Urban Fantasy Review: Lost Girl

Heute gibt es ein Urban Fantasy Review zu einem Medium, das wir als solches noch nicht hatten: Eine Fernsehserie. Speziell eine Serie mit realen Schauspielern. Um genau zu sein geht es um die kanadische Urban Fantasy Serie „Lost Girl“, die zwischen 2010 und 2015 ausgestrahlt wurde. Warum ausgerechnet um die? Nun, weil es Pride Month ist und die Serie nicht nur queere Figuren, sondern auch eine bisexuelle Protagonistin hat.

Worum geht’s?

Bo ist seit ihrer Jugend auf der Flucht. Wovor genau, das kann sie nicht sagen. Sicher, vor der Polizei. Immerhin hat sie dort, wo sie war, immer einige Leichen zurückgelassen. Warum? Weil ihre Liebe tödlich ist. Als sie 16 war tötete sie ihren damaligen Freund aus Versehen ihren damaligen Freund, als die beiden versuchten Sex zu haben. Wie weiß sie bis heute nicht.

Das alles ändert sich, als sie eine Bartenderin vor einem Vergewaltiger rettet und damit Cops auf ihre Spur bringt. Denn einer der Cops, Dyson, kann die Symptome der Leiche sehr gut einordnen. Der versuchte Vergewaltiger wurde vom Kuss einer Succubus umgebracht. So findet er Bo, die nie wusste, was sie war. Doch damit kommen neue Frage auf sie zu. Denn als Succubus ist sie eine Fae. Und Fae sind in helle und dunkle Fae aufgeteilt und wählen eigentlich zur Volljährigkeit ihre Seite. Also soll sich Bo jetzt entscheiden – dabei weiß sie nichts über die Fae-Welt.

Trotz allen Drucks findet Bo jedoch mit der Hilfe von Kenzi, der Bartenderin, die sie gerettet hat, Dyson, dem Fae-Barbesitzer „Trick“ und der Ärztin Lauren das erste Mal in ihrem Leben so etwas wie ein Zuhause und so etwas wie eine Familie.

Ein paar Eindrücke

Die Serie ist, wie viele Shows ihrer Art, größtenteils relativ episodisch aufgebaut, selbst wenn man in den meisten Episoden etwas neues über die Charaktere und die Welt lernt. Erst in der letzten Staffel gibt es so etwas, wie ein gesamtes Storyarc, das es schafft die episodische Struktur stärker aufzulösen. Sprich: Die Folgen beschäftigen sich wirklich alle mit derselben Story, anstatt in sich stehende Geschichten mit zwei, drei Eröffnungen über einen übergreifenden Plot oder Charakterhintergründe zu bekommen.

Es ist allerdings, was man von einer Serie erwartet, jedenfalls einer Serie, die für das Fernsehen, anstatt für einen Streamingdienst produziert wurde. Insofern ist es nichts, was ich einer Serie negativ anrechnen würde – so auch hier nicht. Zumal viele der einzelnen Folgen wirklich großartig waren.

Ansonsten ist der Weltenbau interessant, die Charaktere zu großen Teilen sehr sympathisch und die Handlung abwechselungsreich. Natürlich merkt man bei einigen Effekten erneut, dass es eine TV-Produktion war, doch es hat selten gestört. Auch die Menge an Informationen, die nach und nach hreinkamen, war deutlich angenehm.

Was „Lost Girl“ ausmacht

Von allem Urban Fantasy Serien, die ich kenne, ist „Lost Girl“ meine liebste. Ein zentraler Grund dafür ist, wie inklusiv es allgemein ist. Nicht perfekt, dahingehend, aber bereits relativ gut. Ich meine, der queere Charakter ist die Protagonistin. Und dabei ist die Serie – auch wenn es in den ersten zwei Folgen nicht so scheint – auch noch sexpositiv.

Denn Bo, als Succubus, ist auf Sex angewiesen. Das bedeutet, dass sie im Verlauf der Serie auch mit einigen Leuten Sex hat und es als etwas tolles dargestellt wird – etwas, das Spaß macht. Erst mit diversen Fae, die sie, als das verlorene „Mädchen“, das so spät erst zu den Fae gefunden hat, eh sehr spannend finden. Später dann auch mit ihren Love Interests: Dyson und Lauren. Dabei wird sogar das Thema „monogam“, „monoamor“, „polygam“, „polyamor“ aufgebracht. Etwas, das mich besonders gefreut hat.

