Das Maskeraden-Paradox

Heute reden wir noch einmal über Urban Fantasy – und im spezifischen um ein Konzept, das ich bereits in meiner Urban Fantasy Weltenbau Reihe angesprochen habe: Die Maskerade. Im spezifischen reden wir über das Maskeraden-Paradoxon. Was das ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Die Maskerade

In diesem Weblog haben wir bereits vor zwei Jahren schon einmal über die Maskerade gesprochen. Um es für alle, die es nicht mehr im Kopf haben und nicht nachlesen wollen, einmal kurz zusammenfassen: Das Konzept der Maskerade kommt aus der Rollenspiel-Welt von „Vampire the Masquerade“, das dieses Konzept bereits im Namen hat.

In der Spielewelt sind Vampire und andere Wesen dazu angehalten, die „Maskerade einzuhalten“. Das Bedeuten, dass sie ihre Existenz vor Menschen geheimhalten sollen. Sprich: Keine Kräfte vor Menschen einsetze, keine nicht-menschliche Fassade zeigen, keine Magie offen zeigen usw. Menschen dürfen von der Existenz der Magie und magischer Wesen nichts erfahren.

Das Konzept wird in Urban Fantasy häufig so kopiert. Aus dem einfachen Grund, dass man so eine Welt haben kann, die wie unsere ist – nur, dass eben magische Wesen unter Geheimhaltung existieren, was für die Welt als ganze jedoch keinen Unterschied macht. Es könnte also einfach unsere Welt sein. Wer kann schon sagen, ob in unserer Welt eine geheimgehaltene magische Gemeinschaft existiert.

Das Paradoxon

Damit kommen wir aber zu dem Paradoxon, den das ganze mit sich bringt: Warum hält die magische Gesellschaft das eigentlich geheim? Immerhin ist diese Geheimhaltung gerade in einer modernen Welt, wo jeder Mensch eine hochauflösende Kamera in seiner Hosentasche mit sich herumträgt ziemlich viel Aufwand, wenn es überhaupt möglich ist.

Das wird dadurch verschlimmert, dass es häufig keinen Sinn ergibt, dass sie es geheimhalten. Immerhin ist Magie so viel mächtiger, als das was nicht-magische Menschen dem Ganzen entgegen zu setzen haben. Teilweise sind Magier*innen allein schon auf dem Level von niederen Gottheiten, was ihre Mächte angeht, wieso halten sie es also geheim?

Gerade die Mischung aus diesen beiden Punkten macht es schwierig: Es ist aufwendig, Magie geheim zu halten (oder sollte logisch gesehen zumindest aufwendig sein), aber gleichzeitig ist nicht ersichtlich, was genau der Vorteil oder die Notwendigkeit dieser Geheimhaltung sein sollte. Genau das ist das Paradoxon.

Erklärungsversuche

Natürlich haben im Laufe der zeit verschiedene Urban Fantasy Welten unterschiedlichste Begründungen produziert, warum diese Geheimhaltung nun doch notwendig ist oder wie diese so unkompliziert gemacht wird, dass sie eben kein Aufwand ist (oder es sogar größerer Aufwand wäre, die Maskerade zu brechen).

Im folgenden habe ich einmal ein paar dieser üblichen Begründungen zusammengetragen.

Vorurteile

Wohl mit eine der häufigsten Begründungen ist recht einfach: Nicht-magische Menschen haben Vorurteile gegen Magie und haben in der Vergangenheit bereits gewalttätig gegen Magier*innen und andere magische Wesen agiert. Häufig werden hier die Hexenverbrennungen als Beispiel heran gezogen.

Dies ist eine valide Grunderklärung – allerdings nur solange, wie die Magie und allgemein die magischen Wesen der Welt nicht zu mächtig sind. Denn genau dann wird es zweifelhaft, dass ihnen die Menschen etwas anhaben können, geschweige denn, dass die Menschen zur Zeit der Hexenverbrennungen ihnen wirklich etwas anhaben konnten.

