Der Male Gaze

Wer mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich im Januar eine kleine Challenge gemacht habe: Ich habe für den ganzen Monat nur Filme von weiblichen Regisseurinnen geschaut. In diesem Beitrag und einem Beitrag im nächsten Monat möchte ich ein wenig auf das warum eingehen.

Das unangenehme Gefühl im Kino

Kennt ihr das? Ihr sitzt im Kino, schaut euch das neuste Action-Flick an und dann ist sie da, diese Szene. Eine weibliche Schauspielerin kommt aus einem Pool. Sie trägt einen sehr knappen Bikini. Die Kamera wandert einmal ihren ganzen Körper hinauf, mit viel Aufmerksamkeit auf die langen, glatten Beine, die Hüfte und natürlich auch ihr Dekolletee. Dann natürlich sehen wir den männlichen Helden, dem das ganze natürlich sehr gefällt. Und irgendwie, ja, irgendwie fühlt man sich dabei dreckig.

Wahrscheinlich hat jeder jetzt mindestens einen Film im Kopf, in dem das so war. Vielleicht ein James Bond Film, vielleicht auch ein Michael Bay Film. Es gibt genug Action-Franchises, in denen es Szenen wie diese gibt. Und ja, gerade als FLINTA* Person ist es eine sehr unangenehme Szene, wenn man einmal darüber nachdenkt.

Aber dann kommen wir zu der Frage: Warum ist das in so vielen Filmen so? Immerhin ist es wirklich keine Ausnahme. Und auch in Serien und anderen visuellen Medien finden wir ähnliche Szenen. Also: Warum? Die Antwort lässt sich natürlich bereits aus dem Titel dieses Artikels erahnen: Die Antwort ist der Male Gaze.

Gazing

Gehen wir einen Schritt zurück und betrachten das Konzept des „Gaze“ allgemein. „Gaze“ ist englisch für „Blick“, „Gazing“ bedeutet soviel wie „Anschauen“. Tatsächlich kommt das Konzept allerdings aus dem Französischen, dort genannt „le regard“, wo es von dem bekannten Philosophen Jean-Paul Sartre eingebracht wurde.

Sartre sagte in „Das Sein und das Nichts“, dass wenn jemand einen anderen Menschen betrachtet ein Machtunterschied zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten besteht. Die Macht liegt beim Betrachter, der in diesem Zusammenhang frei steht, den Betrachteten als Objekt und nicht als Menschen wahrzunehmen.

Dieses Konzept griff der Kunstkritiker John Berger auf und beobachtete, dass in der Kunst häufig Frauen die Betrachteten sind und Männer die Betrachter. Speziell machte er dies an der Vielzahl von Bildern deutlich, die spärlich oder gar nicht bekleidete Frauen darstellen. Dies sah er als Beispiel dafür, dass Frauen häufig in der Kunst sexualisiert werden.

Drei Jahre später wurde dies von der Medienkritikerin Laura Mulvey in ihrem Buch „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ aufgegriffen. Dort beschrieb sie, wie sich ein ähnliches Konzept in Filmen wiederfindet, in denen weibliche Figuren von den oftmals männlichen Regisseuren sexualisiert werden. Es entstand das Konzept des „Male Gaze“.

Der männliche Künstler und sein Publikum

Die Grundannahme des Male Gaze ist folgende:

  1. Ein männlicher Regisseur dreht einen Film …
  2. … durch eine männlich gelesene Kamera …
  3. … für ein angennommen cishetero männliches Publikum.

Dabei ist das Ziel des Ganzen am Ende, dass der entstehende Film letzten Endes visuelle Lust beim Publikum zu erzeugen.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass die Filmindustrie früher, wie heute, in erster Linie von (cishetero) Männern beherrscht wird. Dies war tatsächlich nicht immer so. In der frühen Zeit des Films hatten auch Frauen einen Platz in der Filmindustrie, doch als die Budgets und auch die Profitmargen von Filmen stiegen, wurden Frauen mehr und mehr aus der Industrie ausgeschlossen – immerhin wollte man Frauen nicht mit so viel Geld vertrauen. Und das zeigt sich bis heute. Vor allem unter Blockbustern sind die meisten Regisseure Männer.

