Solarpunk – Einführung in ein junges Genre

Ich habe dieses Jahr schon ein wenig über Solarpunk im Weblog gesprochen – und darüber, warum wir mehr Solarpunk statt ständig nur Cyberpunk brauchen. Lasst uns das Thema heute ein wenig vertiefen und uns etwas weiter mit Solarpunk auseinandersetzen.

Lasst uns über Solarpunk reden

Auf Twitter habe ich mich dieses Jahr aus versehen irgendwie ins Zentrum einer Bewegung gebracht, ohne es so richtig zu beabsichtigen. Eigentlich wollte ich nur einen kleinen Thread über Solarpunk machen, aber dieser war mein mit Abstand am weitesten verbreiteter Thread auf Twitter und hat das Thema Solarpunk vielen Menschen im deutschen Raum zum ersten Mal wirklich nahe gebracht.

Deswegen habe ich mir gedacht, ich weite das Thema hier im Weblog ein wenig aus und stelle euch Solarpunk noch etwas weiter vor. Denn bei einer Sache bleibe ich, die ich dieses Jahr schon mehrfach geschrieben habe: Wir brauchen mehr Solarpunk. Und um mehr Solarpunk zu bekommen, müssen wir Solarpunk bekannter machen.

Daher lasst uns über Solarpunk reden: Darüber, was Solarpunk überhaupt ist, darüber, was Solarpunk ausmacht, darüber wie Solarpunk zustande gekommen ist und in welchen Formen es sich aktuell zeigt.

Was ist Solarpunk?

Die Frage „Was ist Solarpunk“ lässt sich einfach und kompliziert beantworten. Einfach habe ich sie schon mehrfach beantwortet, zum Beispiel in meinem Artikel über die Punk-Genre oder eben den genannten Artikel, warum wir mehr Solarpunk statt Cyberpunk brauchen. Doch beide Antworten sind ein wenig kurz gegriffen.

Denn ja, prinzipiell stimmt, was ich schreibe: Solarpunk ist in erster Linie ein Genre. Und zwar ein Genre, dass sich ein wenig als Anti-Cyberpunk positioniert hat. Statt einer zerstörten, übertechnologischen Welt, die eine kapitalistische Dystopie darstellt, ist Solarpunk eine Utopie, in der Mensch und Natur in Einklang leben. Meistens sind Solarpunk-Welten nicht länger kapitalistisch. Es gibt häufig technologischen Fortschritt, aber in Einklang mit der Umwelt.

Allerdings ist Solarpunk mehr als das. Solarpunk ist eine Bewegung, die sich auch in der realen Welt fortsetzt. Solarpunk ist Aktivismus. Solarpunk ist eben genau, was in dem Namen steckt: Punk. Es ist eine Gegenbewegung zur aktuellen Gesellschaft, die aus verschiedenen Formen des Aktivismus, aus Mutual Aid und radikalen Gartenprojekten besteht.

Anders gesagt: Solarpunk ist viele Dinge – und genau damit unglaublich wichtig für die Welt.

Die Geschichte von Solarpunk

Solarpunk ist sowohl als Genre, als auch als Bewegung noch sehr jung. Zwar gibt es verschiedene Romane, die im Nachhinein Solarpunk zugeordnet werden können (bspw. „The Dispossessed“ von Ursula K. Le Guin), da sie inhaltlich viele solarpunkige Ideen verwenden, doch wurden sie damals nicht unter dem Namen geschrieben. Allgemein gibt es allerdings aus der Zeit des New Weird mehrere Romane, die wenigstens die Grundlage stellen – gemeinsam natürlich mit den Filmen von Hayao Miyazaki.

Es gab bereits Anfang der 2000er den Begriff Ecopunk, der mehrfach durch die Gegend geworfen wurde, und inhaltlich effektiv in dieselbe Richtung geht wie Solarpunk. Die wahrscheinlich erste Erwähnung von Solarpunk als Begriff kam jedoch 2008 in dem Weblog „The Republic of Bees“ der einen Essay unter dem Titel: „From Steampunk to Solarpunk“ schrieb. Von da an wurde der Begriff vermehrt aufgegriffen.

2012 kam dann in Brasilien eine Anthologie heraus mit dem Titel: Solarpunk: Histórias ecológicas e fantásticas em um mundo sustentável (Solarpunk: Ökologische und Fantastische Geschichten aus einer nachhaltigen Welt). Diese Anthologie sollte viele Grundlagen des Genre auf Dauer mitformen.

2014 begann ein Blog auf tumblr Solarpunk-Artworks und Solarpunk-Aesthetics zu posten. Dies half das Genre innerhalb der tumblr-Crowd bekannter zu machen – was damals, vor dem großen tumblr-Exit natürlich noch weit mehr Menschen waren, es es heute wären. So kam es dann auch, das in den kommenden Jahren ein paar mehr Bücher – vor allem Anthologien – mit dem Solarpunk-Thema herauskamen.

Schließlich kam 2019 das Solarpunk-Manifesto heraus – auf das wir gleich zurückkommen –, in dem viele der Grundlagen von sowohl dem Genre, als auch der Bewegung definiert wurden.