Das wohl jämmerlichste Beispiel hierfür ist Harry Potter, das im selben Atemzug, in dem die Hexenverbrennungen genannt werden, diese direkt damit entkräftet, dass bei diesen selten wirklich Hexen oder Zauberer verbrannt wurden und wenn diesen dabei nicht wirklich etwas passiert ist. Also wieso war es ein Grund zur Geheimhaltung der Magie?

Nummerischer Nachteil

In vielen Welten, die mit derselben Grundannahme arbeiten (also „normale Menschen haben Vorurteile gegen Magie oder könnten Vorurteile haben“), wird als Begründung, warum die Menschen den mächtigen magischen Wesen gefährlich sein sollten, genannt, dass die Menschen einfach in der Überzahl sind.

Tatsächlich macht dies sogar Sinn. In den wenigsten Urban Fantasy Welten machen magische Wesen mehr als 1% der Weltbevölkerung aus – häufig ist es noch weniger. Sprich: In vielen Fällen kommen auf jedes magische Wesen 1000, 10 000 oder sogar noch mehr Menschen. Die Menschen sind also durchaus im Vorteil.

Das heißt, sofern die magischen Wesen nicht mit absoluter Sicherheit durch hunderte, teilweise bewaffnete Menschen flügen können, haben sie einfach nicht die Chance einen etwaigen Krieg gegen Menschen zu gewinnen.

Muggle können es besser

Eine Alternative zu „Wir sind in der Unterzahl“ oder häufig auch eine Ergänzung dazu ist: Normalmenschliche Technik ist den magischen Mitteln überlegen. Frei nach dem Motto: „Ja, Magie kann viel erreichen, aber wenn die Menschen eine Atombombe auf uns drauf werfen, sind wir trotzdem gearscht.“

Natürlich muss es nicht ganz so drastisch sein, aber prinzipiell darf man nicht vergessen, dass Schusswaffen auch verdammt mächtig sein können und eben auch gegenüber Magie und magischen Wesen effektiv sein können. Das gilt umso mehr dann, wenn Magie zum Einsatz Vorbereitung und Konzentration braucht, während der Soldat mit der Schusswaffe einfach nur den Abzug drücken muss.

Bei dieser Variante muss allerdings darauf geachtet werden, dass Magie wirklich nicht zu mächtig ist, so dass man diese Gefahr glaubwürdig verkaufen kann.

Die Welt ist noch nicht bereit

Die vierte Begründung baut häufig darauf auf, dass es prinzipiell keinen Grund gäbe, warum nicht-magische Menschen nicht auch Magie lernen oder zumindest in irgendeiner Form benutzen könnten. Zumindest könnten Menschen, wenn sie davon wüssten, auf irgendeine Form Kräfte bekommen und diese nutzen. Dabei sind die Magier*innen sich sicher, dass die Menschheit dafür einfach nicht bereit ist.

Eventuell wird gefürchtet, was Menschen Magie missbrauchen würden oder dass mit Magie ein Krieg angefangen würde. Je nachdem, was für negative Konsequenzen der Einsatz von Magie hätte (in manchen Welten nutzt Magie bspw. Energie aus der Umwelt) kann auch das ein Grund dafür sein, Menschen von Magie fernhalten zu wollen.

Allerdings sollte in solchen Geschichten auch abgewogen werden, was für mögliche positive Folgen es haben könnte, Magie den Menschen zu geben. Ein Klassiker wäre hier, dass Magie unheilbare Krankheiten heilen kann, oder dass Magie helfen könnte, die zerstörte Umwelt zu reparieren. Entsprechend funktioniert dieses Argument nur dann, wenn diese Punkte entkräftigt werden können.

Automatische Zensur

Dann kommen wir noch zu der Lösung, die ich auch in meinem alten Beitrag zur Maskerade angesprochen habe. Diese ist tatsächlich eine in sich kohärente Lösung (vielleicht die einzige davon), allerdings auch so ziemlich die faulste Version mit dem Thema umzugehen: Normale Menschen können Magie einfach nicht wahrnehmen.

