Sherlock Holmes – Das erste Fandom

Ich versuche im Dezember ja tendenziell eher positive Beiträge zu posten, nicht dass es mir dieses Jahr soweit gelungen ist. Doch zur Hölle: Es ist 2020, versucht mal in diesem Jahr positiv zu sein. Dennoch möchte ich heute über eine alte Obsession sprechen, die ich dieses Jahr wiederentdeckt habe: Sherlock Holmes.

Mein erstes Fandom

Man kann sagen, dass Sherlock Holmes seiner Zeit mein erstes Fandom war – als ich noch in der Grundschule war. Grund dafür war eine BBC-Serie, an die sich vielleicht ein paar Leute noch erinnern: „Die unheimlichen Fälle der Sherley Holmes“. In der Serie ging es um Sherlocks Großnichte im modernen England (nun, England der 1990er), die ihrerseits in verschiedenen Fällen ermittelte. Punkt 1: Ich hatte einen irrsinnigen Crush auf Shirley. Punkt 2: Ich bin dadurch mit den Geschichten rund um Sherlock in Kontakt gekommen.

Damals hatte ich nur Zugriff auf die Bücher, die unsere Stadtbücherei hatte, was nur einer der Kurzgeschichtenbände war, sowie Studie in Scharlachrot, Hund der Baskervilles und Im Zeichen der Vier. Entsprechend eingeschränkt war ich damit. Aber dennoch war ich total fasziniert speziell vom Charakter des Sherlock Holmes.

Irgendwann habe ich allerdings andere Fandoms gefunden und Sherlock ist ein wenig untergegangen, jedenfalls bis die Robert Downey Jr. Verfilmung herauskam und ich mit einer Freundin wieder zu fanalpakan begann. Dann kam ich auch dazu, die anderen Geschichten zu lesen und fast alle der Verfilmungen (allerdings nicht Serien) zu schauen. Allerdings … auch dieses Mal wurde es etwas weniger. Die letzten zwei Staffeln von BBC Sherlock waren daran nicht unschuldig.

Aber 2020 ist nun einmal 2020 und ich brauchte etwas, was mediales Comfort Food ist und nachdem ich zwei Monate in Mittelerde verbracht hatte, bin ich wieder bei Sherlock Holmes gelandet.

Die Geschichten sind 130 Jahre alt?

Ich habe die alten BBC-Hörspiele zu Sherlock Holmes und habe damit dieses wieder abgestaubt. Was mir von meiner letzten Sherlock Holmes Phase noch sehr in Erinnerung geblieben war, da ich damals angefangen hatte darauf zu achten: Die Geschichten waren für Geschichten, die 130 Jahre alt sind, erstaunlich progressiv.

Mir ist vor allem „The Adventure of the Yellow Face“ in Erinnerung geblieben. Eine Geschichte deren Aussage effektiv war: „Leute verlieben sich unabhängig von Hautfarben. Das ist okay. Get over it.“ Was für die Zeit … Nun, medial ist es effektiv erst seit knapp dreißig Jahren langsam normalisiert geworden, interracial Beziehungen darzustellen. Insofern war das seiner Zeit über hundert Jahre voraus.

Auch ist mir immer in Erinnerung geblieben, dass Sir Arthur Conan Doyle doch immer wieder erstaunlich fähige Frauen geschrieben hat. Ja, Sherlock als Charakter ist ein Sexist (dazu gleich mehr), aber die Frauendarstellungen sind für Bücher, die größtenteils in den 1890ern geschrieben wurden überraschend gut – selbst wenn es trotzdem aus heutiger Sicht einiges zu meckern gibt.

Das war mir in Erinnerung geblieben. Dieses Mal allerdings ist mir dazu mehr aufgefallen.

Doyle und die Frauenrechte

Als ich dieses Mal vornehmlich die Hörspiele wieder hörte (die allerdings den Dialog eins zu eins aus den Kurzgeschichten entnehmen), fiel mir eine Sache auf. Das erste Mal dachte ich mir noch nicht so viel dabei, aber dann kam ein ähnlicher Umstand immer und immer wieder in verschiedenen Geschichten vor: Mord in Folge von Partnerschaftsgewalt.

