aus und/oder sind von ihr Abhängig.

Dies kann etwas sein, auf dem eine Geschichte endet. Aber gerade in Fällen, in denen die Magie von Gött*innen ausgeht, ist es auch möglich, dass es das Ziel der Held*innen ist, diese wieder zu erwecken.

Die Philosophie der Magie

Diese Variationen etabliert, lohnt es sich nun anzuschauen, was sie zum einen über Magie und zum anderen über Menschen sagen – denn mit nur wenigen Ausnahmen bleiben nach dem Ende der Magie die Menschen übrig.

Bei fast allen Darstellungen mit dem „Ende der Magie“ ist die Magie etwas Natürliches und nicht selten dabei auch etwas Wildes. Ja, es mag einigen Fällen Wege geben, sie zu beherrschen und zu lenken, aber diese Wege stehen selten allen offen. In den Fällen, wo die Magie überhaupt nicht gelenkt werden kann, sind Menschen ihr oft einfach ausgeliefert. Sie ist etwas, dass nicht der menschlichen Kontrolle unterliegt.

So unterliegt es beim natürlichen Schwinden der Magie nicht der menschlichen Kontrolle dieses aufzuhalten. Aber in Fällen, wo die Magie ausgerottet wird, ist gerade diese Unbeherrschbarkeit auch der Grund, warum man sie ausrotten will.

In vielen Fälle wird die Magie dabei der Natur selbst gleichgesetzt und das Schwinden der Magie mit Umweltzerstörung. Deswegen sieht man es so häufig, dass Magie und Technologie sich gegenläufig zueinander verhalten. Selbst in Fällen natürlicher Zyklen.

Die Philosophie der Menschen

Der andere interessante Aspekt ist jedoch auch, was dieser Trope über Menschen und die Menschheit aussagt. Denn wie schon gesagt: Es sind Menschen ohne Magie, die in den allermeisten Fällen bleiben.

Was aus der Darstellung von „Magie als Teil der Natur“ oder gar als Symbolbild für die Natur herausgeht, ist, dass Menschen oft als etwas außerhalb der Natur dargestellt werden. Selbst bei Geschichten wie Herr der Ringe, in denen die Magie ohne menschliches Zutun verschwindet, ist dies eine Leseart, die absolut möglich ist.

Die Moral, die sich daraus ergibt, ist unterschiedlich. Natürlich ist es in der Phantastik häufig so, dass Magie als eine grundlegend positive Gewalt gesehen wird. Entsprechend ist die Tatsache, dass Menschen von ihr so getrennt sind, in vielen Fällen als negativ zu lesen. Dabei kann es implizit oder explizit so sein, dass Menschen lernen sollen, wieder im Einklang mit der Magie, also der Natur zu leben. Manchmal ist es aber auch die Moral, dass dies nicht in der Art der Menschen liegt.

Gefährliche Magie

Was man jedoch auch nicht außen vor lassen kann, ist, dass es einige Geschichten gibt, in denen es eventuell auch eine positive Entwicklung ist, dass die Magie schwindet/geschwunden ist. Dies ist meistens der Fall, wenn die Magie in sich gefährlich ist, von vielen Nutzer*innen missbraucht wird oder für etwas Negatives steht.

In Pratchetts Scheibenwelt ist es so, dass Magie zwar noch existiert, jedoch deutlich schwächer als in einer früheren Zeit war. Dies wird als positiv dargestellt, da die Magie mehrfach beinahe die Welt zerstört hätte.

Auch die Serie Star gegen die Mächte des Bösen endet damit, dass die Magie als Macht vernichtet wird. Im Rahmen der Serie war Magie immer wieder ein Mittel, um koloniale Macht auszuüben und andere zu unterdrücken oder zu vertreiben. Deswegen ist die Entscheidung der Protagonistin letzten Endes, dass eine Welt ohne Magie besser wäre. (Es sei hier allerdings gesagt, dass Magie, die in verschiedenen Kreaturen eigen ist, weiter bestehen bleibt.)

Dabei kann natürlich auch in einem solchen Kontext Magie für Natur stehen. Häufiger jedoch haben solche Geschichten die Magie als Metapher für andere Aspekte

Die Rückkehr der Magie

Es gibt einen anderen Trope, der mit diesem jedoch manchmal einhergeht oder besser gesagt in einer Welt spielt, in dem die Magie einst geendet ist: Die Rückkehr der Magie. Dies ist ein Trope, der in Urban Fantasy und post-apokalyptischer Fantasy immer wieder aufgegriffen wird, der sich jedoch auch in Superhelden-Filmen gerne angedeutet wird.

Wir haben eine Welt ohne oder mit sehr wenig Magie – und auf einmal ist Magie (wieder) da. Wir sehen es im Marvel Cinematic Universe, wo die Welt auf einmal magisch deutlich aktiver wird. Wir haben es in den Flüssen von London und beispielsweise in der Trail of Lightning Reihe. Und natürlich haben wir es in Shadowrun, das unter der Annahme einer zyklischen Magie arbeitet, so dass die Magie zur Handlung hin halt zurückkommt.

Aber auch in anderen Welten kann es zur Rückkehr der Magie kommen, wie wir in Ein Lied von Eis und Feuer sehen, wo durch Daenarys Drachen die Magie langsam zurückkehrt.

Interessant ist, dass während in „Ende der Magie“ Geschichten wirklich häufig die Parallele zur Natur gezogen wird, dies bei „Rückkehr der Magie“ Geschichten eher selten so ist. Hier existieren Magie und magische Wesen oft wertfrei oder als etwas für Menschen nur schwer zu begreifendes.

Magie ist …

Schlussendlich lässt sich sagen, dass „das Ende der Magie“ ein recht vielseitiger Trope ist, der in überraschend vielen Geschichten auf die ein oder andere Art und Weise vorkommt. Es ist dabei häufig so, dass das Ende der Magie wenigstens irgendwie als traurig oder tragisch dargestellt wird. Eher selten ist es so, dass die Magie tatsächlich negativ und ihr Schwinden damit als positiv dargestellt wird.

Und vielleicht ist die Faszination mit diesem Trope auch nicht ganz zufällig. Immerhin ist für viele die Wahrnehmung unserer eigenen Welt ähnlich: Früher war eine Zeit von Magie und Mythen. Heute ist die Zeit der Technologie, in der viele sich ausgeschlossen fühlen. Auch wenn wir wissen, dass es im Altertum nicht wirklich Gött*innen gab, die durch die Gegend zogen, und im Mittelalter nicht wirklich Magier*innen gelebt haben, so ist es dennoch eine Vorstellung, die sich für viele richtig anfühlt. Entsprechend gibt es auch ein Gefühl der Trauer, aber auch die Vorstellung, dass diese Entwicklung unausweichlich ist.

In vielen Geschichten wird Technologie mit Ordnung und Magie mit Chaos verbunden. Oftmals sind es die Geschichten zum Ende der Magie, die Fragen, ob Chaos und Wildheit aber wirklich etwas schlechtes sind, ob Dinge wirklich schlimm sind, nur weil wir sie nicht beherrschen können.


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