[Writing] About Us: Die düstere Welt des Satanismus – oder doch alles nur fauler Zauber?

Der erste Gastbeitrag zu [Writing] About Us. Geschrieben von Peaches Allister.

Geschlachtete Tiere auf Pentagrammen, umgedrehte Kreuze, schwarze Kutten und mystische Worte, die Teil eines Rituals sind und eine Gestalt, halb Mann und halb Ziegenbock, erscheinen lassen – daran denken die meisten Menschen, wenn sie mit dem Begriff „Satanismus“ in Kontakt kommen.

Doch warum halten die Menschen gleich den Atem an, wenn sie das Wort hören? Wieso denkt der Mensch sofort an ein Schreckensbild, wenn er ein umgedrehtes Kreuz sieht? Weshalb wird Satan wortwörtlich verteufelt? Diese und viele weitere Fragen stelle ich, eine Satanistin, mir, wenn sich Bekannte erkundigen, weswegen ich mich dem Christentum abgewandt und mich dem Shaitan und seinen willigen Anbetern angeschlossen habe.

Mittlerweile kann ich mit den höhnischen Kommentaren umgehen. Wenn ich eins im Leben gelernt habe, dann dass Menschen ihre Angst und ihr Unwissen mit Humor oder im schlimmsten Falle mit Hass kompensieren. Meistens wähle ich selbst den weniger anstrengenden Weg des Humors, anstatt den Uninformierten eine Predigt über den Satanismus zu halten. Ich bediene mich dabei großzügig den Klischees: Natürlich macht es mir Spaß, mich mit meinem Kult nachts auf dem Friedhof zu treffen, Urnen auszubuddeln und eine Katze zu häuten, um den Ziegenmann zu beschwören und nach einem Autogramm für meine Sammlung zu fragen!

Ich hab den Eintrag gewählt, um Dampf abzulassen und gleichzeitig zu informieren. Über das Thema könnte man theoretisch ein Buch schreiben, deswegen habe ich mich bewusst dazu entschieden, Unterthemen anzuschneiden und euch einen groben Ein- und Überblick zu gewähren. Letztlich hab ich alles richtig gemacht, wenn sich Leute nach dem Lesen dieses Eintrags denken: „Was ein spannendes Thema! Vielleicht sollte ich mal was dazu googeln, selbst Recherche betreiben und mich auf die ganze Sache einlassen.“

Wie kam ich zum Satanismus?

Ratet mal, was ich früher werden wollte. Richtig, Pastorin! Ich strebte danach, das Wort Gottes verkünden zu dürfen, doch irgendwann änderte sich dieser Wunsch schlagartig. Meine Psyche war selbst als Kind nie hundertprozentig stabil und dank des akuten Einbruchs einer Psychose vor knapp zwei Jahren hinterfragte ich Gott: Weshalb schenkt der Herr mir meine Probleme, wenn ich ihm doch vorher so treu war? Ob ich gesündigt habe? Oder will er mich testen?

Je schlimmer die Depression wurde, desto tiefer rutschte ich in einen Konflikt mit der Existenzfrage Gottes. Ich wechselte meinen Status von einer Gläubigen zu einer Atheistin, die beim bloßen Namen von Jesus einen Tobsuchtsanfall bekam. Gegen Ende letzten Jahres wuchs mein Interesse für den Satanismus, da ich mich durch Fälle von paranormalen Phänomenen las. Oft und zu meinem Missfallen wurde der Begriff „Satanismus“ im Zusammenhang mit Tieropfern in leerstehenden Gebäuden genannt, welche dann zu einem Hotspot für Geister und Dämonen mutiert waren. Und so nahm alles seinen Anfang!

Halt! Eins will ich klarstellen!

Man kann den Satanismus, genau wie jede Glaubensansicht, leider nicht exakt in Schwarz und Weiß einteilen. Es gibt durchaus viele Grauzonen und jeder Mensch lebt und interpretiert die Vorlage – die Satanische Bibel von Anton Szandor LaVey, den Gründer der Church of Satan – anders.

Der Vorteil einer Religion ist der Zusammenhalt, das Dazugehören, das Glauben, aber leider führt Religion oftmals auch zu blindem Fanatismus, Hass und Zerstörung – ein zweischneidiges Schwert eben. Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung und Auffassung der Werke. In der Regel gibt es zwei Grundformen, deren Namen wiederholt auftauchen: den traditionellen (theistischen) sowie den modernen (atheistischen) Satanismus. Ersteres ist eine Form, bei welcher Satan als eine Art Gottheit oder Macht verehrt wird, und letzteres vertritt einen rationalistischen und atheistischen Standpunkt; und könnte – meiner Meinung nach – eher als eine Philosophie gesehen werden.