Was für mich allerdings auch großartig war, war Bos Hintergrund, der erst recht spät klar wurde. Bos biologische Eltern sind lange unbekannt. Sie wurde von normalen Menschen adoptiert. In eine hoch konservative und religiöse Kleinstadt in den USA. Als sich dort zeigte, dass sie bisexuell war, hat vor allem ihre Adoptivmutter mit Ablehnung und Feindlichkeit ihr gegenüber reagiert. Dies hat Bo nie aufgearbeitet, weshalb es immer wieder zu einer großen Rolle spielt. Und es ist eine der wenigen Male, dass ich den Umgang einer Show mit dem Thema Kindesmisshandlung loben muss. Es ist glaubhaft rübergebracht!

Die Charaktere

Ein anderer Aspekt, der die Serie für mich auszeichnet, sind die Charaktere. Wie schon gesagt: Bo ist großartig, aber auch Kenzie, ihre normalmenschliche Mitbewohnerin, die sich mit Begeisterung in die magische Welt „entführen lässt“ ist ein großartiger und vor allem sympathischer Charakter.

Ein Charakter, der mich persönlich recht begeistert hat, ist Dyson. Er ist eins der wenigen „Bad Boy“ Beispiele, die ich bisher so kennengelernt habe, die mir tatsächlich sympathisch waren und nachvollziehbar herüberkamen. Doppelt so, da er ein „Bad Boy“ war, aber Bo als sie eine Romanze haben, versucht gut zu behandeln. Ein Grund, warum ich trotz meiner üblichen Tendenz lesbische Paare zu bevorzugen, seine Beziehung zu Bo lieber mochte, als ihre Beziehung mit Lauren. Über diese kann ich als Charakter allerdings kaum sprechen, ohne zu spoilern …

Dann gibt es noch Hale: Eine männliche Sirene und der Partner von Dyson. Er ist auch ein sehr sympathischer, sehr spannender Charakter – vor allem bezüglich seiner Entwicklung in den späteren Staffeln.

Meine Favoriten waren allerdings Fitz, der Fae, der Barbesitzer ist und einige große Geheimnisse verbirgt. Bonuspunkte auch bei ihm für den Diversity Aspekt, den er hineinbringt. Und Vex, einer der dunklen Fae. Bi. Masochistisch. Überaus sarkastisch. Wie kann man ihn nicht lieben?

Die Fae

Ein Kritikpunkt, den ich dennoch eventuell einbringen muss, weil es mir teilweise schon seltsam vorkam: Größtenteils nutzt diese Serie keltische Mythen und keltische Fae. Beinahe alle „Fae der Woche“ entstammen aus dem keltischen Raum, speziell den irisch gälischen Mythen, ab und an gibt es auch etwas aus der nordischen Mythologie. Die bezieht auch Charaktere mit ein, die wirklich auf namenhaften mythischen Figuren aufbauen. Einen Grund dafür, warum diese in einer kanadischen Großstadt rumhängen, gibt es aber nicht wirklich.

Ebenso wirkt es abseits der gälischen Figuren etwas seltsam, was es für Fae gibt und dass diese sich alle als „Fae“ bezeichnen. Dies wird eben vor allem dadurch, dass die gälische oder wenigstens keltische Mythologie so vorherrscht, unterstrichen. Zwar ist es nicht unüblich, dass in Urban Fantasy „Fae“ als ein allgemeiner Begriff, der einiges umfasst, genutzt wird – nur wirkte die einseitige Verteilung hier irritierend. Umso mehr, wenn wir Bo als Succubus dazwischen haben.

Allgemein ist es leider ein Aspekt hier beim Weltenbau, dass ein paar Fragen deutlich offen bleiben oder nur oberflächlich beantwortet werden. Oft wirkt es, als wollte man die Möglichkeit lassen, später noch etwas mit diesen Fragen zu machen.

Fazit

Auch wenn ich jetzt einige Kritikpunkte genannt habe, die größtenteils einfach auf das Format zurückgehen, ist Lost Girl wirklich eine Serie, die ich gerne empfehle! Die Show hat einfach vieles, was mir wichtig ist – allen Dingen voran halt Diversität unter den Figuren und eine sehr sexpositive Ausrichtung.

Von den Urban Fantasy TV Serien, die ich gesehen habe, ist diese Show definitiv mein Favorit. Selbst wenn – in meinen Augen – die Konkurrenz auch nicht sonderlich groß ist. Dennoch: Empfehlung. Schaut euch die Show an.


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