Die Stimme des Charakters

Die Frage nach der Erzählstimme taucht immer wieder auf. Wie schafft man als Autor*in eine eigene Erzählstimme? Wie schafft man es, dass sich die Erzählstimmen der Figuren unterscheiden? Wie sind Erzählstimmen glaubwürdig? Mit der Frage möchte ich mich heute ein wenig auseinandersetzen und auf ein paar Tipps und ein paar häufige Probleme eingehen.

Die Erzählperspektiven

Die meiste Zeit werden Geschichten von Personalerzählern erzählt. Das bedeutet, dass der Erzähler – unabhängig davon, ob in erster Person („ich“) oder dritter Person („sie“, „er“, „xier“ o.ä.) erzählt wird – die Perspektive eines Charakters einnimmt. Dabei wird die Erzählung auf den Wissensstand des Charakters beschränkt. Der Erzähler kann gegebenenfalls die Gedanken dieses Charakters wiedergeben, aber nicht die von anderen.

Ja, natürlich gibt es auch andere Erzählertypen, wie den auktorialen oder den „Du“-Erzähler (der normalerweise jedoch auch Personal ist), jedoch finden diese relativ wenig Anwendung in der alltäglichen Unterhaltungsliteratur. Deswegen nehme ich es mir heraus, auf diese eher weniger einzugehen.

Damit hängt vieles, wovon ich hier spreche, sehr mit dem Personalerzähler und den Charakteren zusammen. Dabei geht es nicht nur um Stilistik, sondern auch inhaltliche Dinge, die den Leser herausreißen können.

Zoom-In

Autor*innen kennen es vielleicht. Man hat eine Location, die man gegebenenfalls etablieren möchte. Also was tun? Die Neigung ist mit dem Charakter anzufangen und dann irgendwie darauf umzuschwenken, dass dieser Charakter im fünften Zimmer im Ostflügel von Schloss Draudur sitzt, das übrigens aus schwarzen Marmor gebaut ist. Und irgendwie, ja, irgendwie fühlt sich das falsch an. Jedenfalls für mich als Leser*.

Es gibt hierhingehend zwei Ansätze es passend reinzubringen. Erstens der Klassiker: Der Charakter sieht auf, überlegt ein wenig, schaut sich dabei gedankenverloren im Zimmer um und gibt einem damit die Möglichkeit das Zimmer zu beschreiben. Das kann als Sprungbrett benutzt werden. Der Charakter bewundert die natürlich schwarzen Wände aus Marmor. Marmor, aus dem übrigens das ganze Schloss gebaut ist! Nicht alle Information drin, aber schon einmal etwas.


Die Alternative: Zoom-In. Denkt wie im Film. Macht einen Establishing Shot. Fangt damit an Schloss Draudur zu beschreiben, als würdet ihr mit der Kamera ranfahren. Dann geht auf das fünfte Zimmer ein – in dem Charakter X sitzt. Und ab da erst taucht ihr in seine*ihre Perspektive ein. So fühlt es sich weniger seltsam an, dass Dinge, die gerade nicht im Blickfeld des Charakters sind und über die si*er auch nicht nachdenken würde, vorkommen.

Die Namenssynonyme

Der zweite Punkt ist eigentlich die Sache, die ich am wichtigsten aus dieser Sammlung finde. Und sie hängt – einmal wieder – mit Synonymen zusammen. Denn ja, wir haben es fast alle in der Schule gelernt: „Wiederholungen sind böse.“ Also versuchen wir uns nicht zu wiederholen. Gerade in Dialogen, Kämpfen oder Sexszenen zwischen zwei Figuren ist das schwer. Umso mehr, wenn diese Charaktere dasselbe Pronomen nutzen. Wie soll man sie unterscheiden? „Er“, „er“, „er“ oder „sie“, „sie“, „sie“ verwirrt ja nur.

Also neigt man schnell dazu, die Charaktere zu umschreiben. „Die Blonde“, „der Rothaarige“, „der Soldat“, „der schlaksige Junge“, „die Magierin“, „ihre Freundin“, „seine Vorgesetzte“ usw. Hey, so kann man sogar Beschreibungen reinbringen! Und das hat nicht selten ein Problem: Es klingt unnatürlich, jedenfalls wenn die Charaktere einander kennen. Umso mehr, wenn sie einander gut kennen oder gar miteinander vertraut sind, einander lieben usw.

Denn einmal ehrlich: Wer schaut sein*e Partner*in an und denkt „di*er Schwarzhaarige“? Niemand. Habe ich mir gedacht. Doch solange ihr einen Personalerzähler benutzt impliziert ihr, dass di*er Protagonist*in seine Umwelt nur anhand von Oberflächlichkeiten wahrnimmt. Das mag bei fremden Charakteren funktionieren, aber bei allen, die si*er besser kennt? Ja, nein, das funktioniert so einfach nicht. Gilt übrigens umso mehr, wenn di*er Protagonist*in von sich selbst als „di*er Rothaarige“ denkt.

