Redemption-Arcs

Es gibt einen Trope, der aus der aktuellen Medienlandschaft kaum wegzudenken ist, ja, der selbst in historischen Medien schon sehr beliebt war: Das Redemption-Arc. Doch was hat es damit auf sich und wie muss es aufgebaut sein, damit Konsument*innen es befürworten?

Das Redemption-Arc

Durch Medien aller Art zieht sich ein bestimmter Trope: Das Redemption-Arc. Ein Arc in dem ein Charakter, der vorher Böses getan hat sich beweist und dadurch zumeist Teil der Held*innen wird. Mal direkter, mal indirekter.

Das Paradebeispiel, dass in so ziemlich jedem Artikel zu diesem Thema genannt wird, ist Zuko aus Avatar – The Last Airbender. Spoiler für eine mehr als 10 Jahre alte Serie: Zuko fängt als Antagonist an, ist in Staffel 2 größtenteils neutral, wird zu Beginn von Staffel 3 noch einmal antagonistisch, ehe er zur Heldentruppe überläuft und sich dort unter Beweis stellt.

Doch auf jedes gute Beispiel für ein solches Arc, kommen auch diverse Beispiele, die größtenteils von den Fandoms verhasst sind. Beispielsweise Kylo Ren/Ben Solo aus den neuen Star Wars Filmen.

Also was ist es, das ein Redemption-Arc gut macht, und was, das es scheitern lässt?

Was ist Redemption?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal erörtern, was „Redemption“ überhaupt ist. Das ist im deutschen gar nicht so leicht, denn eine genaue Übersetzung gibt es für das Wort nicht – jedenfalls nicht in diesem Kontext. Das Wörterbuch bietet folgende Worte als mögliche Übersetzung an: Wiedergutmachung, Erlösung, Rettung – dazu noch diverse Worte aus dem finanzwirtschaftlichen Jargon.

Keines dieser Worte aber trifft so wirklich die Bedeutung, die im Zusammenhang mit dem Redemption-Arc gemeint ist. Denn die „Redemption“, von der hier gesprochen wird, ist mehr. Sicher, es spielt „Wiedergutmachung“ mit hinein und sicherlich kann man zum Teil davon sprechen, dass ein Charakter dabei vor sich selbst gerettet wird, aber das ist es nicht ganz.

Denn zu einer Redemption gehört, dass ein Charakter, der Böses oder zumindest etwas Falsches getan hat, dies – ja – wiedergutmacht, aber vor allem auch, dass er sich selbst wirklich zum Guten wendet und dies auch unter Beweis stellt. Gleichzeitig gehört aber auch mit hinzu, dass dem Charakter von anderen zumindest zum Teil vergeben wird.

Wer braucht Redemption?

Die nächste Frage ist, welche Charaktere überhaupt Redemption brauchen und sie erlangen müssen.

Die einfachste Antwort auf diese Frage wäre natürlich: Bösewichte, die auf die gute Seite überwechseln wollen. Doch das stimmt nicht ganz. Denn auch Held*innen brauchen ab und an ein Redemption-Arc, da auch sie manchmal die falschen Dinge tun oder eine so große Charakterschwäche haben, dass es dafür Redemption bedarf.

Das heißt nicht, dass Held*innen keine Fehler machen und keine Schwäche haben dürfen, doch so ein Redemption-Arc hilft, zu zeigen, dass man sich dieser Fehler und Schwächen bewusst ist. Immerhin ist dies nicht automatisch gegeben. Es kann außerdem helfen den entsprechenden Figuren eine interessante Charakterentwicklung zu geben.

Aber natürlich können eben auch die klassischen Antagonist*innen, die sich zu Held*innen entwickeln wollen, ein Redemption-Arc bekommen. Diese sind meistens extremer in ihrer Ausführung, da die Fehler, die diese Figuren haben, meistens sehr viel schwerwiegender sind, als die der Held*innen.

Teile eines Redemption-Arcs

So viel dazu. Doch lasst uns das ganze einmal genauer betrachten: Welche Aspekte gehören zu einem Redemption-Arc und wie sind diese üblicherweise aufgebaut?

Gute und schlechte Entscheidungen

Ein zentraler Aspekt eines Redemption-Arcs ist, dass es falsche und richtige, beziehungsweise gute und schlechte Entscheidungen gibt, die der fragliche Charakter treffen kann. Das mag ein wenig moralistisch klingen, ist aber letzten Endes die Grundlage, auf der dieser Trope aufbaut.

In den meisten Fällen ist es so, dass der Charakter zuerst eine Menge schlechter Entscheidungen trifft, vielleicht mit einigen guten dazwischen. Gehört der Charakter bereits am Anfang zu den Held*innen wird das ganze ausgewogen sein, ist er dagegen ein*e Antagonist*in, werden es wahrscheinlich mehr schlechte Entscheidungen sein.

