Weltenbau 101: Urban Fantasy – Zwischen Magie und Technik

Fantasy mit einem modernen Setting. Jetzt tun sich einige Möglichkeiten auf. Immerhin bewegt man sich so in einem Setting, in dem es Computer, in dem es moderne Technologie, in dem es sehr viele Möglichkeiten gibt miteinander zu kommunizieren. Leider wird dies nur selten in Urban Fantasy genutzt. 

Von Hexen, Zauberern und Smartphones

Wie viele Bücher habt ihr soweit gelesen, in denen der Protagonist Magie verwenden kann und ein Smartphone besitzt? Ich wette, dass es nicht besonders viele waren. Dann auf irgendeinem Grund tut sich Community noch immer sehr schwer damit beide Aspekte in Bücher einzubringen. Mit einem in meinen Augen großen Nebeneffekt: Viele dieser Geschichten wirken nicht besonders glaubwürdig. 

Egal, wie man selbst dazu zu steht: Die meisten Menschen besitzen mittlerweile ein Smartphone und haben Zugang zum Internet. Dies gilt nicht einmal nur für die westliche Welt – wie wir es gerne bezeichnen, wenn wir von Amerika und Europa sprechen. Es gilt nicht einmal nur für die „reichen“ Länder. Im Gegenteil. Grade auch in ärmeren Ländern hat das Smartphone zu einer deutlichen Lebensverbesserung für viele Menschen geführt. Immerhin gibt es einen Zugang zu Informationen, die man sonst nicht so leicht bekommen kann. Was ich damit sagen möchte: Das Smartphone und die Möglichkeit an Informationen zu kommen gehören zur heutigen Welt einfach dazu. 

Und einmal ehrlich: könntet ihr euer Smartphone verzichten? Und selbst wenn ihr es könntet und wolltet, wie viele andere Leute kennt ihr, die dies ebenfalls so sehen? Und das beginnt das erste Problem. 

Wieso gibt es kein Internet? 

Die meisten Geschichten haben eine von zwei Erklärungen dafür, dass es kein Internet oder keine Smartphones bei ihren Charakteren gibt. Auf diese möchte ich kurz eingehen, bevor wir uns den Gründen widmen, warum viele Autoren es scheuen Internet in ihren Geschichten auftauchen zu lassen. Nun, oder vielmehr meinen Vermutungen dazu. 

Wenn Magie die Technik stört 

Der häufigste Grund, den es gibt, ist dass sich Magie und Technik irgendwie nicht vertragen. Dies wird mal mehr, mal weniger erklärt. Das Ergebnis ist jedoch meistens dasselbe: Zaubert man, während technische Geräte in der Nähe laufen, dann funktionieren diese nicht mehr oder die Magie wird gedämpft. Schlimmstenfalls kann es sogar dazukommen, dass technische Geräte dauerhaft gestört werden und kaputtgehen. Dies hält dann den Magier davon ab ein eigenes Smartphone zu besitzen, da dieses ohnehin nicht besonders lange bei ihm überleben würde. 

Auch an magischen Orten funktionieren die Smartphones und andere moderne technische Geräte nicht. Dies bedeutet auch, dass man an diese Orte nicht einmal ein Gerät mitnehmen kann. In einigen Fällen wird es nicht einmal explizit gesagt, jedoch impliziert. Ein gutes Beispiel wäre hier Harry Potter. Ja, irgendwas scheint in dieser Welt irgendwie Technologie zu stören. Mehr erfahren wir darüber jedoch nicht. Dennoch gibt es an Hogwarts keinen Computer, keinen Fernseher und kein Telefon. Nur Radios funktionieren aus unerklärlichen Gründen. 

Der technophobe Charakter

Eine andere Erklärung, die meist wesentlich weniger Weltenbau erfordert, ist die, dass der Protagonist einfach nicht viel mit Technologie anfangen kann. Vielleicht ist diese ihm gruselig, weil er ohne diese aufgewachsen ist. Vielleicht kommt der aus einer Gegend, in der ist einfach kein Internet gab. Vielleicht hat jedoch auch komplett andere Gründe dafür Technologie zu meiden. Und natürlich kann es auch sein, dass die magische Gesellschaft Technologie versucht schlecht zu machen, um ihre Maskerade aufrechtzuerhalten. Fakt ist einfach: Der Protagonist findet Technologie uninteressant oder verachtet sie – weshalb er nie ein Smartphone oder einen Computer nutzt.

Der Vorteil ohne Technologie 

Auf Technologie zu verzichten, ja, zu sagen dass Technologie nicht funktioniert wenn Zaubersprüche gewebt werden, hat zwei große Vorteile: 

· Mysteries lassen sich schwerer lösen. 

· Die Maskerade ist glaubwürdiger. 

Urban Fantasy Romane sind sehr oft Mystery Geschichten. Dies bedeutet, dass der zentrale Konflikt mit einer Fragestellung zusammenhängt, die der Protagonist im Verlauf des Buches aufklären muss. Diese Fragestellungen können einfach Kriminalfälle sein und sind es auch oft, in anderen Fällen sind es jedoch auch historische Fragen, die sich in der Welt ergeben haben. Hierbei kann es für den Leser auch interessant sein, wenn der Charakter von Ort zu Ort fährt um einzelne Hinweise zu finden, anstatt die Hälfte der Geschichte Dinge über den Computer herauszufinden. Kurzum: Es ist spannender keinen Zugang zum Internet zu haben. 

