Die Sache mit „Green Book“

Neues Jahr, neue Oscars. Eigentlich verfolge ich die Oscars seit Jahren nur am Rande. Da dieses Jahr immerhin drei diverse Filme auf gesamt acht „Best Picture“ Nominierungen kamen, hatte ich Hoffnung, dass man aus #OscarsSoWhite etwas gelernt hat. Und ja, tatsächlich waren die „Best Actor“ Awards recht divers. Dann aber gewann „Green Book“ bester Film. Und daran ist so viel falsch. In diesem Eintrag werde ich zu versuchen zu erklären warum.

Es sei dazu gesagt: Dieses Jahr war das erste Jahr seit langem, dass ich von den nominierten Filmen alle, bis auf einen („Vice“) gesehen hatte. Green Book dabei tatsächlich jedoch nur, um meine Kritik an dem Film besser begründen zu können. Denn ja, ich bin in den Film mit dem Wissen gegangen, dass der Film kritisch ist. Und damit fällt er leider in ein Muster diverser Filme, auf die das zutrifft.

Üblicher Disclaimer bei dem Thema: Ich bin selbst nicht PoC, dafür als queere Person auch von Marginalisierung betroffen. Filme der Art von Green Book gibt es zu genüge auch über queere Personen und andere marginalisierte Gruppen. Das Prinzip ist überall dasselbe. Geschichten anderer Gruppen werden sich angeeignet. Und warum das so ein Problem ist, darüber möchte ich in diesem Beitrag sprechen.

Unterdrückung – aus der Sicht eines weißen cishetero Mannes

Das hier wird kein langer Eintrag werden, daher komme ich direkt zum Punkt: Green Book ist einer von vielen Filmen, die sich mit gesellschaftskritischen Themen beschäftigen – dies allerdings komplett aus der Sicht eines weißen, cishetero, christlichen, ablebodied Mannes tun. Dieser Mann befreundet sich im Verlauf des Films mit einer Person aus einer marginalisierten Gruppe. Am Anfang hat er gegen diese Gruppe Vorurteile, lernt aber im Verlauf des Films die Gruppe oder viel eher die Einzelperson zu respektieren und wird dadurch ein besserer Mensch. Damit ist auch prompt sein vorheriger Rassismus, Sexismus, Ableismus etc. prompt vergeben.

Um dies leichter zu machen, setzt man ihn gerne gegenüber einer Karikatur eines „-isten“. Jemand der so übertrieben rassistisch, sexistisch, ableistisch, homo- oder transfeindlich ist, dass die Alltags-Ismen des weißen, männlichen Protagonisten richtig harmlos im Vergleich wirken. Immerhin ist der Film meist von einem oder mehreren weißen Männern geschrieben worden, die natürlich der Meinung sind, dass sie selbst progressiv und garantiert nicht *istisch sind.

Entsprechend dient der marginalisierte Mensch mehr oder weniger als Hintergrundfigur, die es möglich machen soll, dass der weiße Protagonist sich und sein Leben verbessern kann. Das dies eine recht schädliche Art ist an problematische Themen aus dem realen Leben zu gehen, muss man nicht sagen, oder?

Beruhend auf einer wahren Geschichte

Richtig schlimm wird es allerdings dann noch, wenn der Film – was viele Filme dieses Genre tun – auf historischen Figuren und Ereignissen beruhen. Wir haben damit nicht selten eine Geschichte über eine oder mehrere Personen, die unterdrückt wurden und es trotz all der Dinge, die gegen sie standen, geschafft haben, großes zu erreichen … erzählt aus der Perspektive einer weißen, nicht marginalisierten Person, mit der sie auch zu tun hatten. Cool. Da kommt richtig Freude auf.