Die meisten der betreffenden Geschichten folgen einer von zwei Schemata, die allerdings letzten Endes auf dasselbe hinaus laufen: Eine Frau hat einen Ehemann, der sie misshandelt. Sie flieht aus der Beziehung und versucht ein neues Leben anzufangen, weil Scheidung nun einmal nicht möglich ist, da das damalige Recht sie nicht zulässt. Sehr wahrscheinlich findet sie einen neuen Liebhaber, der sie besser behandelt. Irgendwie findet sie jedoch der Ehemann. Das ganze eskaliert und entweder die Frau oder ihr Liebhaber (meistens der Liebhaber) bringt den Ehemann um. Unterschiedlich ist nur, ob Sherlock vor dem Mord oder nach dem Mord ins Spiel kommt. Eine Geschichte gibt es auch, wo es der Mann ist, der vor seiner Ehefrau flieht.

Das ganze brachte mich zu der Frage: „Moment, ist das Propaganda für eine Überarbeitung des britischen Scheidungsrechts?“ Und nach etwas Recherche habe ich herausgefunden: Tatsächlich. Sir Arthur Conan Doyle ist einer der Co-Autoren der Scheidungsrechtsreform, die (allerdings erst nach seinem Tod) 1928 durchgesetzt wurde.

In den Geschichten gibt Sherlock am Ende die Entscheidung darüber, ob der Fall gemeldet werden soll, an Watson ab, da Sherlock sich moralische Entscheidungen nicht zutraut. Watson entscheidet jedes Mal dagegen.

Sherlock Holmes ist kein Held

Damit kommen wir zu einer Sache, die viele Leute übergehen: Sherlock Holmes ist nicht der Held der Geschichten. Der Held ist Watson. Und Watson ist ein kaum verschleiertes Self-Insert von Doyle.

Sherlock hat viele Eigenschaften, die aus der Sicht seiner Zeit als unehrenhaft gegolten hätten. Er ist unordentlich, hochmütig und gibt sich seinen Stimmungsschwankungen hin. Außerdem nimmt er Drogen und bemüht sich in keinster Weise darum, in irgendeiner Form galant mit seinen Mitmenschen umzugehen. Um es ganz unverfroren zu sagen: Sherlock Holmes ist ein wenig ein Arschloch.

Aber genau deswegen hatte er wohl auch ein solches Fandom – und das von Anfang an. Während zu Doyles Leidwesen seine historischen Romanzen kaum Zuspruch gefunden haben (ich höre jetzt die Hälfte der Leser*innen schon „Was, der hat was anderes geschrieben?“ fragen), so waren die Sherlock Holmes Geschichten ein absoluter Hit. Mehr noch: Gerne werden die frühen Anhänger dieser Geschichten als das erste „Fandom“ bezeichnet, da sie eben viele Eigenschaften eines Fandoms hatten.

Ja, ein großer Grund dafür wird Sherlocks Andersartigkeit gewesen sein. Auch wenn Doyle sehr deutlich Watson als Held der Geschichten geschrieben hat, so war Sherlock ein effektiver Anti-Held. Und siehe da, damals wie heute finden Anti-Helden immer ihre Anhänger.

Nichts desto trotz setzt die Tatsache, dass Sherlock nicht als Held der Geschichten geschrieben wurde, auch manche Sachen in Perspektive. Speziell wenn es um die Darstellung von Frauen geht, denen Watson weit eher zugetan ist, als Sherlock.

Watson, das Self-Insert

Was wirklich kaum verschleiert ist, ist Watsons Status als Self-Insert Doyles. Aus viktorianischer Sicht gesehen, ist er ein wenig wie ein Self-Insert Gary Stu. Er ist gelernter Mediziner (wie Doyle) und Veteran (wie Doyle), ein Romantiker (wie Doyle) und er hat einen Mann, zu dem er voller Bewunderung aufsieht (wie Doyle). Das einzige was fehlt, sind die Hunde – die allerdings von diversen Umsetzungen später doch hinzugefügt wurden.

Es ist kein wirkliches Geheimnis, dass Sherlock stark durch Joseph Bell inspiriert war, einem Chirurg, für den Doyle in den 1870ern gearbeitet und zu dem er sehr aufgesehen hat. Es gibt jedoch einige andere historische Figuren, die vielleicht, vielleicht auch nicht einen Einfluss auf Doyles Darstellung von Sherlock hatten – beispielsweise Oscar Wilde.

