Über Privilegien

In den letzten Tagen führte auf Twitter eins zum anderen. Da war ein Gedicht von einem bestimmten bekannten weißen cis Mann, das Vergewaltigung normalisierte, wenn nicht sogar fetischisierte. Da waren Leute, die darüber schrieben und dabei unter anderem auf den Umstand aufmerksam machten, dass der Dichter weiß und cis männlich war, wie auch viele der Leute, die das Gedicht verteidigten. Und dann waren da die Leute, die sich über diese Bezeichnung „weißer cis Mann“ angegriffen fühlten. Diese Leute gibt es immer wieder. Dieser Beitrag ist für sie.

Was ist ein Privileg?

Letzten Endes hat das Beschreiben des „weißen cis Manns“ vor allem mit einer Sache zu tun: Privilegien. Der Duden definiert das Wort „Privileg“ als:

  • Sonderrecht, Sonderregelung
  • Erstrecht, Vergünstigung, Vorrecht, Vorzug, Vorzugsrecht

Anders gesagt: Ein Privileg ist ein Recht oder eine gesonderte Regelung, die einzelnen oder nur einer bestimmten Gruppe zu Gute kommt. Allgemeinhin kann ein Privileg erkauft oder erarbeitet werden. Wer bspw. eine Jahreskarte für einen Freizeitpark hat, hat öfters das Privileg an langen Schlangen vorbeigehen zu können. Aber es gibt eben auch Privilegien, die angeboren sind. Niemand wird anzweifeln, dass Kinder, die in Adelshäuser geboren werden, oder Kinder von Millionär*innen oder gar Milliardär*innen diverse Privilegien haben, die von uns niemand je haben wird.

Aber genau so können auch andere Umstände des eigenen Lebens ein Privileg sein. Ich bin bspw. sehr privilegiert dadurch, dass ich in Deutschland geboren wurde, einem Land, dass in den letzten 30 Jahren im internationalen Verhältnis relativ stabil war und auch mit keinen Hungersnöten oder ähnlichem zu kämpfen hatte und in dem es ein recht stabiles Gesundheits- und Sozialsystem gibt. Dadurch hatte ich bspw. ein leichteres Leben, als jemand, der in eine ähnliche familiäre Situation in China, in Kenia oder auch nur den USA geboren worden wäre.

Genau so bin ich auch dahingehend privilegiert, dass ich weiß bin oder zumindest als weiß gelesen werde (wie gesagt: Ich habe sowohl chinesische, als auch Romani-Vorfahren, man sieht es mir aber nicht an und ich bin auch weiß, also westlich, sozialisiert. Und genau da kommen wir zu dem Problem, was dieser Diskussion zu Grunde liegt: In manchen Fällen liegt ein Privileg genau einer Marginalisierung gegenüber.

Was ist eine Marginalisierung?

Marginalisierung zu erklären, ist etwas komplizierter, als „Privileg“, vor allem da der Begriff eigentlich aus der Literaturwissenschaft kommt und sich darauf bezieht, Dinge (bspw. in einem Buch) für „unwichtig“ zu erklären. Dennoch wird der Begriff in den letzten Jahren vor allem auch im sozial- und politikwissenschaftlichen Kontext verwendet.

An sich behält er dabei seine Bedeutung: Eine marginalisierte (Menschen-)Gruppe wird in der Gesellschaft oder von der Politik für „unwichtig“ erklärt und ins Abseits geschoben. Allerdings geht es im Sozialen eben noch weiter. Denn in vielen Fällen heißt Marginalisierung auch Diskriminierung – mal in Folge der „Unwichtigkeit“, die dafür sorgt, dass bestimmte Mittel einem einfach nicht zur Verfügung stehen und Bedürfnisse nicht auf dieselbe Art befriedigt werden, wie die einer nicht marginalisierten Gruppe, mal durch aktive und bewusste Ausgrenzung und Abwertung.

