Schreibtipp: 5 Wege einen Charakter zu charakterisieren

Bevor ich heute mit dem eigentlichen Beitrag anfange, erlaubt mir doch eine kurze Erklärung. Denn wie ihr sicher mitbekommen habt, wurde der Blog die letzten 2 Wochen nicht geupdatet. Grund dafür war, dass ich meine rechte Hand nicht nutzen konnte, nachdem eine meiner Ratten diese ziemlich zerbissen hatte im Versuch seiner Unzufriedenheit mit dem Konzept Tierarzt Ausdruck zu verleihen. Entsprechend war es mir nicht möglich die geplanten Beiträge nötig aufzubereiten, um sie zu veröffentlichen. Das tut mir sehr leid. Dafür gibt es diese Woche erst einmal wieder vier Beiträge! Viel Spaß!

Ich dachte, ich könnte heute einmal wieder einen kleinen Schreibtipp mit euch teilen – dieses Mal allerdings etwas, das weniger mit Stil oder Rechtschreibung zu tun hat, sondern mit dem Inhalt. Und zwar geht es um Charaktere und das Charakterisieren.

Ich denke jedem von uns fällt mindestens ein Film, eine Serie oder ein Buch ein, wo wir am Ende da saßen und uns fragten: Was hat Charakter X überhaupt ausgemacht? Wer war Charakter X? Eventuell wurde uns erzählt, wer Charakter X sein sollte, doch gezeigt? Nicht wirklich.

Daher heute 5 Tipps, wie man eine Figur charakterisieren kann.

1. Die gestaltete Umgebung

Ein Charakter hat oftmals irgendetwas in seiner Umgebung, das si*er selbst mitgestalten kann. Das kann das eigene Zimmer sein, das kann Kleidung sein oder vielleicht ein Taschenkalender. Oftmals sind das Dinge, die sich am Anfang einer Geschichte bereits gut einbringen lassen und der*m Leser*in helfen, ein Gefühl für den Charakter zu bekommen.

Zum Beispiel kann ein Charakter ein ordentliches oder chaotisches Zimmer haben, kann ein großes Bücherregal oder vielleicht Poster der liebsten Sportstars oder Filme aufgehängt haben. Macht der Charakter selbst Sport oder ist kreativ tätig, könnten auch Auszeichnungen da hängen – oder diese könnten bewusst versteckt sein. Nun, oder für die etwaige Welt angepasste Dinge.

Auch die Kleidung kann viel sagen, auch wenn man nicht viel von Mode versteht. Ist die Kleidung eher bequem, eher praktikabel oder eben auch modisch? Eine Mischung von mehreren Dingen? Wie sehr achtet der Charakter darauf, was si*er zu einem gegebenen Zeitpunkt trägt?

Das lässt sich mit anderen Dingen fortsetzen. Darüber könnt ihr vor allem drei Dinge kommunizieren: Interessen/Prioritäten, Wahrnehmung des Äußeren und Selbstwahrnehmung des Charakters.

2. Die nächsten Personen

Ich bin mir dessen bewusst, dass es diverse Settings gibt, in denen der erste Tipp kaum umsetzbar ist. Der zweite dagegen sollte in praktisch jedem Setting irgendwie umsetzbar sein. Stellt euch die folgenden Fragen: Welcher Person steht euer Charakter generell am nächsten? Welcher Person in seinem aktuellem Umfeld steht si*er am nächsten? Wie fühlt sich der Charakter darüber? Wie zeigt si*er das?

Dergleichen lässt sich vor allem am Anfang, bevor der Plot sich verdichtet, reinbringen. Erlaubt dem Charakter ein, zwei alltägliche Szenen mit seinem*ihrem normalen Umfeld und zeigt dadurch, wie si*er mit diesem interagiert. Das kann einfaches Scherzstreiten mit einer*m guten Freund*in sein, eine einfache Situation mit Eltern daheim oder unterwegs – was auch immer übliche für den Charakter sein. Ebenso könnte es ein ernsthaftes Gespräch zwischen Kollegen in der Armee sein. Was es ist, wird fraglos sehr von der Umgebung des Charakters beeinflusst.

„Aber“, mag jetzt der ein oder andere denken, „was ist mit der ‚jede Szene muss den Plot voran bringen‘ Regel?“ Dazu ist meine Antwort, dass der Charakter ein zentrales Element vom Plot ist und die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass seine*ihre Entwicklung wichtig für diesen ist. Um eine Entwicklung wahrzunehmen, wäre das Etablieren eines Status Quo jedoch wichtig.