Aber ja, Watson ist der Held. Watson ist der Charakter, zu dem viktorianische Leser*innen eigentlich aufsehen sollten. Er verkörpert viele viktorianische Ideale, was allein mit seinem Dasein als Veteran anfängt. Doch er ist auch stoisch (oder zumindest deutlich stoischer als Sherlock), ordentlich, respektvoll im Umgang mit anderen, galant und ein furchtbarer Romantiker – etwas womit ihn Sherlock in den Geschichten immer wieder aufzieht.

Er ist der Charakter, den Leser*innen respektieren sollten, weshalb über ihn auch immer wieder Propaganda reingebracht wird – wie eben ein kaum verschleiertes „Liebe Leser*innen, denken Sie einmal über die Scheidungsreform nach“.

Der Fehler der Verfilmungen

Diese Differenz zwischen Watson und Sherlock ist allerdings etwas, womit sich die Verfilmungen schon von Anfang an schwer getan haben. Denn wie bereits gesagt: Auch wenn Doyle es nicht beabsichtigt hatte, lag die Faszination vieler Leser*innen bei Sherlock selbst. Watson war eine Figur, wie sie sie in vielen Romanen ihrer Zeit fanden, aber Sherlock … Sherlock war anders.

Entsprechend war es vielleicht kaum verwunderlich, dass viele Verfilmungen sich weit stärker auf die Perspektive von Sherlock einlassen und Watson bestenfalls als gleichberechtigten Hauptcharakter, häufig aber eher als einen wichtigen Nebencharakter behandeln. Man denke nur an die Rathbone Filme, die mit der fortan sehr beliebten Darstellung von Watson als naiven, häufig fast ableistisch dargestelltem Comic Relief angefangen haben.

Und Watson als Nebenfigur sehen wir auch in vielen neuen Verfilmungen. Man kann Watson in den Guy Ritchie Filmen kaum als gleichberechtigte Hauptfigur beschreiben und auch in der BBC-Sherlock-Serie (über die ich vielleicht irgendwann einmal einen eigenen Weblog-Rant schreiben werde) ist Watson zwar nicht unwichtig, nimmt aber auch nicht die Rolle aus den Erzählungen Doyles ein.

Vor allem übergehen die Verfilmungen durchweg eine zentrale Aufgabe, die Watson in Doyles Geschichten einnimmt: Er ist Sherlocks moralischer Kompass und das erkennt Sherlock genau so an. Sherlock hat teilweise sehr verschrobene Moralvorstellunge (vor allem aus viktorianischer Sicht), während Watson eben ein Mann „guter Moral“ ist. Während sich die Vorstellungen von Moral seither geändert haben, ist es eine Rolle, die ich gerne häufiger sehen würde.

Der andere Aspekt, den die Filme eben unterschlagen, ist, dass Sherlock für seine Zeit nicht sehr maskulin war. Doch manche Sachen, die Sherlock in den Geschichten ist, gelten heute als maskulin. Andere, die es immer noch nicht tun, werden gerne heruntergespielt – das beste Beispiel ist die Violine, auf der Downey Jr.s Sherlock nur ab und an ein wenig herumzupft.

Würde man Sherlock Holmes wirklich in ein modernes Setting adaptieren wollen und den Charakter auf eine Art darstellen wollen, die für heute auf dieselbe Art subversiv ist, wie in den Geschichten zur Jahrhundertwende, dann wäre er Crossdresser – und das ohne ein Gag zu sein. Denn so traurig es auch ist, das löst bei vielen Menschen heute leider wohl in etwa die Reaktion aus, die Doyle bei seinem künstlerischen, emotionalen Sherlock erwartet hat.

Sherlock im Jahre 2020

Ironischerweise ist der Sherlock, den wir in diesem Jahr in der Netflix Verfilmung von „Enola Holmes“ gesehen haben, deutlich näher an dem erzählten Sherlock dran, als die anderen neueren Darstellungen. In dem Sinne, dass er deutlich weicher dargestellt wird, als Downey Jr.s oder Cumberbatchs Sherlock. Es ist nicht ganz das, was der geschriebenen Darstellung von Sherlock entspricht – aber deutlich näher dran als ein stoischer, maskuliner, wenngleich anti-sozialer Sherlock.

Wobei ich zugeben muss, dass dieses Jahr wohl auch die Darstellung von Sherlock mit sich gebracht hat, die vielleicht am weitesten von Doyle entfernt ist. Und das mit der Anime-Serie „Moriaty the Patriot“. Eine Serie, die ich, wie ich anmerken möchte, hart für ihre anarchischen Tendenzen feiere. Es ist also nicht so, als würde ich sie nicht mögen.