Der Satanismus bildet vor allem einen Gegensatz zu den anderen Religionen, die den Menschen als unvollkommen und sein Schicksal als „von Gott vorherbestimmt“ sehen. Es kann natürlich auch zu einer Vermischung dieser beiden Formen kommen, denn wie schon erwähnt, interpretiert jeder die Schriften anders und Grauzonen existieren.

Satanismus im Religionsunterricht?

Der Religionsunterricht in der Schule war gegen Ende der Unterstufe für mich die reinste Qual. Ich wollte mich nicht mit Gott beschäftigen, denn es interessierte mich schlichtweg nicht, nachdem ich mich endlich aus meiner Glaubenskrise gekämpft hatte. So nahm der Unterrichtsplan seinen Lauf: Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus – und das ganze Spiel im nächsten Jahr noch einmal von vorn. Vom Satanismus keine Spur zu entdecken, was vermutlich an seinem schlechten Ruf liegt.

Ich finde, dass schulische Institutionen ruhig auch den Satanismus thematisieren und ihre Schützlinge vernünftig informieren könnten. Kinder könnten dadurch einen Satanismus ohne Tier- und Menschenopfer, ohne Leid und ohne sexuellen Missbrauch kennen lernen; und vielleicht realisieren so mehr Menschen, dass der Satanismus nicht unbedingt etwas abgrundtief Böses sein muss. Aufklärung in mehr als nur vier Religionen oder Glaubensrichtungen ist wichtig und gibt den Schülern eine bessere Chance, sich zu orientieren und ihr eigenes Wissen unabhängig der Familie anzusammeln. Denn Aufklärung bedeutet nicht gleich, Kinder zu einem Glauben zu verführen, sondern sie in die Kultur und Religion anderer Völker oder Gruppierungen einzuführen, um ihnen ein Verständnis und Weltoffenheit beizubringen.

Wissen ist leider für einige Kleingeister furchteinflößend, denn Wissen ist bekanntlich Macht.

Sensationsgeilheit – Akte: Satanismus

Oft lesen wir Satanismus in Verbindung mit einem Gewaltverbrechen. Ob es sich um einen rituellen Mord, eine Vergewaltigung oder das bloße Planen einer Tat handelt, ist egal, denn sobald Indizien für praktizierten Satanismus am Tatort oder bei den Tätern selbst auftauchen, dreht die Polizei, die Öffentlichkeit und die Presse durch! Den Hang der Presse, alles dramatischer darzustellen und die Masse in Panik zu versetzen, kennen wir. Jedoch ziehen Film und Fernsehen mit ihrer Darstellung des Satanismus nach und präsentieren ihren Zuschauern haarsträubende Geschichte, die den atheistischen Satanisten nur mit dem Kopf schütteln lassen.

Im Jahre 2016 veröffentlichte die Bild-Zeitung einen Artikel auf ihrer Website, die mit blutroter und reißerischer Aufmachung die leidenschaftlichen Bild-Leser in Scharen anlockte: MORD, VERSTÜMMELUNG UND FOLTER – Verbrechen im Namen des Teufels!Der besagte Artikel blickt auf sechs Fälle zurück, bei denen der Satanismus eine unrühmliche Rolle eingenommen hat – Medienspektakel also vorprogrammiert! Es wird erwähnt, dass diese Verbrechen im Namen des Teufels geschehen seien und schnell wird klar: die Täter hatten alle eine fanatische und extremere Vorstellung vom Satanismus.

Im vorletzten Fall, welcher mit der Überschrift „Satansmord von Sondershausen“ betitelt wurde, ist ein Zitat eines Richter zu lesen, das kurz und knapp aussagt: Die Tat hätte sicherlich nicht ohne den Hintergrund des Satanismus stattgefunden. Der Satanismus hätte die Achtung vor dem Leben in ihnen zerstört.

