Der Feminine Gaze

Letzten Monat habe ich über den Male Gaze gesprochen – darüber, wie es dazu kam, dass es so viel mehr männliche Regisseure gibt, als Regisseurinnen, sowie darüber, dass Filme häufig ein männliches Publikum erwarten. Doch was ist der Gegenentwurf dazu? Wie sieht ein Film mit weiblicher Perspektive aus?

Ein Gegenentwurf zum Male Gaze

Der Male Gaze hat über Jahrzehnte hinweg das Medium Film, beziehungsweise sogar alle filmischen und visuellen Medien beherrscht. Kaum ein Wunder, werden doch nach wie vor die allermeisten Filme von männlichen Regisseuren gedreht, haben männliche Drehbuchautoren und männliche Editoren. Die Filmlandschaft wird von Männern beherrscht.

Doch bereits Laura Mulvey, die den Male Gaze definierte, sprach in ihrem Buch davon, dass es logischerweise auch einen Female Gaze geben müsse. Da sie ihre Theorie darauf aufbaute, dass das Ziel des Gazes sei, „Visual Pleasure“ zu schaffen, nahm sie an, dass der Female Gaze also in irgendeiner Form „Visual Pleasure“ für Frauen erzeugen sollte. Wie dies geschehen könnte, vermochte sie nicht zu sagen.

Während das Konzept des Male Gazes daraufhin in der Filmtheorie aufgegriffen wurde, blieb das Konzept des Female Gaze jedoch größtenteils ignoriert. Niemand versuchte, ihn zu definieren – und vielleicht war es eben auch schwer aufgrund der Medienlandschaft, die noch bis zur Jahrtausendwende herrschte. Aber ja: Wie soll man den Female Gaze definieren?

Der Gaze einfach umgedreht?

Die intuitive Antwort, die vielen kommen mag, ist: Halt wie der Male Gaze, nur gegen Männer gerichtet. Denn da die offensichtlichste Eigenschaft des Male Gaze ist, dass er weibliche Figuren und allgemein den weiblichen Körper objektifiziert, wäre die Annahme nur naheliegend, dass es also ein Female Gaze ist, wenn der männliche Körper objektifiziert wird.

Und natürlich gibt es Filme von weiblichen Regisseurinnen, die genau dies machen. Das bekannteste Beispiel ist Magic Mike XXL, der Film über männliche Stripper. Und ja, dieser Film nimmt eindeutig die Perspektive von Frauen ein, die Männer begehren – aber ist es deswegen ein Female oder Feminine Gaze?

Filmwissenschaftler*innen sind zu dem Schluss gekommen: Nein. Denn sie sehen die zentrale Eigenschaft des Male Gazes nicht nur darin, dass er Frauen im speziellen objektifiziert, sondern darin, dass er die Figuren des Filmes allgemein zu Objekten macht. Also ist ein Film, der dies gegenüber männlichen Figuren macht letzten Endes dasselbe Mittel, wenngleich mit anderer Perspektive. Doch das bringt uns zur entscheidenden Frage …

Was ist der Feminine Gaze?

Ja, was ist also der Female Gaze oder, wie ich es von hier an nennen werde, der Feminine Gaze? Nun, seit der Jahrtausendwende ist dieses Thema deutlich häufiger besprochen worden. Und schließlich war es Joe Soloway, dey 2013 zu einer Theorie kam, die seither als die weit anerkannteste gilt. Wir erinnern uns noch an die Aspekte des Male Gaze, richtig? „Ein männlicher Regisseur dreht einen Film durch eine männlich angenommene Kamera für ein männlich angenommenes Publikum.“ Nun, Joe Soloway hat für den Feminine Gaze folgende Erwiderung:

  1. The Feeling Camera. Die männlich angenommene Kamera priorisiert Action und aktive Handlungen gegenüber dem Innenleben der Figuren. Dies dreht der Feminine Gaze um. Die Kamera hier ist fokussiert darauf, die Gefühle der Figuren einzufangen.
  2. The Gazed Gaze. Während der Male Gaze eine deutliche Hierarchie erzeugt zwischen dem Publikum und der Figur (die, erneut, prinzipiell zum Objekt wird), möchte der Feminine Gaze sich hiervon abwenden. Deswegen setzt er die Figuren in Szene, während sie gezielt die Kamera und durch diese auch das Publikum betrachten.
  3. Returning the Gaze. Der letzte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen. Dieser Punkt ist keine Gegenüberstellung gegen den Male Gaze, sondern etwas komplett eigenes. Denn unter dem Feminine Gaze ist der „Gaze“ oftmals ein Thema. Die Filme adressieren, wie es ist, beständig Ziel eines objektifizierenden Blickes zu sein. Darüber wird durch die Figuren explizit gesprochen.

