Punkpunk – Übersicht der *punk Genre

Reden wir heute mal über etwas anderes. Reden wir über Punk. Und damit meine ich nicht Punk-Musik oder die Punk-Subkultur, sondern die Punk-Genre in anderen Medien. Ihr kennt sie: Cyberpunk, Steampunk und so weiter. Ich möchte euch eine Übersicht geben.

Counter Culture und Literatur

Vielleicht sollten wir uns, bevor es um die einzelnen Genre geht, einer Sache bewusst werden: Warum die Genre eigentlich „Punk“ im Namen haben – oder was zumindest bei Cyberpunk die Idee dahinter war. Denn Punk ist als Ausrichtung in jedweder Art „Counter Culture“, also eine Kultur, die sich entgegen der bestehenden Kultur bewegt. Schauen wir uns die Punk-Subkultur an, finden wir dort sehr viel Anti-Kapitalismus zum Beispiel, aber auch sehr große Anti-Establishment Bewegungen. Auch einige Anarchie-Gruppierungen kommen aus der Punk-Subkultur – wenngleich diese nicht zwangsweise anarchisch ausgerichtet sein muss. Punk ist ein Überbegriff. Ein Spektrum.

Die ganz frühe Punk-Kultur, die in den 1970ern in den UK und USA begann, spielte sich ein wenig als Gegenbewegung zur Hippie-Bewegung, aber auch zur bestehenden „Consumer Culture“ auf. Als Gegenstück zur Hippie-Bewegung, indem die Weltanschauung oft weniger positiv war, als Gegenstück zur Konsum-Kultur, indem … nun, es sollte klar sein.

Entgegen bestehender Vorurteile gibt es Punks aus allen politischen Ausrichtungen. Ja, leider gibt es auch Nazis, die sich als Punks bezeichnen. Die bekanntesten Beispiele aus der Punk-Kultur sind allerdings eher links anzusiedeln.

Diese Gegenbewegung zur vorherrschenden Kultur ist ebenfalls die Grundlage der Punk-Literaturgenre. Denn diese begannen mit Cyberpunk als Gegenbewegung zum damals vornehmlichen „alles wird super“ SciFi etabliert wurden – und so gehen auch die meisten Punk-Genre entgegen bestimmter Aspekte der bestehenden Phantastik.

Cyberpunk

Fangen wir einmal mit Cyberpunk an. Wie schon gesagt: Cyberpunk war das erste Punk-Genre und verdankte seinem Namen eben der Idee das Punk-Gegenstück zur bestehenden „Die Zukunft wird geil“ Science Fiction, die damals den Markt beherrschte, zu sein. So war von Anfang an beispielsweise auch immer Kapitalismus-Kritik ein Aspekt von Cyberpunk – selbst in den Büchern, die man später Cyberpunk zuordneten, selbst wenn sie vor der Prägung des Begriffs in 1977 geschrieben wurden.

Cyberpunk ist immer dystopisch. Zentral haben wir oft eine von Kapitalismus und Globalismus zerfressene Welt, die keine Ressourcen mehr hat und stark von Einkommensunterschieden geprägt wird. Die großen Firmen beherrschen oft die Welt. Entweder direkt oder indem die Regierungen ihre Marionetten sind. Menschen geben mehr und mehr ihrer Menschlichkeit auf, um der Gesellschaft zu dienen, indem sie Teile von sich durch cybernetische Gegenstücke ersetzen lassen. Daher auch Cyberpunk.

Beispiele:

  • Blade Runner
  • Johnny Mnemonic
  • Strange Days
  • Matrix
  • Neuromancer
  • Snow Crash
  • Akira
  • Ghost in the Shell
  • Batman Beyound
  • Shadowrun

Cyberpunk kommt zu dem mit einigen punkigen Subgenre und eigenen Gegengenre daher.

Post-Cyberpunk

Oder wie ich es nenne: Cyberpunkpunk. Für den einen ist Post-Cyberpunk Cyberpunk ohne Biss. Ein Cyberpunk, dass einfach marktgefällig gemacht und auf eine pure Ästhetik reduziert wurde. Für den anderen ist Post-Cyberpunk das Punkige Gegenstück zur Cyberpunk-Ideologie. Denn während tatsächlich in vielerlei Hinsicht ähnliche Ästhetik zur Grunde liegt, ist die Weltanschauung des Genres nicht so düster, wie im klassischen Cyberpunk. Kurzum: Wenn nicht zwangsweise utopisch, sind die Welten von Post-Cyberpunk auch nicht dystopisch angesiedelt. „Es gibt immer gute Menschen“, sagt Post-Cyberpunk. Man könnte auch sagen, es ist die Hopepunk-Version von Cyberpunk – doch ich greife vorweg.