Was das ganze nur umso härter macht, ist, dass Studio-Filme tendenziell sich sowieso um nicht-marginalisierte Personen (meistens Männer) drehen. Und dann nehmen wir Filme, deren Handlung sich definitiv um eine marginalisierte Gruppe drehen sollte, da sie auf historischen Ereignissen, in denen diese Gruppen oder einzelne Personen aus so einer Gruppe beruhen … und lassen diese Geschichte ebenfalls von einem nicht-marginalisierten, weißen Mann handeln?!

Was es effektiv sagt ist: PoC hätten keine Rechte, hätten weiße Männer ihnen nicht gütigerweise geholfen, diese zu bekommen. Frauen hätten keine Rechte, hätten sich nicht weiße Männer für sie eingesetzt. Homosexuelle? Definitiv weiter unterdrückt, gäbe es da nicht heterosexuelle weiße Männer!

Die Filme machen historische Aktivisten zu passiven Nebenfiguren ihrer eigenen Geschichte. Dieser Mock-Trailer, der jetzt kurz vor der Oscarverleihung herauskam, fasst es ganz gut zusammen. Es ist eben das White Savior Motiv – und ja, das ist problematisch. Doppelt, wenn eine historische Nebenfigur zum White Savior eigentlicher historischer Helden gemacht wird.

Hat nicht jeder seine Fehler?

Was damit in den Filmen gerne einher geht, ist auch diese Unterstellung, dass „Ja, sicher, was [Gruppe X] so angetan wird, ist schlimm. Aber du musst halt auch sehen! Jemand aus [Gruppe X] hat mich letztens auch beleidigt! Ein wenig sind die ja selbst Schuld, nicht?!“ Gerade Rassismus wird gerne zu einer „Es gibt gute Leute auf beiden Seiten“-Sache gemacht, wie es ein gewisser, rassistischer US-Präsident ausdrücken würde. Doch ja, Hollywood stimmt ihm in diesen Filmen da gerne zu. Um den übertriebenen Rassist auf der weißen Seite auszugleichen, gibt es dann noch irgendeinen PoC, der total gegen Weiße hetzt und voll gemein ist. Das wird gerade bezüglich des Rassismus des weißen Protaognisten gerne als Begründung genutzt. Er kannte halt bisher nur solche PoC. Ist ja nicht seine Schuld, oder? ODER?!

Dazu kommt auch gerne, dass etwaige *istische Menschen in diesen Filmen gerne noch ein Redemption Arc bekommen, also beweisen können, dass sie ja doch nicht so schlimm sind, nur missverstanden. So lernt der weiße Rassist – nicht nur der Protagonist – den PoC zu respektieren und bessert sich. Der Sexist stellt fest, dass ihm einfach die Freundschaft zu einer Frau gefehlt hat. Der homofeindliche Hetzer findet die Menschlichkeit in Homosexuellen. Und natürlich sind die Betroffenen immer bereit ihm eine zweite, dritte, vierte, fünfte Chance zu geben.

Erlaubte marginalisierte Personen

Dazu kommt, dass diese Geschichten gerne ihre „Späße“ mit den marginalisierten Personen beschreiben und sie entweder komplett stereotypisieren (liebe Grüße an Filme über autistische Menschen, ihr seid unter anderem gemeint) oder sie zu sterilen, oberflächlichen und natürlich enorm rationalen Personen machen. Na ja, und/oder sie haben eine furchtbar tragische Geschichte und leiden furchtbar. Das ist auch eine Möglichkeit. Wichtig ist nur: Sie sollten bequem sein.

Jemand beleidigt auf rassistische Weise eine*n BPoC? Der BPoC erklärt ihnen eventuell heftig, aber rational und recht nett, warum sie rassistisch sind und falsch liegen. Homofeindlichkeit? Ein homosexueller Charakter erklärt ihnen dies heftig, aber auf sassy Art. Unangenehme Marginalisierte? Sind meistens eher Antagonisten oder lernen auch, dass ihre „feindliche“ Art schlecht ist.