Marginalisierte Gruppen gibt es viele. Aber gerade in diesem Gespräch geht es vor allem um Marginalisierungen, die nicht veränderbar sind. Das heißt: Das Geschlecht, die Frage ob dieses mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlechtseintrag übereinstimmt, die Sexualität, die Hautfarbe, und die Frage, ob der Körper physisch und der Geist psychisch auf eine bestimmte erwartete Art und Weise funktioniert.

Je weniger man in diesen Fragen mit einer fiktionalen „Norm“ übereinstimmt, desto marginalisierter wird man. Und das macht sich auf verschiedene Arten bemerkbar.

Was Marginalisierung bedeuten kann

Marginalisierung kann kleine und große Folgen haben. Es sind manchmal Dinge, die so „normal“ in unserer Kultur sind, dass wir sie nicht bedenken, und manchmal Dinge, die erstaunlich häufig sind, aber dennoch von den meisten als widerwärtig empfunden werden. Ein paar Beispiele:

  • Mädchen werden marginalisiert dadurch, dass ihnen bestimmte Fähigkeiten abgesprochen werden (wie bspw. mathematisches Verständnis) und dies auch ihre Schulnoten beeinflusst
  • Frauen werden dementsprechend marginalisiert dadurch, dass man von ihnen in bestimmten Berufen schlechtere Leistungen erwartet.
  • Cis Frauen werden auch dadurch marginalisiert, dass bestimmte Erwartungen über ihre Lebensplanung getroffen werden, wie, dass sie bestimmt irgendwann doch einmal ein Kind wollen würden – egal wie sicher sie wissen, dass dies nicht der Fall sein wird.
  • Homosexuelle Menschen werden dadurch marginalisiert, dass sie nicht überall dieselben Rechte haben, wie heterosexuelle Menschen. Sie dürfen bspw. kein Blut spenden und als Paar (in Deutschland) keine Kinder adoptieren.
  • Homosexuelle Menschen werden aber ebenso dadurch marginalisiert, dass bestimmte Annahmen über sie getroffen werden. Bspw., dass sie bestimmte Arten von Sex bevorzugen, sexuell sehr aktiv seien, bestimmte Krankheiten hätten oder ähnliches.
  • Transgeschlechtliche Menschen werden dadurch marginalisiert, dass es für sie oftmals sehr schwer, aufwendig und teuer ist einen sie korrekt beschreibenden Geschlechtseintrag auf ihrem Ausweis zu haben. Geschweige denn auf bestimmten anderen Dokumenten.
  • Transgeschlechtliche Menschen werden auch dadurch marginalisiert, dass sie häufig von anderen Menschen mit falschem Namen und falschem Geschlecht angesprochen werden.
  • Nicht binäre Menschen werden zusätzlich dadurch marginalisiert, dass es nicht einmal zwangsweise überall passende Eintragsmöglichkeiten für sie gibt und dass viele sich weigern, ihre korrekten Pronomen zu benutzen und zu lernen.
  • Frauen und verschiedene trans Menschen werden dadurch marginalisiert, dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in ihrem Leben versuchen wird, sie zu vergewaltigen, weitaus größer ist, als bei anderen Menschen.
  • Nicht-weiße Menschen werden dadurch marginalisiert, dass sie in bestimmten Situationen allein aufgrund ihres Aussehens und ihrer Hautfarbe als „verdächtig“ gewertet werden und so sich unter anderem auch eher vor Konfrontationen mit der Polizei fürchten müssen.
  • Nicht-weiße Menschen werden auch dadurch marginalisiert, dass Annahmen über ihre Kultur getroffen werden, die nicht zustimmen – und ihnen, sollten sie eine nicht-westliche Kultur haben, oftmals auch der Zugang zu dieser erschwert wird.
  • Körperlich behinderte Menschen werden dadurch marginalisiert, dass ihnen oft der Zugang zu bestimmten Orten verwehrt wird, weil es niemand für notwendig sah, diese entsprechend zu gestalten.
  • Geistig behinderte Menschen werden häufig dadurch marginalisiert, dass ihre Umgebung nicht einmal ansatzweise ihren teilweise anderen Anforderungen angepasst wird.