Bei Antagonist*innen, die ihre Redemption haben, ist es oft so, dass diese vermehrt gute Entscheidungen treffen, ehe sie noch einmal eine richtig, richtig schlechte Entscheidung treffen (oft am Ende des zweiten Akts, wenn die Geschichte einer Drei-Akt-Struktur folgt). Von da aus arbeiten sie sich dann aber mit guten Entscheidungen voran.

Wiedergutmachung

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass der fragliche Charakter Wiedergutmachung leisten muss für die Fehler, die er gemacht hat. Wie diese Wiedergutmachung genau aussieht, unterscheidet sich je nach Art der Geschichte.

In klassischen Abenteuergeschichten, die wahrscheinlich mit Gewalt einher geht, wird der überlaufende Charakter auf der Seite der Held*innen kämpfen. Dabei wird die fragliche Figur sich im Kampf beweisen und wahrscheinlich mehrfach ihr Leben riskieren. Wahrscheinlich werden sie auch gegen ehemalige verbündete kämpfen und damit beweisen, wirklich auf der Seite der Held*innen zu stehen.

Aber natürlich gibt es auch Redemption-Arcs in Geschichten ohne großes Abenteuer, in Geschichten, die sich mehr alltägliche Situationen drehen. Hier kann der Charakter auf sozialer Ebene sich für die Protagonist*innen einsetzen und Gutes für sie tun.

Und natürlich gibt es noch einen anderen wichtigen Aspekt, der nicht unterschätzt werden darf: Eine Entschuldigung mag nicht ausreichend sein, aber sie ist ein guter Anfang und etwas, das auf jeden Fall erfolgen sollte.

Vergebung

Aber auch die andere Seite gehört bei einem Redemption-Arc dazu: Vergebung. Das ist sowohl die Vergebung durch die Leute, denen der fragliche Charakter geschadet hat, als auch die Vergebung, die der Charakter sich selbst gewährt.

Dass diejenigen, denen der Charakter geschadet hat, ihm zumindest zum Teil verzeihen sollten, ist offensichtlich. Gerade in Fällen einer*s übergelaufenen Antagonist*in ist dies wichtig, um das ganze dem Publikum ordentlich zu verkaufen. Immerhin fällt es Konsument*innen einfacher, einem Charakter zu verzeihen, wenn es auch die Figuren tun. Dafür ist es unglaublich hilfreich, wenn dies nicht sofort passiert, sondern di*er Überläufer*in sich eben durch Wiedergutmachung und entsprechende Handlung sich diese Vergebung verdient.

Allerdings gibt es auch Szenarien, in denen ein Charakter ein Redemption-Arc hat, ohne, dass noch Figuren da sind, denen er geschadet hat. Gerade in diesen Fällen läuft es darauf hinaus, dass der Charakter sich vor sich selbst beweisen und sich selbst verzeihen muss.

Diese Selbstvergebung ist allerdings etwas, das positiv für Redemption-Arcs ist. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass dies voraussetzt, dass der Charakter anerkennt, diese Fehler gemacht zu haben, sich vor sich selbst beweist und damit seine eigene Vergebung verdient. Das unterstützt die Aussage des Redemption Arcs.

Warum der Tod keine gute Redemption ist

Kommen wir damit zu einem Teil, der immer wieder zurecht kritisiert wird: Wenn ein Charakter die Seite wechselt und prompt stirbt, sehr wahrscheinlich, weil er sich für die Held*innen opfert. Dies ist eine Form von Redemption, die praktisch ausschließlich Antagonist*innen vorbehalten ist und sie ist einfach schlecht.

Der Grund, warum diese Redemptions bei den Konsument*innen meistens auf wenig Liebe stoßen, ist, dass sie kaum verdient ist. In vielen dieser Fälle ist es so, dass der fragliche Charakter die Seite wechselt und prompt stirbt. Das heißt, der Charakter muss sich nicht beweisen, muss nicht für seine Redemption arbeiten, muss nicht mit sich selbst ins Reine kommen und bekommt die Vergebung praktisch geschenkt.

Funktionieren tut ein Tod im Rahmen eines Redemption-Arcs nur dann, wenn es vorher ein gesamtes Redemption-Arc gab, das am Ende mit dem Tod des Charakters beendet wird. In dem Fall ist es nicht eine einzige gute Entscheidung mit anschließendem Opfer, was das komplette „Arc“ ausmacht.

Gute Redemption Arcs

Reden wir also einmal über ein paar gute Redemption-Arcs.

Ein Beispiel wurde ja bereits eingehend genannt: Zuko aus Avatar – The Last Airbender. Er fängt als Antagonist an, bessert sich, macht dann am Ende der zweiten Staffel den großen Fehler, ehe er sich im Verlauf der dritten Staffel beweist. Dabei sind seiner Redemption sehr viele Folgen in der dritten Staffel gewidmet. Dabei ist Zuko allerdings nicht der einzige Charakter in der Serie, mit einem Redemption-Arc. Auch Sokka bekommt eine Redemption, vor allem für seine anfängliche Misogynie und ebenso kann man das Argument machen, dass Aang ein Redemption-Arc dafür hat, dass er ursprünglich geflohen ist.