An dieser Stelle muss natürlich gesagt werden, dass Magic Mike doch den Feminine Gaze verwendet. Nur eben nicht, weil der Film männliche Figuren objektifiziert, sondern genau aus dem Gegenteil heraus: Dass er diese Figuren, ihre Gefühle und wie es für sie ist, betrachtet zu werden, in den Vordergrund stellt.

Die Vorteile des Feminine Gaze

Der größte Vorteil des Feminine Gaze sollte vor allem im ersten Aspekt offensichtlich sein: Dadurch, dass die Kamera Gefühle fokussiert, fokussiert sie praktisch automatisch das Innenleben der Figuren. Dies erlaubt für Geschichten, die weitaus stärker Charakterfokussiert sind. Da die allermeisten Geschichten charaktergetrieben sind, also die Handlung dadurch weitergetrieben wird, dass Figuren Entscheidungen treffen, sorgt dies für einen besseren Spannungsbogen.

Doch auch die Tatsache, dass die Figuren den Blick erwidern, hilft, eine engere Bindung zu den Figuren aufzubauen. Denn tatsächlich hilft es, der Objektifizierung der Figuren entgegenzuwirken – es lässt damit die Figuren im Kopf der Zuschauenden menschlicher erscheinen. Auch dies hilft der Identifikation und damit der Spannung.

Einzig der letzte Aspekt hilft nicht wirklich, die Spannung aufzubauen, ist allerdings ein wichtiger Schritt, mit dem wir uns unterbewusst mit der Objektifizierung auseinandersetzen können.

Das Geschlecht des Regisseurs

Machen wir an dieser Stelle eine Sache deutlich: Das Geschlecht des Regiemenschen sagt nichts darüber aus, ob si*er den Male Gaze oder den Feminine Gaze verwendet. Prinzipiell findet man den Feminine Gaze häufiger bei weiblichen Regisseurinnen und bei trans Regisseuren, doch schließt es nicht aus, dass Männer den Feminine Gaze verwenden.

Ein recht bekanntes Beispiel eines männlichen Regisseurs, der in seinen neueren Filmen den Feminine Gaze verwendet, ist Rian Johnson, der Regisseur von Knives Out und Star Wars: The Last Jedi. Dies mag beispielsweise auch ein weiterer Grund dafür sein, dass The Last Jedi für so viel Gegenwind gesorgt hat: Die Perspektive war für viele ungewohnt.

Eine sehr bekannte weibliche Regisseurin, die in den meisten ihrer älteren Filme den Male Gaze verwendet hat, ist Kathrin Bigalow, die Regisseurin einiger Klassiker wie Point Break.

Drei Beispiele

Doch schauen wir uns einmal drei konkrete Beispiele an, in denen der Wechsel vom Male Gaze auf den Feminine Gaze Charaktere oder auch ganze Franchises verändert hat.

Harley Quinn

Ein sehr offensichtliches Beispiel, bei dem ein Wechsel der Gazes stattgefunden hat, ist die Figur von Harley Quinn – ganz allgemein, aber spezifisch auch im DCEU. Denn wer hier Harleys ersten Auftritt in Suicide Squad ansieht, der muss nicht viel von der Materie wissen, um den Male Gaze zu erkennen. Immer wieder wird Harley auf ihre weiblichen Formen reduziert und auch immer wieder in sexy Kleidung und Positionen gezeigt. Davon abgesehen ist sie, obwohl sie eine Hauptfigur ist, arg über ihre Beziehung zum Joker definiert.

Dann aber bekam sie ihren nächsten Auftritt in Birds of Prey, der den wundervollen Untertitel or the fantastic Emancipation of Harley Quinn hatte. Ein Film mit einer weiblichen Regisseurin, die einen Feminine Gaze anwendet. Interessanterweise ist Harley hier oft genau so wenig bekleidet, wie in Suicide Squad, wird allerdings zu keinem Zeitpunkt objektifiziert. Stattdessen wird sie als vollständiger menschlicher Charakter behandelt. Auch bringt der Film Themen auf, die sehr deutlich auf eine weibliche Perspektive deuten.

The Suicide Squad ist in dieser Hinsicht in einer etwas seltsamen Position. Denn auch James Gunn hat sich schon länger vom Male Gaze in seinen deutlichsten Formen abgewandt, ist allerdings noch nicht komplett beim Feminine Gaze angewandt – unter anderem, weil er eben doch meistens Action über Gefühle priorisiert.