Diese Liste ließe sich selbstverständlich beliebig fortsetzen. Da sind eben große und kleine Dinge, die überall vorkommen können. Und sei es auch nur ein einfaches: Alle Gruppen, die keine weißen, heterosexuellen, ablebodied cis Männer sind, werden dadurch marginalisiert, dass ihre Chance in einem Film oder Buch einen Charakter zu finden, der sie repräsentiert, relativ gering ist.

Man kann gleichzeitig marginalisiert und privilegiert sein

An dieser Stelle müssen wir nun eine Sache deutlich sagen: Man kann gleichzeitig marginalisiert und privilegiert sein. Ich bleibe der Einfachkeit halber bei mir als Beispiel: Ich bin weiß, nicht-binär, neurodivergent, habe eine leichte, aber keine schwerere körperliche Behinderung und mein bei Geburt zugeordnetes Geschlecht ist weiblich, wodurch es mir üblich ist, mich als weiblich zu präsentieren.

Das ich weiß bin, ist ein Privileg. Dennoch bin ich marginalisiert dadurch, dass ich queer und nicht-binär bin. Da ich aber zumindest mich so präsentieren kann, als sei ich cis weiblich, kann ich zumindest wenn die Situation es verlangt, cis Privilegien für mich beanspruchen – selbst wenn ich es ungerne mache, da es wehtut. Natürlich bin ich auch, wenn ich als cis weiblich gelesen werde, gegenüber einer cis männlichen Person, die ebenso weiß ist, wie ich, marginalisiert. Und auch wenn ich technisch gesehen eine leichte körperliche Behinderung habe, bin ich in dieser Hinsicht privilegiert, da diese mich weder schwer beeinträchtigt, noch sichtbar ist. Kurzum: Ich bin in mancher Hinsicht privilegiert, in anderer marginalisiert.

Und genau dasselbe kann man nun über andere Menschen auch sagen. Ja, auch ein weißer, heterosexueller, ablebodied cis Mann kann in manchen Aspekten seines Lebens marginalisiert sein. Beispielsweise dadurch, in eine arme Familie geboren worden zu sein, ein nicht-stabiles Elternhaus gehabt zu haben, keinen Zugang zu bestimmten Bildungsmöglichkeiten erhalten zu haben, aus einem Land oder einer Gegend zu kommen, die nicht sehr stabil ist, durch Übergewicht angefeindet werden oder durch Traumata psychisch beeinträchtigt zu sein. Anders gesagt: Nur weil jemand ein weißer, heterosexueller, ablebodied cis Mann ist, heißt es nicht, dass er ein perfektes, wunderschönes Leben führt. Es heißt nur, dass er bestimmte Marginalisierungen nicht erleben muss.

Der Konfliktpunkt

Damit kommen wir aber zu einer anderen Frage: Warum wird so häufig von „weißen cis Männern“ gesprochen – eventuell auch im Kontext mit „alten weißen cis Männern“? Und warum wirkt diese Aussage häufig so abwertend?

Nun, das hängt vornehmlich eben mit den verschiedenen Stufen von Privilegien und Marginalisierungen zu tun und damit, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Denn: Weiße cis Männer werden in unserer Gesellschaft als der „Basismensch“ definiert. Das merkt man eben dadurch, dass sie am häufigsten in Medien Repräsentation finden, aber auch daran, dass sie oft die Basis für verschiedene medizinische Studien sind – was in einigen Fällen zu Medikamentenunverträglichkeiten bei Gruppen, die eben nicht weiß und/oder nicht cis und/oder nicht männlich sind. Die Medikamente wurden dann nur an diesen Menschen getestet.