Die Ironie dabei ist tatsächlich, dass Filme auch für ein angenommen cishetero männliches Publikum gemacht werden – aber während tatsächlich mehr Männer Filmkritiker sind, als Frauen (oder gar nicht-binäre Menschen) – ist das Kinopublikum überproportional weiblich. Frauen gehen tatsächlich mehr ins Kino als Männer, dennoch werden Filme oft nicht mit ihnen im Kopf produziert.

Wie der Male Gaze Frauen betrachtet

Doch schauen wir uns erst einmal an, wie der Male Gaze im speziellen Frauen betrachtet. Denn das ist eben der große, kritische Punkt – aber nicht der einzige.

Das erste, was dahingehend natürlich in den Kopf kommt, ist, dass Frauen sexualisiert und auch objektiviziert werden. Ein Beispiel habe ich dafür ja bereits Eingangs benannt: Frauen werden in sexy Kleidung gekleidet, die Kamera wandert ihren Körper hinauf. Generell werden tatsächlich häufig andere Körperteile als das Gesicht fixiert – vor allem eben die Beine, der Hintern und die Brüste.

Aber auch darin, wie Frauen als Figuren dargestellt werden, zeigt sich der Male Gaze. Denn hier gibt es einige Tropes, die kritisch sind. Kurz zusammengefasst: Weibliche Figuren sind häufig kaum ausgeschrieben, sind sehr flach, haben keine eigenen Ziele (abseits von Zielen, die über ihren etwaigen männlichen Love Intrest definiert werden). Sie sind für die Handlung oftmals schlicht und ergreifend weit weniger wichtig, als die männlichen Figuren.

Das sorgt dafür, dass weibliche Figuren in Filmen (aber auch anderen narrativen Medien) weniger als Frauen erscheinen, sondern oftmals nur als Abziehbildchen – oder eben Objekte.

Wie der Male Gaze Männer betrachtet

Allerdings zeigt sich ein Male Gaze nicht nur darin, wie Frauen betrachtet werden, sondern auch darin, wie Männer in diesen Geschichten dargestellt werden. Denn hierbei muss sehr klar hervorgehoben werden: Der Male Gaze ist natürlich auch auf Männer gerichtet – denn in den meisten Medien kommen nun einmal auch Männer vor. Also: Wie stellt der Male Gaze Männer da?

Dies lässt sich schwerer verallgemeinern, als der Bezug vom Male Gaze zu Frauen, da Männer tatsächlich mit weit mehr Unterschieden dargestellt werden. Dennoch lassen sich einige Dinge beobachten.

Männer werden von der Kamera gerne als „stark“ dargestellt und idealisiert. Dabei wird der männliche Körper natürlich dann idealisiert, wenn er üblichen Idealen entspricht. Dass heißt er ist muskulös und fit und in einem recht jungen Alter (idealerweise zwischen 20 und 50). Gleichzeitig muss das Verhalten des Mannes angemessen sein. Das heißt, er zeigt nicht zu viele Emotionen – außer natürlich Wut – und steht über vielen Dingen. Außerdem handelt er selbstbestimmt. Und ja, dabei werden einige Ideale toxischer Maskulinität wiedergegeben.

Männer, die diesem Ideal nicht entsprechen, werden von der Kamera oft herabgewürdigt. Sie werden als lächerlich und schwach geframed. Sie werden nicht ernst genommen. Dies sieht man nirgends so gut, wie bei Michael Bay Filmen – dazu hat Lindsay Ellis ein gutes Video gemacht.

Wie der Male Gaze Handlung betrachtet

Allerdings zeigt sich der Male Gaze auch darin, wie er Handlung betrachtet und natürlich auch implizit bewertet. Denn auch hier finden wir halt wieder, dass der Male Gaze in seiner Natur das patriarchale Konzept unterstützt – und damit explizit Handlungen aufwertet, die gesellschaftlich als männlich interpretiert werden, während Handlung abgewertet wird, die gesellschaftlich weiblich assoziiert wird.