Gleichzeitig kann ich euch aber beruhigen: Namenswiederhoungen sind bei weitem nicht so schlimm, wie man glauben mag. Viele Leser werden von sehr unwahrscheinlichen Umschreibungen des Charakters mehr herausgerissen, als davon, dass sich ein Name alle drei Sätze wiederholt.

Andere Synonyme

Das bringt mich zu einem arg verwandten Thema: Andere Synonyme. Denn natürlich kommt es auch vor, dass man mal mit normalen Nomen oder anderen Worten zu tun hat, für die es kein gutes Synonym gibt. Ich hatte letztens das Problem mit „Teich“, der ja nun einmal kleiner ist, als ein „kleiner See“, aber oft auch klarer, als ein „Tümpel“. Natürlich könnte ich nun das Konzept „Teich“ weiter umschreiben, doch die Frage ist: Was holt den Leser mehr raus?

Ein anderes Beispiel, das mir genannt wurde, war „Flasche“. Ja, es gibt umgangssprachliche Alternativen wie Buddel, aber … das passt auch nur in wenigen Geschichten. Und dann ist die Frage: Umschreibe ich Flasche als „Glasgefäß“ oder „Getränkecontainer“ oder wiederhole ich einfach Flasche? Was ließe den Leser weniger stutzen? Nun, zum Charakter passt wahrscheinlich „Flasche“ besser – denn ich glaube kaum, dass euer Protagonist sich denkt: „Also hob ich das Glasgefäß an und kippte es.“

Und dahingehend hätten wir die Frage nach Blut und: „Denkt euer Hauptcharakter davon wirklich als Lebenssaft?“

Satzlänge & Satzbau

Eine weitere Sache, die mir auffällt, ist die Sache mit der Satzlänge und dem Satzbau. Denn auch bei diesem halte ich es durchaus für wichtig, dass alles zur Figur, deren Perspektive wir erleben, passt. Und gerade hier hat man auch viele Möglichkeiten zu differenzieren. Damit meine ich gar nicht, dass der Text so aussehen soll, wie der Charakter spricht, sondern dass es einfach zur Art des Charakters zu denken passt.

Was bedeutet das? Nun, am eigenen Beispiel: Wer Mosaik liest, wird feststellen, dass es dort sehr, sehr viele kurze Sätze gibt. Etwas, das eher ungewöhnlich ist. Vor allem sind die Sätze im Schnitt auch deutlich kürzer, als beispielsweise in Der Schleier der Welt. Warum? Weil Pakhet als Perspektivenfigur halt gerne direkt zum Punkt kommt. Sie denkt sehr präzise, sehr lösungsorientiert – das wollte ich mit den kurzen Sätzen ausdrücken. Dagegen haben wir halt Kyra, deren Gedanken oftmals wilde Bahnen ziehen, ehe sie zum Punkt kommt.

Aber gerade, um verschiedene Erzählstimmen voneinander zu differenzieren eignet sich dieses Stilmittel besonders gut. Allerdings ist auch genau hier der Punkt, weshalb lange Satzkonstruktionen mit fünf Nebensätzen selten funktionieren: Es passt selten zu den Charakteren. (Und ist zudem weiterhin schwer zu lesen.)

Die Sache mit den Füllwörtern

Okay. Jetzt mache ich mich ein wenig bei den Lektoren unbeliebt: Füllwörter sind erstaunlich hilfreich, um mit einem Personalerzähler Charaktereigenschaften auszudrücken. Gilt übrigens ähnlich für Hilfsverben. Wichtig dafür ist eben ein bewusstes Verwenden die Voraussetzung.

Ich nehme noch einmal ein eigenes Beispiel, da es etwas war, dass mir sehr wichtig ist: In Der Schleier der Welt werdet ihr häufiger abschwächende Hilfswörter finden. „Etwas“, „ein wenig“, „beinahe“, „scheinbar“ usw. Diese verteilen sich vor allem auf ein paar gesonderte Szenen. Warum? Weil Kyra, auch wenn sie gern anders tut, ein sehr unsicherer Mensch ist, der jeden Gedanken in Frage stellt und ihre eigene Wahrnehmung hinterfragt. Deswegen war es mir wichtig, das auch sprachlich zum Ausdruck zu bringen, gerade in Szenen, wo diese Unsicherheit zum Tragen kommt. (Bspw. als sie mit ihrer Exfreundin spricht.)

Wie gesagt: Wichtig ist, dass es bewusst erfolgt und nicht ohne Grund. Ein paar Füllwörter machen den Text lesbarer, zu viele machen es kompliziert – doch auch die vielen können einen guten Grund haben, wo zu stehen.

Schlusswort

Letzten Endes bleibt zu sagen: Die Erzählstimme ist ein weiterer Aspekt des Textes, über den ihr diverse Figuren charakterisieren könnt. Es bietet vor allem auch Möglichkeiten darüber nachzudenken, was den Charakter sprachlich ausmacht und was auf die sprachliche Identität des Charakters Einfluss genommen hat.

Natürlich wird erwartet werden, dass der Erzähltext nicht zu umgangssprachlich ist – speziell wenn man in dritter Person erzählt. Dennoch hilft ein wenig Eigenheit immer, ein wenig mehr Charakter einzubringen.

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Das Beitragsbild stammt von Pixabay.