Queer ist queer, auch ohne Sex

Rowling verrät Fans, dass …“ So fing jetzt einmal wieder ein Artikel an. Und ja, es ist definitiv ein „mal wieder“. Denn „mal wieder“ musste Rowling über Dumbledores Sexualleben sprechen. Also vor allem über sein Sexualleben und darüber wie viel Sex er mit Grindelwald hatte. Und genau so ein „mal wieder“ waren die daraufhin folgenden Diskussionen zum Thema, warum nachträgliche Repräsentation nicht viel bringt. Doch darüber möchte ich heute gar nicht reden. Viel eher soll es hier im ein Argument eingehen, dass man als Antwort häufig bekommt: „Hätte sie denn Sex schreiben sollen?“

Dieses Argument hängt mit einem anderen Thema zusammen, dass an dieser Stelle ebenfalls gerne genannt wird: „Homosexualität ist als Thema für Kinder ungeeignet.“ Denn auch dass impliziert eine Sache: Es sei etwas Schmutziges, weil es mit Sex direkt zusammenhängt. Und hier möchte ich darüber reden, warum das gelinde gesagt einfach nur falsch ist.

Einen ergänzenden Artikel über queeren Sex und moralische Panikmache findet ihr auf Tristans Blog.

Woran erkennt man, dass eine Figur hetero ist?

Unsere Gesellschaft scheint sich in einer Hinsicht einig zu sein: Cis Mann und cis Frau, die heiraten, sind etwas, mit dem man schon Kleinkinder konfrontieren kann. Das findet man immerhin in Vorlesebüchern für die Allerjüngsten. Kein Problem. Niemand redet darüber, ob es für Kinder geeignet wäre. Warum?

Auch wenn wir uns Filme oder Franchises anschauen, wo wir häufiger hören, dass es für Kinder sei, weshalb Themen rund um LGBTQ* einfach nicht angebracht wären, haben wir meist heterosexuelle Paare und noch weit, weit mehr heterosexuelle Charaktere. Die heterosexuellen Paare dürfen einander auch küssen, dürfen sogar die ein oder andere sexuelle Andeutung machen. Harry Potter? Praktisch jede Figur ist in einer hetero Beziehung. Disney? Na, bitte, die meisten Filme haben ein zentrales Paar. Queere Figuren dagegen findet man nicht. Allerhöchsten codiert im Bösewicht, der klischeehaftes Verhalten zeigt.

Und bei diversen Charakteren wird nur kurz erwähnt, dass sie mal verheiratet haben oder gedated haben. Und ratet mal was: Eigentlich wollen die Leute, die sich schwule, lesbische oder bisexuelle Charaktere wünschen nicht mehr. Sie (wir) wollen nur Charaktere, die ihre sexuelle oder romantische Ausrichtung auf dieselbe Art zeigen, wie diese Charaktere, deren Gender auf dieselbe Art anerkannt wird. Nicht mehr.

Wovor hat man Angst?

Was ich mich in dem Zusammenhang frage ist, wovor man eigentlich Angst hat. Davor, dass die Kinder Fragen stellen? Davor, dass Kinder selbst recherchieren? Davor, dass Kinder sich etwas ausmalen? Wenn ja: Warum wäre dass denn so schlimm?

„Sexualität ist halt ein Thema, dass für Kinder nicht geeignet ist“, könnte darauf eine Antwort sein. Und ja, natürlich, die genannten Filme und Bücher sind halt sehr, sehr von Sexualität entfernt geschrieben. Aber das heißt nicht, dass Kinder nicht ab einem Alter, das natürlich variiert, sowieso anfängt, diese Fragen zu stellen. Egal, ob euch der Gedanke gefällt oder eben nicht.

Außerdem ist auch hier die Frage: Warum wäre es so viel schlimmer, wenn das Kind über homosexuellen Sex Fragen stellt, als heterosexuellen? Beides ist nicht jugendfrei, oder? Was macht die eine Sache verbotener, als die andere?

Doch davon einmal ab, noch einmal die Erinnerung: Man kann einen Charakter als homosexuell darstellen, ohne, dass Sex auch nur eine Erwähnung findet. Ja, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Jemand kann Teil der LGBTQ* Community sein, ohne homosexuellen Sex zu haben. Ja, tatsächlich kann man sogar Teil an der Community haben, ganz ohne Sex allgemein.