Solarpunk als Genre

Schauen wir uns also noch einmal Solarpunk als Genre an. Dies ist zugegebenermaßen gar nicht so leicht, da das Genre eben noch so jung ist, dass es wenig Romane gibt, die spezifisch als Solarpunk-Romane geschrieben wurden – von anderen Medien einmal ganz zu schweigen. Nennenswerte filmische Vertreter gibt es kaum.

Solarpunk als Genre kann viele Dinge sein, aber im Zentrum steht, dass es in einer Welt spielt, in der Menschen mit der Umwelt weitaus besser im Einklang leben, als in der Realität. Das heißt, es gibt Strom aus Erneuerbaren Energien, die teilweise auf bekannte, teilweise aber auch auf komplett neue Arten gewonnen werden. Auch gibt es einfach weitaus weniger Umweltzerstörung. Dabei kann es sich um eine Science Fiction Welt handeln, aber auch eine Fantasy-Welt, die unter diesen Grundlagen arbeitet, ist denkbar.

In seiner Reinform spielt Solarpunk dabei in einer Utopie, die post-kapitalistisch und post-hierarchisch ist. Allerdings gibt es auch genug Geschichten, die auf die eine oder andere Komponente verzichten, um ein paar mehr Möglichkeiten haben, Konflikte in der Geschichte zu ermöglichen.

Da Solarpunk auch einen großen dekolonialen Aspekt hat, gibt es übrigens häufig Überschneidungen mit Afrofuturismus – sowohl in die eine, als auch die andere Richtung. So kommt es bspw. auch, dass der Marvel-Film Black Panther viele Solarpunk-Elemente aufweisen kann.

Solarpunk als Aktivismus

Wie schon gesagt, hat Solarpunk allerdings auch einen Aktivismus-Aspekt. Dieser kann verschiedene Formen annehmen. Um mit etwas ganz bekannten anzufangen: Es lässt sich durchaus argumentieren, dass die Fridays for Future Bewegung sehr viele solarpunkige Aspekte hat, stehen sie mittlerweile doch nicht nur für das verstärkte Einführen von erneuerbaren Energien, sondern auch für Anti-Kapitalismus und Anti-Kolonialismus.

Eine weitere Form von Solarpunk-Aktivismus bezieht sich allerdings auch auf die Organisation in lokalen Gemeinschaften (bspw. Nachbarschaftsgemeinschaften), um zum Beispiel gemeinsam auch in urbanen Gegenden Gärten zu organisieren oder gar Gartenwälder, in denen gemeinsam verschiedene Formen von Lebensmitteln angebaut werden können, um sich so innerhalb der Gemeinschaft selbst zu versorgen. Auch Guerrilla Gardening, bei dem auf öffentlichen Flächen Gärten angelegt werden, gehört dazu.

Da Solarpunk auch einen großen anarchischen Aspekt hat, gehört beispielsweise auch Mutual Aid, also gegenseitige Hilfe zum Solarpunk-Aktivismus mit dazu. Sprich: Man hilft einander kostenlos, wenn es Probleme gibt. Man kocht miteinander, hilft einander bei Umzügen und dergleichen – was man halt eben selbst bieten kann. Dabei gilt immer: „Jeder anhand seiner Fähigkeiten. Jedem das, was er benötigt.“

Das Solarpunk-Manifest

Wie bereits gesagt, wurde 2019 das erste Solarpunk-Manifest veröffentlicht. Dieses stellt sowohl die Grundlagen des Genre, aber auch die Ziele der Bewegung klar. Deswegen möchte ich es hier mit einbeziehen – die folgende Übersetzung ist von der offiziellen Seite übernommen und wurde von Martin Schweizer angefertigt:

  1. Wir sind Solarpunks, weil uns der Optimismus genommen wurde und wir versuchen, ihn wieder zu erlangen.
  1. Wir sind Solarpunks, weil die einzigen anderen Optionen Verleugnung oder Verzweiflung wären.
  2. Im Kern ist Solarpunk eine Zukunftsvision, die das Beste verkörpert, was die Menschheit erreichen kann: Eine post-knappe, posthierarchische, postkapitalistische Welt, in der sich die Menschheit als Teil der Natur versteht und saubere Energie fossile Brennstoffe ersetzt.
  3. Beim „Punk“ im Solarpunk geht es um Rebellion, Gegenkultur, Postkapitalismus, Dekolonialismus und Begeisterung. Es geht darum, in eine andere Richtung zu gehen als der Mainstream, der immer mehr in eine beängstigende Richtung geht.
  4. Solarpunk ist ebenso eine Bewegung wie ein Genre: Es geht nicht nur um die Geschichten, sondern auch darum, wie wir dorthin gelangen können.
  5. Solarpunk verfolgt eine Vielzahl von Taktiken: Es gibt keinen einzigen richtigen Weg, um Solarpunk zu machen. Stattdessen übernehmen verschiedene Gemeinschaften aus der ganzen Welt den Namen und die Ideen und bauen kleine Nester der sich selbst tragenden Revolution.
  6. Solarpunk bietet eine wertvolle neue Perspektive, ein Paradigma und ein Vokabular, um eine mögliche Zukunft zu beschreiben. Anstatt Retrofuturismus zu glorifizieren, blickt Solarpunk vollständig in die Zukunft. Keine alternative Zukunft, sondern eine mögliche Zukunft.
  7. Unser Futurismus ist nicht nihilistisch wie Cyberpunk und vermeidet die potenziell quasi-reaktionären Tendenzen von Steampunk: Es geht um Einfallsreichtum, Generativität, Unabhängigkeit und Gemeinschaft.
  8. Solarpunk betont ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit.
  9. Bei Solarpunk geht es darum, Wege zu finden, das Leben für uns jetzt und auch für die Generationen, die uns folgen, schöner zu machen.
  10. Unsere Zukunft muss die Umnutzung und Schaffung neuer Dinge aus dem, was wir bereits haben, beinhalten.
  11. Solarpunk erkennt den historischen Einfluss an, den Politik und Science-Fiction aufeinander hatten.
  12. Solarpunk erkennt Science-Fiction nicht nur als Unterhaltung, sondern als eine Form des Aktivismus.
  13. Solarpunk will den Szenarien einer sterbenden Erde, einer unüberwindlichen Kluft zwischen Arm und Reich und einer von Konzernen kontrollierten Gesellschaft entgegentreten. Nicht in Hunderten von Jahren, sondern in einer nahen bis mittleren Zukunft.
  14. Solarpunk ist Teil einer jungen „Maker-Kultur“ mit dem Ziel, lokalen Lösungen, lokalen Energienetzen und Möglichkeiten, autonom funktionierende Systeme zu schaffen. Es geht darum, die Welt zu lieben.
  15. Die Solarpunk-Kultur umfasst alle Kulturen, Religionen, Fähigkeiten, Geschlechter, Geschlechter und sexuelle Identitäten.
  16. Solarpunk ist die Idee, dass die Menschheit eine soziale Evolution erreicht hat, die nicht nur bloße Toleranz umfasst, sondern auch ein umfassenderes Mitgefühl und Akzeptanz.
  17. Die visuelle Ästhetik von Solarpunk ist offen und entwickelt sich weiter. Zur Zeit ist es ein Mash-up aus Folgendem:
    1. 1800er Zeitalter der Grosssegler / Grenzwohnens (aber mit mehr Fahrrädern)
    2. Kreative Wiederverwendung bestehender Infrastruktur (mal postapokalyptisch, mal gegenwarts-komisch)
    3. Angepasste Technologie
    4. Jugendstil
    5. Hayao Miyazaki
    6. Innovation im Jugaad-Stil aus der nicht-westlichen Welt
    7. Hightech-Backends mit einfachen, eleganten Outputs
  18. Solarpunk spielt in einer Zukunft, die nach den Prinzipien des New Urbanism oder New Pedestrianism und der ökologischen Nachhaltigkeit gebaut wurde.
  19. Solarpunk stellt sich eine gebaute Umgebung vor, die unter anderem unter Verwendung verschiedener Technologien kreativ für den Solargewinn angepasst wurde. Ziel ist die Förderung der Selbstversorgung und des Lebens innerhalb der natürlichen Grenzen.
  20. In Solarpunk haben wir uns gerade rechtzeitig zurückgezogen, um die langsame Zerstörung unseres Planeten zu stoppen. Wir haben gelernt, die Wissenschaft mit Bedacht einzusetzen, um unsere Lebensbedingungen als Teil unseres Planeten zu verbessern. Wir sind keine Oberherren mehr. Wir sind Betreuer. Wir sind Gärtner.
  21. Solarpunk:
    1. ist vielfältig.
    2. lässt Raum für die Koexistenz von Spiritualität und Wissenschaft.
    3. ist schön.
    4. kann stattfinden. Jetzt

Fazit

Solarpunk ist sowohl ein Genre, als auch eine Aktivismus-Bewegung, die sich für eine bewohnbare Welt mit erneuerbaren Energien einsetzt. Sowohl als Genre, als auch als Bewegung ist Solarpunk noch sehr jung, was auch bedeutet, dass es soweit noch relativ wenig dazu gibt. Auf der anderen Seite heißt es aber auch, dass jeder, der jetzt aktiv wird, sich daran beteiligen kann, Solarpunk mitzuformen!

Solarpunk ist wichtig. Denn während viele von uns sich bereits mit unserer dystopischen Zukunft – oder seien wir ehrlich: Unserer dystopischen Gegenwart – abgefunden haben, bringt Solarpunk zumindest einen funken Hoffnung in die Welt zurück. Es kann auch anders gehen. Wir können eine andere Welt haben. Wie diese aussehen kann, das zeigt uns Solarpunk.

Deswegen ist es wichtig, sich mit daran zu beteiligen. Schreibt mehr Solarpunk, lest mehr Solarpunk, fördert Solarpunk-Projekte. Es gibt noch eine gute Zukunft für uns, wir müssen nur bereit sein, für diese zu kämpfen!


Das Beitragsbild stammt von Unsplash.