Dass sorgt nicht zuletzt dafür, dass auch ständig von marginalisierten Menschen erwartet wird, dass sie auch in der realen Welt mit aller Ruhe Leuten, die sie anfeindet, erklären, warum sie falsch liegen. Mehr noch: Manche Leute scheinen sogar zu erwarten, dass die *isten danach sagen: „Aaaach, so ist das, wir sind beide Menschen! Du hast total Recht! Jetzt sind wir Freunde!“ Und natürlich passiert das nicht. Dennoch sorgt diese Erwartung – zu denen diese Mediendarstellung auch beiträgt – existiert, dürfen Marginalisierte neben den *isten, auch noch mit Tone Policing herumschlagen.

Green Book ist ein schlechter Film

Was mich an dieser Geschichte am meisten stört, ist, dass Green Book in meinen Augen auch kein guter Film war. Es gibt diverse Filme, die ich nicht mag, die in manchen auch diverse *ismen beinhalten etc., aber die zumindest handwerklich gut gemacht sind. Green Book gehört nicht dazu. Das Drehbuch ist voller Klischees, die nicht nur rassistischer Natur sind, und folgt effektiv einem ähnlichen Ablauf wie zig andere Filme auch. Die Charaktere sind zwar schauspielerisch gut dargestellt, der Dialog wirkt oftmals jedoch hölzern. Und auch wenn es böse klingt: Man merkt an Cinematographie, Color Grading und Belichtung, dass der Regisseur bisher aus Comedies gedreht hat.

Wie gesagt: Das einzige, was ich loben kann, ist die schauspielerische Leistung. Diese war definitiv lobenswert. Doch schauspielerische Leistung reicht in meinen Augen nicht, um den Film sonst herauszureißen – selbst wenn man das White Savior Problem und rassistische Stereotypen ignoriert.

Und ja, dann ist da eben auch die Sache, dass die Macher des Films sich deutlich keine Mühe gemacht hat, Dr. Shirleys lebende Verwandte zu kontaktieren, um seine Seite der Geschichte zu recherchieren. Das hat dazu geführt, dass genau diese Verwandte den Film aufs Schärfste kritisiert haben. Das spricht nicht für einen respektvollen Umgang mit dem historischen Kontext.

Oscar Bait

Kurzum: Der Film ist einer von vielen Filmen, die sich des „White Savior“ Tropes bedienen, dabei ernste Themen besprechen, ohne dabei wirklich auf die Perspektive der marginalisierten Menschen einzugehen. Stattdessen geht es um eine nicht oder kaum-marginalisierte Person und wie diese zu einem besseren Menschen wird. Diese Filme gelten als Oscar Bait und bekommen nicht selten zumindest Nominierungen.

Der Sieg von Green Book ist allerdings besonders bitter, weil dieses Jahr so viele bessere und diversere Filmen zur Wahl standen. Es gab dieses Jahr zwischen BlacKkKlansman und Black Panther gleich zwei Filme, die sich mit Rassismus zu BPoC auseinandersetzten. Auch Roma war ein guter Film. Generell war in meinen Augen jeder der nominierten Filme, die ich gesehen habe, jeder einzelne handwerklich besser.

Wie schon geschrieben, ich hätte mich sehr gefreut, hätte Black Panther den Award gewonnen, da er nicht nur ein unterhaltsamer, sondern auch ein irrsinnig guter Film ist. Aber wirklich damit gerechnet habe ich nicht. Gehofft habe ich auf BlacKkKlansman, da Spike Lee definitiv endlich den Award für „Bester Film“ verdient. Doch wie gesagt, von denen, die ich gesehen habe, hätte ich jeden – bis auf Green Book – als „Bester Film“ akzeptieren können. Green Book jedoch …

Wie gestern bei der Awardshow schon jemand schrieb: Die Entscheidung Green Book als „Besten Film“ auszuzeichnen ist furchtbar schlecht gealtert. Sie ist gerade einmal einen Tag her.

Das Beitragsbild wurde von Greg Hernandez geschossen und über Flickr unter der CC2.0 Lizenz zur Verfügung gestellt.