Solange ein weißer cis Mann nicht sichtbar behindert ist oder sich bewusst dazu entschieden hat, sich von anderen zu differenzieren (durch bestimmte Kleidung, Tattoos o.ä.), sind seine Chancen in Alltagssituationen mit einem grundlegenden Respekt behandelt zu werden, größer, als die von Menschen, die eben kein Mann und/oder nicht weiß und/oder nicht cis und/oder behindert sind. Er muss sich in der Regel nicht vor Vergewaltigungen oder rassistischen Übergriffen fürchten. Er kann sich relativ unbesorgt in der Öffentlichkeit aufhalten. (Außer es herrscht gerade Corona-Krise, natürlich.)

Dieser Umstand gestattet ihm aber zusätzlich das Privileg sich mit diesen Umständen nicht weiter beschäftigen zu müssen, wenn er nicht will. Er muss Sexismus keine Aufmerksamkeit schenken, da er ihn sehr wahrscheinlich nicht benachteiligt. Er muss Rassismus keine Aufmerksamkeit schenken, wenn er ihm begegnet. Er muss sich auch mit Transfeindlichkeit nicht weiter auseinandersetzen. Selbst wenn er helfen will kann er, weil er gerade emotional bspw. durch Corona oder Klimawandel bereits sehr belastet ist, einfach sagen: „Es ist gerade für mich nicht wichtig. Ich belaste mich damit nicht.“ Und genau das trägt häufig zum Konflikt bei.

Denn in der Regel machen viele, die eben ihrerseits keine weißen, heterosexuellen, nicht-behinderten cis Männer sind die Erfahrung, dass eben diese sehr häufig sagen: „Ich befasse mich damit nicht.“ Und dadurch sie häufig auf diese Männer treffen, die sich nicht nur nicht damit befasst haben, sondern sich aktiv nicht damit befassen wollen, haben sie oft Gespräche, die auf Folgendes hinauslaufen: Entweder ihnen werden bestimmte Erfahrungen abgesprochen oder ihr gegenüber reproduziert aktiv sogar abwertendes Verhalten ohne es als solches zu erkennen. Und ja, diese Situationen sind häufig. So häufig, dass viele sie als Muster erkennen – und dann eben darüber reden und dabei auf dieses Muster aufmerksam machen.

„Not all X“ ist nicht die richtige Antwort

Leider führt dieses „darauf aufmerksam machen“ häufig – sehr häufig – zu einer Antwort: „Aber nicht alle XY.“ In diesem Fall meist: „Aber nicht alle Männer!“ Denn irgendein Mann fühlt sich angegriffen und möchte unterstreichen, dass er nie jemanden vergewaltigt hat, Sexismus ganz furchtbar findet und diesen auch nie unterstützen würde und ruft dann: „Aber nicht alle Männer.“ Oder in Hashtag-Version: #notallmen.

Das ist nun in mehrerer Hinsicht recht unnütz im Rahmen der Diskussion. Denn: Fast immer, wenn dahingehend „Männer“ als Gruppe kritisiert werden, geht es nun einmal um gesellschaftliche Phänomene, weil wir in einer prinzipiell sexistischen Gesellschaft leben. Genau so, wie fast immer, wenn „Weiße“ als Gruppe kritisiert werden, es halt um strukturelle Rassismus-Probleme geht. Es auf ein Gespräch über Einzelfälle zu machen, würde dazu führen, dass das strukturelle Problem verschwiegen bleibt. Denn es sind bei eben keine Einzelfälle – es ist ein Muster.