Das heißt aufgewertet und als positiv geframet wird unter anderem Gewalt in jedweder Form aber auch (aggressive) Sexualität. Auch andere „Männersachen“ werden aufgewertet, wie bspw. Autos. Derweil werden mit Frauen assoziierte Dinge abgewertet. Also so Dinge wie: Gefühle (außer Wut) zeigen. Ehrlich miteinander kommunizieren. Sanftes Miteinander umgehen. Empathisches Handeln.

Auch das ist ein Teil des Male Gaze.

Der Male Gaze in der Kunst

Schauen wir uns also ein wenig an, wie der Male Gaze in verschiedenen Kunstformen stattfindet. Und nein, ich werde an dieser Stelle jetzt nicht über klassische Kunst sprechen, denn ich denke, die meisten Leser*innen meines Blogs haben daran nicht wirklich ein Interesse. Die tl;dr Version davon ist: Sehr viele nackte Frauen in sehr vielen Kunstepochen.

Der Male Gaze im Film

Ich habe bisher in erster Linie Beispiele für den Male Gaze aus dem Bereich des Films genommen – immerhin kommt das Konzept aus diesem Bereich. Und bis heute ist der Male Gaze in Filmen vorherrschend. Kein Wunder: Die meisten Filme werden von männlichen Regisseuren und oftmals auch unter männlichen Produzenten gemacht. Ich meine, wir müssen nur zu Disney schauen, ob dies real zu sehen: Von allen Marvel-Filmen haben nur drei weibliche Regisseurinnen, einen Star Wars Film mit weiblicher Regisseurin gibt es soweit nicht (auch wenn einer in Arbeit ist) und auch die meisten Animationsfilme von Disney und Pixar sind von männlichen Regisseuren. Entsprechend ist es kaum verwunderlich, dass die männliche Perspektive hier bewusst oder unbewusst vorherrscht. Selbst wenn sich beispielsweise Filme des MCU tatsächlich stark damit zurückhalten weibliche Figuren über die Maßen zu sexualisieren (na ja, zumindest seit Phase 3), so haben wir doch das zentrale Framing von Männern mit Frauen, die oftmals nur existieren, um diese zu unterstützen oder als Love Interest zu agieren.

Der Male Gaze in Comics

Wo wir schon bei Marvel sind, können wir auch einen Blick in die Comics werfen, denn diese sind natürlich ebenfalls ein sehr gutes Beispiel. Das sehen wir an einer Vielzahl von Sachen. Beispielsweise daran, wie knapp bekleidet Superheldinnen im speziellen oftmals sind. Während die Herren der Schöpfung oft von Kopf bis Fuß bekleidet sind, tragen diverse Superheldinnen oft wenig mehr als einen Bikini oder Badeanzug. Ja, das ist in den letzten Jahren besser geworden, doch immer noch ein großes Thema.

Ein anderes ist, wie diese weiblichen Superheldinnen gezeichnet werden. Häufig mit herausgedrückter Brust, hervorgedrücktem Hintern und unnatürlich verbogener Wirbelsäule. Es gibt auf tumblr den wunderbaren Blog der Hawkeye Initiative, der genau dies parodiert, indem männliche Figuren in denselben Körperhaltungen gezeichnet werden, die wir häufig bei den weiblichen Figuren sehen.

Der Male Gaze in der Literatur

Allerdings gibt es den Male Gaze tatsächlich auch in einem nicht visuellen Medium, wie der Literatur. Vielleicht kennt jemand auf Twitter den Hashtag #menwritingwomen, der genau darauf eingeht.