Mad Max

Wenn es eine Chance gibt, über Mad Max zu reden, rede ich über Mad Max. Tatsächlich ist auch diese Filmreihe ein wunderbares Beispiel für den Wechsel – und das, obwohl alle drei Filme vom selben Regisseur geschaffen wurden.

Dennoch: Die erste Mad Max Trilogie benutzt zu großen Teilen den Male Gaze. Zwar werden hier wenig weibliche Figuren übermäßig sexualisiert, doch baut der Film eine deutliche Hierarchie zwischen Publikum und Figuren auf. Auch wird Action über Gefühlen priorisiert. Die Ausnahme ist hier beinahe ein wenig der erste Teil, der deutlich mehr auf Figuren und ihre Gefühle fokussiert ist.

Dann aber kommt Mad Max Fury Road, ein Film, der mit dem expliziten Entschluss begann, den Feminine Gaze zu benutzen. Dafür holte sich George Miller tatkräftige Unterstützung von seiner Frau, die auch Hauptverantwortliche für den finalen Schnitt des Films war. In Fury Road sehen wir alle Aspekte des Feminine Gaze, wie Soloway ihn definiert hat, gezeigt. Obwohl der Film viel Action hat, werden immer wieder die Figuren und ihr Innenleben in den Fokus gerückt. Es gibt diverse Szenen, in denen die Figuren direkt in die Kamera schauen. Und auch das Thema, wie es ist, als Objekt betrachtet zu werden, spielt eine sehr zentrale Rolle in diesem Film.

WandaVision

Ein Franchise, bei dem es tatsächlich sehr schwer ist, einen Feminine Gaze zu finden, ist das MCU. Denn das MCU ist als Franchise durchgeplant und hat ein klares Production Design – und dieses setzt nun einmal den Male Gaze voraus. Während seit Phase 3 weibliche Figuren nicht mehr sexualisiert werden, so ist doch der Rest der Filme eindeutig aufbauend auf dem Male Gaze und das gilt selbst für Filme wie Captain Marvel und Black Widow, die weibliche Regisseurinnen hatten.

Das erste Mal, dass das MCU so wirklich davon abweichen durfte, war in den Serien, die 2021 herauskamen. Direkt die erste Serie – WandaVision – hatte eine weibliche Showrunnerin und dies merkt man deutlich, wenn man die Serie schaut. Diese weicht wohl mehr als irgendein anderes Medium vom üblichen Standard der MCU-Filme ab, vor allem darin, wie sie Gefühle über Action fokussiert. Allerdings nutzt die Serie ihr ungewöhnliches Format auch, um die vierte Wand zu brechen und teilweise sehr deutlich mit den Zuschauenden zu kommunizieren.

Seither haben wir den Feminine Gaze im MCU noch zwei Mal gesehen: Zum einen in Loki, zum anderen in Eternals. Dabei ist Eternals vor allem ungewöhnlich, weil der Film nicht nur einen Feminine Gaze, sondern auch einen Decolonial Gaze verwendet.

Wertung der Geschlechter

An dieser Stelle komme ich zu derselben Frage zurück, die ich bereits im Thema des Male Gaze gestellt habe: Ist es aber nicht irgendwie wertend, es als „Male Gaze“ und „Feminine Gaze“ zu bezeichnen, wenn man den Male Gaze deutlich mehr kritisiert, als das weibliche Gegenstück? Immerhin sagt es ja irgendwie, dass das männliche schlechter sei, als das weibliche. Dabei hat, wie schon gesagt, der Gaze letzten Endes nicht direkt was mit dem Geschlecht des Regiemenschen zu tun.

Eine alternative Bezeichnung für den Male Gaze haben wir das letzte Mal schon gefunden: Der „Patriarchal Gaze“. Immerhin ist das Problem eben die patriarchale Betrachtungsweise, nicht die männliche. Aber wie könnte man den „Feminine Gaze“ anders benennen. Nun, mein Vorschlag wäre es, sich eine Scheibe bei Birds of Prey abzuschneiden: „The Emanzipated Gaze“.

Das wäre zumindest eine Möglichkeit diese Wertung etwas aufzuweichen. Es sei allerdings gesagt: Die Begriffe sind letzten Endes in der Filmtheorie fest verankert – dahingehend habe ich nicht die Möglichkeit, sie zu ändern.