Ironischerweise haben dieselben Leute selten ein Problem mit eben solchen Verallgemeinerungen, wenn es eine Gruppe betrifft, der sie nicht angehören. Sie würden sich selten über die Aussage beschweren, dass „die Menschen in Land X in Armut leben“ – obwohl natürlich dies auch nicht auf alle Menschen zutrifft. Weil es sie aber nicht betrifft, ist diese Ungenauigkeit unwichtig. Das Problem mit der Aussage, dass bspw. „Männer selten etwas gegen sexistische Witze sagen“ oder „Männer häufig meinen Frauen Dinge erklären zu müssen, obwohl Frauen es bereits wissen“ ist für sie viel eher, dass es sie rein theoretisch betreffen könnte und das fühlt sich wie ein Angriff an.

Und das gilt selbst dann, wenn jemand von einer konkreten Situation berichtet oder über eine konkrete Situation spricht und dabei deutlich macht, dass eine unangenehm auffallende Person ein weißer cis Mann war. Die sprechende Person will darauf aufmerksam machen, dass es ein Problem ist, dass sie häufig bereits so oder ähnlich mit weißen cis Männern bemerkt hat. Ein weißer cis Mann, der es liest, hat aber eventuell das Gefühl, dass es ihn einschließt. Dann heißt es: „Warum ist es denn wichtig, dass es ein weißer cis Mann war? Warum muss man das betonen?“ Und „Aber machen ja nicht alle weißen cis Männer so“. Und genau damit verhält sich der etwaige das schreibende weiße cis Mann häufig genau so, wie kritisiert.

Warum? Weil er, statt ein strukturelles Problem als solches zu behandeln, Betroffenen zuzuhören und an einer Lösung mitzuarbeiten das Problem darin zentriert, dass es ja „nicht alle“ sind, dass vor allem er selbst nicht Teil des Problems ist. Damit nimmt er sich direkt oder indirekt aus der Thematik gänzlich heraus. Sie betrifft ihn nicht. Er ist vom Problem nicht betroffen – und ein Teil des Problems ist er auch nicht, sagt er damit. Obwohl genau dieses „sich herausnehmen“ ihn eben doch zu einem Teil davon macht. Er marginalisiert die Betroffenen und ihr Problem. Er erklärt sie für „weniger wichtig“.

„Aber wozu denn die Schubladen?“

Und dann ist da noch eine andere Reaktion – die übrigens nicht nur von weißen cis Männern kommt, sondern absolut auch von diversen weißen cis Frauen und sogar diversen teilweise marginalisierten Menschen. Die Frage, warum man denn alles so genau bezeichnen muss und warum man „diese blöden Schubladen“ braucht. Gemeint sind mit den Schubladen „Label“. Weiße Menschen und BIPoC. Cis oder trans. Homosexuell, heterosexuell, bisexuell, pansexuell, asexuell, arosexuell und so weiter. Abled und behindert. Liste ist beliebig erweiterbar.

Und die Frage darauf ist relativ einfach und führt auf lange Sicht gesehen wieder zum eingangs genannten Thema zurück: Zum einen helfen die Label marginalisierten Menschen zueinander zu finden und sich über ihre Erlebnisse auszutauschen. Ja, es gibt auch marginalisierte Menschen, die sie nicht mögen, weil sie lieber in einer Gesellschaft leben würden, in der sie unnötig sind – aber für viele, die sie nutzen ist die Logik eben recht einfach: In dieser Gesellschaft leben wir nicht. Und in unserer bestehenden Gesellschaft helfen Label ein Gemeinschaftsgefühl und eine gemeinsame Sprache zu schaffen, um uns auszutauschen.

„Ja, aber warum braucht es ein Label wie ‚cis’“, mag nun der ein oder andere Fragen. Und auch das kann ich erklären. Denn wenn man über trans Menschen redet, ist es nun einmal wichtig, dass Menschen, die nicht trans sind, nicht einfach nur „Menschen“ sind. Dass man nicht in „Menschen und trans Menschen“ unterscheidet. Denn damit sagt man letzten Endes, dass „trans Menschen“ weniger menschlich sind, dass nicht-trans Menschen „normaler“ sind. Man wertet oder sondert dadurch trans Menschen sprachlich ab. Genau deswegen wurde bspw. der Begriff „cis“ in der Sexualwissenschaft entwickelt – weil es eben nicht richtig und als ungenau erschien, es so zu machen.