Dennoch: Der Sherlock, der dort dargestellt wird, ist ein absolut pro-sozialer Womanizer, etwas, das man über den in den Büchern deutlich queer kodierten Sherlock nicht sagen kann. Es sorgt ein wenig dafür, dass ich, auch wenn ich die Serie feier, meine Vorkenntnis der Bücher ein wenig ausklammern muss.

Und ja, Sherlock in den Büchern ist queer kodiert. Man kann sich nun drüber streiten, ob als schwul oder aroace, aber queer ist er nahezu explizit.

Also ist Doyle ein unproblematic Fav?

Nun mag man all das lesen, von Doyle, dem Scheidungsrecht, den feministischen Tendenzen, anderer durchaus progressiver Ideen und dem queer-kodierten Sherlock, und sich fragen: „Also ist Sir Arthur Conan Doyle ein unproblematic Fav?“ Und die Antwort darauf ist kompliziert – weil es eben alles eine Frage der Perspektive ist.

Denn wenngleich Doyle für seine Zeit in vielen Aspekten progressiv war, so war er eben doch auch ein Kind seiner Zeit. Was halt zu verschiedenen problematischen Einstellungen geführt hat. Allen voran war Doyle ein britischer Imperialist. Sprich: Britischer Kolonialismus war laut Doyle das beste, das kolonialisierten Ländern passieren konnte. Dicht gefolgt von US-amerikanischem Imperialismus. (Französischer und Belgischer Imperialismus dagegen übrigens das schlimmste.) Auch das ist eine Einstellung, die er immer wieder in den Sherlock-Geschichten einfließen lässt.

Eng damit zusammenhängend waren auch diverse sozialdarwinistische Einstellungen. Wenn man in seine anderen Geschichten schaut, findet man unter anderem „The noble savage vs the savage savage“ Darstellungen. Gerade was Asiaten (namentlich Inder und Chinesen) angeht, so sind seine Darstellungen häufig problematisch. Auch was schwarze Menschen angeht, behandelt Doyle diese zwar mit deutlich mehr Menschlichkeit, als viele Autor*innen seiner Zeit – aber häufig genug bedient er dennoch rassistische Tropen.

Kurzum: Es ist kompliziert. Er ist zwar im Laufe seines Lebens ein wenig kritischer dem Thema gegenüber geworden, war jedoch alles in allem bis zu seinem Tod ein Befürworter des Imperialismus.

Sherlock Holmes – das erste Fandom

Für mich ist Sherlock Holmes etwas, das ich effektiv mein Leben lang gemocht habe und mit dem ich viel verbinde. Da die Geschichten mittlerweile unter Public Domain fallen (und Doyle sich auch zu seinen Lebzeiten nie an Fanfictions gestört hat – selbst wenn es das Wort damals noch nicht gab), werden wir weiterhin fraglos diverse Geschichten und Verfilmungen mit den Figuren zu sehen bekommen.

Obwohl ich selbst bisher nie im Fandom aktiv war, bin ich mit dem Fandom selbst allerdings bis heute fasziniert. Eben weil es eins der ersten Fandoms war. Auch, weil es spannend ist, Berichte aus der Zeit der ursprünglichen Publikationen zu lesen, und deutliche Parallelen zum Fandom heute zu finden. Da sind Stellen bei, wo ich mir denke „Das hätte auch 2012 auf tumblr stehen können“ – gerade wenn es um mentale Gymnastik geht, um Plotholes wegzuerklären.

Aber vor allem ist irgendwo vieles, was mit Sherlock Holmes zusammenhängt, vornehmlich vertraut und beruhigend. Dabei hilft es eben auch, dass es vielleicht viele Probleme seiner Zeit mit sich trägt, aber für seine Zeit doch einige sehr positive Nachrichten hatte.

Außerdem möchte ich jetzt einfach nur eine Sherlock Holmes Verfilmung mit modernem Setting und offen queerem Sherlock. Ist das bitte zu viel verlangt? (BBC, gebt mir Geld, ich schreib euch das!) Denn einmal ehrlich: Sherlock war immer queer. Jetzt hat er es verdient auch out zu sein.


Das Beitragsbild entstammt der Kurzgeschichtensammlung „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“ und steht unter Public Domain, da es über 100 Jahre alt. Ich habe es von WikiCommons.