Zauberschulen A – Z

Es gibt einen Trope, den man gerade in der Fantasy-Jugendliteratur immer wieder findet: Die magische Schule. Dabei können diese magischen Schulen gänzlich unterschiedlich sein. Vielleicht bilden sie ihre Schüler*innen magisch aus, vielleicht sind sie aber auch nur Schulen für magische Schüler*innen, die auf einer normalen Schule zu sehr herausstechen würden.

Die Geschichte der Zauberschule

Mythen und Legenden rund um Schulen, die angeblich Magie unterrichtet haben, gab es wenigstens in Europa schon seit gut tausenden Jahren. Wenn wir bedenken, dass Wissenschaft und Magie lange Zeit nahe beieinander lagen, ist dies wahrscheinlich auch nicht wirklich überraschend. Denn beim ein oder anderen „akademischen“ Beruf in der Antike lernte man Wissenschaft gemeinsam mit der ein oder anderen Zauberformel.

Als Trope in der Literatur tauchte das Konzept jedoch im Rahmen der späten Romantik und auch der Gaslight-Novels auf. In letzteren gab es die „Scholomance“, eine transylvanische Magierakademie, die von diversen Autor*innen in die eigenen Geschichten eingebaut und erwähnt wurde – meistens in Zusammenhang mit Vorurteilen bzgl. des Aberglaubens in Rumänien.

Als der Ursprung für die moderne Zauberschule wird jedoch oft „The Wall around the World“ von Theodore Cogswell anerkannt, das 1953 erschien. Dieses Buch folgt den Abenteuern eines 13jährigen Zauberschülers an einer magischen Schule. Von hier an tauchten alle paar Jahre Zauberschulen in Fantasy-Büchern auf. Sei es in Le Guins Erdsee-Romanen oder in der Kinderbuchreihe „Eine lausige Hexe“ von Jill Murphy.

So richtig beliebt wurde der Trope jedoch mit einer Buchreihe. Ihr wisst alle, wovon ich rede. Denn als in 1997 Harry Potter erschien, war die Zauberschule auf einmal der Handlungsort für magische Kinder- und Jugendbücher. So sehr, dass sie auch immer häufiger Einfluss auf Schulen in Medien abseits des englischen Sprachraums fand.

Nicht-magische Zauberschulen

Von den Zauberschulen abgesehen gibt es natürlich andere „besondere“ Schulen in der Popkultur, die ich hier nicht ganz außen vor lassen will. Das bekannteste Beispiel sind hier wohl die X-Men, von denen die meisten Schüler an „Xavier‘s Institute for the Gifted“ sind oder ehemals waren. Letzten Endes hängt viel mit der idealisierten Idee des Internats zusammen, des Schulabenteuers, das nun einmal am besten geschehen kann, wenn keine Eltern in der Nähe sind.

Dahingehend muss man eben auch sehen, dass oft mit Internaten diese Idee einhergeht, dass es dort mehr Freiheiten gibt – immerhin kommt dort meist ein Erwachsener auf 10 bis 20 Jugendliche. Optimal für Abenteuer, nicht? Dass dies natürlich nur bedingt und bei weitem nicht überall der Realität entspricht tut dem keinen Abbruch. Man denke dahingehend nur an Jugendbuch-Klassiker wie „Hanni & Nanni“, die ebenfalls auf einem Internat angesiedelt sind.

Zauberschulen (und ähnliche paranormale Schulen) sind lediglich eine Erweiterung des Konzeptes um fantastische Elemente. Gibt immerhin noch mehr Möglichkeit, um Abenteuer zu erleben, nicht?

Ziel der magischen Schulen

Was häufig aus einer realistischen Perspektive ein Kritikpunkt an den magischen Schulen sein kann – abgesehen einmal von der Sicherheit, da irgendwie ständig Schüler in tödlichen Gefahren schweben – ist natürlich das Ausbildungsziel. Denn was bei vielen Zauberschulen auffällt, ist, dass sie ein sehr intensives magisches Curriculum haben, jedoch ihre Schüler*innen absolut nicht auf ein normales Leben vorbereiten. Ich habe dazu ja schon im Bereich der Urban Fantasy, in der Zauberschulen am häufigsten zu sein scheinen, geschrieben.

Denn dahingehend haben die Schulen häufig das Problem, dass grundlegende Themen gänzlich übergangen werden. Erdkunde wird selten an magischen Schulen unterrichtet. Umgang mit nicht-magischer Technologie genau so wenig. Selbst magische Politik findet man selten auf dem Stundenplan. Literatur, Sprache und der gleichen ebenso wenig. Natürlich erneut etwas, das mit der Fantasie, die diese Schulen darstellen, zusammenhängt. Denn wäre eine Schule genau so wie eine nicht-magische Schule: Wo wäre der Reiz?

Eine interessante Sache, die sehr, sehr viele magische Schulen gemeinsam haben, sind übrigens die Besenflugstunden. Wann diese angefangen haben, ist schwer zu sagen – meine persönliche Einschätzung ist „Eine lausige Hexe“ – doch seither findet man sie an vielen Zauberschulen wieder.

Die Zauberschule und das Sicherheitsproblem

Eine Sache, die viele Zauberschulen (magisch oder nicht) gemeinsam haben, ist ein kleines „Problem“: Mit der Sicherheit, speziell der Sicherheit der Schüler*innen. Denn gefühlt passiert alle paar Tage etwas, das für die Schüler*innen lebensgefährlich sein kann. Im schlimmsten Fall wird dies sogar als Teil des normalen Unterrichts gesehen. Frei nach dem Motto: „Tödlicher Hindernisparkour? Klar, das ist das Mittwochs-Training.“

Ebenso nicht zu verachten, gerade bei den sehr magischen Schulen, sind die Gefahren des Schulgeländes, das immer mal wieder das ein oder andere Monster beherbergt. Schüler*innen werden oft angehalten, sich von diesen Orten fernzuhalten. Leider sind Schüler*innen beinahe immer Teenager*innen, die gerne ihre Grenzen testen wollen. Insofern sind einfache Verbote oftmals nicht ausreichend und noch weniger zielführend.