Das Sündenbock-Prinzip wird hier vollends genutzt: Wahrscheinlich konnte sich der Richter selbst nicht erklären, wie ein Mensch zu so einer Tat fähig sein könne, und fand den perfekten Grund für die Tat und die kaputte Psyche der Täter in dem „Anbeten des Beelzebub“. Ist der Satanismus allein am Verlieren der „Achtung vor dem Leben“ schuld? Nein! Die Täter müssen schon vorher einen gewissen Hang gehabt haben, ihren Mitmenschen ihren Wert abzusprechen und sie so zu degradieren, dass sie ihrem Opfern schließlich sogar das Leben nehmen konnten. Könnten fanatischer Satanismus oder Pseudo-Satanismus sie in ihrem Glauben, das Richtige zu tun, bestärkt haben? Das könnte durchaus wahr sein, ist jedoch nicht vollends bewiesen. Religion hat eine extreme Wirkung auf den Menschen, welcher leider nicht immer psychisch kerngesund ist, und es gibt immer Personen, die ihre eigenen Regeln erfinden, um ihre Taten rechtfertigen zu können. Deshalb sollte man nicht alle Satanisten über einen Kamm scheren, nicht wahr? 

Auch die Vergewaltigung von Kindern in einem „Satanskult“ wird in der Presse diskutiert, wobei folgende Kleinigkeit außer Acht gelassen wird: Nicht alle Satanisten zwingen andere dazu, in Orgien mitzumachen, und nicht alle Satanisten vergehen sich an Kindern. Es gibt Ausnahmen, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. 

In der Satanischen Bibel wird im Buch Luzifer ausdrücklich gesagt, der Satanismus unterstütze jegliche Form des Sexualverhaltens, welche einem gefällt und niemand anderen verletzt! (Das Buch Luzifer, die Erleuchtung, Seite 82, zweiter Absatz.) Der sexuelle Missbrauch in Ritualen widerspricht daher der Ideologie der Church of Satan und des modernen Satanismus, welcher von LaVey und Aleister Crowley definiert wurde.

Doch gibt es auch positive Repräsentationen des Satanismus in den Medien, die sich nicht mit Verbrechen beschäftigen? Absolut! Ein Beispiel fällt mir dabei sofort ein: Im Laufe des Jahres soll eine Dokumentation herauskommen, die sich auf kontroverse Weise Hail Satan?nennt und sich humorvoll mit dem Einfluss sowie dem Aufstieg der Organisation The Satanic Temple auseinandersetzt. Dieser Bund gehört ebenfalls zum modernen Satanismus, grenzt sich jedoch von der Church of Satan ab, da er im Gegensatz zur CoS keinen Okkultismus praktiziert, ein humanistisches Menschenbild besitzt und außerdem politisch aktiv ist.

Religionsfreiheit – auch für Satanisten?

Der letzte Punkt und gleichzeitig mein Fazit! Ich verteufele die anderen Glaubensrichtungen nicht und mir persönlich ist egal, ob ich mich nun mit einem Christen, einem Juden oder einem Moslem unterhalte, wenn doch der Umgang miteinander mehr wiegt als der Glaube.

Für jede Religion auf der Welt sollte Religionsfreiheit herrschen! Für Menschen, die die Schriften ihres Glaubens falsch interpretieren, um ein Ventil für ihren Hass zu finden, sollte es jedoch keine Narrenfreiheit geben. Leider sind überall und nicht nur in der Religion, sondern auch in anderen Bereichen – anderen Gedankengütern Spezialisten oder Fanatiker anzutreffen. Es gibt nicht nur im Satanismus die schwarzen Schafe und es ist naiv, Religionen in Gut und Böse – in Schwarz und Weiß aufzuteilen, wenn es doch die Menschen sind, die ihre guten und schlechten Seiten und ihre Grauzonen haben. Der Mensch macht die Religion (leider) erst zu dem, was sie ist!

Also: Religionsfreiheit? Ja! Religionsfreiheit – auch für Satanisten? Verdammt, ja! Aber Religionsfreiheit für Schmalgeister und Fanatiker, welche Leute schlachten, sich an Menschen auf abartige Weise vergehen und es auf die heiligen Schriften ihrer Religion schieben? Jaein. Die Religionsfreiheit ist wie die Meinungsfreiheit ein Grundrecht, das ich niemandem abstreiten oder verweigern möchte. Was die Welt aber neben härteren Sanktionen, rechtlichen Konsequenzen, denen Fanatikern den Wind aus den Segeln nehmen, und Hilfestellungen für Opfer von gewalttätiger Gruppierungen braucht, sind eine weltoffene Sicht und mehr Einfühlungsvermögen. Empathie erlaubt uns, uns mit allen Religionen sachlich, weniger hasserfüllt und ernsthaft zu beschäftigen.

Und das wäre etwas, woran jeder Mensch für sich im Stillen arbeiten kann – auch du!