Jemand ohne Partner ist nicht weniger …

An dieser Stelle verrate ich euch ein Geheimnis: Ich bin pansexuell. Und das, obwohl ich in einer Beziehung bin, die von den meisten als hetero gelesen wird. Ich bin auch polyarmor, obwohl ich nur einen Partner habe. Ich lebe diese Dinge gerade nicht aus – weil Zeit, weil Gesundheit – aber das ändert nichts daran, dass beide Worte mich beschreiben, wie ich bin.

Ja, auch der homosexuelle Kumpel meines Freundes, der seit Jahren in keiner Beziehung mehr war, ist dadurch nicht weniger homosexuell geworden. Denn ob er in einer Beziehung ist oder homosexuellen Sex hat – es ist egal. Er ist dennoch homosexuell und homoromantisch. Denn das sagt nichts mehr, als dass er sich sexuell und romantisch von anderen Männern angezogen fühlt.

Und seltsamerweise gehen alle davon aus, dass eine Figur, die keinen Partner hat, heterosexuell ist. Ganz ohne heterosexuellen Sex. (Das ist übrigens, was man Heteronormativität nennt: Davon auszugehen, wenn es keinen Beweis dafür oder dagegen gibt.) Ja, sogar bei einer Vielzahl von Figuren, die nie mit einem Partner gezeigt werden, wird von Heterosexualität ausgegangen – und daran nichts schlimmes gesehen. Um bei Rowlings Welt zu bleiben: Selbst wenn es eine große Slash-Ship Community geht, werden viele die vermeintliche Heterosexualität von Sirius Black verteidigen.

Aber genau die angesprochene Heteronormativität sorgt nun einmal auch dafür, dass man erwähnen muss, wenn ein Charakter etwas anderes ist als heterosexuell oder – wo wir dabei sind – cisgender. Und um das Eingangsthema zurückzukommen: Ja, es muss in der Story angesprochen werden, speziell wenn der Charakter nicht in einer Beziehung ist, um als Repräsentation zu funktionieren.

Queerness ist mehr als LGB

An dieser Stelle möchte ich auch noch eine andere Sache ansprechen: Queerness ist mehr als LGB. So sind – egal wie sich einige in den LGBTQ* Communities dem verweigern und versuchen Gatekeeping zu betreiben – auch asexuelle und aromantische Personen queer. Und ja, auch sie brauchen Repräsentation.

Es sei an dieser Stelle gesagt: Nur weil jemand asexuell ist, heißt es nicht, dass die Person keinen Sex hat oder keinen Spaß an Sex haben kann. Beispielsweise sind nicht alle asexuellen Personen auch aromantisch. So haben manche eben in einer Beziehung Sex. Zudem ist auch Asexualität ein Spektrum und die Erlebnisse von Asexuellen mit ihrer Sexualität divers. (Ganz nebenbei gibt es im Ace-Spektrum homo- und biromantische Personen und ebenso auch Demi- und Greysexuelle, die auch ins homo- oder bisexuelle Spektrum fallen.)

Dennoch: An sich wäre Asexualität etwas, das – so sollte man meinen – sich leichter einbringen ließe, wenn es einem wirklich darum ginge, dass man Kinder und Jugendliche nicht direkt mit sexuellen Themen konfrontieren will. Doch seltsamerweise sind vor allem auch asexuelle Charaktere deutlich unterrepräsentiert. Das lässt diese Argumentation deutlich hohl wirken. Und ähnlich sieht es bei einer anderen Gruppe aus …

Trans*, inter*, enby

Denn die wenigste Repräsentation bekommen Personen, die jede beliebige sexuelle Ausrichtung haben können und dennoch queer sind: Menschen, die transgender, inter* oder nicht-binär sind. Für diejenigen, die mit den Bezeichnungen nichts anfangen können:

  • transgender: Hat ein anderes Gender, als ihr*ihm bei Geburt zugeordnet wurde
  • inter* oder intergeschlechtlich: Ist mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen. Dabei kann es durchaus sein, dass sie sich bewusst einem binären Geschlecht zuordnen. Aber eben auch nicht.
  • Nicht-binär: Können transgender oder inter* sein. Personen, die sich nicht (immer) als männlich oder weiblich identifizieren. Der Begriff umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Identitäten.