Und dann ist natürlich noch die Frage nach der Maskerade. Darüber werde ich übernächste Woche auch noch einmal ausführlich sprechen. Doch kurzum: Wieso wurde noch nie ein Video von realen magischen Ereignissen ins Internet gestellt, wenn doch alle Leute ein Handy in der Tasche haben? Immerhin kann nicht jeder Magier verhindern gesehen zu werden und sicher hätte sich nicht jedes magische Wesen daran, dass man es nicht in der Öffentlichkeit sehen darf, oder? 

Beide Probleme kann man umgehen, indem man Technologie komplett aus dem Bild heraus. Aber ist unsere Welt. Noch die moderne Welt, wenn es keine Technologie gibt? Wieso das moderne Setting, wenn man auf die Eigenheiten von diesem verzichtet?

Technologielos ist unrealistisch

Kommen wir zu meinem großen Problem damit: Es ist unrealistisch ein modernes Setting mit modernen Charakteren zu haben, ohne dass Smartphones und Internet eine Rolle spielen. Nehmen wir, wie gesagt, einmal Harry Potter her als Beispiel: Gut, die Bücher spielen in den 90ern, als nicht alle Kinder so technoversiert waren, wie heute.  Aber stellt euch vor, heute würde ein muggelgeborenes Kind seine Hogwartseinladung bekommen und man würde ihm sagen: „Ja, aber Snapchat, Instagram und Co. sind tabu – und deinen MP3 Player und Spielekonsole sind auch nicht nutzbar.“ Ich kenne einige 11Jährige, die da Streiken würden.

Die Sache ist halt: Selbst wenn Technologie und Magie sich nicht vertragen … Menschen sind dafür bekannt erfinderisch zu sein. Sprich: Jemand würde nach einer Lösung suchen und sie finden. Vielleicht gibt es bestimmte Materialien, die „magische Strahlung“ abhalten. Dann baut man daraus eben Hüllen. Denn auch ein*e Magier*in würde zugeben, dass eine digitale Zauberspruch-Datenbank sicher hilfreich wäre.

Ein schönes Beispiel sind hier die „Rivers of London“ Bücher, in denen der Protagonist eben das „Du kannst kein Handy mehr bei dir tragen“ nicht akzeptiert und eine Lösung findet, wie er zaubern und dennoch moderne Technik benutzen kann.

Spannung mittels Technologie

Abseits vom Realismus muss ich jedoch auch eine andere Sache sagen: Man kann auch gerade mit dem Einbauen von Technologie eben neue Spannungsgrundlagen für die Geschichte finden. Denn eine Sache darf man nicht vergessen: Viele potentielle Leser sind auch daran gewöhnt, dass die Technologie ihnen hilft. Frei nach dem Motto: Sicher, wir haben uns alle einmal mit einem Autoatlas in der Wildnis verfahren. Aber wir sind daran gewohnt dem Navi oder GoogleMaps zu vertrauen, dass es uns ans Ziel bringt. Was ist, wenn es uns über seltsam Pfade führt?

Und was ist, wenn man von einem Werwolf angegriffen wird, Hilfe über das Handy herbeirufen will, jedoch das Handy auf einmal seltsame Dinge macht – vielleicht weil jemand um die Maskerade einzuhalten bei Androids eine Sicherung einprogrammiert hat?

Und könnte es nicht auch spannend sein eine Geschichte eben genau darum aufzubauen: Jemand hat ein Video von einer Hexe aufgenommen und das auf YouTube hochgeladen. Was macht die magische Welt nun? Hofft man, dass es für einen Witz gehalten wird? Für einen Hoax? Oder nimmt man aktivere Wege?

Vergesst dabei nicht: Kaum etwas ist so gruselig, wie eine flackernde Lampe auf einer verlassenen Gasse.

Reizfragen

An dieser Stelle lasse ich euch heute wieder ein paar Reizfragen hier, die vielleicht den ein oder anderen ein wenig inspirieren.

  • · Behindern Magie und Technologie in deiner Welt einander? Wenn ja: Welche? Wie? Wieso? Was passiert dann?
  • · Wurde ein Weg gefunden, um Magie und Technologie gemeinsam zu verwenden?
  • · Spielt Technologie im Leben einer magischen Person eine genauso große, kleinere oder größere Rolle, als im Leben einer nicht-magischen Person?
  • · Können magische Personen einige technologische Sachen durch Magie ersetzen? Gab es eventuell bestimmte Dinge, die wir jetzt erst durch Technologie haben (bspw. Navi mit Karte) früher schon magisch?
  • · Gibt es Social Networks für Magier*innen?
  • · Gibt es ein eigenes Wikipedia für die magische Welt? Was ist mit einem digitalen Telefonbuch? Eine Möglichkeit einander zu finden?
  • · Gibt es eine Technologie, die besonders häufig Anwendung in bestimmten magischen Kreisen findet?
  • · Wie stehen verschiedene Gruppen in der magischen Welt zu dem Thema Technik?

Fazit

Wie man vielleicht herauslesen kann: Ja, es ist ein Thema, das mich immer wieder ärgert. Für mich persönlich ist es halt so, dass gerade die Mischung von Technik und Magie den Reiz an Urban Fantasy ausmacht. Man kann Dinge Mischen, die normal selten gemischt werden – halt das moderne Weltbild und Magie. Und genau das finde ich spannend, weshalb ich mich auch bemühe es bei meinen Geschichten einzubringen.

War übrigens einer der seltsamsten Leserkommentare zu Der Schleier der Welt, den wir bekommen haben: „Huh. Eure Protas haben ja eine moderne Kaffeemaschine in ihrer Wohnung. Sowas habe ich in dem Genre noch nie gelesen! Find ich cool!“

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Das Beitragsbild ist von Pixabay