Auch Anime haben oftmals viele Beispiele für Redemption-Arcs. So viele Serien haben ein Halbfinale auf der Hälfte der Serie, in denen di*er bisherige Hauptbösewicht auf die gute Seite hinüberläuft. Auch in Shonen-Serien ist es üblich Bösewichte von vorhergehenden Arcs später auf der Seite der Held*innen zu begrüßten. Ein Beispiel für ein gelungenes Redemption-Arc in einem Anime ist Ken aus Digimon Adventure 02. Dieser ist in der ersten Hälfte der Serie der Hauptantagonist, bereut seine Handlung aber später. Als er auf die Seite der Held*innen überläuft, dauert es wirklich eine ganze Weile, ehe alle ihm verziehen haben.

Zuletzt kann ich natürlich nicht über dieses Thema sprechen, ohne Mad Max: Fury Road zu erwähnen, ein Film der förmlich von Redemption handelt. Alle drei zentralen Charaktere des Films – Furiosa, Max und Nux – haben ihre eigene Form einer Redemption. Dabei sehen wir bei Furiosa nicht einmal genau, wofür sie sich redeemen will, allerdings gibt der Film uns genug Information, um es uns zusammenzureimen. Nux ist dabei auch ein Beispiel für einen Charakter, der ein vollständiges Redemption-Arc hat, an dessen Ende er letzten Endes stirbt.

Schlechte Redemption-Arcs

Doch wo es gute Redemption-Arcs gibt, gibt es auch schlechte.

Keine Liste hierfür kann komplett sein, ohne Harry Potter zu nennen. Severus Snape ist die ganze Serie über ein Mobber, der Schüler systematisch fertig macht und seine Machtposition immer wieder ausnutzt. Damit nicht genug: Er wird später auch noch zum offenen Antagonisten und Mörder. Dann aber opfert er sich am Ende und die Leser*innen erfahren im Nachhinein, dass er die ganze Zeit Doppelagent war. Das ändert allerdings nichts an den Dingen, die er im Verlauf der Serie getan hat. Für seine Redemption arbeiten muss er nicht. Harry und Co. sind einfach bereit ihm zu verzeihen.

Sehr ähnlich sieht es mit den Figuren in Star Wars aus. Sowohl Darth Vader, als auch Kylo Ren kommen recht leicht mit einem Seitenwechsel in letzter Minute gefolgt von ihrem Tod davon. In beiden Fällen sollen die Zuschauer*innen einfach hinnehmen, dass der Charakter nur geläutert ist und alle ihn nun als guten Ansehen.

In Sachen Anime sei Naruto genannt. Während die Serie mit Gaara ein ziemlich gutes Redemption-Arc hat, gibt es in dieser Reihe auch noch Sasuke. Sasuke ist ein Charakter, der auf der Seite der Held*innen anfängt, dann aber zum Antagonisten wird und fast die komplette Serie gegenüber bleibt. Dabei wird er im Verlauf der Serie schlimmer und schlimmer, selbst wenn Naruto und Sakura permanent daran glauben, dass da noch „Gutes“ in ihm ist, was den Zuschauer*innen allerdings nicht glaubhaft verkauft wird. Am Ende hat er seinen großen Kampf mit Naruto und danach … ist einfach alles in Ordnung, ohne dass es wirklich nachvollziehbar ist, und alle sind sofort bereit ihm zu verzeihen.

Fazit

Redemption-Arcs sind sicher nicht umsonst einer der beliebtesten Tropoi. Sie bringen praktisch automatisch Drama und Charakterentwicklung und können gerade in Serien für gleich mehrere Episoden viel Plot mit sich bringen. Dazu kommt, dass sie oft mit emotionalen Bad Boys einhergehen, was immer beliebt ist – und ja, leider muss das ungegendert stehen bleiben, denn meistens werden Bad Girls weit kritischer betrachtet.

Redemption-Arcs sind nicht nur ehemaligen Antagonist*innen vorbehalten. Auch Held*innen, die Fehler machen oder eine große Schwäche haben, können dafür ein Redemption-Arc bekommen. Das Redemption-Arc durchläuft dabei meistens ähnlichen Stadien. Es besteht aus schlechten Entscheidungen, die von einer Reihe guter Entscheidungen gefolgt werden. Dabei muss der Charakter sowohl Wiedergutmachung durch Taten leisten, als auch Vergebung erfahren. Dass der Charakter sich selbst verzeihen muss, gehört ebenso mit dazu.

Der Tod ist kein guter Ersatz für ein Redemption-Arc. Charaktere, die die Seite wechseln und prompt darauf sterben, haben kein wirklich kein wirkliches Arc dahinter. Deswegen ist meistens auch das Publikum nicht bereit ihnen zu verzeihen.


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