Anders gesagt: Es gibt einfach irgendetwas – sei es eine magische Macht oder eine inhärente Eigenschaft normaler Menschen – was verhindert, dass diese Magie sehen und verstehen können. Vielleicht sehen sie etwas anderes (bspw. statt einem Monster ein durchgedrehtes Tier oder statt Zauberstäben Pistolen), vielleicht ist alles magische für sie sogar komplett unsichtbar.

Bei dieser Variante muss man wenig weiter erklären. Eventuell macht es noch Sinn, dass man erklärt, woher diese Zensur kommt, aber selbst das ist nicht verpflichtend.

Was an dieser Variante allerdings schade ist, dass sie sämtliche Gefahr „entdeckt zu werden“ herausnimmt. Außerdem nimmt es die Möglichkeit aus der Geschichte fast komplett heraus, die Maskerade später absichtlich zu brechen.

Maskeraden-Verteidiger

Eine letzte Begründung kann sein, dass es irgendeine Gruppe innerhalb der magischen Welt gibt, die versucht, die Maskerade mit allen Mitteln versucht aufzuhalten. Diese Gruppe kann durch irgendwelche der oben genannten Gründe motiviert sein oder noch ganz andere Interessen dahinter haben, aber sie schrecken vor keinen Mitteln zurück.

Das heißt, sie sind häufig auch bereit zu morden – sei es die magischen Wesen, die die Maskerade gebrochen haben, als auch die normalen Menschen, die diesen Bruch irgendwie bemerkt haben. Häufig haben diese Organisationen auch Regierungen unterwandert oder in der modernen Welt auch die Tech-Firmen, um so das Internet entsprechend kontrollieren zu können.

In Fällen, wo solche Maskeraden-Verteidiger*innen existieren, wäre es auch interessant zu wissen, wie die normale magische Bevölkerung darüber denkt. Gibt es Strömungen, die das System abschaffen wollen oder vielleicht dagegen rebellieren? Oder sind alle irgendwie damit einverstanden? Wenn ja: Warum?

Geht es auch ohne Maskerade?

Natürlich müssen wir uns in diesem Kontext auch fragen, ob es eigentlich wirklich eine Maskerade in der Welt braucht. Immerhin gibt es auch mehrere Urban Fantasy Romane und Reihen, die komplett auf die Maskerade verzichten. Entweder hat es sie nie gegeben oder sie ist vor einiger Zeit gefallen.

Mit Geschichten, die sich mit dieser Art von Weltenbau beschäftigen, werden wir uns im Januar dann befassen.

Fazit

Die Maskerade ist in vielen Urban Fantasy Welten eine Grundannahme. Die meiste Urban Fantasy baut auf der Geheimhaltung der magischen Gesellschaft auf. Gleichzeitig macht es in vielen Welten keinen Sinn, dass es diese Geheimhaltung gibt, weil Magie eine sehr mächtige Waffe sein kann.

Dennoch wird in vielen Welten die Geheimhaltung damit begründet, dass sich die magische Gesellschaft vor den nicht-magischen Menschen fürchtet. Meistens wird damit argumentiert, dass es zu einer erneuten Hexenverfolgung kommen könnte. Gleichzeitig werden in vielen Fällen auch die Tatsache, dass Menschen den zahlenmäßigen oder auch den technologischen Vorteil auf ihrer Seite haben.

Wie viel Sinn diese Begründungen ergeben, kommt auf die Welt an. In jedem Fall ist diese Frage eine, mit der sich Urban Fantasy Autor*innen durchaus auseinander setzen sollten. Denn auch wenn Urban Fantasy Lesende meistens bereit sind, sich dennoch auf die Welt einzulassen, so kann es nicht schaden, eine vernünftige Erklärung zu bieten.


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