Dasselbe kann man nun einmal auch auf alle anderen Begriffe die genutzt werden, um eine privilegierte Gruppe sprachlich von einer marginalisierten Gruppe zu unterscheiden. Sie sind da, um Sprache genauer zu machen – und um nicht das falsche sprachliche Bild zu schaffen, dass die eine Gruppe „normal“ und die andere „anormal“ ist. Denn auch so ein sprachliches Bild ist eine Form von Marginalisierung, die nun wirklich nicht nötig ist.

tl;dr: „Privileg“ ist keine Beleidigung

Kurzum: Nein, jemanden korrekt zu bezeichnen, bspw. eben als „weißen cis Mann“ ist keine Beleidigung – auch nicht dann, wenn eine gewisse Frustration aus den Worten spricht, weil di*er Sprechende eventuell vorher ähnliche Erfahrungen mit anderen weißen cis Männern gemacht hat. Das heißt nicht, dass die Person zum Ausdruck bringen will, dass prinzipiell alle weiße cis Männer so sind – nein, auch dann nicht, wenn eine Aussage getroffen wird wie „why are cis men?“ – sondern vornehmlich, dass ein Muster zum Ausdruck gebracht wird.

Ist es verständlich, dass man ab und an schlucken muss und es sich ein wenig beleidigend anfühlt? Ja. Ja, absolut. Ich selbst habe für die Kolonialismus-Beträge diverse Essays gelesen, die auf ähnliche Art über „weiße Menschen“ sprechen – etwas, das mich einschließt. Aber auch, wenn ich mich bemühe, selbst nicht Rassismen zu reproduzieren und mein weißes Privileg zu nutzen, um in etwaigen Situationen nicht-weißen Menschen bspw. eine Plattform zu geben, so weiß ich auch, dass ich in einer rassistischen Gesellschaft aufgezogen wurde und ich diverse Rassismen nicht nur reproduziert, sondern auch eventuell in meiner Jugend unbedacht gefeiert habe. (Ich war mir lange Zeit nicht der Folgen von kultureller Aneignung bewusst.) Und selbst wenn ich bestimmte Dinge nie getan habe, weiß ich, dass es genug weiße Menschen gibt, die diese Dinge täglich tun. Ich habe kein Recht zu widersprechen, weil ich diese Dinge nicht täglich erlebe. Also widerspreche ich nicht, sondern glaube den Menschen einfach, die davon erzählen. Eventuell retweete ich auf Twitter auch etwaige solcher Tweets oder teile Links zu Videos und Essays dazu. Damit eben mehr Leute es lesen und sich dieser Dinge bewusst werden.

Und genau das ist letzten Endes das beste, was man, wenn man in einer Situation mit seinen eigenen Privilegien konfrontiert wird, machen kann: Darüber reflektiert, ob man aus der privilegierten Situation bereits einmal so diskriminierend, wie in einer Situation angesprochen, gehandelt hat. Wenn ja, den etwaigen Schaden in der Handlung erkennen und versuchen es in Zukunft zu vermeiden. Und eventuell, ja, eventuell diese Information weiter verteilen – möglichst indem man der marginalisierte Stimme eine Plattform gibt.

Denn eine Sache ist wichtig zu realisieren: In dem Moment, wo du in eine Diskussion über strukturelle Probleme gegenüber einer marginalisierten Gruppe, der du nicht angehörst, eingreifst, um klar zu machen, dass du nicht Teil des Problems bist und dich ggf. durch die „Verallgemeinerung“ beleidigt fühlst, wirst du spätestens zum Teil des Problems. Denn in dem Moment stellst du dein individuelles Problem, dass du dich gerade beleidigt fühlst, in den Vordergrund, und marginalisierst dadurch die marginalisierte Gruppe noch weiter.


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