Diese Personen haben ihre etwaigen Identitäten, die in sich erst einmal absolut nichts mit Sex zu tun haben. Dennoch werden sie praktisch nicht repräsentiert. Dabei wäre es nicht einmal schwer. Es braucht theoretisch nicht mehr, als eine Erwähnung. Die Person kann dabei Single sein oder in einer Beziehung beliebiger Art. Es wäre dennoch Repräsentation. Sehr willkommene Repräsentation.

„Denkt doch an die Kinder“

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die eingangs erwähnte Sache zurückkommen: „Denkt doch an die Kinder.“ Und: „Aber ist das für Kinder denn geeignet?“ Und dazu kann ich nur sagen: Ich denke an die Kinder! Wenn ich Repräsentation in Medien, die von Kindern konsumiert werden, möchte, dann denke ich vor allem an die Kinder. Denn ich weiß, wie es ist, ohne diese Repräsentation aufzuwachsen: Beschissen.

Denn ja: Auch viele Kinder wissen schon, dass sie queer sind. Sie haben vielleicht nicht die Worte, sie können es nicht immer zuordnen, doch ja: Diverse queere Personen realisieren schon im Kindes- oder zumindest frühen Teenager-Alter, dass sie nicht (nur) auf das „andere Geschlecht“ stehen oder sie nicht dem ihnen zugewiesene Gender angehören. Und ohne Repräsentation sorgt dies vor allem für Unsicherheit. Denn es bleibt die Frage: „Kann ich überhaupt so sein?“

Und wie immer gilt auch so: Ja, auch Kinder, die cisgender, heterosexuell und binär sind profitieren davon, wenn die Medien, die sie konsumieren, diverse Casts haben. Sie bekommen eine Perspektive auf die Lebenserfahrung anderer Menschen. Es hilft ihnen Empathie zu entwickeln. Und ganz nebenbei: Nein, Inklusion von LGBTQ*-Figuren in Kinderserien macht ein cishetero Kind genau so wenig homosexuell oder transgender, wie ein PoC-Charakter die Hautfarbe eines weißen Kindes ändert. Das einzige, was durch Inklusion queerer Figuren passieren kann, ist, dass ihre Hemmschwelle, sich etwaige Queerness einzugestehen. Das, und dass sie generell eher bereit sein werden, queeren Personen offen gegenüberzutreten.

Wir wollen Repräsentation, keinen Porn

Wenn Leute sagen, dass sie sich etwas explizites zu Dumbledore und Grindelwald in den Fantastic Beasts Filmen wünschen, dann meinen sie nicht expliziten Sex. Was sie sich wünschen, sind explizite Liebesgeständnisse, Worte und Geste, die keinen Zweifel daran lassen, dass die beiden einmal in einer Beziehung waren, dass zumindest Dumbledore noch mit seinen Gefühlen zu kämpfen hat. Es ist den meisten egal, was für Sex die beiden haben oder hatten. Alles, was wir wollen, ist Repräsentation. Ein Dumbledore, der unleugbar in einen anderen Mann verliebt ist oder war.

Dasselbe gilt auch für andere Franchises. Nein, ich will keine heißen Sexszenen zwischen Elsa und einer anderen jungen Frau. Ich will Händchenhalten, Zärtlichkeiten, Küsse und ein Liebesgeständnis. Ich will dieselben Sachen, die Anna mit Kristoff bekam. Wenn ich sage, dass ich LGBTQ* Repräsentation im MCU wünsche, dann will ich nur dasselbe, wie die heterosexuellen Paare bekommen. Einen Kuss, ein geflüstertes Geständnis. Nicht mehr.

Und zuletzt noch eine Sache: Wer sieht, wie sich zwei Männer küssen und sofort an den Sex, den die beiden eventuell haben, denkt … Ja, der sollte sich eventuell einmal Gedanken machen, warum das so ist. Denn ganz unter uns: Wer nicht gerade aromantisch ist, aber bei einer Beziehung als erstes oder gar einziges über die Möglichkeiten zum Geschlechtsverkehr Gedanken macht, der hat die Prioritäten falsch gesetzt.

Das Beitragsbild wurde von Helgi Halldórsson aufgenommen und unter der CC2.0 Lizenz zur Verfügung gestellt.