Dabei sieht es in der Literatur häufig nicht viel anders aus, als in Filmen oder Comics: Kurzum, bestimmten Teilen des weiblichen Körpers wird einfach zu viel Aufmerksamkeit gegeben, Frauen häufig darauf reduziert. Ich hatte das damals ja bereits in meiner Rezension der Dresden Files angesprochen, die dahingehend sehr extrem sind. Der Protagonist, aus dessen Perspektive geschrieben ist, schaut bei jeder Frau erst mal die Brüste an – das geht soweit, dass häufig wenn ein weiblicher Charakter auftaucht, für eine drittel bis halbe Seite das Dekolletee dieser Figur beschrieben wird. Eventuell kommen noch sexuelle Fantasien dazu. Ja, auch bei minderjährigen Figuren.

Aber genau sowas finden wir recht häufig, wenn Männer Frauen schreiben. Ist die Perspektivenfigur ein Mann sowieso, aber ist die Perspektivenfigur eine Frau, so denkt diese unnatürlich häufig über ihre Brüste oder ihre Vagina nach. (Dazu kommt eine generell seltsame Vorstellung von weiblicher Anatomie und wie diese funktioniert.)

Der Patriarchal Gaze

Was nun der ein oder andere angemerkt hat, ist die Sache, dass eventuell die Bezeichnung „Male Gaze“ unpassend ist. Vor allem, weil es prinzipiell eine männliche Perspektive abwertet und mit sexueller Ausnutzung von Frauen gleichsetzt. Dass es auch Männer gibt, die dies nicht tun oder die queer sind, wird dabei genau so ignoriert, wie dass dieser Gaze auch von diversen weiblichen Regisseurinnen verwendet wird – weil er eben so zur Standardsprache des modernen Films geworden ist und lange Zeit als solche nicht hinterfragt wurde.

Vor allem aber auch schadet der Male Gaze auch Männer, da er diese eben auch stark darin einschränkt, wie sie ihre Männlichkeit präsentieren dürfen. Wie schon gesagt: Der Male Gaze fördert häufig auch toxische Maskulinität.

Daher gibt es durchaus die Diskussion ob es nicht besser wäre, den Male Gaze in den Patriarchal Gaze umzubenennen. Denn das, was der Male Gaze darstellt und wie er das tut, entspricht den Anforderungen und Idealen des Patriarchats. Soweit ist allerdings der Begriff Male Gaze in der Filmtheorie der etablierte Begriff, doch vielleicht wird es sich ändern.

Fazit

Der Gaze ist die Betrachtungsweise, die ein Konsument beim Konsum von Kunst einnimmt. Aufgebracht wurde das Konzept von Sartre, der feststellte, dass es einen Machtunterschied zwischen Betrachter und Betrachtetem gibt. Dieses Konzept wurde in den 70er Jahren aufgegriffen, um festzustellen, dass in der Kunst und unter anderem auch dem Film die betrachtende Perspektive die eines Mannes ist, während Frauen oft betrachtet werden und damit zum Objekt der Betrachtung werden. Dies wurde als „Male Gaze“ benannt.

Daraus ergab sich eine Kritik dessen, dass Frauen gerade in Filmen oftmals objektiviziert werden. Das bedeutet, dass sie häufig auf ihre Körper reduziert werden und oft wenig Charaktereigenschaften haben. Ihre Bedeutung für die Handlung eines Films wird häufig über ihre Beziehung zu einem Mann definiert. Allerdings sind nicht nur Frauen in ihrer Darstellung durch den Male Gaze eingeschränkt. Auch Männer werden häufig eingeschränkt darin, wie sie dargestellt werden und dürfen nur bestimmte Emotionen und Handlungen zeigen.

Allgemein ist der Male Gaze als kritisch zu bewerten, da er die unterdrückenden Merkmale des Patriarchats aufrecht erhält und aktiv unterstützt. Genau deswegen ist er immer häufiger auch Thema von Kritik in Bezug auf Filme und viele modernen Filme versuchen sich von ihm fort zu bewegen.

Allerdings gibt es als Gegendarstellung zum Male Gaze auch den Female oder Feminine Gaze – und damit werde ich mich hier nächsten Monat beschäftigen.


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Das Beitragsbild stammt von Unsplash.