Beispiele:

  • Inception
  • Minority Report
  • Otherland
  • Continuum
  • Transistor
  • Overwatch
  • Dennou Coil

Biopunk

Biopunk ist ein Subgenre oder viel eher ein bestimmter „Flavor“ von Cyberpunk oder Post-Cyberpunk. Biopunk nimmt eine Welt, die sehr an den Weltenbau einer (Post-)Cyberpunk-Welt angelehnt ist und ersetzt (zumindest zum Teil) die cybernetischen Prothesen durch genetische Veränderung der Menschen. Da werden dann mit CRISPR-ähnlichen Methoden Gene verändert, um verschiedene Eigenheiten erschaffen. Seien es außergewöhnliche Haar- oder Augenfarben, Katzenohren oder enorm schnelle Reflexe.

Beispiele:

  • Wetware
  • The Windup Girl
  • Akira
  • Elfenlied
  • Splice

Nanopunk

Wie Biopunk ist Nanopunk ebenfalls ein „Flavor“ von Cyberpunk, wenn man so will. Was Cyberpunk inhaltlich mit cybernetischen Implantaten oder Prothesen macht, macht Nanopunk mit Nanodroiden, die im Körper ihrer Anwender rumschwimmen. Inklusive diverser Diskussionen rund um das Thema Überwachung, die hier gerne mit hineinkommen.

Steampunk

Das zweite Punk-Genre, das existierte, war das heute wahrscheinlich zumindest in seiner Ästhetik bekannteste: Steampunk. Dieses folgte Cyberpunk auf dem Fuße und wurde als Genre nur kurz nach Cyberpunk formuliert. Ähnlich wie Cyberpunk zeigte es eine Gegenbewegung zu dem sehr positiven, sehr sauberen futuristischem SciFi der Zeit – aber auch eine Gegenbewegung zu Cyberpunk indem es die Retroästhetik aufgriff.

Steampunk definiert sich, wie der Name schon sagt, über Dampfkraft. Es werden dabei viele Ideen aus der viktorianischen Zeit aufgegriffen, vor allem aber auch aus den Werken der frühen Science Fiction Autoren, wie H.G. Wells und Jules Vernes. Alternative Zeitlinien, Zeitreisen und dergleichen spielen häufiger ebenfalls eine Rolle.

Beispiele:

  • Parasoul Protectorate (Buchreihe)
  • Leviathan (Buchreihe)
  • The Clockwork Century (Buchreihe)
  • The Mortal Engines (Buchreihe)
  • The League of Extraordinary Gentlemen (Comic/Film)
  • Van Helsing (Film)
  • Die Stadt der verlorenen Kinder (Film)
  • Hugo (Film)
  • Steamboy (Animefilm)
  • Nadja und das Geheimnis von Blue Water (Anime)

Whalepunk

Ich habe mich mit Whalepunk etwas schwergetan mit der Einordnung. Es ist relativ klein als Genre – hat aber fraglos seine Berechtigung. Letzten Endes habe ich mich entschlossen, es als Subgenre von Steampunk oder eher etwas, das irgendwo zwischen Steam- und Dieselpunk eingeordnet ist. Ideen sind hier ähnlich, doch häufig ist Whalepunk noch einmal düsterer und „grittier“. Der Unterschied ist, dass hier Technologie auf Walöl aufbaut – weshalb auch Seefahrt und Seemonster hier häufiger eine Rolle spielen. Auch ein deutlicher Lovecroftian Einfluss ist hier häufiger zu bemerken.

Beispiele:

  • Dishonored (Videospiel)

Dieselpunk

Dieselpunk ist das dritte große Punk-Genre, wenngleich es es nicht mit den großen Geschwistern von Cyberpunk und Steampunk aufnehmen kann. Ästhetisch ist es als Genre sehr von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen inspiriert. Wir sehen viel Art Deco, viel Cubismus und teilweise auch Brutalismus. Musikalisch wird häufig mit Jazz gearbeitet. Auch findet man gerade bei moderneren Vertretern einige Einflüsse von Lovecraft.

Inhaltlich haben wir viel futuristisch gedachte Dieseltechnologie – wie der Name Dieselpunk bereits impliziert. Kriege spielen dabei häufig eine Rolle, sowohl in komplett fiktionalem Dieselpunk, als auch in Alternate History Dieselpunk, das nicht selten mit Elementen arbeitet, in denen irgendwer zu einer Zeit zwischen den Kriegen eine Technologie entdeckt hat, dass den Ausgang der Kriege beeinflusst hat. Es gibt jedoch auch einige Noir- & Spionage-Geschichten in dem Genre.

Beispiele:

  • Bioshock (Videospiel)
  • Wolfenstein (Videospielreihe)
  • Brazil (Film)
  • Jin-Roh (Animefilm)
  • Der goldene Kompass (Buch/Serie)

Atompunk

Kommen wir zu einem verhältnismäßig kleineren Punk-Genre, das häufig (aber nicht immer) als Subgenre von Dieselpunk behandelt wird: Atompunk. Dieses Subgenre benutzt ästhetisch häufig ähnliche Elemente wie Dieselpunk, behandelt inhaltlich aber – wie der Name schon sagt – Atomtechnik, aber auch Elemente aus dem kalten Krieg. Entsprechend sollte es nicht verwunderlich sein, dass sich hier viele oft leicht surrealistische Spionage-Geschichten finden und Erzählungen in denen der kalte Krieg oder ein ähnlicher Konflikt droht die Welt bald zu vernichten. Diverse Superhelden-Geschichten lehnen sich an Themen und Ästhetik des Subgenre an.

