Urban Fantasy – Ein Definitionsversuch

Da wir in diesem Weblog viel über das Fantasy-Subgenre „Urban Fantasy“ reden werden, erschien es mir als ein sinnvoll, erst einmal ein wenig über die Rahmenbedingungen des Genre zu sprechen. Das heißt, über die Definition des Genres, über die Geschichte des Genres und über Tropes und Subtropes im Genre.

Da das etwas viel auf einmal ist, fangen wir heute mit dem ersten Teil an: Dem Versuch, Urban Fantasy als Genre zu definieren – etwas, das bei weitem nicht so leicht ist, wie es erscheint, denn Definitionsansätze gibt es mehrere.

Subgenre oder Genre?

Das Definitionsproblem fängt schon bei einer viel grundlegenderen Frage an: Ist Urban Fantasy ein „Subgenre“ der Fantasy oder ist es ein für sich alleinstehendes Genre, das zwar einige Überschneidungen mit anderer Fantasy hat, jedoch für sich genug Eigenschaften hat, um ein eigenes Genre zu definieren. Argumente wurden für beide Seiten gemacht und vieles hängt davon ab, wie man sowohl Urban Fantasy, als auch das Fantasy-Genre allgemein definiert.

Fakt ist, dass es genug Subgenre in der Urban Fantasy gibt, dass man ein gutes Argument dafür machen kann, dass es ein eigenes Genre ist. Auch, da viele Tropes in der Urban Fantasy sich mehr oder minder stark von den Tropes anderen Subgenres des Fantasy-Literatur unterscheiden. Doch auf der anderen Seite gibt es genug Ähnlichkeiten, um in die Gegenrichtung zu argumentieren.

Definitionen und die Enzyklopädie der Phantastik

Vom eigentlichen Namen her gesehen, wie auch in der ersten Definition des Genres, die ich finden konnte (aus der Enzyklopädie der Phantastik von Grand und Clute), scheint es klar zu sein, dass Urban Fantasy definitiv fantastische, also in irgendeiner Form magische oder unreale Anteile hat und zudem in einem urbanen Kontext spielt. Allerdings gingen Grant und Clute in ihrer Beschreibung noch weiter, indem sie es definierten als:

“[T]exts where fantasy and the mundane world interact, intersect, and interweave throughout a tale which is significantly about a real city.

Also: „Texte, in denen das Fantastische mit der mundanen Welt interagiert, sich überschneidet und verwebt, und die fundamental über eine reale Stadt handeln.“ Ich habe die reale Stadt hervorgehoben, da sich hier die erste Abgrenzung des Genre abzeichnet, an der sich manche Geister scheiden.

Denn ich habe sehr wohl schon Argumente gehört, dass Urban Fantasy nur Fantasy ist, dass in einer Stadt spielt, womit man allerdings problemlos Terry Pratchets Ankh-Morpork Bücher einschließen könnte, die sich allerdings in vielerlei Hinsicht fundamental von dem unterscheiden, was viele unter dem Genre erwarten würden.

Magische Mundanität

Ein weiteres Thema, das diese Definition mit sich bringt, ist das verweben von fantastischen Elementen mit mundanen Aspekten des alltäglichen Lebens. Urban Fantasy vermischt fantastische und reale Elemente, stellt also auch einen Bezug zu einem mundanen Alltag her. Wie dieser aussieht, muss nicht genau definiert sein.

Was allerdings eine weitere Abgenzungsfrage ist, an der sich die Geister scheiden, ist die Abgrenzung von Urban Fantasy zur Contemporary Fantasy. Denn diese ist oft etwas schwerer. Wenn wir diverse bekannte Bücher oder Serien, die als Vertreter des Genres gelten, betrachten, so kommen oftmals zwar Städte vor, dienen aber nicht als Hauptsetting für die Handlung, die manchmal in Kleinstädten angesiedelt ist, manchmal auch ein Roadtrip ist, man denke nur an Gaimans „American Gods“. Oftmals, so könnte man meinen, ist das eine pure Verwechselung von zwei Genre.

Contemporary Fantasy

Contemporary Fantasy beschreibt Fantastik, die in etwa in einer Welt, die der unseren entspricht, und zur Zeit spielt, in der das Buch geschrieben wurde. Was auch heißt, dass gerne diverse Bücher als Contemporary gelten, deren Setting wir heute als historisch sehen würden. Mehr noch: Manche davon haben sogar ein urbanes Setting. Wo würdet ihr in diesem Kontext bspw. Dracula und andere Gaslight-Geschichten einordnen? Klar, als Gaslight, aber sind diese auch Contemporary Fantasy? Sogar Urban Fantasy?

Und um auf die Unterscheidung von modernem Urban Fantasy zu modernem Contemporary Fantasy zurückzukommen: Was ist mit Buffy, das in einer fiktionalen Kleinstadt spielt? Was ist mit Rick Riordans Büchern, die fast immer Roadtrips sind? Was ist mit Büchern, die Portal Fantasy Elemente beinhalten?

Ihr werdet überall verschiedene Meinungen zu diesen Fragen finden. Wie gesagt, die Geister scheitern sich, verwenden verschiedene Definitionen usw. Wenn ihr euch damit auseinandersetzt, werdet ihr verschiedene Definitionen finden, wenn es um diese Randfälle geht.

Unsere Definition

Daher möchte ich auf die Definition eingehen, die wir benutzen werden: Geschichten, die in unserer Welt oder einer zu unseren Welt sehr ähnlichen Welt zu einer mehr oder minder modernen Zeit (grober Zeitrahmen: Von den 1970er an bis in die nahe Zukunft) spielen und mundane Elemente mit dem Fantastischen mischen. Alternative Geschichten zu unserer Welt sind dabei genau so möglich, wie nicht-urbane Handlungsorte. Dabei soll das Setting jedoch zentral mit unserer realen Welt zusammenhängen.

Letzteres dient zur Abgrenzung von Portal Fantasy (also Fantasy in der Charaktere aus unserer Welt in eine magische Welt reisen bzw. zwischen magischen Welten hin und her reisen, wie bspw. in Narnia oder His Dark Materials) oder Geschichten, die im Prinzip Portal Fantasy ähnlich sind (sprich: Wenn eine magische Welt besucht wird und Hauptsetting der Geschichte ist, die nominell in unserer Welt liegt, praktisch gesehen jedoch eine eigene sein könnte, wie es bspw. in Harry Potter oder anderen „magisches Internat“ Geschichten der Fall ist). Das heißt nicht, dass wir nicht auch über diese sprechen werden – nur, dass wir diese nicht zwangsläufig bei Urban Fantasy einordnen würden.

Wie gesagt: Man kann sich über die Definition streiten, doch das ist die Definition, die wir benutzen werden, wenn es darum geht, was in die Urban Fantasy Kategorie unseres Weblogs eingeordnet wird.

Quellen

Für diesen Beitrag habe ich als Quelle und Referenz neben der genannten Enzyklopädie der Phantastik, auch den Artikel Urban Fantasy – A Literature of the Unseen von Stefan Ekman, der 2016 im Journal of the Fantastic in the Arts erschienen ist, genutzt.

Das Beitragsbild wurde von Jeffrey Pfau aufgenommen und auf WikiCommons unter der CC3.0 Lizenz geteilt