Der Femuary

Ein wenig möchte ich an dieser Stelle dann doch über das kleine Projekt sprechen, dass ich im Januar durchgeführt habe: Der Femuary. Mein Vorsatz: Für den ganzen Januar schaue ich nur Filme von weiblichen Regisseurinnen. Aus eben den bisher ausgeführten Gründen: Es gibt zu wenig Filme dieser Art und wenn es sie gibt, werden sie oftmals zu selten beworben. Und es war eine richtige Herausforderung.

Denn ja, natürlich findet man Filme von weiblichen Regisseurinnen – nur wie viele davon mit eigentlich interessieren war eine andere Frage. Denn ich bin offen und ehrlich: Ich mag Actionfilme am liebsten und genau in dem Genre, das in der Produktion meist sehr teuer ist, gibt es nun einmal wenig Projekte von Regisseurinnen. Dennoch habe ich ein paar gesucht und mich davon abgesehen Genretechnisch etwas herausgefordert.

Was war also mein Ergebnis? Nun, eine Sache die recht deutlich wurde, war, dass eben nicht alle Regisseurinnen den Feminine Gaze benutzen, viele aber doch. Was mir besonders auffiel, war ein sehr anderes Framing intimer Szenen, gegenüber Filmen, die den Male Gaze verwenden. Auch bei den Horror-Filmen, die ich gesehen habe, war ein deutlich anderes Framing bemerkbar.

Generell ist es allerdings sehr schade, wie wenig Filme mit weiblicher Regie es letzten Endes gibt. Ich hoffe, dass es mehr werden. Einen Femuary werde ich nächstes Jahr definitiv wiederholen.

Die anderen Gazes

Zum Abschluss sei noch ein Thema angesprochen, dass ich erst einmal nicht weiter ausführen kann: Aber die Filmtheorie kennt noch andere Gazes – selbst wenn diese oftmals noch ungenauer definiert sind, als der der Feminine Gaze. Diese Gazes waren allerdings etwas, das mir durchaus auch beim Schauen der Filme für den Femuary aufgefallen ist.

  • White Gaze (or Imperial Gaze). Genau so, wie die meisten Filme von Männern gemacht werden, werden auch die meisten Filme von weißen Menschen gemacht. (Wir erinnern uns an #OscarsSoWhite.) Auch diese haben einen sehr bestimmten Gaze, vor allem, wenn sie ihnen fremde Länder oder auch BI_PoC betrachten.
  • Decolonial Gaze. Das kaum erforschte Gegenstück zum White Gaze. Dieses findet man praktisch ausschließlich in Filmen von nicht-weißen Regisseuren oder in Filmen aus nicht mehrheitlich weißen Ländern. Er neigt dazu allen Menschen mehr Menschlichkeit zu geben.
  • Straight Gaze. Genau so gibt es auch den Straight Gaze, also den heterosexuellen Gaze. Auch hier: Es ist kaum definiert. Allerdings sind bekannte Auffälligkeiten davon, dass Männer und Frauen quasi automatisch in Beziehungen landen und dass queere Inhalte, wenn sie denn vorkommen, häufig übermäßig sexualisiert werden.
  • Queer Gaze. Erneut: Wenig erforscht, aber die Wachowski-Schwestern benutzen ihn stark, wie übrigens auch Schumacher. Es ist ein Gaze, der Queerness deutlich stärker normalisiert.

Aus eigener Erfahrung, speziell aus dem Femuary habe ich übrigens auch gut Lust, einen „Rich Gaze“ zu definieren – denn tatsächlich haben überraschend viele Filme einen erstaunlich normativen Blick auf unglaubliches Reichtum, während Armut komplett fremd dargestellt wird.

Fazit

Obwohl das Konzept des Female oder Feminine Gaze bereits in demselben Aufsatz vermutet wurde, der auch den Male Gaze erstmalig benannt hat, hat es einige Jahre gebraucht, um diesen tatsächlich zu definieren. Mit einer konkreten Definition konnte erst Joe Soloway Anfang der 2010er Jahre aufwarten.

Soloway definierte den Feminine Gaze über drei Merkmale: Eine fühlende Kamera, einen erwiderten Blick und einen dargestellten Blick. Das heißt: Gefühle werden über Handlungen priorisiert, Figuren schauen direkt in die Kamera und sprechen auch darüber, wie es ist, beobachtet und objektifiziert zu werden.

Dennoch ist es weiterhin so, dass weibliche Regisseurinnen (geschweige denn Regisseur*innen nicht-binärer Geschlechter) noch immer weit seltener die Chance kriegen, ihre eigenen Filme umzusetzen. Das sollte sich ändern.