Beispiele:

  • FALLOUT (Videospielreihe)
  • Wasteland (Videospiel)
  • Diverse frühe James Bond Filme

Solarpunk

Solarpunk hat sich ein wenig als ein Anti-Cyberpunk positioniert. Es ist ein recht neues Genre und anstatt wie Cyberpunk eine Welt zu zeigen, in der die Umwelt mehr und mehr zerstört und Menschen in einer immer und immer stärker kapitalistisch geprägten Gesellschaft leben, zeigt Solarpunk eine Welt, in der Menschen im Einklang mit der Natur leben. Hier sehen wir häufig sehr, sehr grüne, futuristische Welten. Städte, die von Pflanzen durchzogen sind und in denen Menschen mit sonnensegelgetriebenen Fahrzeugen reisen. Auch werden häufig Gesellschaften dargestellt, die weniger hierarchisch und oftmals auf weniger Leistungsdruck aufbauen.

Dabei kann es sich um komplett fantastische Welten handeln oder um unsere Zukunft. Eine große Inspiration für das Genre findet sich in den phantastischen Filmen von Hayao Miyazaki, wie Nausicaä, Prinzessin Mononoke und Laputa.

Beispiele:

  • Beasts of Southern Wild (Film)
  • Black Panther (neue Comics/Film)
  • Zootopia (Film)

Arcanepunk

Kommen wir noch zu einem Genre, dass ein wenig von den anderen Punk-Genre abweicht, aber dennoch den zentralen Aspekt des „Protestes“ gegen einen Genre-Status-Quo mit beinhaltet: Arcane Punk. Anders als die anderen hier aufgezählten Punk-Genre handelt es sich bei Arcanepunk um kein vornehmlich SciFi geprägtes Genre. Stattdessen handelt es sich mehr um ein Fantasy-Genre, das sich spezifisch gegen die Norm, dass Magie und Technologie einander ausschließen auflehnt.

Arcanepunk beschreibt Geschichten, die in relativ weit technologisierten Welten spielen, in denen Magie aber auch eine Rolle spielt. Wichtig dabei ist, dass Magie und Technik Hand in Hand existieren. Sprich: Welten in denen magische Orte von technischen getrennt sind, Technik nicht länger funktioniert, wenn Magie im Spiel ist, oder die technisch auf der Zeit des Mittelalters stecken geblieben sind, zählen nicht. Häufig wird außerdem voraus gesetzt, dass es auch Technologie oder wenigstens Wissenschaft gibt, die mit Magie arbeitet.

Beispiele:

  • Shadowrun (Rollenspielsystem)
  • Craft Sequence (Buchreihe)

Hopepunk

Kommen wir zuletzt noch zu dem relativen Küken der Punk-Genre. Ein Punk-Genre, dass sich erst seit kurzem wirklich einen Namen macht – selbst wenn es nicht heißt, dass es nicht vorher auch Geschichten gab, die man ihm zuordnen könnte. Dabei ist dieses Genre eng mit Solarpunk verwandt, da es wie Solarpunk eine optimistischere Zukunftsvision oder allgemein Weltenvision. Anstatt dass es dabei um technische Feinheiten geht, befasst sich Hopepunk mehr mit dem Prozess der Rebellion.

Eine Grundlage von Hopepunk geht davon aus, dass es durchaus eine düstere Welt ist – sei sie Post-Apokalyptisch, sei sie von Unterdrückung geprägt, sei sie dystopisch – aber die Charaktere zum einen bereit sind zu kämpfen, zum anderen aber vor allem trotz allen Problemen ihrer Welt nett zueinander sind, einander helfen und solidarisch sind. Häufig geht es um Rebellion, darum der schlechten Welt die Stirn zu bieten und eine bessere Welt zu schaffen.

Das Genre ist wie gesagt noch recht neu, weshalb Definitionen etwas strittig sind. Fakt ist aber: Hopepunk ist eine Gegenbewegung zu Grimdark und steht für den Kampf für das Gute und die Hoffnung für eine bessere Welt.

Beispiele:

  • She-Ra (Netflix-Cartoon)
  • Steven Universe (Cartoon)

Nicht jeder Punk ist punkig

Zuletzt möchte ich noch kurz eine Sache sagen: Wenn man nach den Punk-Genre sucht, wird man sehr, sehr, sehr viel finden. Und während einige davon im Bereich der Definition bleiben – Dekonstruktion von etablierten Genre-Tropes oder Gegenbewegung zu Genretrends – nutzen manche das „Punk“-Anhängsel scheinbar, weil es cool klingt. Elfpunk, Mythpunk, Dungeonpunk, Splatterpunk, Stonepunk und noch einige mehr. Man kann natürlich die entsprechenden Sachen so nennen (ich bin ehrlich: Ich nutze Mythpunk auch, um meine Urban Fantasy Geschichten zu beschreiben), aber so richtig punkig werden diese „Subgenre“ (wenn es überhaupt Subgenre sind) dadurch nicht.


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