Zu guter Letzt sei jedoch das größte Sicherheitsproblem der Zauberschulen genannt: Die in regelmäßigen Abständen stattfindenden Angriffe dunkler Mächte auf die Schuleinrichtung. Dabei kann es variieren, ob besagte dunkle Mächte es auf die Schule selbst, ein oder mehrere Mitglieder des Lehrkörpers oder auf eine*n Schüler*in abgesehen haben. Es bleibt: Dunkle Mächte greifen an und selbst wenn das Ziel ein*e Schüler*in ist, so geraten auch sämtliche andere Schüler*innen schnell in die Schussbahn. Dennoch scheinen sich die wenigsten Eltern dabei etwas zu denken. All das ist ein normaler Teil des „Erwachsenwerdens“, nehme ich an.

Eskapismus für Kinder und Jugendliche

Das Ziel der Zauberschulen in den meisten Büchern ist relativ leicht zu verstehen: In vielen, vielen der Geschichten sind sie ein Eskapismus für die meist junge Zielgruppe. Denn das Internat als solches war immer schon ein beliebter Ansatz dafür. Denn vollkommen unabhängig, wie es an realen Internaten aussieht: Fiktionale Internate lassen den Schüler*innen immer relativ Freiraum, um Unsinn zu machen, auf die Schnauze zu fallen und ab und zu einen Kriminalfall oder ähnliches zu lösen. Dabei ist das Internat eben ein praktisches Setting, da hier das „Erwachsene zu Kinder“ Verhältnis eher Richtung 1 zu 30 tendiert, anstelle von – im Fall eines Einzelkindes – 2 zu 1. Entsprechend sollte ein fehlendes Kind, das gerade ein Abenteuer erlebt, nicht weiter auffallen, oder?

Die magischen Internate sind eben nur die logische Fortsetzung davon, da hier die Leser*innen oftmals nicht nur in eine Welt, in der Kinder mehr Freiheit haben, sondern auch eine Welt mit Magie entführt werden, in der die jungen Held*innen durch magische Fertigkeiten weit mehr erreichen können. Es ist einfach eine perfekte Version des Eskapismus – jedenfalls aus Kinderperspektive heraus. Da es eben viel abbildet, wovon man im jungen Alter so träumt. Denn egal, wie sehr man seine Eltern mag: Ab und an will man doch mehr Freiheiten, mehr auf eigenen Füßen stehen und die Chance sich mal so richtig zu beweisen.

Der Sinn der Zauberschule

Der Eskapismus ist natürlich vornehmlich etwas, das ein großer Aspekt von magischen Schulen in Kinder- und Jugendliteratur ist. Gehen wir in die Erwachsenenliteratur, übernimmt ein magisches Internat diese Rolle nicht stärker, als die allgemeine Welt, in der sie sich befindet. In diesen Fällen ist es zumeist auch so, dass die Zauberschule vor allem dem Weltenbau dient und gleichzeitig Erklärung für die Kräfte der:s Protagonist*in gibt.

Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, warum in diesen Fällen das Curriculum der Schulen etwas mehr Sinn ergibt. Denn sofern die Schulen nicht die Universität ersetzen, setzt sich hier das Curriculum oft aus magischen- und nicht-magischen Fächern zusammen. Es ist hier oft eher Teil des allgemeinen Weltenbaus und wird in diesen dann mit einbezogen.

Ironischerweise ist es allerdings oftmals so, dass man Zauberschulen in Erwachsenenliteratur eher in High Fantasy Settings findet, während die Zauberschulen der Jugendliteratur eher in Urban Fantasy Settings oder zumindest in unserer Welt angesiedelt sind. (Siehe meine Unterscheidung zum Thema Urban Fantasy und Portal Fantasy in diesem Kontext.)

Schlusswort

Kurzum: Entgegen gängiger Meinungen gibt es Zauberschulen nicht erst seit Harry Potter, selbst wenn die Beliebtheit der Serie sicher dazu beigetragen hat, dass Zauberschulen allgemein in den Medien präsenter sind und für eine Weile jede Jugendreihe, die etwas auf sich hielt, irgendwelche magischen Schüler*innen beinhaltete.

Dabei bauen Zauberschulen oftmals nur auf bestehenden Tropes der Schulfiktion auf, speziell der Internatsfiktion. Geschichten, die den Schul- und vor allem den Internatsalltag romantisiert darstellen. Eben als Grundlage für bestimmte Abenteuer. Dies gilt jedenfalls für Geschichten, die sich an eine junge Zielgruppe richten.

In anderen Fällen entstehen Zauberschulen eher aus der Frage, wie Magie in einer bestehenden Welt unterrichtet wird.

Nächste Woche werde ich in diesem Rahmen noch einmal konkret über drei verschiedene Zauberschulen sprechen und darüber, wie ähnlich sich diese in vielerlei Hinsicht doch sind.

Hat euch dieser Beitrag gefallen? Wenn ja, unterstützt mich doch eventuell mit einem Ko-Fi oder über Patreon. und/oder teilt den Artikel mit euren Freunden. Danke! 


Das Beitragsbild stammt von Unsplash