3. Ticks, Mimik, Mikro-Ausdrücke

Zugegebenermaßen: Dieser nächste Tipp ist etwas, das oftmals schwer umzusetzen ist, wenn man einen Personalerzähler (egal ob erste oder dritte Person) verwendet. Jedenfalls für den Hauptcharakter. Für alle anderen Charaktere kann es jedoch helfen, sie plastischer wirken zu lassen: Gebt ihnen Ausdrücke.

Wenn ihr die Menschen beobachtet, mit denen ihr interagiert, wird euch auffallen, dass alle ihre etwas eigene, individuelle Mimik haben. Manche werden auch mimische Ticks habe oder besonders stark auf die eine oder andere Art gestikulieren. Außerdem gibt es diverse Mikro-Ausdrücke (also leichte Veränderungen des Gesichtsausdrucks), die manchmal unterschwellige Regungen preisgeben.

Natürlich ist hierbei die Frage, wie viel der Erzähler wahrnimmt – auch das sagt wiederum über den Perspektivencharakter (sofern es einen gibt) aus. Dennoch ist es etwas, das einiges wert sein kann, um Figuren realer wirken zu lassen. So kann man im Dialog bspw. diese Ausdrücke erforschen, statt immer Inquit-Formeln zu verwenden.

4. Ausdrucksweise

Kommen wir zu einem Thema, das ebenfalls viel zur Charakterisierung beiträgt: Die Charakterstimme. Das umfasst die Art, wie ein Charakter spricht, wie si*er sich ausdrückt und wie si*er Sätze bildet.

Spricht ein Charakter eher in langen Sätzen oder in kurzen? Drückt der Charakter sich immer klar aus oder eher unklar? Schwächt der Charakter eigene Aussagen ab oder nicht? Flucht der Charakter oft? Wenn ja: Wie flucht si*er? Was für Worte verwendet der Charakter? Hat der Charakter einen bestimmten Sprachrhythmus? Wie verändert sich die Art zu sprechen abhängig von Situationen?

Manche Sachen, wie Dialekt, sind schwer reinzubringen, genau so wie andere Aspekte. Doch dies lässt sich durch geschriebenen Dialog und erneut bei PoV (egal ob 1. oder 3. Person) auch über den Erzähltext einbringen.

5. Konfrontation

Eine weitere Möglichkeit zu zeigen, woraus ein Charakter gemacht ist, ist ihn mit ihr*m gegenüber negativ eingestellten Charakteren und/oder Vorwürfen zu konfrontieren. Das kann Anfangs einfach etwas kleines sein – und kann eventuell stimmen oder eventuell auch nicht. Damit meine ich „Mutter meckert, weil Zimmer nicht aufgeräumt“-klein.

Tatsächlich bieten kleine Konflikte vor allem dadurch seinen Vorteil, dass man hier einen Kontrast zeigen kann, zu den späteren Hauptkonflikten. Außerdem sind sie – jedenfalls wenn wir von Fantasy ausgehen – anders als diverse Plotkonflikte, persönlicher und können damit gute Charaktergrundlage hergeben. Und gerade wenn der Konflikt zwischen Freunden oder Familienmitgliedern stattfindet, gibt es der Freundschaft oder der Familie eine realistischere Dynamik. Denn meistens gibt es schon etwas streit.

Man sollte nur aufpassen – sofern man es eben nicht genau so darstellen will – dass sich nicht ein Freund so daneben benimmt, dass die Freundschaft (oder Familie) toxisch herüberkommt.

Ein paar Worte zum Schluss

Kommen wir zum Schluss dieses Eintrags. Ich möchte noch einmal kurz auf die „Jede Szene sollte den Plot voranbringen“ Tipp aufgreifen, den ich oft höre. Denn ich kenne auch einen anderen Tipp, den ich persönlich eher unterschreiben würde: „Jede Szene sollte etwas über den Plot, einen wichtigen Charakter oder die Welt sagen. Am besten über zwei der drei.“ Und das halte ich für sinnvoller. Denn wenn ihr mich fragt: Ein Plot ohne glaubhafte, charakterisierte Charaktere wird für mich nie Spannung entwickeln.

Zu guter Letzt auch hier ein sehr allgemeiner Tipp: Schaut, wie eure liebsten Autor*innen ihre Charaktere charakterisieren. Was sagen bestimmte Stellen über die Charaktere aus? Schaut auch mal in Filmen oder Serien, wie Charaktere charakterisiert werden – und überlegt, was davon sich auf geschriebene Fiktion übertragen lässt!

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